Absolutely Magic, Magic Times

Reisebericht der sculpture network Experience Berlin im September 2018. Seit 2012 lockt die Berlin Art Week hunderttausende Besucher in die hippe Hauptstadt. Dabei tut Berlin sich gerade schwer die volatile Kunstszene weiterhin für sich zu begeistern. Die Mieten steigen und Investoren kaufen in großem Stil die beliebten Off-Locations und verfrachten Künstler kurzerhand auf die Straße
Startup statt Street Art

Startup statt Street Art heißt es immer öfter. Denn Berlins vibrierende Gründerszene und ihr Hunger nach Bürofläche haben zu einem Verdrängungswettbewerb mit der Kunstszene geführt. Längst stehen Städte wie Leipzig und Co. in den Startlöchern, um die kreative Szene für sich zu begeistern. Noch kann sich Berlin aber als der Platzhirsch der deutschen Kunstszene behaupten, nicht zuletzt dank der vielen internationalen Bewohner, die Berlin schon lange auf eine Ebene mit den Metropolen dieser Welt gehievt haben.

Berlins Kunstszene ist erwachsen geworden, so war der Besuch von sculpture network bei diesem Event längst überfällig.

Für unsere dreißigköpfige, international besetzte Reisegruppe aus einem bunten Mix von KünstlerInnen, KunstliebhaberInnen, UnternehmerInnen und Art Professionals bot sich eine unvergleichliche Experience, die wieder gezeigt hat, wie stark unser Netzwerk und seine ProtagonistInnen, die Mitglieder, sind.

Denn neben der Erkundung der lokalen Kunstszene steht bei unseren Reisen vor allem das Networking und die Gruppenerfahrung im Vordergrund. So zeigte sich schon bei unserer Ankunft am Donnerstag, dass die Gruppe, fast ausschließlich mit sculpture network Mitgliedern besetzt, sehr gut zusammenpasste und sich sofort ein intensiver Dialog zwischen den TeilnehmerInnen entwickelt.

Zunächst besuchten wir den Salon Berlin des Museum Frieder Burda wo uns Sophie Mattheus in die aktuelle Ausstellung der Künstlerin Candice Breitz einführte. Schon vor der großen #metoo Debatte widmete sich die Künstlerin der Thematik durch Interviews südafrikanischer Sexarbeiterinnen, die im Gespräch Einblicke in ihr Leben geben. Die Vielschichtigkeit der Positionen dieser Diskussion, welche schon bei unserem Besuch in Sydney im Oktober 2017 offenkundig wurde, zeigt Wirkung. Dort konnten wir dies vor der weltberühmten Oper durch die Installation 200 Women the listening ground näher betrachten. Auch im Jahr 2018 steht unserer Gesellschaft hier eine große Aufgabe bevor.

Mit diesen ersten Eindrücken und einem Dachterrassen-Ausflug, der uns die schiere Größe Berlins vor Augen führte ging es in den zweiten Tag.

Tomás Saraceno – Kunstsaele – Potsdamer Straße

Highlight des zweiten Tages war der Besuch des Studios von Tomás Saraceno. Auch wenn der große Meister kurzfristig persönlich absagen musste, er bereitet gerade eine große Ausstellung in Paris vor, gewährte uns sein Team intime Einblicke in das Wirken einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit. 
Saracenos Spiel mit Formen, Natur und Technologie faszinierte uns. Neben Spinnen und gewagten Formen, inspirierte uns vor allem sein Faible für Technologie, was durch die vielen Fachbücher zu Aerodynamik und Mechanik zutage trat. Dabei schwingt stets seine Idee einer nachhaltigeren Welt mit, die sich emanzipiert von den Auswirkungen der Industrialisierung. Er stellt dabei die Frage „Wohin geht unsere Gesellschaft?“ – in Zeiten von Digitalisierung und Industrie 4.0 sicherlich ein Kernthema für Wissenschaftler, Philosophen und auch die Künstler.

Mit einem hervorragenden Mittagessen gestärkt betraten wir das Überraschungsei unserer Reise – die Kunstsaele Berlin.

