Über die Kunst, Kunst zu vermitteln
Am Rheinufer der kleinen Stadt Bingen versammeln sich noch bis Oktober 24 Kunstwerke im öffentlichen Raum. Die große Eröffnungsfeier ist längst vorbei. Die Künstler:innen sind abgereist, die Kurator:innen zurück in Berlin und der Oberbürgermeister sitzt wieder im Rathaus. Was bleibt von einer Skulpturentriennale an einem gewöhnlichen, grauen Mittwochnachmittag?
Um das herauszufinden, treffe ich mich mit Karen Mildeberger aus dem Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Sabine Markowski von der Kunstvermittlung und Lena aus dem Team der jungen Kunstvermittler:innen. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach Verbindung und Zusammenhalt – dem Titel der diesjährigen Triennale.
An unserem Treffpunkt, dem Museum am Strom, erzählt Karen von der Zusammenarbeit mit Sculpture-Network-Mitglied Martine Seibert-Raken. Für ihre Arbeit Once upon a time mussten eigens silberne Fensterrahmen angebracht werden. Heute quellen dort rosa Drahtwolken aus den Fenstern des historischen Gebäudes und verändern je nach Blickwinkel ihren Charakter. Für die einen wirken sie verspielt und leicht, für andere wie ein Fremdkörper. Schon bei diesem ersten Werk wird deutlich: Kunst im öffentlichen Raum lebt nicht allein von den Objekten selbst, sondern von den Gesprächen, die sie auslösen.
Im Inneren erinnert der Tempel an jene improvisierten Orte in der Ukraine, an denen orthodoxe Gottesdienste gefeiert werden. Er erzählt von Gemeinschaft, Glauben und Zugehörigkeit, aber auch von Brüchen und Konflikten. Dass die Kapelle nachts abgeschlossen werden muss, erscheint fast widersprüchlich. Gleichzeitig macht genau diese Situation deutlich, wie kompliziert Verbindung manchmal sein kann. Nicht jeder offene Raum kann dauerhaft offen bleiben.
Ein Stück weiter erzählt Sabine vom Parkwächter. Eigentlich achtet er darauf, dass Hunde angeleint bleiben und niemand mit dem Fahrrad durch die Anlage fährt. Als sie kürzlich zwei Lehrer:innen durch die Ausstellung führte und kurz enttäuscht war, dass die Resonanz der Schulen so verhalten war, blieb der Parkwächter überraschend stehen und schloss sich spontan der Führung an. Er wollte genau wissen, was in „seinem“ Park passiert und was es mit den einzelnen Werken auf sich hat.
Während wir vor Emilia Neumanns UG. P I stehen, muss ich an diese Geschichte denken. Die abstrakte Plastik erschließt sich nicht sofort. Viele Besucher:innen können zunächst wenig mit ihr anfangen. Doch je länger man hinschaut, desto mehr Linien, Strukturen und Bezüge treten hervor. Vielleicht war es genau das, was auch den Parkwächter neugierig gemacht hat – der zweite Blick, den es manchmal auf Kunstwerke braucht.
Wie anspruchsvoll Vermittlung sein kann, zeigt sich auch bei Thomas Judischs Arbeiten. Die Installation mit ihren Vogelfiguren aus dem Baumarkt und einem in Stein gemeißelten Einkaufszettel fordert selbst kunstaffine Besucher:innen heraus. Schnell fällt der Satz: „Das kann ich auch.“ Oder der in Deutschland so verbreitete Klassiker: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ Für Lena und die anderen jungen Kunstvermittler:innen gehören genau solche Aussagen und Momente zum Alltag. Bei der Eröffnung und an vielen Wochenenden stehen sie am Rheinufer, sprechen Fremde an und beantworten Fragen zu den Kunstwerken („Ist Kunst. Kann nicht weg.“) Anfangs kostete das Überwindung. Inzwischen seien viele von ihnen deutlich mutiger geworden. Die Kunst hat hier nicht nur Gespräche ermöglicht, sondern auch Selbstvertrauen gestärkt.
