Move it! â Was sich im mittelalterlichen Kirchenraum bewegte
Unserer heutigen Erfahrung nach sind KircheninnenrĂ€ume ruhig und statisch, sogar die Kirchengemeinde bewegt sich eher langsam und so still wie möglich. Doch das war nicht immer so. TatsĂ€chlich ist der statische Sakralraum erst ein PhĂ€nomen des 19. Jahrhunderts. Zuvor gab es verschiedene bewegliche skulpturale Elemente, selbst wĂ€hrend der Messfeier. Der Innenraum und vor allem die Skulpturen darin waren in Bewegung. Johannes Tripps fĂŒhrte dafĂŒr den Begriff âhandelnde Bildwerkeâ ein. Heute ist dies eine Szenerie, die wir uns kaum mehr vorstellen können â und genau deshalb ist es fĂŒr uns auch so interessant.
Innere und Ă€uĂere Bewegung
Das Mittelalter gilt allgemein oft als âdunkelâ und âstatischâ, die mittelalterliche Skulptur als âblockhaftâ und âsteifâ. Doch diese Wahrnehmung ist stark verallgemeinert und meist nicht zutreffend. Die innere Bewegtheit durch die Form der Skulpturen, der Darstellungen und der Reliefszenen zu veranschaulichen, war schon frĂŒh eine wichtige Aufgabe der mittelalterlichen Kunstschaffenden. Das lag besonders nahe bei dramatischen Darstellungen wie z. B. der Höllenfahrt Christi oder auch dem Abstieg Christi in die Unterwelt.
Im Rijksmuseum in Amsterdam befindet sich eine solche Darstellung aus der ersten HĂ€lfte des 16. Jahrhunderts, in der Christus â nach Durchbrechen der Höllenpforten und dem Sieg ĂŒber den Teufel â Adam und andere in die Hölle verbannte, eigentlich gerechte Menschen aus dem Fegefeuer befreit. Eingestellt in einen vergoldeten Tabernakel wird diese Bewegung â innerlich wie Ă€uĂerlich â noch deutlicher.
Dasselbe ist bei vielen Darstellungen der erweiterten Kreuzigungsszene (Golgatha-Gruppe) der Fall, die auch die beiden neben ihm gekreuzigten Diebe zeigen. Die PassionserzĂ€hlung des Evangelisten Lukas (23,39â43) benennt den âschlechten SchĂ€cherâ Gestas, der Christus am Kreuz verhöhnte, wĂ€hrend ihn der âgute SchĂ€cherâ Dismas daraufhin zurechtwies. Diese beiden Gekreuzigten sind hĂ€ufig stark bewegt, in physisch schwer einnehmbaren Körperhaltungen dargestellt â und das nicht nur in der Malerei, sondern auch in der Skulptur.
WĂ€hrend man sich bei Kreuzwegen oder bei öffentlich inszenierten abgehbaren Kalvarienbergszenen als glĂ€ubige Person selbst bewegen muss, so gab es auch mobiles GerĂ€t fĂŒr die persönliche Andacht zu Hause oder auf Reisen. Tragbare AltĂ€re etwa konnten wie FlĂŒgelaltĂ€re auf- und zugeklappt, transportiert und wo auch immer gewĂŒnscht aufgestellt werden. Hier kam das physische Bewegen des tragbaren Altars zu der Visualisierung der inneren Bewegung hinzu.
Doch es gab auch Skulpturen im mittelalterlichen Kirchenraum, die sich tatsÀchlich selbst bewegten oder bewegt wurden, wie etwa Automaten (Figuren, die sich nach einem mechanischen Anstoà eigenstÀndig bewegten), Skulpturen, die KlÀnge auslösten, Bildwerke, die wÀhrend der Liturgie herumgetragen und szenisch in die Messe integriert wurden etc.
Mittelalterliche Skulpturen in Bewegung â Praymobil
Die groĂe Wechselausstellung Mittelalterliche Skulpturen in Bewegung â Praymobil im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen ist die erste umfangreiche Museumsschau zu diesem Themengebiet. Das Kurator:innenteam, bestehend aus dem Ideengeber und Mittelalterexperten Michael Rief und der profilierten Kunsthistorikerin Dagmar Preising, konzentrierte sich bei der Auswahl der Exponate auf mittelalterliche Holzskulpturen aus dem deutschsprachigen und niederlĂ€ndischen Raum. Da Holzskulpturen besondere konservatorische UmstĂ€nde verlangen, ist es beeindruckend, wie viele originale AusstellungsstĂŒcke sie zusammentragen konnten.
