Brancusi, exhibition view, Neue Nationalgalerie, 2026. Photo: Neue Nationalgalerie – Foundation Preußischer Kulturbesitz / David von Becker © Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
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Ein Gefühl von Glück – Brancusi in Berlin 1

Winter vor 40 Jahren, es schneit in Bukarest und das Autofahren ist mühsam, weil die Beleuchtung spärlich ist. Zeitweise fällt der Strom aus, so dass wir im Frühstücksraum des Hotels in Mantel und Mütze einen lauwarmen Kaffee trinken. Kinder betteln, die Armut ist unübersehbar. Wir fahren durch Târgu Jiu und dann taucht sie auf, die Endlose Säule, die knapp 30 m in den rumänischen Himmel ragt.

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Brancusi, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026. Foto: Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker © Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Und diese Unendlichkeit, den irdischen Raum sprengende, das himmelwärts Strebende, das ist mir in Erinnerung geblieben: „Kunst muss auf einen Schlag, unvermittelt, den Schock des Lebens auslösen, die Empfindung des Atmens – ein Gefühl von Glück.“

In der Neuen Nationalgalerie ist die hölzerne Säule gerade mal 8 m hoch, während die metallene in Târgu Jiu aus 15 rhombischen und zwei halben Modulen besteht. Sie wurde 1937/38 errichtet und erinnert an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, zusammen mit dem Tisch des Schweigens und dem Tor des Kusses.

Dass Brancusis Werke bis zum 9. August 2026 in Berlin zu sehen sein werden, ist zum einen dem Umstand zu verdanken, dass das Centre Pompidou seit letztem Jahr renoviert wird, zum andern den guten Beziehungen von Klaus Biesenbach, dem Direktor der Kunststätte, zu Paris. Der 1957 verstorbene Bildhauer hatte testamentarisch verfügt, dass sein künstlerisches Erbe an den französischen Staat fallen und in Frankreich gezeigt werden solle. Was im Centre Pompidou und für das Atelier in einem Nebengebäude auch geschah.  Zu bestaunen sind 150 Skulpturen, Fotografien, Zeichnungen, Filme und Archivmaterialien. Darunter Hauptwerke wie die bereits erwähnte Endlose Säule, Der Kuss, Vogel im Raum, Muse endormie (Die schlafende Muse) und eine Teilrekonstruktion seiner Werkstatt, die jetzt zum ersten Mal überhaupt außerhalb von Paris zu sehen ist.

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Brancusi, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026. Foto: Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker © Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

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Constantin Brancusi, Selbstporträt im Atelier, um 1934. Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Dist. GrandPalaisRmn © Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Wer war dieser Constantin Brancusi, der eine Biographie hat, wie sie eigentlich nur in Filmen vorkommt? 1876 wurde er in einem Dorf südlich der Karpaten als Constantin Brâncuși [konstanˈtin brɨŋˈkuʃʲ] geboren. Mit 11 Jahren verlässt er seinen prügelnden Vater, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und belegt Kurse in Bildhauerei und Holzschnitzen. 1904 bricht der Bildhauer zu Fuß! nach Paris auf, wo er dank eines Stipendiums an der Hochschule der Schönen Künste studiert. Rodin wird auf ihn aufmerksam und bietet ihm eine Assistentenstelle an. Von Januar bis April 1907 arbeitet er dort und erklärt später, dass „im Schatten großer Bäume“ nichts gedeihen könne. Aber noch etwas anderes wird ihm klar im Atelier des Giganten, nämlich dass er nie mit so vielen Helfer:innen arbeiten möchte, ohne die Rodins Riesenproduktion überhaupt erst möglich wurde. Brancusi entwirft selbst, gestaltet selbst und später, als er mit den Abbildungen seiner Werke unzufrieden ist, lässt er sich von Man Ray in die Geheimnisse der Fotografie einführen und akzeptiert ab sofort nur noch seine eigenen Aufnahmen, die er in der Dunkelkammer seiner Werkstatt entwickelt.

Nach 1904 gibt er das Modellieren in Gips auf und beginnt, seine Skulpturen direkt in Stein oder Holz „taille directe“ zu gestalten.

Die Selbststilisierung als „Bauer aus den Karpaten“ erinnert ein wenig an Rilke, der im Übrigen auch bei Rodin – ein Jahr zuvor – gearbeitet hat. Brancusi beauftragt einen Ausschneidedienst und in der Ausstellung sieht man ein dickes Heft, in dem Artikel über seine Skulpturen sorgfältig ausgeschnitten und eingeklebt wurden. Außerdem abonniert er zahlreiche Kunst- und Literaturzeitschriften aus ganz Europa und den USA, ist befreundet mit Man Ray, seinem Landsmann Tristan Tzara, Modigliani, Marcel Duchamp, Léger und dem Komponisten Erik Satie. Vertreter:innen diverser Ismen wie Kubismus, Futurismus, Dadaismus, Surrealismus gehen in seinem Atelier ein und aus, aber er selbst gehört nie einer dieser Kunstrichtungen an. Der amerikanische Maler Reginald Pollack nennt ihn treffend im gleichnamigen Text von 1988 „Schamane und Showman“.

