KH/ KUNSTHALLE VOGELMANN
Allee 28
74072 Heilbronn
Germany
Ernst Franz Vogelmann-Preis 2026 Andrea Pichl deutsch deutsch
Die Berliner Künstlerin Andrea Pichl erhält den Ernst Franz Vogelmann-Preis für Skulptur 2026. Damit geht die renommierte Auszeichnung, die mit 30.000 Euro dotiert ist, erstmals an eine Künstlerin, die in der DDR geboren und in Ost-Berlin aufgewachsen ist.
Andrea Pichl ist keine Bildhauerin im traditionellen Sinn: Sie recherchiert, sie dokumentiert, sie rekonstruiert, restauriert und kombiniert in ihren begehbaren Installationen Formele-mente, Objekte, (Alltags)Gegenstände und Zeichnungen und damit sich überlagernde Ge-schichts- und Bedeutungsebenen. Die Künstlerin arbeitet an der Schnittstelle von Architek-tur, Stadtplanung und Geschichte. Ihre biografische Prägung bildet dabei eine wesentliche Folie ihres künstlerischen Ansatzes. Wie die Jury hervorhebt, setzt sie sich mit dem „Bedeu-tungswandel des öffentlichen und privaten Lebens vor und nach der deutschen Wiederverei-nigung“ auseinander und untersucht dabei die eingeschriebenen gesellschaftlichen und poli-tischen Umbrüche: Ausgehend von ihrer eigenen Biografie und ostdeutschen Sozialisation zieht sie zeithistorische Kreise, thematisiert den in der (westdeutschen) Öffentlichkeit kaum bekannten Waren- und Wirtschaftsaustausch zwischen beiden deutschen Staaten und zeigt die Nachwirkungen des nationalsozialistischen Erbes.
In früheren, skulpturalen Arbeiten verwendet sie raum-definierende und begrenzende Gegen-stände wie Gitter, Zäune etc. und greift auf standardisierte Gartenlauben und Bungalows, also auf eher improvisierte Designelemente aus der DDR-Zeit, zurück. Diese Elemente stehen für eine verloren gegangene DDR-Industrie und sozialistische Moderne. Andrea Pichl recher-chiert akribisch nach Relikten und in Bereichen, in denen sich die Verstricklungen und Unge-reimtheiten der DDR-Eliten exemplarisch manifestieren. Das können neben staatlichen Ge-bäuden ganze Wirtschaftszweige wie etwa die Transfergeschäfte von BRD und DDR bei der Müllentsorgung oder in der Textilindustrie sein.
Diese Komplexe erfasst die Künstlerin in Details, in Grundrissen und in Fotografien, die sie in kleinformatige Bleistiftzeichnungen transformiert. Deren Verwendung und Kombination ist wohlkalkuliert und auf den ersten Blick unverdächtig. Umso frappierender ist die Irritation der Rezipienten, wenn beim Betrachten und Vergegenwärtigen der Zusammenhänge Hinter-grundgeschehnisse wie Zwangsarbeit etc. offenbar werden.
Im Zentrum der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle Vogelmann stehen sechs begehbare, formal und in der Funktion eng verwandte Architekturen – darunter eine DDR-Gartenlaube, ein NS-Behelfsheim sowie ein Gartenhaus aus dem Baumarkt. In Kombination mit Fotogra-fien, Projektionen und Zeichnungen entfaltet sich ein vielschichtiges Panorama deutsch-deutscher Geschichte. Die architektonischen Setzungen dienen dabei als räumliche Denkmo-delle, in denen die wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Verflechtungen zwischen Ost und West sichtbar werden.
Besonderes Augenmerk gilt hier den oftmals verdeckten oder verdrängten Austauschprozes-sen zwischen beiden Systemen. Der wechselseitige Transfer von Kapital, Waren und Dienst-leistungen erscheint dabei ebenso wie seine gesellschaftlichen Folgen und verweist damit auf Aspekte der gemeinsamen Geschichte, die lange Zeit im Verborgenen blieben oder bewusst ausgeblendet wurden.
Für ihre erste Einzelausstellung in Westdeutschland hat Andrea Pichl dieses installative Kon-zept eigens entwickelt und schließt damit an ihre erfolgreiche Schau „Wertewirtschaft“ im Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart in Berlin 2024/25 an. Ihr Werk liefert ei-nen zentralen künstlerischen Beitrag zur Diskussion um Erinnerung, Verantwortung und ge-sellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland gestern und heute.