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Ein Abend in Berlin, der nachhallt – Visions of Art in Architecture in der Kunstgießerei Altglienicke

Am 19. März 2026 eröffnete die Neue Nationalgalerie Berlin in Kooperation mit dem Centre Pompidou Paris die erste große Brancusi-Retrospektive in Deutschland seit über fünfzig Jahren. Einen Tag später, am Abend des 20. März, wenige Kilometer entfernt, luden Anke Schirlitz, Inhaberin der Kunstgießerei Altglienicke, und Bildhauer, Architekt und Designer Hans Heinze zu Visions of Art in Architecture ein – einer immersiven Erlebnisausstellung. Mehr als 400 Gäste bevölkerten die Kunstgießerei und tauchten begeistert in die Welt der Skulptur ein.

Visions of Art in Architecture – Ausstellungsansicht 20. März 2026 - Große Halle. Foto: Torsten Strom
Visions of Art in Architecture – Ausstellungsansicht 20. März 2026 - Große Halle. Foto: Torsten Strom
Die Werkräume hatten sich in Themenräume verwandelt, ohne ihre eigene Identität zu verlieren: Ziselierwerkstatt, Patinierraum, Gießraum, Formerei. Die vom Arbeitsalltag gezeichneten Wände, die Werkzeuge in den Regalen, die Laufkatze an der Industriedecke wurden zu den ersten Exponaten des Abends. Philosoph Gernot Böhme, dessen Denken den Diskurs über Architektur, Skulptur und Raum nachhaltig geprägt hat, nennt das eine Atmosphäre. Das Zwischenreich zwischen dem Objekt und dem wahrnehmenden Leib. Sie entsteht weder allein im Ding noch allein im Betrachter. Atmosphäre entsteht in dem gemeinsam bewohnten Raum.

Nachdenken über das Wesen der Form

Berlin dachte an diesem Wochenende über Skulptur nach. Was es bedeutet, wenn ein Mensch aus dem ungeformten Material – Stein, Bronze, Ton – etwas herausarbeitet, das mehr ist als sein Ausgangsstoff.
Constantin Brancusi suchte nach dem Wesenhaften der Form; nach dem, was eine Skulptur wird, wenn alle Zufälligkeit aus ihr herausgeschält ist.  Als er 1926 die Skyline von Manhattan sah und rief: „Das ist ja mein Atelier!“ war das eine Setzung. Die Skulptur wie ein verkleinertes Bauwerk, das Gebäude wie eine vergrößerte Skulptur. Die Grenze zwischen beiden ist durchlässig.

Barbara Hepworth, die Brancusi 1933 in Paris besuchte, trug diesen Gedanken weiter: weg vom Wesenhaften als Abstraktion, hin zur Beziehung als Prinzip. Bei ihr ist Skulptur nie isoliertes Objekt. Hepworth strebte ein Dreigestirn aus Skulptur, Architektur und Natur an; stellte ihre Werke unter freiem Himmel auf, ließ sie in Beziehung zur Umgebung treten. Die Skulptur behauptet Präsenz nicht durch Isolation, sondern durch Beziehung.

Ausstellungsimpression – Kunstwerk: Hans Heinze, Vater und Sohn, Bronze patiniert, 2026. Foto: Torsten Strom.
Ausstellungsimpression – Kunstwerk: Hans Heinze, Vater und Sohn, Bronze patiniert, 2026. Foto: Torsten Strom.

Hans Heinze setzt diese Linie aus einer körperlichen Praxis heraus fort. Für ihn erzeugt der haptische Prozess – die Kühle des Tons, das Ertasten von Konturen, das spätere Berühren der Bronzeoberfläche – Erkenntnis. Nicht die Idee ist es, die sich in die Form übersetzt, sondern die Form, die im physischen Arbeiten erst zu sich selbst findet. „Oberfläche ist nicht Hülle, sondern Verdichtung von Zeit und Handlung“, wie er sagt. Ein Satz, der Böhmes Atmosphären-Begriff ebenso nahesteht wie Hepworths Materialdenken.