Oft stellt man sich beim erstmaligen betreten einer Ausstellung die Frage „Was erwartet mich hier?“, so auch in den Kunstsaelen, in denen zunächst der Minimalismus und die Konzentration auf das Einfache ins Auge sprangen. Die Kunstsaele sind sicherlich ein Ort für anspruchsvolle Kunstbetrachtende und leben von der Energie und dem Charisma ihrer GründerInnen. Michael Müller, eine faszinierende Persönlichkeit, führte uns mit seinem eloquenten Stil durch die Exponate, die zunächst einfach wirkten, aber durch die Erläuterungen an Kraft und Ausdruck gewannen, wie man es sich kaum vorstellen kann.
Es fällt schwer dies beim Schreiben dieses Berichts in Worte zu fassen, denn die Aura eines Michael Müller, der lange Jahre in Tibet buddhistische Philosophie studierte, in Worte zu fassen ist schier unmöglich. Dies muss man selbst erleben, so hatte unser Reiseleiter alle Mühe die Teilnehmer von diesem magischen Ort loszueisen.

Der neue Galerien Hotspot Potsdamer Straße

Zum Abschluss des Tages stand noch das neue Mekka der globalen Player der internationalen Galerieszene auf dem Programm. Zwischen den Galerien Esther Schippers, blainsouthern, Reiter und Co. konnten wir einige Vernissagen besuchen und so auch das ein oder andere Freigetränk ergattern. Die TeilnehmerInnen konnten frei ihren Impulsen folgen und den Komplex auf eigene Faust erkunden.

Wer bist du? Positions – Julia Stoschek Collection – Sammlung Boros

Tag drei startete mit einer Vorstellungsrunde der TeilnehmerInnen in der Galerie unserer Reiseleiterin Paulinas Friends – immer wieder erfahren wir Geschichten unserer ehemaligen TeilnehmerInnen, die auf einer Reise Leute getroffen haben, mit denen sich Freundschaften entspannen und Projekte entstanden. So legen wir bei sculpture network sehr viel Wert darauf dies zu befeuern. Hier konnten sich die ReiseteilnehmerInnen 90 Sekunden der Gruppe vorstellen und ihre Ideen austauschen. Wir sind gespannt, was aus dieser Exkursion entstehen wird!

Nachdem wir von mehreren Seiten darauf hingewiesen wurden, dass die Positions wesentlich stärker sei als die Art Berlin, änderten wir kurzerhand unser Programm und besuchten auf Einladung des Gründers Kristian Jarmuschek die Positions Messe (später teilten uns zwei aus der Gruppe, die Nachmittags auf eigene Faust die Art Berlin besuchten mit, dass unsere Entscheidung goldrichtig war).
Zwar sucht man auf der Positions die ganz großen Namen der Galerieszene vergeblich, dennoch können wir sagen, dass die Qualität der gezeigten Arbeiten für eine Messe herausragend gut war.
Nach einer Begrüßung und Einführung des Gründers Kristian Jarmuschek bekamen wir noch eine kurze Führung, in der sich die gesamte Bandbreite der Messe offenbarte.
Auch das ein oder andere sculpture network Mitglied konnten wir als Aussteller auf der Messe entdecken.
Es ist erstaunlich, wie sich die Positions in der kurzen Zeit seit ihrer Gründung 2014 etablieren konnte. Jarmuscheks Konzept ist dabei voll aufgegangen sein Ansatz, dass man aufgrund der hervorragenden Kuratierung „jedes Werk auf der Messe kaufen kann, ohne dass man zu Hause das böse Erwachen bekommt“ geht voll auf. Dabei reicht die Preisspanne auch tief in den fünfstelligen Bereich hinein und lockt so nicht nur die kleinen Sammler an, sondern auch internationale Größen auf der Suche nach dem „next big emerging artist“.
Im Gegensatz zur Art Berlin ist dabei durchgängig ein roter Faden erkennbar, der den BetrachterInnen stets vermittelt den Teil eines Ganzen zu betrachten.

