Wieder daheim
Er war hier in seinem Revier. Der Alpen-Clan machte bis Mitte April 2026 Station in der Rotunde der Pinakothek der Moderne in München. „Der Alpen-Clan kehrt zurück“ nennt der in Berlin lebende Bildhauer Stefan Rinck seine Armada figurativer Steinskulpturen; eine wilde Mischung aus High- und Low-Kultur, mittelalterlicher Steinmetz- und zeitgenössischer Bildhauertradition.
In einem Lied mit dem Titel „Wieder hier“ singt Marius Müller-Westernhagen von der Rückkehr an einen vertrauten Ort, von der Sehnsucht nach Verbindung und Zugehörigkeit. Bei Stefan Rinck geht es weniger darum, zu seinen Wurzeln zurückzukehren, sondern um die Zukunft der Menschen in ihrer Heimat.
Auf den ersten Blick erscheinen seine tatsächlich schweren und dennoch leicht anmutenden Figuren wie aus der fernen Sagenwelt einer anderen Zeit. Vorwärts in die Vergangenheit, könnte man meinen. Falsch! Die verspielten Figuren wirken nur rückwärtsgewandt. Fest in der Kunst-, Kultur- und Filmgeschichte verwurzelt sind sie jedoch aktuelle Denk- und Bildräume. Rincks inhaltlich und handwerklich wirr wirkendes Universum aus grotesken Fabelwesen, Mischgestalten und Trollen ist voller Widersprüche. Es zeigt einen Ausschnitt dessen, was ist und noch kommen wird. Die Alpen sind bedroht. Die Gletscher schmelzen. Die Menschen klagen über Übertourismus. Nichts ist, wie es mal war oder scheinbar irgendwann einmal gewesen sein soll. Die Menschen zieht es fort; nicht nur dort. Die Gegenwart ist Rincks Thema.
Eine Frau ist die Chefin
Die Chefin des Alpen-Clans ist ein Löwenmädchen mit Keule und einem Schild mit bayerisch staatstragendem Rautenmuster aus rotem Sandstein. Diese Anspielung auf das (natürlich!) männliche bayerische Wappentier versteht sich von selbst. Flankiert wird die Löwin von einem Baby-Mammut, ebenfalls aus rotem Sandstein, einem japanischen Schildträger aus Belgisch Granit und unzähliger fantastischer Wesen; gemeißelt aus Steinen aus aller Welt. Die Löwin schaut entschlossen aus, das Baby-Mammut niedlich und der Träger des Schildes kriegerisch. Die Löwin ist die (geistige) Anführerin dieses Panoptikums merkwürdiger kleinerer und größerer grotesker Gestalten. Mittendrin tummeln sich eine Unzahl von Hasen als Schildträger und Ehrenwachen. Hasen? Hasen! Jede:r einigermaßen kunstgeschichtlich Informierte wird hellhörig! Von den Schriften des Mittelalters über Dürers „Feldhase“ bis hin zur barocken Emblematik und natürlich zu Joseph Beuys, der dem toten Hasen die Kunst erklären wollte, erfuhr der Hase lange Zeit eine hohe (künstlerische) Wertschätzung für seine außerordentliche Wahrnehmungs- und Wandlungsfähigkeit. Zum Angsthasen zurechtgestutzt wurde er erst in der Gegenwart; ein anderes Thema.
Alle Figuren haben einen Namen
Wie auch immer. Der gelernte Steinmetz Rinck nennt seine Figuren konkret mit Namen und setzt (auch) auf die haptische Qualität der natürlichen Steine. Am liebsten würde man alle berühren, so einladend wirkt der weiße Marmor beim „Snowrabbit Knight“, der blaue Macauba-Quarzit des „Raindrop Ecuador“, der grüne Quarzit eines „Frat Mate“ mit seinen weißen Querstreifen, während der raue Elbsandstein haptisch eher abschreckt. Daneben sind sie eine optische Fundgrube. Wie ihre Kollegen „Percht“, „Robot“, „Fettklößchen“, „Mafioso Normandai“ oder „Honey Sucker“ auch. Sie erinnern an gotische Wasserspeier, romanische Bestiensäulen, Gespenster, Charaktere aus der Popkultur oder an die manieristischen Figuren im „Park der Ungeheuer“ in der italienischen Gemeinde Bomarzo nördlich von Rom. Die manchmal grob behauenen, dann wieder glänzend polierten Figuren zeigen Fantasieräume auf und halten den Besuchern einen Spiegel vor. Von bayerischen Sagenfiguren und Bräuchen inspiriert sind sie jedoch vor allem Kopf- und Kippfiguren. Scheinbar populär-folkloristisch und mit dem Niedlichen spielend taumeln diese steinernen Schwergewichte geschickt zwischen Albernheit und Ernst. Diese Mischung aus Monumentalität und Humor deckt Widersprüche und Spannungen auf. Geht es bei Marius Müller-Westernhagen noch um die Sehnsucht nach Vertrautem und die Verbindung zur Heimat, dann geht es bei Stefan Rinck um den Verlust derselben. Dass der ländliche Alpen-Clan in der städtischen Rotunde der „Pinakothek der Moderne“ eine neue Heimat finden muss, sagt alles. Seinen Mitgliedern bleiben nur die Hoffnung und der Glaube an eine Rückkehr in die vertraute Umgebung, wie über 100 Millionen anderer Menschen überall auf der Welt auch.
Dieser Artikel wurde von Willy Hafner auf Deutsch verfasst. Der aus der Pfalz stammende Autor hat sich sofort in den zu einem krokodilartigen Kriechwesen mutierten „Oberstudienrat im Pfälzerwaldverein“ verliebt. Der darf nicht fehlen, wenn es um das Gefühl von Heimat geht.