Einige Werke später blicken wir durch ein Fenster auf Johann Gottfried Schadows Prinzessinnengruppe. Um die Arbeit zu sehen, muss man einige Stufen hinaufsteigen, um durch ein Fenster des Pegelhäuschens zu blicken. Karen erzählt vom Stifter Kuno Pieroth, der regelmäßig am Rheinufer entlangspaziert und interessierten – oder manchmal auch weniger interessierten – Passant:innen von „seinen“ Kunstwerken berichtet.
Später erzählt Sabine von zwei Gärtnern, die regelmäßig im Park arbeiten. Mit Thomas Judischs Einkaufszetteln konnten sie zunächst wenig anfangen. Bei Michael Sailstorfers Brenner R04 wurden sie jedoch neugierig. Warum liegt dort ein Holzstapel neben einer Rakete?
Die Antwort ist ebenso einfach wie überraschend: Die Skulptur kann tatsächlich als Ofen genutzt werden. Während wir davorstehen, frage ich mich, ob hier im Oktober vielleicht Besucher:innen zusammenkommen werden, wenn die Temperaturen sinken. Vielleicht wird aus dem Kunstwerk dann tatsächlich ein Ort der Begegnung – und die beiden Gärtner werden mit Sicherheit dabei sein.
Meine persönliche Lieblingsarbeit entdecke ich wenig später. Valie Exports Die Doppelgängerin strahlt selbst an diesem grauen Mittwochnachmittag eine enorme Präsenz aus. Die bronzene Doppelschere wirkt auf mich weniger verbindend als vielmehr trennend. Und gleichzeitig steckt in jedem Schnitt auch die Möglichkeit eines Neuanfangs, eines Neu-Zusammenfügens. Karen erzählt, dass Valie Export ursprünglich zur Eröffnung kommen wollte. Als die Nachricht von ihrem Tod am Tag vor der Eröffnung eintraf, sei das für alle Beteiligten ein Schock gewesen. Plötzlich wurde die Arbeit auch zu einem Erinnerungsort.
Zum Abschluss erreichen wir Ba Selas' Kern-Konstrukt 8. Ausgerechnet hier beginnt der Titel der Ausstellung für mich zu bröckeln. Die fragilen Sterne dürfen nicht berührt werden. Mehrere Schilder fordern Abstand. Das Material hält Wind und Wetter nicht dauerhaft stand. Verbindung und Zusammenhalt stoßen hier an ihre Grenzen. Zwischen Kunstwerk und Publikum entsteht eine Distanz, die sich nicht überwinden lässt.
Und doch erzählt gerade dieses Werk eine andere Geschichte. Beim gemeinsamen Aufbau der Ausstellung kamen die Künstler:innen miteinander ins Gespräch. Sie diskutierten Materialien, Konstruktionen und mögliche Verbesserungen für die Zukunft. Aus praktischen Problemen entstanden neue Kontakte und neue Ideen.
Was bleibt also von einer Skulpturentriennale an einem gewöhnlichen, grauen Mittwochnachmittag? Die Begeisterung für Begegnung durch Kunst. Und die Erkenntnis, dass Verbindung und Zusammenhalt selten dort entstehen, wo sie geplant werden. Sie entstehen zwischen Schüler:innen und Spaziergänger:innen, zwischen Gärtnern und Raketen, zwischen Stifter:innen und Besucher:innen. Sie entstehen in Gesprächen, in Fragen und manchmal sogar in Missverständnissen.
Nicht jede Arbeit der Triennale verbindet. Nicht jede künstlerische Idee erschließt sich sofort. Manche Werke bleiben sperrig, andere polarisieren. Doch gerade darin liegt die Stärke der Kunstvermittlung vor Ort. Sie versucht nicht, alle Antworten zu liefern. Sie schafft Gelegenheiten für Begegnungen.
Danke an Sabine, Karen und Lena für den inspirierenden Nachmittag!
Elisabeth Pilhofer hat diesen Artikel auf Deutsch verfasst.