Magazin

Sensing Sculpture

Wie riecht hei├če Bronze, bevor sie zu Kunst wird? Wie f├╝hlt sich ein Werk aus Nebel auf meiner Haut an? Wie klingen Soundinstallationen, wenn der Ton abgestellt wird? Gibt es s├╝├če Kunstwerke? Wann ber├╝hrt mich eine Skulptur und wann darf ich eine Skulptur ber├╝hren? Dieser und vielen anderen Fragen m├Âchten wir dieses Jahr auf den Grund gehen und uns dem Thema Sensing Sculpture widmen.

Nachdem wir in den letzten beiden Jahren sehr gro├če gesellschaftliche Themen gestemmt haben ÔÇô Sculpting Society 2022 und Sculpture and Climate Emergency 2023 ÔÇô m├Âchten wir 2024 zur├╝ck zu den Wurzeln. Zur├╝ck zum Kunstwerk. Wie es schmeckt, wie es riecht, wie wir es sehen und wie es sich anf├╝hlt.

In unseren Magazinartikeln und bei unseren Veranstaltungen wollen wir Skulptur mit allen Sinnen erlebbar machen und die Hintergr├╝nde dieser sinnlich wahrnehmbaren Werke erkunden. Von Barcelona bis Berlin ÔÇô in ganz Europa m├Âchten wir Skulptur sp├╝ren. Als Vorgeschmack auf dieses Jahr hier eine kleine digitale Ausstellung von Kunstwerken f├╝r die Sinne.

 

Fühlen: Judith Mann und Tamara Jacquin

Judith Mann: Nebel 10. Installation. Location: Location: Galerie Art Engert, Eschweiler. Jahr: 2023. Foto: ┬ęLyazzat Kairbekova
Judith Mann: Nebel 10. Installation. Location: Galerie Art Engert, Eschweiler. Jahr: 2023. Foto: ┬ę Lyazzat Kairbekova
Judtih Mann: Nebel 7. Installation. Location: phaeno ÔÇô Science Center, Wolfsburg, Deutschland Ma├če: variabel. Jahr: 2019. Foto: ┬ę Mandy G├Âhler
Judtih Mann: Nebel 7. Installation. Location: Phaeno ÔÇô Science Center, Wolfsburg, Deutschland. Ma├če: Variabel. Jahr: 2019. Foto: ┬ę Mandy G├Âhler

Nebel. Die uns aus dem Alltag so bekannten, feinsten Wassertr├Âpfchen sind das Medium von Judith Mann. Neben Elektromagnetismus, Blitzen und anderen Naturph├Ąnomenen bringt sie Betrachter:innen ihrer Arbeiten diese zarteste Form des Regens n├Ąher und macht den Nebel sp├╝rbar. An Orten und zu Uhrzeiten, zu denen nat├╝rlicherweise keine graue Wolke den Boden ber├╝hren w├╝rde.

Tamara Jacquins: Body Architecture IV.
Tamara Jacquins: Body Architecture IV
Tamara Jacquins: Thinking about Penelope
Tamara Jacquins: Thinking about Penelope
Tamara Jacquins: Ausstellungsansicht ÔÇťBody Architecture IV"
Tamara Jacquins: Ausstellungsansicht ÔÇťBody Architecture IV"

Im Gegensatz zu Judith Manns zartem Nass f├╝hlt sich Tamara Jacquins Arbeit eher hart und kantig an. F├╝r ihr Projekt Body Architecture IV baute sie ein Kleid aus Holz und trug dieses Kleid bei einer Performance selbst. F├╝r die K├╝nstlerin steht das relativ schwere, unbequeme Kleidungsst├╝ck f├╝r die Last, die Frauen im Rahmen gesellschaftlicher Erwartungen zu tragen haben, und die Ironie, dass die schwer zu tragenden Dinge teilweise immer wieder selbst neu erschaffen werden. Dieses Gewicht sp├╝rt sie durch das Kleid sprichw├Ârtlich selbst.