Als der Zoll seine Vogelskulptur nicht als Kunstwerk, sondern als Küchenutensil besteuern will, strengt er einen zwei Jahre dauernden Prozess gegen den französischen Staat an, den er gewinnt.

Nach dem Skandal mit Prinzessin X, die je nach Standpunkt der Betrachtenden eine Frau mit Brüsten oder einen Phallus darstellt, zeigt er seine Werke am liebsten im Atelier, wo er sie selbst inszeniert. Hier spielt er mit der Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen, wie er auch in seinem Werk Der Kuss eine Verschmelzung von Mann und Frau propagiert.

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Brancusi, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026. Foto: Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker © Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Seine Fauna besteht aus Fischen, Vögeln, Robben und Schildkröten. „Nicht den Vogel selbst will ich darstellen, sondern den Impuls, den Aufflug, den Elan.“

1926 montiert er die goldglänzende Bronze Leda auf ein Kugellager, um den Eindruck der Bewegung zu verstärken. Durch die gleichmäßige Drehung entstehen Lichteffekte, die Gegenstand und Raum verändern, erweitern und zur Einheit werden lassen, verdeutlicht in einem von ihm selbst gedrehten Film.

1908 schafft er einen aus Marmor gehauenen Kopf, dessen Inspiration durch Rodin nicht zu übersehen ist. Bereits zwei Jahre später entsteht eine völlig reduzierte Fassung eines Kopfes in Ei-Form, strahlend poliert in Bronze, aber auch in Gips und Stein gestaltet. Arrangiert sind diese Köpfe in einer geschwungenen Vitrine, die Teil einer glänzenden Ausstellungsarchitektur ist mit getreppten weißen Böden in fließenden Formen, auf denen die Skulpturen großzügig arrangiert sind. Immer gelingt es nicht, sie so zu platzieren, dass die Betrachtenden um sie herumgehen können. Aber der goldglänzende Vogel, der gen Himmel zu fliegen scheint, wirkt enorm vor Mies van der Rohes smaragdgrüner Marmorwand. Da Holz sich unter Sonneneinstrahlung verändert, mussten die gläsernen Wände verhängt werden. Die Auflagen waren hoch. Und trotzdem gibt es ein wunderbares Zusammenspiel mit dem Glas-Metall-Tempel, der schwer zu bespielen ist, und den Holz-Metall-Skulpturen, die sich behaupten bzw. deren Wirkung durch die Architektur sogar noch gesteigert wird.

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Constantin Brancusi, Le Nouveau-Né II, 1927, Edelstahl. Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Adam Rzepka/Dist. GrandPalaisRmn © Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Ab 1916 verkauft Brancusi Skulptur und Sockel gemeinsam. Er lehnt jegliche künstlerische Hierarchie ab.

Das traditionelle rumänische Kunsthandwerk, aber auch die Formensprache antiker, afrikanischer und fernöstlicher Objekte finden sich in seinen Werken wieder. Die Ausstellung zeigt ein Kykladen-Idol, das 2700 - 2300 v. Chr. geschaffen wurde, und daneben, auf einer Fotografie, die Abbildung einer seiner reduzierten Skulpturen.

In einem 16-mm-Film von Man Ray, um 1930, sieht man Lee Miller, wie sie die Staubhülle von einer Skulptur wegzieht, eine Aufgabe, der Brancusi meist selbst nachkam, um die Wirkung seiner auf Hochglanz polierten Skulpturen zu steigern. Inszenierungen lagen Brancusi nicht fern, womit sich der Bogen zu heutigen Performances schlagen lässt. Fotografien zeigen Tänzerinnen, die auf Sockeln tanzen. Das Atelier, genutzt als Wohnung, Werkstatt, Ausstellungsraum, war auch Begegnungsstätte und Partyraum – Kraftzentrum für einen kraftvollen Künstler!

Dieser Text wurde von Ursula Karpowitsch auf Deutsch verfasst.

Weitere Infos:

Zur Ausstellung Brancusi in der Neuen Nationalgalerie Berlin 20.3. – 9.8.2026

Zum Bericht vom Sculpture Network Dialogue zur Ausstellung

Über den Autor/ die Autorin

Ursula Karpowitsch

Ursula Karpowitsch interessierte sich anfangs nur für "Flachware", bis sie schimmernde Bronzen entdeckte. Für Sculpture Network schreibt sie Berichte von unseren Veranstaltungen und spannenden Ausstellungen und übersetzt Texte.

Übersetzung

Sybille Hayek

Sybille Hayek ist Lektorin und Übersetzerin. Seit 2022 unterstützt sie unser Team ehrenamtlich mit ihrem geschulten Blick fürs Detail und einer großen Liebe zur Sprache.

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