PERSONAL STRUCTURES und die Frage nach Identität: Palazzo Mora (Teil 1)

Sie hat schon begonnen! Venedig begrüßt seine Gäste zur 5. Ausgabe der Kunstausstellung Personal Structures. Acht sculpture network-Mitglieder sind in diesem Jahr an der Ausstellung beteiligt. Fünf von Ihnen stellen im Palazzo Mora aus. Wer diese sind und welchen Vorgeschmack wir von ihren Werken bereits jetzt bekommen können, erfahren Sie hier.

Es ist wieder soweit: vom 11. Mai bis 24. November 2019 findet die, aller zwei Jahre vom ECC (European Cultural Centre) ausgerichtete, Kunstausstellung Personal Structures unter dem Schwerpunkt „Identity“ statt. Veranstaltungsorte sind wie gewohnt der Palazzo Mora, der Palazzo Bembo und der Giardini Marinaressa. Ziel ist es, eine heterogene und anregende Gruppenshow darzubieten, die Impulse für neue Gedanken und Assoziationen über unser gemeinsames Leben auf Erden setzt.

Der Palazzo Mora liegt in Sestier Cannaregio zwischen San Felice und dem Canal di Noal. Fünf sculpture network-Mitglieder sind dort in diesem Jahr an der Ausstellung beteiligt. Sie gaben uns einen kleinen Vorgeschmack auf die Ausstellung.

 

Ute Krautkremer (DEU)

Ute Krautkremer, strange connections;
Papier, Draht; 150x120x 90 cm;
2018/2019; Palazzo Mora, Venedig;
© Ute Krautkremer.

Die Auseinandersetzung mit Spuren der Veränderung und Auflösung durch Zeit, Natur und menschliche Eingriffe ist ein wesentlicher inhaltlicher Schwerpunkt ihrer künstlerischen Arbeit. In der Werkserie strange connections kombiniert sie natürlich gewachsene  Strukturen mit künstlichen Formen. Gefundene Äste werden transformiert. Die Abformungen täuschen durch ihre scheinbare Echtheit vor, dass das Ausgangsobjekt noch real vorhanden und zu erkennen ist. Öffnungen und Risse gewähren aber wahrhaftige „Einblicke“ und entlarven die scheinbar kompakten Formen als lediglich formumschließende Hüllen. Das in sich verflochtene Gebilde gleicht einer Vernetzung in der alles miteinander verbunden ist, auch Elemente, die eigentlich nicht in den natürlichen Zusammenhang passen. Aber gerade dadurch werden neue Bedeutungsebenen geschaffen. “Identität“ entsteht durch solche Verknüpfungen und die Freiheit  sich auf Unbekanntes einzulassen.

 

Jill Randall (UK)

Jill Randall, Sheds of Bocholt. Bauwagen;
Mixed media; 20x 10x 9cm; 2018/19
PAPER Pavillon; Venedig; Foto: David Bennett.
 

 

Ihre Arbeit enthüllt das Erhabene und Schöne, das Poetische und Resonante an trostlosen, aber auch vielversprechenden Orten und beinhaltet oft die Arbeit mit und aus postindustriellen, "giftigen" oder "verpöhnten" Umgebungen. Die Skulpturenserie Sheds, die im PAPER Pavillon auf der Biennale in Venedig präsentiert wird, erforscht das Übersehene und Verborgene, zelebriert den Moment und improvisiert. Inspiriert wurde Randall von den vielen improvisierten architektonischen Konstruktionen um Lancashire. Bis heute ist sie fasziniert von den Materialien, die in den Schuppen und Gebäuden verwendet werden. Im „Age of the Refugee“ weisen die Werke ergreifende Nuancen auf, die auf die Idee von Schutz und Zuflucht und auf die improvisierten menschlichen Schutzräume verweisen, die aus verfügbaren Materialien in Shanty-Städten auf der ganzen Welt gebaut werden. Ihre Werke verlangen nach Erneuerung und Veränderung und machen uns bewusst, dass das Leben unbeständig und vergänglich ist, dass es ständig aufgebaut, zerstört und verändert wird, dass die Zeit vergangen ist und die Geschichte sich stetig fortschreibt.

 

Andreas Rimpel (DEU)

Andreas Rimpel, Hilfe; Bronze;
170 x 80 x 80 cm; 2018;
Palazzo Mora, Venedig;
Foto: Frank Schnellert.

Schon vor vielen Jahren begann er Menschen in Öl zu malen. Menschen inspirierten ihn jeher. Er malte sie in vielen Gemütsverfassungen: entspannt oder neugierig, nachdenklich, emotions- oder hoffnungslos. Seine Skulpturen jedoch gehen noch einen Schritt weiter: sie stellen Menschen in Extremsituationen dar. Sein Kunstwerk Hilfe gehört zu einem Zyklus, der sich mit den Sorgen und Ängsten von Menschen beschäftigt. Die Aufforderung zur Hilfe ist mehr ein natürlicher Reflex, als tatsächlich die Erwartung von Hilfe. Die unnatürliche Verkrampfung ist Ausdruck von Furcht und Verzweiflung. Ein Denkmal für am Boden zerstörte Menschen. Wie können wir Ihnen helfen?