 

H├Âren: Beno├«t Maubrey

Benoît Maubrey: SHIPWRECK. Interactive sound sculpture (2023). 350 connected loudspeakers, line in, Bluetooth receivers, microphone and sampler machine/ Loopbardo (Subardo/ Andreas Frieser). At FUSION festival (near Berlin). Team: Emmanuel Ott, Gerrit de Vries, Philipp Steinkellner, Marko Gutman
Benoît Maubrey: SHIPWRECK. Interactive sound sculpture (2023). 350 connected loudspeakers, line in, Bluetooth receivers, microphone and sampler machine/ Loopbardo (Subardo/ Andreas Frieser). At FUSION festival (near Berlin). Team: Emmanuel Ott, Gerrit de Vries, Philipp Steinkellner, Marko Gutman
Benoît Maubrey: SPEAKERS ARENA. A Speakers Corner for Berlin (2019). Participative public sculpture made out of 320 connected loudspeakers that people can use to express themselves
Benoît Maubrey: SPEAKERS ARENA. A Speakers Corner for Berlin (2019). Participative public sculpture made out of 320 connected loudspeakers that people can use to express themselves

Beno├«t Maubreys Material sind gefundene und recycelte elektronische Ger├Ąte. Seine Installationen, wie SHIPWRECK und SPEAKERS ARENA, k├Ânnen Besucher:innen selbst klanglich mitgestalten. ├ťber Bluetooth k├Ânnen sie Lieder oder Nachrichten abspielen lassen oder sich ├╝ber ein Mikrofon direkt mit den Lautsprechern verbinden. Die Installation wird zur Konzerthalle.

Neben gro├čen Arbeiten im ├Âffentlichen Raum gestaltet Beno├«t Maubrey auch klingende Klamotten, die mit Verst├Ąrkern und Lautsprechern ausgestattet werden.┬á
├ťber seine eigene Arbeit sagt er: ÔÇ×K├╝nstlerisch verwende ich Lautsprecher, ├Ąhnlich wie ein Bildhauer Ton oder Holz: als modernes Medium, um monumentale Kunstwerke zu schaffen, mit dem zus├Ątzlichen Reiz, dass sie die Luft um sich herum in Schwingung versetzen k├Ânnen (ÔÇÜSoundÔÇś) und einen ├Âffentlichen ÔÇÜHotspotÔÇś schaffen.ÔÇť

 

Sehen: Verena Friedrich

Verena Friedrich: contemplation. Lichtobjekt. Draht, Tyvek perforiert, LED, ├Ş 160 cm 2017
Verena Friedrich: contemplation. Lichtobjekt. Draht, Tyvek perforiert, LED, ├Ş 160 cm, 2017
Verena Friedrich: contemplation. Lichtobjekt. Draht, Tyvek perforiert, LED, ├Ş 160 cm 2017
Verena Friedrich: contemplation. Lichtobjekt. Draht, Tyvek perforiert, LED, ├Ş 160 cm, 2017, Detail

In m├╝hsamer Handarbeit brennt Verena Friedrich mithilfe einer Kerzenflamme L├Âcher in einen Vliesstoff. Die so entstandene Arbeit contemplation l├Ądt zum Verweilen und zur Selbstreflexion ein. Erst durch die L├Âcher kann das Licht durch die Arbeit dringen und das Werk sichtbar werden.

 

Schmecken: F├ęlix Gonz├ílez-Torres

Ansicht von Felix Gonzalez-Torres, ÔÇ×UntitledÔÇŁ (Lover Boys), 1991, Spiralf├Ârmig blau-wei├če Bonbons in durchsichtiger Folie, unbegrenztes Angebot, Gesamtma├če variieren je nach Pr├Ąsentation, Idealgewicht: 161 kg. ┬ę Estate of Felix Gonzalez-Torres, Courtesy of the Felix Gonzalez-Torres Foundation, Foto: Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgem├Ąldesammlungen, Museum Brandhorst, M├╝nchen
Ansicht von F├ęlix Gonz├ílez-Torres, ÔÇ×UntitledÔÇŁ (Lover Boys), 1991, Spiralf├Ârmig blau-wei├če Bonbons in durchsichtiger Folie, unbegrenztes Angebot, Gesamtma├če variieren je nach Pr├Ąsentation, Idealgewicht: 161 kg. ┬ę Estate of F├ęlix Gonz├ílez-Torres, Courtesy of the F├ęlix Gonz├ílez-Torres Foundation, Foto: Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgem├Ąldesammlungen, Museum Brandhorst, M├╝nchen
Detailansicht von Felix Gonzalez-Torres, ÔÇ×UntitledÔÇŁ (Lover Boys), 1991, Spiralf├Ârmig blau-wei├če Bonbons in durchsichtiger Folie, unbegrenztes Angebot, Gesamtma├če variieren je nach Pr├Ąsentation, Idealgewicht: 161 kg. ┬ę Estate of Felix Gonzalez-Torres, Courtesy of the Felix Gonzalez-Torres Foundation, Foto: Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgem├Ąldesammlungen, Museum Brandhorst, M├╝nchen
Detailansicht von F├ęlix Gonz├ílez-Torres, ÔÇ×UntitledÔÇŁ (Lover Boys), 1991, Spiralf├Ârmig blau-wei├če Bonbons in durchsichtiger Folie, unbegrenztes Angebot, Gesamtma├če variieren je nach Pr├Ąsentation, Idealgewicht: 161 kg. ┬ę Estate of F├ęlix Gonz├ílez-Torres, Courtesy of the F├ęlix Gonz├ílez-Torres Foundation, Foto: Elisabeth Greil, Bayerische Staatsgem├Ąldesammlungen, Museum Brandhorst, M├╝nchen