Wir waren erstaunt über den hohen Anteil dreidimensionaler Kunst. Ein Trend, der sich auf immer mehr Veranstaltungen beobachten lässt und zeigt, dass Skulptur aus seinem Schattendasein der Jahrtausendwende herausgetreten ist und nun einen wesentlichen Beitrag zur Bereicherung der Kunstwelt beiträgt. Hier haben es die Messebetreiber verstanden einen Dialog herzustellen zwischen dem Flachen an der Wand und dem Dreidimensionalem im Raum. Eine Spannung, die der Kunst guttut und uns in unserer nunmehr fünfzehnjährigen Arbeit bestätigt.

Berlins private Sammlungen

Zum Abschluss unserer Reise standen noch zwei der bekanntesten Berliner Sammlungen auf dem Programm.

Die Julia Stoschek Collection Berlin zeigte eine in Kooperation mit der Londoner Serpentine Gallery entstandene und von Hans Ulrich Obrist kuratierte Ausstellung mit den KünstlerInnen Arthur Jafa, Frida Orupabo, Ming Smith und Missylanyus. 

Thematisch stark an der schwarzen Bürgerrechtsbewegung orientiert, sahen wir hier vor allem Eindrucksvolle Fotos und Videoinstallationen. Thematische Parallelen zum Salon Berlin wurden offenkundig und zeigen, dass unsere Gesellschaft weiterhin vor großen Aufgaben bei der Gleichbehandlung von Menschen vor sich hat. Da wir am Tag zuvor live mitten in einer Demonstration gegen den türkischen Präsidenten Erdogan standen (dessen Besuch in Berlin zeitgleich stattfand und uns logistisch vor einige Probleme stellte), konnten wir sofort eine Verbindung zu den gezeigten Arbeiten herstellen. Das sculpture network Jahresthema 2019 wird Dreidimensionale Kunst und Gesellschaft lauten – wir sind wir schon gespannt, was unser Netzwerk unter dem Motto sculpt the world zu den aktuellen Problemstellungen beitragen kann.

Zu guter Letzt ging es noch in die Sammlung Boros, die sicherlich durch ihre Lokalität, ein Bunker aus dem zweiten Weltkriegt, zu den bekanntesten Sammlungen Berlins zählt. Normalerweise nur für Führungen geöffnet verfolgte man während der Art Berlin ein spannendes Konzept, dass aus unserer Sicht gerne weiter verbreitet werden könnte. Im gesamten Bau verteilt befanden sich äußerst kundige junge KunsthistorikerInnen die auf Nachfrage Erläuterungen zu den ausgestellten Werken machten, die sich oft nicht sofort durch reines betrachten erschlossen. So entstand eine interaktive Museumserfahrung, die Barrieren zum Kunstverstehen abbaut und auch den ungeübten BetrachterInnen die Möglichkeit gibt das gesehene zu verstehen und zu verarbeiten.

Ein gelungener Abschluss!

Magic Times

Bevor unsere, mittlerweile zu einer Einheit verschweißte, Reisegruppe sich wieder auf den Heimweg machte, stand noch unser letztes gemeinsames Abendessen auf dem Programm. Vom Moment und den gemachten Erfahrungen überwältigt, wurden spontan Reden geschwungen, welche kurzerhand in die fünf Sprachen der ReiseteilnehmerInnen übersetzt wurden (herzlichen Dank an Rainer Fest, Johannes von Stumm, Günther Grättinger und Carla Rump!) Wir als VeranstalterInnen waren vollkommen überwältigt von dem großen Zuspruch und der Begeisterung der Teilnehmenden. Mal wieder wurden wir darin bestärkt wie wichtig unsere Arbeit ist und wie wohlwollend sie von euch Mitgliedern aufgenommen wird.

Autor: André Kirberg

 

André Kirberg ist Managing Director 
der sculpture network service GmbH.
Er begleitete die Reisegruppe durch Berlin
und war überwältigt von der positiven Reonanz der TeilnehmerInnen.

 

 

Der Titel des Artikels Absolutely Magic, Magic Times ist ein Zitat aus der spontanen Rede von Johannes von Stumm am Abschlussabend .



 
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