Bodytalk – Die Rückkehr der menschlichen Figur in der zeitgenössischen Skulptur
Wir freuen uns sehr auf das Internationale Forum, das im Herbst 2026 in Berlin stattfinden wird. Berlin ist eine Stadt mit einer bewegten Geschichte und bedeutungsvollen Orten, die perfekt zum Thema Bodytalk – Die Rückkehr der menschlichen Figur in der zeitgenössischen Skulptur passen!
Seit seiner Gründung vor 20 Jahren steht ist das Internationale Forum ganz im Zentrum für den Erfahrungsaustausch von Sculpture Network. Zweieinhalb Tage lang kannst du an Diskussionen und Networking-Events teilnehmen, dich austauschen, inspirieren lassen und deine Liebe zur Skulptur im pulsierenden Herzen Europas teilen: Berlin.
Das Thema des Forums
„Was die Hände betrifft, so lässt sich kaum beschreiben, zu welch vielfältigen Bewegungen sie fähig sind, da sie in ihrem Ausdruck fast der Kraft der Sprache selbst gleichkommen.“
– Quintilian, De Institutio Oratoria, 35 – 100 n. Chr.
Das Sculpture Network Forum Bodytalk in Berlin 2026 konzentriert sich auf Gestik und konzeptuelle Figuration: darauf, wie skulpturale, stumme Figuren in einer für uns alle verständlichen Sprache zu unseren Körpern sprechen. Das Thema des Forums wurde von Anne Berk, einer niederländischen Kunstkritikerin und Kuratorin, gewählt.
Seit der Urzeit und der Venus von Willendorf haben Menschen Figuren geschaffen und durch Gesten ausgedrückt wie es sich anfühlt, Mensch zu sein. Das tun wir bis heute. Aber die Bedeutungen, Werte, Spannungen und Emotionen wandeln sich mit der Zeit.
Künstler:innen reagieren – oft intuitiv – auf die Zeit, in der sie leben. Kunst wird von Menschen geschaffen und spiegelt die Werte einer bestimmten Epoche wider. Kunst ist ein Spiegel der Welt, aber es ist ein zersplitterter Spiegel, wobei jede:r Künstler:in ein Fragment mit seiner und ihrer eigenen Perspektive auf die Welt beisteuert. Fügt man einige dieser Fragmente zusammen, lässt sich ein Muster erkennen.
In ihrer langjährigen Tätigkeit als Kunstkritikerin konnte Anne Berk den Wandel der Kunstwelt von autonomer und abstrakter zu figurativer und narrativer Kunst beobachten, den sie in zwei Ausstellungen und Büchern beleuchtet: Bodytalk. De Nieuwe Figuratie in de Nederlandse Beeldhouwkunst van de jaren negentig (2004). Und In Search of Meaning – Mensbeelden in Globaal Perspectief (2015), Buch und Ausstellung im Museum De Fundatie (NL), in denen sie die Entstehung der konzeptuellen Figuration und die Bedeutung der menschlichen Figur in einem globalen Kontext untersucht.
Narrative Wende
Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand die menschliche Figur weitgehend aus der westlichen Kunst. Von den Regimes der Nazis und der Sowjets für ideologische Zwecke instrumentalisiert, wurde die Figuration zum Tabu. „Ich musste die Figur neu erfinden“, sagte der deutsche Bildhauer Stephan Balkenhol – und so begann ein Prozess der Wiederentdeckung, der bis heute andauert.
In den 1980er Jahren wendete sich das Blatt. Eine „narrative Wende“ in der Kunst spiegelte die wachsende Unsicherheit in einer Welt wider, die sich in einem rasanten Wandel befand. Künstler:innen begannen, den Körper wieder zu nutzen – nicht als Objekt der Propaganda oder der Schönheit, sondern als Instrument für existenzielle Fragen. Bei dieser „konzeptuellen Figuration“ geht es nicht darum, Antworten zu liefern, sondern zum Nachdenken anzuregen. Durch Gesten, Körperhaltungen und Materialien stellen Künstler:innen grundlegende Fragen zur menschlichen Existenz – ohne dabei eine bestimmte Bedeutung vorzugeben.
Hintergrund
Der Fall der Berliner Mauer, der Zusammenbruch des Kommunismus und die Erosion von Wertesystemen – das späte 20. Jahrhundert markierte einen Wendepunkt. Wie der Philosoph Jean-François Lyotard beobachtete, verloren die „großen Erzählungen“, die einst das Leben strukturierten, ihre Kraft. Heutzutage, in Zeiten des Klimawandels, bringt die Bedrohung der Natur durch den Menschen neue Herausforderungen mit sich. Was bleibt, ist die tiefgreifende Frage: Wie sollen wir leben?
Überall auf der Welt wenden sich Künstler:innen der menschlichen Figur zu, um dieser Frage nachzugehen. Ihre Arbeit wird zu einer Form der Selbstbefragung:
Wer bin ich?
Was bedeutet es, einen Körper zu bewohnen?
Wie stehen wir zueinander?
Welchen Einfluss hat die Technologie?
In welcher Beziehung stehen wir zur Natur?
Every-body
Oft beginnen diese Erkundungen mit dem eigenen Körper der Künstler:innen – durch Abgüsse, Abdrücke oder digitale Kartierung. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Selbstdarstellungen. Diese Körper stehen für die Körper von uns allen und sie kommunizieren durch eine gemeinsame Bildsprache, die wir alle instinktiv verstehen. Auf diese Weise werden die gestikulierenden Figuren zu einer Metapher für das Menschsein.
