Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17
60594 Frankfurt am Main
Germany
Wolle. Seide. Widerstand.
Mit der Ausstellung Wolle. Seide. Widerstand. widmet sich das Museum Angewandte Kunst nach 45 Jahren erstmals wieder ausschließlich dem Thema Teppich – in einer Zeit, in der sich das große Interesse an handgefertigten Textilien aller Art im Übrigen in einer auffallenden Anzahl an internationalen Ausstellungen widerspiegelt.
Mit einem Teppich können sich vielschichtige Formen des Widerstands verbinden. Die Ausstellung präsentiert Teppiche internationaler, zeitgenössischer Künstler:innen, die sich mit Themen des politischen Widerstands, individueller und kollektiver Resilienz sowie Resistenz befassen.
Kunst in gesellschaftspolitischen Kontexten zu produzieren, bedeutet, sich zu den jeweiligen sozialen Wirklichkeiten ins Verhältnis zu setzen. Das verlangt auch im Umgang mit dem Konzept Widerstand – einem Relationsbegriff – eine eindeutige Positionierung, die klärt, gegen wen oder was sich der Widerstand richtet. In dieser Ausstellung versteht sich Widerstand zunächst als eine Differenzerfahrung, die aufgrund von Subjektivität vielseitige ästhetisch-künstlerische Ausdrucksformen und eine Bandbreite an Inhalten liefert. Im Zuge der hier gezeigten künstlerisch-emanzipatorischen Gestaltung von Teppichen nehmen Themen aus den Bereichen politischer Widerstand, Widerstandskraft (Resilienz), wie auch Widerstandsfähigkeit (Resistenz), individuelle Formen an. So richtet sich der Widerstand etwa gegen Traditionalismus, als illegitim empfundene Herrschaftsordnungen und Machtausübungen, Diskriminierung, Rassismus, Traumata oder Umweltzerstörung.
Die Teppiche der Künstler:innen fungieren somit als plakative Medien für gesellschaftspolitische Kommentare. In gleicher Radikalität sprengen sie mitunter die Grenzen der Flächigkeit: Sie loten die Möglichkeiten des Dreidimensionalen aus, und entfalten sich als textile Skulpturen und immersive Erfahrungsräume, die sich durch ihre affektive Qualität an gegenwärtigen Lebensprozessen beteiligen.
Durch Techniken des Knüpfens, Webens oder Tuftens und die Verwendung teils traditioneller, teils moderner Materialien werden jahrhundertealte Textilpraktiken mit der heutigen Welt zusammengeführt. In diesem Sinne deuten die Kunstwerke utilitäre, dekorative und spirituelle Aspekte eines Teppichs auf jeweils neuartige Weise zugunsten ikonografischer, popkultureller und politischer Bildstrategien um. Als kritische Bedeutungsträger transportieren sie persönliche, gesellschaftliche, geografische oder politische Implikationen. So verbindet sich die Ornamentik der textilen Arbeiten grenzüberschreitend mit zeitgenössischen Erzählungen über Gut und Böse, Dominanz und Gleichberechtigung, Krieg und Frieden, Paradies und Hölle, Realität und Illusion, Hoffnung und Pessimismus, Eigenes und Anderes sowie Individuelles und Kollektives.
Die Ausstellung zielt darauf ab, Teppiche nicht aus einem stilgeschichtlichen Blickwinkel zu betrachten, sondern sie vielmehr im Interesse einer Entwicklungslinie zu zeigen, die außerhalb einer traditionellen westlichen Teppichrezeption steht. Schon der Titel deutet auf neue Fragestellungen hin: Kann etwas Widerständiges in und mit textilen Materialien stattfinden? Und wenn ja, auf welche Weise verkörpern dann gerade Teppiche eine „Ästhetik textilen Widerstands“? Und was macht dieses Medium für Künstler:innen so interessant, um über Widerstand nachzudenken, und dabei mitunter verflochtene Themen durch Knoten, die Kette und den Schuss, oder mit der Tuftpistole auszuloten?