Neben dreidimensionaler Kunst zum H├Âren, Sehen und Sp├╝ren, kommt auch der Geschmackssinn bei manchen Werken nicht zu kurz. F├ęlix Gonz├ílez-Torres widmete in den 1990er Jahren eine ganze Serie von Arbeiten einem besonderen Lebensmittel: Bonbons. In seinen nur oberfl├Ąchlich s├╝├čen Candy Works thematisiert er schwierige gesellschaftliche Herausforderungen wie, im Falle von Untitled (Lover Boys), 1991, die Verbreitung von Aids. Indem er das Optimalgewicht seiner Arbeit aus einzelnen Bonbons mit 161 kg festlegt, genau das Gewicht des K├╝nstlers selbst zusammen mit seinem an Aids gestorbenen Partner Ross Laycock, setzt er einen starken Kontrast zum auf den ersten Blick bunten und harmlosen Werk ÔÇô welches von den Besucher:innen sogar probiert und mit nach Hause genommen werden darf.

Er stellt damit auch Kurator:innen immer wieder vor die Herausforderung, sein Werk neu zu interpretieren. Ob und wie oft die Bonbons in einer Ausstellung wieder aufgef├╝llt werden, auf welcher Fl├Ąche sie pr├Ąsentiert werden und wie lange das Idealgewicht eingehalten wird, ist ganz den Ausstellungsmacher:innen ├╝berlassen ÔÇô wie vergangenes Jahr eindrucksvoll im M├╝nchner Museum Brandhorst┬áim Rahmen der Ausstellung Future Bodies from a Recent Past zu sehen und zu schmecken war.

Riechen: NASEVO

Colorolornas, 2011. (c) NASEVO. Esculpture NASEVO Collection Olfactory note: Ecological (Green nature, floral, linen, chlorine, bleach
Colorolornas, 2011. (c) NASEVO. Esculpture NASEVO Collection Olfactory note: Ecological (Green nature, floral, linen, chlorine, bleach)
Recordnas, 2006. (c) NASEVO. Esculpture NASEVO Collection Olfactory note: Cresolic (Chinese ink, animal, leather
Recordnas, 2006. (c) NASEVO. Esculpture NASEVO Collection Olfactory note: Cresolic (Chinese ink, animal, leather)

Die Stiftung Ernesto Vent├│s sammelt Kunst, die sich dem Thema Riechen widmet. Der spanische K├╝nstler Ernesto Vent├│s Omedes (genannt NASEVO) war von Kindheit an taub. Seine Familie stellte Duftstoffe her. So ist es nicht erstaunlich, dass sich NASEVO schon fr├╝h darauf spezialisierte, die Welt durch seine Nase zu verstehen. Zwar duften seine k├╝nstlerischen Arbeiten selbst nicht, aber die f├╝r ihn mit dem jeweiligen Werk in Verbindung gebrachte olfaktorische Note ist in den Titeln festgehalten. Im Museum selbst bekommen die Besucher:innen eigens f├╝r die Arbeiten hergestellte D├╝fte zur Verf├╝gung gestellt, w├Ąhrend sie die Arbeiten ansehen.

 

Wir freuen uns auf ein Jahr voller weiterer, sinnlich wahrnehmbarer, dreidimensionaler Kunst und toller neuer Erfahrungen unter dem Motto Sensing Sculpture!

├ťber den Autor/ die Autorin

Elisabeth Pilhofer

Elisabeth Pilhofer ist freischaffende Redakteurin und Kulturmanagerin in M├╝nchen.

├ťbersetzung

Sybille Hayek

Sybille Hayek ist Lektorin und ├ťbersetzerin. Seit 2022 unterst├╝tzt sie unser Team ehrenamtlich mit ihrem geschulten Blick f├╝rs Detail und einer gro├čen Liebe zur Sprache.

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