 

Brigitte-Jutta Schaider (DEU)

Brigitte J. Schaider, The UNKNOWN MAN;
Agavenblütenholz; 9x9x27 cm; 2018;
Palazzo Mora, Venedig; © Brigitte Jutta Schaider.

Ihre Arbeit zeigt eine noch im Material steckende Figur, die  in Äußerlichkeiten eingeschlossen zu sein scheint. Eine Befreiung hat schon zum Teil stattgefunden. Ein Arm und ein beachtlicher Teil des Körpers liegen bereits frei. Auch der Kopf ist frei und somit kann es zu einer Erforschung des eigenen Seins und der daraus resultierenden Bedürfnisse kommen. The UNKNOWN MAN geht der Frage nach, ob ihn Konsum, Erfolg und Geld oder etwa die Erforschung des eigenen Inneren zu dem führt,  was nachhaltig seinen Weg aus der persönlichen, wie auch globalen, Krise aufzeigen kann. Absicht ist die Sichtbar- und Erlebbarmachung der menschlichen Struktur, ihrer Herausforderungen, ebenso wie die Erforschung  des menschlichen Strebens nach Glück und Erfüllung.

 

Martine Seibert-Raken (DEU)

„Bereits seit meiner Kindheit bin ich absolut laufbegeistert. An einem Morgen, nach etlichen Kilometern hatte ich eine Vision: Ich fragte mich, wie sich die Menschen wohl vor etlichen 100 Jahren hier  bewegt haben mögen? Von einem Ort zum anderen. Zwischen diesen wundervollen alten Baumalleen. Und wie sie sich wohl bewegen werden, wenn wir Menschen uns endgültig selbst erledigt haben sollten, in vielleicht 100 Jahren, wie etliche Prognosen vorausschauend vorsehen. Dann bleibt wohl nur eine unnatürliche Materialität anstelle dieser Baumalleen übrig, auf denen ich so selbstverständlich laufe und laufe. Irgendwann an diesem Morgen wusste ich dann, welches Material mich mit Sicherheit überleben wird - und die Baumgrenze und jedwede Grünfläche. Der Hasendraht. Zeichen der Begrenzung. Der Einschränkung. Der Linie. Des Zauns. Der Freiheitsberaubung. Wahrzeichen jedes besseren Gemüsegartens.  - Unfassbar. Mein Arbeitsmaterial.“ Tausende von Metern Hasendraht hat sie seither verarbeitet um assoziative Gebilde zu schaffen, welche Natur inszenieren und gleichzeitig einen Bruch mit der gegenwärtigen Situation darstellen. Immer deutlicher wuchsen die Bäume und Wäldchen, die Wind, Licht, Regen und Jahreszeiten sichtbar machen. Sie will Fragen aufwerfen, ihre Geschichte erzählen, die heißt „Es war einmal…“. Und diese Geschichte soll sich, einem Märchen gleich, fortsetzen - in immer neuen Teilen und dieses Jahr auch in Venedig.

Martine Seibert-Raken, Es war einmal... Unkel goes to Venice; Hasendraht beschichtet, Plexiglas; 780×480/360×240 cm; 2018/19; Palazzo Mora, Venedig; Foto: Theodora Shandé.

 

Lust auf einen Besuch bekommen? Dann schließen Sie sich uns doch einfach an!

Unsere nächste Kunstreise vom 22. bis 25. August 2019 führt uns nach Venedig. Die sculpture network Experience bietet dabei ganz individuell konzipierte Führungen. Kommen Sie mit und machen Sie den Besuch in Venedig zu einem absoluten Höhepunkt ihres internationalen Kunstjahres 2019! Bis zum 30. Juni können Sie noch von unserem exklusiven Frühbucherrabatt profitieren. Anmeldeschluss ist der 1. August 2019.

 

ZUR ANMELDUNG DER REISE

  

PERSONAL STRUCTURES – Identities
European Cultural Centre Italien
Palazzo Bembo, Palazzo Mora und Giardini Marinaressa
Venedig (ITA)
11. Mai – 24. November 2019

 

Autorin: Claudia Thiel

Claudia Thiel ist Kunsthistorikerin und stellt ihre Fragen an das Fachgebiet gerne im journalistischen Stil.

 

Titelbild: Cover: Martine Seibert-Raken, Es war einmal... Unkel goes to Venice; Hasendraht beschichtet, Plexiglas; 780×480/360×240 cm; 2018/19; Palazzo Mora, Venedig; Foto: Theodora Shandé.



 
 
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