Diesbezüglich stehen jene Perspektiven der mit jüngsten Werken aus dem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts vertretenen internationalen Künstler:innen im Fokus der Ausstellung, die im Teppich, der zum offenen Kunstobjekt geworden ist, mit unterschiedlichen Aspekten von Widerstand einhergehen. Sie spiegeln das emanzipatorische Streben einer globalen Bewegung wider, die neue Diskurse über Gestaltungskonzepte und Produktionsmethoden entfacht. Dabei ist entscheidend, wie die Teppiche entstanden sind – ob als Eigenproduktionen, als Kooperationen mit Manufakturen in handwerklicher oder maschineller Fertigung oder gar als vorgefundenes Material, das nachträglich künstlerisch bearbeitet wurde. Ursprünglich im Kunsthandwerk, Kunstgewerbe oder Design verortet, tragen die Teppicharbeiten nicht nur die Autorschaft von Künstler:innen, sondern verfügen zugleich über Merkmale der freien Kunst. So hinterfragen sie die gewohnten Hierarchien zwischen angewandter und freier Kunst und definieren deren Verhältnis neu.
In der Ausstellung werden ausgewählte Werke folgender Künstler:innen präsentiert:
Faig Ahmed, Diedrick Brackens, Johannah Herr, Jan Kath, Baseera Khan, Alexandra Kehayoglou, William Kentridge, Noelle Mason, Otobong Nkanga, Tobias Rehberger, Erin M. Riley, Tsherin Sherpa, Rose Stach, Nasan Tur, Jeroen van den Bogaert
Zur Ausstellung wird ein Katalog im Verlag Buchhandlung Walther und Franz König erscheinen.
Zur Herstellung der Teppiche und Bildgewebe in der Ausstellung Wolle. Seide. Widerstand.
Die 37 Künstler:innenteppiche, die in der Ausstellung Wolle. Seide. Widerstand. gezeigt werden, sind auf unterschiedliche Weise entstanden, nämlich:
1.) als Eigenproduktionen der Künstler:innen (Diedrick Brackens, Johannah Herr, Alexandra Kehayoglou, Erin M. Riley),
2.) als Kooperationen der Künstler:innen mit Manufakturen in handwerklicher Fertigung (Faig Ahmed, Jan Kath, William Kentridge, Baseera Khan, Noelle Mason, Tobias Rehberger, Tsherin Sherpa) oder maschineller Fertigung (Otobong Nkanga, Jeroen van den Bogaert) sowie
3.) als vorgefundenes Material, das nachträglich künstlerisch bearbeitet wurde (Rose Stach, Nasan Tur).
Die verschiedenen Produktionsweisen und deren Bedeutungen sind demnach nicht nur für die jeweiligen Kunstkonzepte relevant, sondern bilden deren grundlegende Voraussetzung und Substanz.
Die (transkulturellen) Aushandlungsprozesse bei der Entstehung jener Künstler:innenteppiche in der Ausstellung, die als Kooperationen der Künstler:innen mit Manufakturen in handwerklicher Fertigung entstanden sind, offenbaren mitunter tiefgreifende Beziehungen zwischen den Künstler:innen und Gemeinschaften von Knüpfer:innen oder Weber:innen. So verbirgt sich hinter den Arbeiten auch ein Bewusstsein gegenüber sozialen Standards in der textilen Produktion. Die Teppiche wurden beispielsweise unter Berücksichtigung transparenter Lieferketten und angemessener Vergütung (hier weltweit als eine relationsabhängige Größe verstanden) der beteiligten Kunsthandwerker:innen gefertigt – auch jene Werke, die keine formale Zertifizierung aufweisen.
Kuratorin: Dr. Katharina Weiler
Die Ausstellung wird gefördert durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain und die Dr. Marschner Stiftung.