Der Hamburger Bahnhof wird 30 und bietet Angebote zur Reflexion über das Leben – und die Institution – in unserer fragmentierten Gegenwart
Wie lässt sich Museum heute denken – als Raum für Austausch, Teilhabe und Bewegung? Der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart zeigt zum 30-jährigen Bestehen mit einem enormen Programm, wie stark Sammlung, Architektur und künstlerische Praxis verwoben sein können.
Wie lässt sich Skulptur heute denken? Fragenformen zum Menschsein von Shilpa Gupta, Lina Lapelytė, [ materialistin ], Olafur Eliasson, Ayşe Erkmen u. a. laden im Hamburger Bahnhof zum Nachdenken und Fühlen ein.
In einer Zeit, in der die „teleintime Nähe von Tod und Zerstörung“, wie sie Susan Sontag im Zusammenhang mit der ersten, medial erfahrbaren Kriegsberichterstattung aus Vietnam besprach (Susan Sontag, „Das Leiden anderer betrachten”, 2003, S. 28; vgl. auch 1978: „Über Fotografie“), unser aller Alltag geworden ist und die kritische Analyse der US-politischen Social-Media-Kanäle von Wolfgang Ullrich als „Memokratie“ diagnostiziert wird (Verlag Wagenbach, 2026), stellt sich die Frage der Figur und des Körpers in der Kunst neu.
Ausgehend von der Beobachtung, dass künstlerische Darstellungen des Menschen stets Ausdruck ihrer Zeit sind, beschreibt Anne Berk die gegenwärtige Rückkehr der Figur als Teil einer grundlegenden Verschiebung: Kunst erscheint als fragmentarischer Spiegel einer Gegenwart, in der Körper, Material und Wahrnehmung nicht mehr eindeutige Bedeutungen tragen, sondern als offene Fragen verhandelt werden. Dies soll beim diesjährigen 16. Sculpture Network Forum im Herbst unter dem Titel Bodytalk diskutiert werden.
Im Hamburger Bahnhof hat sich mit den Konvoluten der Sammlungen Erich Marx, Friedrich Christian Flick und Egidio Marzona ein Bestand herausgebildet, der eines der wichtigsten Zentren zeitgenössischer Kunst bildet und die Skulptur vielstimmig als räumliche, relationale Praxis versteht. Der künstlerische Austausch zwischen Werken, Positionen und Generationen ist ein konstitutives Prinzip des Museums seit seiner Gründung.
Das Ausstellungsjahr 2026 versammelt ein breites Spektrum inter- und nationaler Positionen: Neben Giulia Andreani, Sophie Calle, Tacita Dean, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Ayşe Erkmen, Shilpa Gupta und Henrik Håkansson sind auch Lina Lapelytė, das Kollektiv [ materialistin ], Ryuichi Sakamoto sowie Tomás Saraceno vertreten. Ergänzt wird dies durch eine neue Sammlungspräsentation mit Werken unter anderem von Pierre Huyghe, Katharina Sieverding und Rirkrit Tiravanija. Die Gruppenausstellung von [ materialistin ] versammelt acht in Leipzig arbeitende Bildhauerinnen und formuliert ein klares Plädoyer für kollektive Praxis und Solidarität – ein Signal, das über den institutionellen Rahmen hinausweist.
Viele Arbeiten operieren zwischen Objekt, Installation und Situation; sie dehnen sich in den Raum aus, besetzen ihn und treten in ein Verhältnis zum Körper der Betrachter:innen. Diese physische Adressierung wird etwa in den Arbeiten von Shilpa Gupta deutlich, die Sprache, Grenzen und Machtstrukturen untersucht. Mit ihrer skulpturalen Installation TRUTH, den räumlich gesetzten Buchstaben, die sich nicht zu einer stabilen Aussage fügen, materialisieren sie Anne Berks „zersplitterten Spiegel“. „Wahrheit“ erscheint nicht als Einheit, sondern als räumlich erfahrbare Fragmentierung. Bedeutung entsteht erst durch Bewegung im Raum und Perspektivwechsel.
Zugleich verschiebt sich der Fokus zunehmend auf partizipative Formate. Ab Mai transformiert Lina Lapelytė die historische Halle des Hamburger Bahnhofs in eine polyphone Bühne, in der Besucher:innen selbst Teil einer choreografischen Struktur werden. Der Raum wird dabei in seiner architektonischen Eigenlogik aktiviert, der Körper ist hier nicht heroisch, sondern passiv, treibend, ausgeliefert.
Die Figuren im Wasser entziehen sich jeder klaren Narration; sie sind Zustand, nicht Handlung. Dies entspricht Anne Berks „konzeptueller Figuration“: Der Körper stellt Fragen nach Leben, Kontrolle, Vulnerabilität, ohne sie zu beantworten.
Das Kollektiv [ materialistin ] trifft Anne Berks Argument, dass Material nicht Träger, sondern Bedeutung selbst sein könne: In Agnes Lammerts Membran wird Material zur körperähnlichen Hülle – elastisch, verletzlich, spannungsgeladen. Gleichzeitig spiegelt Agnes Lammerts Arbeit Anne Berks Fragen nach unserem Verhältnis zur Natur: Wasser als Medium, Körper als Teil eines ökologischen Systems, das nicht kontrollierbar ist. Die Grenze zwischen Mensch und Umwelt wird porös.
