Die niederländische Künstlerin Maria Roosen sagt: „Schrubben, harken, gießen und fegen.“
Was wäre die niederländische Kunstwelt ohne Maria Roosen (1957, Oisterwijk, NL)? Ihr Einfluss auf die zeitgenössische Kunst ist immens. Ihre Arbeiten befassen sich mit Themen wie Wachstum, Blüte, Fruchtbarkeit, Liebe und Vergänglichkeit und werden häufig in Gruppenausstellungen, die sich mit der weiblichen Perspektive befassen, gezeigt, an ungewöhnlichen Kulturstätten ebenso wie im öffentlichen Raum (Sprengenpark Arnhem). Das Stedelijk Museum Schiedam widmet Maria Roosen nun eine Ausstellung mit mehr als 80 ihrer bekanntesten Werke, die sorgfältig in vier Museumsräumen arrangiert wurden.
Die Ausstellung zeigt eine enorme Vielfalt an Glasobjekten, Installationen und Zeichnungen. Viele dieser Kunstwerke zeugen von subtilem Humor und vermitteln eine gewisse Heiterkeit. Die Besucher und Besucherinnen erhalten nicht nur einen Rückblick auf das vielseitige Werk der Künstlerin, sondern bekommen auch Einblick in ihren Schaffensprozess. Roosens Kunstwerke entstehen oft aus ihrem persönlichen Gefühlserleben, welches sie in Form von weichen und harten Materialien wie Glas, Papier und Textilien zum Ausdruck bringt. Die meisten dieser Werke stammen aus einer Reihe von „Dagboektekeningen“ (Tagebuchzeichnungen). Für die Realisierung ihrer Glasarbeiten greift sie auf professionelle Glasbläser:innen zurück.
Der Krug als Symbol
Obwohl Roosen vor allem für ihre Skulpturen in Form von Brüsten und Penissen bekannt ist, von einzelnen oder zwei hängenden Brüsten oder Penissen bis hin zu ganzen Gruppen davon, betrachtet sie den Krug als das eigentliche Symbol ihrer Arbeit. Der Krug steht für das Vergießen und Empfangen. Er dient als Gefäß für flüssige Stoffe und ist selbst auch aus flüssigen Stoffen entstanden: zunächst aus Aquarellfarben – Zeichnungen bilden die Grundlage ihrer Arbeit – und schließlich aus Glas. Daher begegnet uns der Krug, eines der wichtigsten poetischen Symbole in ihrem Werk, häufig in dieser Ausstellung: Krüge sind an den Wänden des Museums befestigt, wurden auf einem Sofa liegengelassen oder finden sich als Serie einer hinter dem anderen auf dem Boden aufgereiht.
„Meine Arbeitsweise ist untrennbar mit dem Wachsen verbunden, und das trifft sowohl auf die Glasherstellung als auch auf das Stricken zu. Wachstum ist die stärkste Kraft, die es gibt. Man muss sich nur die Natur ansehen.“
Die Arbeitsweise
Der Titel der Ausstellung Scrub, Rake, Pour, and Sweep (Schrubben, Harken, Gießen und Fegen) bezieht sich auf Roosens intensiven Arbeitsprozess, bei dem sich alles aus ihrer Wahrnehmung und Intuition heraus entwickelt. Die praktischen, sich wiederholenden Vorgänge in ihrem Arbeitsprozess ermöglichen es ihr, zum Kern dessen vorzudringen, was sie in ihren Werken ausdrücken möchte. Das Glasblasen ist beispielsweise ein Prozess von Wachstum und Zusammenwirken, bei dem sich die ausgeblasene Kugel langsam zu einer Form wandelt. Dabei spielt auch der Zufall eine Rolle, in ihrer intensiven Zusammenarbeit mit Glasbläsern, die die mühsame Arbeit des Ausblasens für sie übernehmen, während sie ihre Anweisungen gibt.
Das Spannungsfeld zwischen Härte und Weichheit
Mit insgesamt achtzig Kunstwerken lässt die Ausstellung die Besucher:innen in die Welt von Maria Roosen eintauchen und ermöglicht es ihnen, die roten Fäden in ihrem Werk zu entdecken. Über fünfzig dieser Werke stammen aus Marias eigener Sammlung und wurden bisher nur selten oder noch gar nicht ausgestellt. Ich fühlte mich stark von der Installation mit dem Titel Nest angezogen: drei Krüge aus Glas, die auf orangefarbenen Sofakissen platziert sind, was ihnen eine delikate und zugleich verwundbare Anmutung verleiht. Ein weiteres bedeutendes Werk, das zu Beginn der Ausstellung gezeigt wird, ist eine Zeichnung, die noch nie zuvor zu sehen war. Darauf ist eine Pistole, eingehüllt in einen weichen, fließenden Schleier aus tiefrosa Aquarellfarbe. Das Kunstwerk hinterfragt die Gegensätze zwischen hart und weich, männlich und weiblich.
