Dialogue im April - Brancusi in Berlin
Um mehr über die Formensprache von Brancusi zu erfahren und weitere Highlights der Skulpturensammlung der Neuen Nationalgalerie zu entdecken, organisierte Koordinatorin und Kulturmanagerin Anemone Vostell einen dialogischen Rundgang mit der versierten Kunsthistorikerin und Galeristin Katharina-Maria Raab. Die Referentin der Akademievortragsreihe Skulptur der Moderne führte unsere ausgewählte Gruppe von 20 Personen – überwiegend Mitglieder, die u. a. aus Hannover bzw. München angereist waren – durch die Sonderausstellung der Neuen Nationalgalerie Berlin.
Beeindruckend sind vor allem die Frauenporträts, darunter Eine Muse (Gips auf Sockel aus Kalkstein und Pappelholz, nach 1917) vor dem Ölgemälde Frauenprofil mit Dutt, geneigtes Gesicht, vor 1924, das die Vielfältigkeit des künstlerischen Schaffens von Brancusi und seiner Materialien zeigt.
Betrachtet man Letzteres, wird klar, dass auch Brancusi, der von Rodin – sehr schön am Beispiel der Bürger von Calais zu sehen – entwickelten Methode folgt, die Skulptur auf Augenhöhe des Betrachters zu bringen. Steht man vor dem Portrait Nancy Cunard (Kluge Junge Dame) von 1926, wird augenscheinlich, dass die Büste in den Körper des Sockels übergeht. Man sieht förmlich die schlanke Figur und die langen dünnen Beine der jungen Frau.
Und dennoch, bei aller Reduktion der Form, kann man bei Brancusi nicht von Abstraktion sprechen, es ist eher ein Abstrahieren des Figürlichen, denn seine Skulpturen bleiben weiterhin gegenständlich, erklärt uns die Kunsthistorikerin.
Auch wenn Brancusi eine herausragende Künstlerpersönlichkeit darstellt, so ist er doch nicht isoliert. Einflüsse seiner Zeit, seien es die damalige Aktualität der Esoterik oder auch der Alchemie, für die er sich interessierte, sieht man seinen Werken an. Mitunter zitiert er sie humorvoll, wie man an dem selbstgebauten Lautsprecher in seinem Atelier vermuten kann: Ist das nicht ein Verweis auf die erste öffentliche Ausstellung der Suprematisten in Moskau, auf das Werk „Schwarzes Quadrat“ von Kasimir Malewitsch, oben in der Ecke präsentiert? Fotografien des Künstlers zeigen, wie er die Inszenierung seiner Skulpturen im Atelier mit schwarzen und roten Farbflächen unterstreicht.
Die Berliner Ausstellung markiert das 150. Geburtsjahr des Künstlers, das auch in Rumänien groß gefeiert wird. So veranstaltet die Inter-Art-Stiftung Aiud die erste Ausgabe der CONSTANTIN BRANCUSI Skulpturentriennale, zu der 28 ausgewählte Künstler:innen aus 25 Ländern eingeladen wurden. Darunter auch Mitglied Vera Staub, die in Nachbarschaft zu einigen monumentalen Werken Brancusis aus der Sammlung des Muzeul National Constantin Brancusi in Târgu Jiu, Gorj, Rumänien, ihre Sandsteinfigur Ma Petite von 2008 zeigen wird. Wie die Veranstalter mitteilen, werden die Details zur Triennale, die vom 16. Mai bis 16. Juni 2026 stattfindet, in Kürze veröffentlicht.
Wer nicht bis dahin warten will, dem sei die Akademievortragsreihe Skulpturen der Moderne zur Sonderausstellung „Brancusi“ mit vier Terminen im Mai (6. – 27.Mai 2026) im Vortragssaal Kulturforum empfohlen, in denen Referentin Katharina Maria Raab zeigt, wie Brancusis Skulpturen durch reduzierte Linienführung, präzise ausbalancierte räumliche Dimensionen, Proportionen und den bewussten Einsatz von Raum, Material und Wahrnehmung neue Maßstäbe der Moderne setzten.
Wir haben an diesem Nachmittag einen Vorgeschmack darauf erhalten und sind begeistert!
Dieser Text wurde von Anemone Vostell auf Deutsch verfasst.