Die verwendeten Materialien – ob Blut, Seide, holländische Wachsdrucke oder Juwelenkäfer – haben eine symbolische Bedeutung und verleihen dem Dialog zwischen Künstler:in, Kunstwerk und Betrachter:in zusätzliche Ebenen.
Eine zeitgenössische Perspektive
Die zeitgenössische figurative Skulptur idealisiert den Körper nicht – sie untersucht ihn.
Wir sind Teil der Natur. Das Leben ist Veränderung, und der sich verändernde Körper mit seinem Lebenszyklus aus Geburt, Sexualität, Fortpflanzung, Tod und Leben nach dem Tod war schon immer ein Thema der Kunst, wurde jedoch in religiösen Kontexten behandelt. Aber Die Entwicklung der Wissenschaft und die „Entzauberung der Welt“, wie es der deutsche Soziologe Max Weber formulierte, haben uns jedoch den Trost des ewigen Lebens genommen.
Wir können das Leben verlängern, aber wie gehen wir mit dem Tod um? „Der Tod ist in unserer Kultur ein Tabu. Mit meinen Figuren zeige ich Mitgefühl für diejenigen, die leiden, und biete ihnen Empathie und Liebe als eine Form des Trostes“, sagte Berlinde de Bruyckere.
In der heutigen Zeit, in der fortschrittliche Technologien es den Menschen ermöglichen, ihr Geschlecht zu ändern, gibt Agnes Questionmark (was steckt nicht alles in einem Namen?) ihren Fragen zu fließenden Geschlechtsidentitäten Gestalt in ihren Figuren, Performances und Videos. Wie fühlt es sich an, von einem Mann zu einer Frau zu werden? Was passiert, wenn Technologie und KI die Macht übernehmen und unsere Körper überflüssig machen? Wie stehen wir zur nicht-humanen Welt? Warum sollte man nicht von einem Menschen zu einem Tier werden?
Auch unsere gesellschaftlichen Strukturen, die Art und Weise, wie wir zusammenleben, und die Machtverhältnisse verändern sich ständig. Heute spiegeln sich Dekolonialisierung, Globalisierung und Migration auch in der Kunst wider. Dies führt zu einer neuen Fokussierung auf Künstler:innen aus anderen Teilen der Welt und zur Emanzipation schwarzer Künstler wie Thomas J. Price, während ehemalige Helden durch die Dekonstruktion von Denkmälern entthront werden, wie Anne Wenzel zeigt.
Es gab schon immer einen Kampf um Macht, aber heutzutage ist die Gesellschaft trotz „sozialer” Medien noch stärker gespalten. Das veranlasste Jaume Plensa dazu, unsere Sehnsucht nach innerem Frieden und Verbundenheit durch Kommunikation in seinen friedlichen Figuren zu verkörpern. Eine mythische Gestalt – halb Mensch, halb Tier – von Leiko Ikemura legt ihre Finger auf die Lippen, das Signum Harpocraticum, eine Geste, die seit der Antike verwendet wird. Sie fordert uns auf, still zu sein, uns zu öffnen und über das Wunder und die unendliche Komplexität der Natur nachzudenken, von der wir Teil sind, was wir aber offenbar vergessen haben...
Reflexion
Dies sind nur einige Beispiele für die vielen Themen, die durch die zeitgenössische „konzeptuelle Figuration” verkörpert werden. Von Sexualität, Liebe, Sterblichkeit und Technologie bis hin zu Fragen der Identität, des Geschlechts, der Macht, unserer Beziehung zur Natur und unserem Platz im Kosmos versuchen Künstler:innen, menschliche Erfahrungen auf neue, sinnvolle Weise zu kontextualisieren.
Im Gegensatz zu den Denkmälern der Vergangenheit, die über uns standen und uns von ihren Sockeln aus ihre Bedeutung diktierten, stehen die Figuren von heute auf derselben Ebene wie die der Betrachter:innen. Sie begegnen uns auf Augenhöhe – verletzlich, fragend, real. Ihre Gesten bieten keine Lösungen, aber sie bieten Verbundenheit. In einer fragmentierten Welt laden sie uns zum Nachdenken ein. Und vielleicht ist das an sich schon genug.
Teile deine Gedanken
Es gibt keine endgültigen Antworten, und die inspirierenden Vorträge und die spannungsgeladenen Orte in Berlin werden uns Denkanstöße geben. Wir laden dich ein, an den Vorträgen, Diskussionen und Besichtigungen während des Internationalen Forums Bodytalk teilzunehmen und deine Gedanken und deine Kunst mit uns in Berlin zu teilen.
Kuratorin: Anne Berk (NL), Vorsitzende von Sculpture Network, Kuratorin und Autorin von In Search of Meaning – Mensbeelden in Globaal Perspectief, 2015, Buch und Ausstellung im Museum De Fundatie (NL), zum Thema der Entstehung der konzeptuellen Figuration und der Bedeutung der menschlichen Figur im globalen Kontext.
Co-Kuratorin: Anemone Vostell (DE), Vorstandsmitglied Sculpture Network und Kulturmanagerin in Berlin
Der Text wurde von Anne Berk auf Englisch verfasst.