In Heinzes Werk ist Hepworths Dreigestirn aus Skulptur, Architektur und Natur zur Vierheit geworden: Kunst, Architektur, Natur, und Design. Als Architekt gestaltet er seit fast dreißig Jahren Bauwerke in ihrer Gesamtheit: die sie umgebende Landschaft, die Blickachsen, das Licht, und das Interieur in Material und Oberfläche. Was im Großen als gebauter Raum entsteht, verdichtet sich im Kleinen als gegossene Form. Eine künstlerische Strategie im Sinne einer Verantwortung für die Atmosphäre des Ganzen; für den Raum, in dem Menschen leben, atmen, denken. Und darin die Skulptur.

Die Ausstellungsarchitektur

Was sich auf über 600 Quadratmetern entfaltete, war mehr als eine Ausstellung – es war ein Ereignis, szenografisch präzise in acht Themenräume unterteilt. Unten im Atelier lag der Schaffensprozess offen: Skizzen, Maquetten, Rohlinge, patinierte Endstufen. Human Beauty feierte die menschliche Figur mit Bronzen und Hybridkunstwerken. Das Paralleluniversum lud mit humorvollen Tierskulpturen zum Staunen ein. Beeindruckend das Pendulum Gravity No. 1 – eine Bronzeskulptur direkt über der Kesselöffnung, von unten orangerot angestrahlt, als wäre sie noch glühend, noch nicht der Welt gehörend. Im Cinema Paradiso wurden Kunstfilme gezeigt, die den Entstehungsprozess von Heinzes Skulpturen künstlerisch einfangen.

Cinema Paradiso: Sculptura, 2025, Kunstfilm von dreipunkt. / Tiemo Weidemann. Foto: Torsten Strom
Cinema Paradiso: Sculptura, 2025, Kunstfilm von dreipunkt. / Tiemo Weidemann. Foto: Torsten Strom

Oben die Galerie der Gießerei als Schatzkammer mit 16 Bronzen auf weißen Sockeln; der schönste Raum, gedacht zum Beeindrucken durch Vielfalt, edle Verarbeitung, schöne Oberflächen und Patinas. Daneben das Kabinett der Handschmeichler – zehn kleine Bronzen auf Samtstoff, ausdrücklich zum Berühren. „Berührung ist kein Tabu, sondern Erweiterung der Wahrnehmung“, so Heinze. Man konnte beobachten, wie Menschen zögernd die Hand ausstreckten, innehielten, dann doch berührten – und lächelten.

Zwei Schätze

Inmitten der Ausstellung befanden sich zwei Werke, die Heinze als seine Schätze bezeichnet. Unten im Gießraum: Die Möglichkeit einer Entfaltung – ein Kopf, dahinter schützend zwei Hände. Entstanden im Gedenken an den verstorbenen Bruder des Künstlers, den Heinze eine wahre Künstlerseele nennt. Diesen Kopf vor den Gussofen zu stellen – den Ort, an dem Vergängliches in Dauerhaftes verwandelt wird – ist kein Zufall. Es ist ein Akt der Trauer, der in Würde Form angenommen hat.

Hans Heinze, Die Möglichkeit einer Entfaltung, 2024, Bronze patiniert (li). Ode an die Freude, 2024, Bronze. Fotos: T. Strom.
Hans Heinze, Die Möglichkeit einer Entfaltung, 2024, Bronze patiniert (li). Ode an die Freude, 2024, Bronze. Fotos: T. Strom.

Oben in der Galerie: Ode an die Freude – eine goldene, sich nach oben öffnende Gabelform – formal an Brancusis Dynamik der aufsteigenden Form erinnernd – auf schwarzem Sockel vor schwarzer Wand, ragt sie in den Raum, wie ein Ruf, ein Aufstreben in Bronze.

Diese zwei Schätze bildeten die Polarität, die die ganze Ausstellung trug: Trauer und Jubel, Gedenken und Aufbruch, Innehalten und Leuchten. Von der Trauer zur Freude. Vom Feuer zur Form.

Vision als kollektives Werk

Visions of Art in Architecture war kein Alleingang, sondern ein Zusammenspiel – und darin liegt die programmatische Aussage. Hans Heinze griff die Offenheit von Anke Schirlitz auf – beide Mitglieder im Sculpture Network –, die gesamte Gießerei als Ausstellungsraum zur Verfügung zu stellen, und lud seine Kollegen ein, gemeinsam mit ihm dieses Gesamtkunstwerk für einen Abend zu realisieren. Eine Vision, die stark genug ist, dass andere Künstler:innen in ihr ihren eigenen Ausdruck finden.