„Zu Beginn meiner künstlerischen Laufbahn war es für Künstler und Künstlerinnen absolut undenkbar, zu sagen, dass ihre Arbeit aus ihrer Intuition heraus entstanden sei. Das wurde als Kunst für Frauen abgetan. Die Tatsache, dass es heute mehr Raum und Akzeptanz dafür gibt, ist wunderbar, aber gleichzeitig auch eine dringende Notwendigkeit.“
Fluidität als Lebenseinstellung
In Maria Roosens Arbeitsweise ist „sich fließend mit dem Strom bewegen“ ein wichtiger roter Faden; diese Aussage kann wörtlich genommen werden, wenn es um ihre Verwendung von Aquarellfarben und geschmolzenem Glas geht, bezieht sich aber auch im übertragenen Sinne auf ihre Mentalität. Die intensive Zusammenarbeit mit der Kuratorin Inez Piso-Tuncay bei der Konzeption dieser Ausstellung hat zu einem Appell zu Zärtlichkeit, Offenheit und Intuition in einer Welt voller Vorurteile und Unnachgiebigkeit geführt. Und in ihren Werken findet sich auch Humor und Heiterkeit: der lustige Krug, den ihre Mutter mit einem Wollpullover mit Zopfmuster bekleidet hat, um so das kalte Glas dieses großen Kruges zu bedecken, den sie gerade geschaffen hatte. Für sie „entsteht dadurch fast ein Lebewesen“. Roosen beweist mit diesem Kunstwerk und anderen ausgestellten Arbeiten, dass alle ihre Werke in Wirklichkeit Selbstporträts sind.
Gesten des Körpers
Wenn man ihre Arbeit Selbstporträt wartend und auch einige andere Zeichnungen und Objekte betrachtet, könnte man behaupten, dass Roosen sich auf die Gestik des Körpers konzentriert, dies jedoch nicht auf eine traditionelle Weise, sondern auf eine subtile, konzeptionelle Art. Nehmen wir zum Beispiel die beiden Figuren in langen schwarz-weißen Wollkleidern, die in einem Korridor des Museums stehen. Sie sind wie eine Mischung aus Wachpersonal und Modepuppe. Die weiße Figur trägt drei große Schleifen an ihrem Kleid und die andere hat dekorativen Schmuck um den Hals hängen. Haute Couture 2025 ist der Titel des weißen Kleides, und das schwarze Kleid trägt den Titel Weicher Schutz (Artemis) . Es ist schwer zu sagen, ob die Körper männlich oder weiblich sind. Roosen über das Phänomen Körper:
„Ich konzentriere mich in meiner Arbeit sehr stark auf den Körper. Ich kann genau spüren, wo sich alles in meinem Hinterkopf befindet: wo bestimmte Gefühle und Menschen buchstäblich einen Platz in meinem Körper haben.“
Passenderweise trägt das diesjährige Sculpture Network Forum, das diesen Herbst in Berlin stattfinden wird, den Titel Bodytalk – Die Rückkehr der menschlichen Figur in der zeitgenössischen Skulptur. Kuratorin und Kunstkritikerin Anne Berk schreibt: „Es geht um Gestik in der konzeptuellen Figuration: darum, wie diese stillen Figuren in einer Sprache, die wir alle verstehen, zu unserem Körper sprechen. In Zeiten des raschen Wandels verwenden Künstler:innen die Gestik des Körpers, um ihre Fragen zum Leben zu formulieren, um Themen wie Körper, Sexualität, Sterblichkeit, Identität, Liebe, Macht, Technologie und unsere Beziehung zur Natur zu kontextualisieren. Im Gegensatz zu den Denkmälern der Vergangenheit, die über uns standen und uns von ihren Sockeln aus ihre Bedeutung diktierten, stehen die Figuren von heute auf derselben Ebene wie die der Betrachter:innen. Sie begegnen uns auf Augenhöhe. Bei dieser „konzeptuellen Figuration“ geht es nicht darum, Antworten zu liefern. In unserer fragmentierten Welt laden uns diese Figuren mit ihren Gesten zum Nachdenken ein.
Stedelijk Museum Schiedam
Maria Roosen / Scrub, Rake, Pour, and Sweep
22. November 2025 – 3. Mai 2026
https://stedelijkmuseumschiedam.nl/tentoonstelling/maria-roosen
www.sculpture-network.org/en/event/86894/xvi.-international-forum
Etienne Boileau hat diesen Artikel auf Englisch verfasst.