Sophie Uchmans minimale Setzung Aufrichtig verschiebt eine industrielle Platte in eine fast organische Geste; das Material „verhält“ sich. Wibke Rahns entropy schließlich zeigt Material im Zustand des Zerfalls als Prozess, was an Anne Berks Beobachtung anschließt, dass Materialien symbolisch aufgeladen sind und zusätzliche Bedeutungsebenen eröffnen.
Weder diese materialbezogenen Arbeiten noch Shilpa Guptas TRUTH funktionieren als Monument im klassischen bildhauerischen Sinne: Sie verweigern Höhe, Pathos und die Eindeutigkeit der diktierten Interpretation, stattdessen sind sie vielmehr horizontale, fragile, teils begehbare oder situative Setzungen.
Olafur Eliassons Arbeit (s. o.) verschiebt den Fokus vom dargestellten Körper zur verkörperten Wahrnehmung. Farbe, Licht und Spiegelung erzeugen einen instabilen visuellen Raum, in dem der eigene Körper zum Messinstrument wird. Der „Körper“ wird eine Bedingung der Erfahrung.
Seit seiner Eröffnung 1996 hat sich der Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart als einer der zentralen Orte für Gegenwartskunst in Berlin etabliert – ein Museum, das seine eigene Geschichte ebenso reflektiert wie die Bedingungen, unter denen Kunst heute entsteht und wahrgenommen wird. Zum 30-jährigen Bestehen fokussiert dieser Anspruch in einem Programm aus acht Sonderausstellungen, einer neu konzipierten Sammlungspräsentation ab 1989 und einem breit angelegten öffentlichen Rahmen, der mit über tausend Führungen und Formaten gezielt in den Stadtraum ausgreift. Im Zentrum steht dabei weniger ein Jubiläum im retrospektiven Sinn als vielmehr die Frage, wie sich ein Museum als offenes, vernetztes und diskursives Gefüge begreifen lässt: als Ort von Austausch, Kooperation und kollektiver Praxis. Entsprechend erweitert die Reihe Crossroads# das Programm um spartenübergreifende Projekte zwischen Kunst, Literatur, Theater und Musik.
Architektonisch entfaltet sich der Hamburger Bahnhof als Ensemble unterschiedlicher Raumtypen. Die historische Bahnhofshalle bildet das Zentrum: ein Raum, der großformatige, raumgreifende Installationen und Skulpturen trägt. Arbeiten wie Lee Buls Crash (2018), Hito Steyerls I Will Survive (2022), Eva Fàbregas’ Devouring Lovers (2023), Mark Bradfords Keep Walking (2024), Andrea Pichls Values of Economy (2025) oder Shilpa Guptas What Still Holds (2026) nutzen diese architektonische Offenheit als Resonanzraum. Seitlich schließen sich kleinere, klassisch proportionierte Räume an, die eine konzentriertere, werkgruppenspezifische Präsentation ermöglichen.
Einen zentralen Einschnitt markierte 2018 die Ausstellung Hello World. Revision einer Sammlung, die die Bestände der Nationalgalerie innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus einer sensibilisierten Perspektive neu befragte und den Blick auf zuvor marginalisierte Positionen lenkte. Im Ergebnis wurde klar, dass solche strukturellen Ungleichgewichte historisch gewachsener Sammlungen nicht kurzfristig aufzulösen sind, sondern langfristige Verschiebungen in Erwerbungspolitik, Forschung und Präsentation erfordern. Hello World fungiert damit bis heute als Referenzpunkt für aktuelle Sammlungsdiskussionen.
Eine wesentliche Erweiterung des Museums bilden die rückwärtig gelegenen Rieckhallen – langgestreckte Industriebauten. In den 2000er Jahren waren die Hallen zugleich Produktionsort und Ausstellungsraum; Künstler wie Olafur Eliasson, Thomas Demand oder Tomás Saraceno arbeiteten hier in unmittelbarer Nähe zum Publikum. Diese Verschränkung von Produktion und Präsentation prägte das Haus, wurde jedoch in den 2010er Jahren zurückgenommen. Mit Formaten wie Studio Rieckhallen kehren heute Positionen wie Tacita Dean oder Henrik Håkansson bewusst in diesen Kontext zurück und knüpfen an die produktive Geschichte der Hallen an.
Auch die Formate jenseits der Ausstellungen lohnen, das Haus dieses Jahr noch häufiger zu besuchen: Die Open-Air-Reihe Berlin Beats aktiviert den Museumsgarten als sozialen und performativen Raum, seit 2023. Zum Jubiläumswochenende im November 2026 verbindet eine internationale Konferenz Fragen der institutionellen Zukunft mit einer 30-stündigen Öffnung des Museums. Ergänzend dazu macht eine digitale Plattform die diskursiven Inhalte des Hauses ab Herbst frei zugänglich und erweitert den physischen Ort um eine virtuelle Dimension. Der Hamburger Bahnhof zeigt sich insgesamt als Ausstellungsort und als dynamisches Gefüge, das neben den Werkpräsentationen einen Raum öffnet, der die Kunst durch Dialog in Bewegung hält.
Im erweiterten Kontext des diesjährigen Internationalen Forums von Sculpture Network lässt sich das Angebot des Museums brillant mit aktuellen Diskursen zur Rückkehr der menschlichen Figur verbinden, wie sie Anne Berk formuliert.
Dieser Artikel wurde von Jana Noritsch auf Deutsch verfasst.