Ein Palmesel auf RĂ€dern mit Christusfigur empfĂ€ngt die Besucher:innen im Foyer des Museums und weist den Weg in die Sonderausstellung. Diese beginnt mit einem absoluten Highlight: einem (annĂ€hernd) lebensgroĂen Heiligen Georg mit Lanze auf seinem Pferd auf RĂ€dern aus den Niederlanden. TatsĂ€chlich ist es â bisher nachweisbar â der einzige seiner Art, der so vollstĂ€ndig erhalten ist, auch wenn u. a. die Metallteile aus spĂ€terer Zeit stammen. Aber welche Funktion hatte diese mobile Reiterskulptur? Offensichtlich war sie vor allem zum MitfĂŒhren bei Prozessionen zu Ehren des Heiligen Georg gedacht, vermutlich hinter einem ebenfalls auf RĂ€dern montierten Drachen â und zum Nachstellen des Kampfes zwischen Ritter und Monster auf Kirmessen und Ă€hnlichen AnlĂ€ssen. Der Drache ist leider nicht erhalten, jedoch zeigt uns ein Stich nach Pieter Bruegel d. Ă. einen solchen Schaukampf und belegt, dass zur Feier von Festtagen Holzskulpturen tatsĂ€chlich als Akteure eingesetzt wurden. Gerade bei der Drachen-Skulptur wĂ€re es auch spannend gewesen, zu erfahren, ob diese zusĂ€tzlich einen Mechanismus zum Feuerspeien oder DampfausstoĂen hatte â oder zumindest eine bewegliche Holzflamme am Maul âŠ
Damit die Ausstellungsbesucher:innen die AtmosphĂ€re von sich bewegenden und klingenden Skulpturen auch selbst erfahren können, treffen sie gleich nach der Begegnung mit dem Heiligen Georg auf einen Automaten, der seinem mittelfrĂ€nkischen Original nachempfunden wurde. Hier ist der Tod mit einem Löwen dargestellt. Ein Skelett schlĂ€gt einem Löwen in regelmĂ€Ăigen AbstĂ€nden auf den Kopf, wobei ein LĂ€uten erklingt. Das Original ist in keinem funktionsfĂ€higen Zustand und kann nicht ausgeliehen werden. Dies ist eine von wenigen Situationen, in denen eine Kopie mehr zum Gesamteindruck einer Ausstellung beitragen kann als das Original.
Andere Bewegungsmechanismen wie etwa an Kruzifixen (Kreuz mit Corpus Christi) oder an beweglichen Christuskörpern (GliedermÀnner) wurden entweder konkret durch die Art der PrÀsentation oder durch anfassbare Stationen veranschaulicht. An letzteren lÀsst sich die Beweglichkeit durch Drehen und Schieben selbst testen.
Was die besonders publikumsnahen und einfallsreichen WerkprĂ€sentationen von Kurator Michael Rief â hier wie auch in anderen Ausstellungen â auszeichnet, ist der Mut zu einfachen und besonders nachvollziehbaren Visualisierungsmethoden. So werden zwei Ă€hnliche PietĂ -Darstellungen nebeneinander gezeigt, wobei der Leichnam Christi einmal auf Marias SchoĂ sitzt und einmal vor ihr auf dem Boden liegt, wodurch ein âVorher-Nachherâ-Bild entsteht. An einigen Stellen sind die Bewegungsrichtungen und Wirkungsweisen einfach mit weiĂem Acrylstift auf die Vitrinen gezeichnet â kleine Geste, groĂe Wirkung.
Ein ganzer Raum ist dem Christuskind gewidmet. Es wurde wĂ€hrend der Liturgie in eine Krippe oder ein Bettchen gelegt, auf einen Thron gesetzt, aus einer Maria-Kind-Gruppe oder einer Anna-Selbditt-Gruppe entnommen â oder feierlich wieder aufgesteckt. Dass bei Mysterienspielen damals auch die Holzskulpturen oder Teile davon aktiv mit eingebunden wurden, wird in dieser Werkauswahl sehr deutlich.
Besonders eindrucksvoll sind zwei Marienfiguren mit einem Loch im Bauchraum, in dem sich ein herausnehmbares Christuskind befindet. Allerdings nicht in anatomischer, sondern in religiös-royaler Formgestalt. Diese Marienikonografie wird Maria gravida (Maria in der Hoffnung) genannt. Meist ist das Christuskind im Lauf der Zeit verlorengegangen. Diese Ausstellung prÀsentiert zumindest ein vollstÀndiges Set.
Relativ am Ende der Ausstellung wird, und das war eines meiner persönlichen Highlights, der himmelfahrende Christus thematisiert. Diese Skulpturen wurden durch ein Loch im Kirchengewölbe nach oben gezogen, drehten sich dabei und entfernten sich so himmelwĂ€rts immer weiter von der Kirchengemeinde. Es wurde also auf theatrale Art der wenig greifbare Akt der Himmelfahrt Christi performativ erfahrbar gemacht. Manche dieser Skulpturen waren auch an der Unterseite wolken- oder spiralförmig ausgearbeitet, um die Illusion dieser HimmelwĂ€rtsbewegung noch zu steigern. Entsprechend wurde auch die Kleidung Christi wie in Bewegung gestaltet â mit wehenden Gewand- und MantelsĂ€umen und Kaskadenbildung im Material. Diese Inszenierungen der Christi Himmelfahrt mĂŒssen fĂŒr die anwesenden GlĂ€ubigen beeindruckend gewesen sein.
Das Augustinermuseum in Freiburg im Breisgau besitzt auch ein auĂergewöhnliches, leider nicht in der Ausstellung gezeigtes Exemplar, bei welchem die Bewegung in den Himmel durch Abstraktion und Ornamentalisierung noch verstĂ€rkt wird. Wer also einmal in Freiburg zu Besuch ist, dem sei der Besuch dieses Museums â nicht nur wegen des himmelfahrenden Christi â empfohlen.
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Die Ausstellung Mittelalterliche Skulpturen in Bewegung â Praymobil im Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen lĂ€uft noch bis zum 15. MĂ€rz 2026. Wer die Ausstellung persönlich nicht besuchen kann, dem sei der gleichnamige Begleitkatalog, erschienen im Michael Imhof Verlag [Link: Mittelalterliche Skulpturen in Bewegung - Imhof Verlag], ans Herz gelegt.
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Dieser Text wurde von Dr. Iris Haist auf Deutsch verfasst.
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