Visions of Art in Architecture Impression 20.03.2026: Hans Heinze (vorn), Anke Schirlitz (im Hintergrund). Foto: T. Strom
Visions of Art in Architecture Impression 20.03.2026: Hans Heinze (vorn), Anke Schirlitz (im Hintergrund). Foto: T. Strom

Dreipunkt. / Tiemo Weidemann zeigten preisgekrönte Kunstfilme, die den Entstehungsprozess der Skulpturen einfangen. Torsten Strom schuf gemeinsam mit Heinze acht Hybridkunstwerke: Fotografie im Großformat bis zu vier Metern Höhe als Spiegelung der Skulpturen. Marco Wallberg brachte sechs digital erstellte Composings im Spannungsfeld von Identität, Kultur und Mode, verwurzelt in der Tradition des klassischen Stilllebens mit. Was diese Arbeiten von einer bloßen Projektion unterscheidet ist ihre materielle Vollendung. Das KI-Bild wird hier nicht gesendet, sondern gegossen. Nicht projiziert, sondern bewahrt. Wallberg gibt dem flüchtigsten aller Bildmedien dasselbe, was Heinze dem Ton gibt: Körper, Gewicht, Bestand. Das ist kein Widerspruch zur Bronze – das ist ihr digitales Echo. Formscale / Emilio Erbe entwickelte Großplastiken als 3D-Druck-Maquetten mit MIDAS-Flüssigmetall und stellte damit die Frage, die die Skulptur des 21. Jahrhunderts beschäftigt: Was ist Entwurf, was ist Original, was ist Werk? Nils R. Schultze brachte Licht: „Licht ist das Medium. Es schafft Räume und Atmosphären.“ An diesem Abend wurde die zweite Leinwand von seiner Lichtkunst bespielt; die Installationen verwandelten die Industrieräume in gestimmte Räume im Böhme’schen Sinne. Licht trat aus den Dingen heraus, färbte den Raum, machte die Atmosphäre sichtbar.

Das Team (v.l.n.r.): Torsten Strom, Hans Heinze, Nils-R. Schultze, Anke Schirlitz, Marco Wallberg, Emilio Erbe. Foto: Torsten Strom.
Das Team (v.l.n.r.): Torsten Strom, Hans Heinze, Nils-R. Schultze, Anke Schirlitz, Marco Wallberg, Emilio Erbe. Foto: Torsten Strom.

Die Ausstellung in der Galerie der Gießerei

Die Galerie der Kunstgießerei Altglienicke, zeigt noch bis zum 9. Mai 2026 die 16 wichtigsten Bronzen Hans Heinzes, ergänzt um zehn Panoramavisualisierungen sowie die Kunstfilme Minutiae, Sculptura, Bronze. Was die Galerie bietet, ist etwas, das das Event in seiner Dichte nicht immer erlauben konnte: die Möglichkeit, vor einer einzelnen Bronzeoberfläche zu verweilen. Zur Ausstellung erscheint zudem ein Katalog mit vollständiger Dokumentation des Events.

Ausstellungsansicht Aquarium Galerie – Kunstgießerei Altglienicke, Visions of Art in Architecture, 2026. Foto: Torsten Strom.
Ausstellungsansicht Aquarium Galerie – Kunstgießerei Altglienicke, Visions of Art in Architecture, 2026. Foto: Torsten Strom.

Galerie der Kunstgießerei Altglienicke
Wegedornstraße 46, 12524 Berlin

Montag – Freitag, 9:00 – 16:00 Uhr | bis 9. Mai 2026

https://kunstgiesserei-altglienicke.de/aktuelle-ausstellungen-und-archiv/

Über den Autor/ die Autorin

Anemone Vostell

Anemone Vostell ist eine in Berlin ansässige Kulturmanagerin, Gründerin von BAM! Berlin Art Management - Kunstprojekte und -Beratung mit besonderem Interesse an Skulptur, Installationskunst, sowie Landart.

Übersetzung

Elka Parveva-Kern

Elka Parveva-Kern unterstützt Sculpture Network seit 2024 als Übersetzerin - eine wunderbare Gelegenheit, ihr langjähriges Interesse an Sprachen und Kunst zu verbinden.

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