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Politische Skulptur in Spanien. ├ťber Erinnerung, Demokratie und kritische Blicke

Nach dem B├╝rgerkrieg zitterte Spanien von 1936-1975 unter General Francos Diktatur. Avelino Sala, K├╝nstler, Kurator und Herausgeber, zeigt wie spanische Kunstschaffende dieses dunkle Kapitel der spanischen Geschichte, das nur zu oft ├╝bergangen wird, aufarbeiten.

Paula Rubio Infante, Das ist ein Loch
(2019), Eisen und Holz, Mit
freundlicher Unterst├╝tzung der Stadt
Madrid, Abteilung f├╝r kulturelle F├Ârderung

Zum Auftakt einige Gedanken zur Skulptur der politischen Stimmung in einem Land, in dem historisches Erinnern ein vages, diffuses und verschwommenes Konzept ist. Denn auch nach dem Fall der Diktatur in Spanien ging das Leben f├╝r die Franquisten seine ÔÇ×normalenÔÇť G├Ąnge. W├Ąhrend des ├ťbergangs zur Demokratie behielten ihre Familien, verh├╝llt und verharmlost, ihren gro├čen Reichtum und den Gro├čteil ihrer Macht in der Gesellschaft, in weniger sichtbaren Positionen, aber immer noch unter uns. Heute, im Jahr 2021, leben wir fort als die Erben dieses Mangels an Gerechtigkeit, dieser Restauration und dieses demokratischen Vakuums.

Viele spanische Kunstschaffende haben bis zum heutigen Tage mit dem Konzept von Erinnerung, Kritik an vergangener und heutiger Zeit gearbeitet und dessen Verh├Ąltnis zu Gesellschaft, Politik und Erinnerung mit Blick auf Demokratie, den Staat, unsere nahe Vergangenheit, das Verm├Ąchtnis der Franco-Diktatur und deren Konsequenzen f├╝r unsere Gegenwart in den Fokus genommen. Die Problematik wird durch die Kunstschaffenden aus unterschiedlichen ├Ąsthetischen und ideologischen Blickwinkeln betrachtet.

 

Franco im Coca Cola Cooler

Einer der K├╝nstler, die mein Interesse geweckt haben durch ihren Mix von Erinnerung und Kritik am Vergangen mit einem gewissen Qu├Ąntchen Humor und radikaler Kritik ist Eugenio Merino (1975, Madrid).

 

Eugenio Merino, Francisco Franco im
Coca-Cola-Cooler (Always Franco) (2012),
Mixed Media. Ausstellungsansicht ARCO, Madrid

In den vergangenen Jahren, seitdem Merino auf der ARCO-Messe sein Werk Franco im Coca-Cola-Cooler vorgestellt hat, wurden wir regelrecht ├╝berflutet mit einem Wasserfall von Informationen: Die Klage der Franco-Stiftung (von deren unwahrscheinlicher Existenz viele erst durch diesen Prozess erfuhren), das Gerichtsverfahren, die darauf folgenden Ereignisse und der letztendliche Sieg der Meinungsfreiheit. Darauf folgte wiederum ein zweites Gerichtsverfahren der Stiftung gegen das Werk Punching Franco, bei dem der Kopf des Diktators mit einem blauen Auge auf einem zum Boxen gedachten Punchingball abgebildet ist. Der Prozess nimmt nun seinen gerichtlichen Lauf in einer Art erm├╝denden Dauerschleife, ersch├Âpfend f├╝r jedermann, allem voran f├╝r den K├╝nstler. Merino ist einer der interessantesten Kunstschaffenden in diesem fluiden Panorama von politischer Kunst. Denn das kritische Ausma├č seiner Werke, die Bezug nehmen auf den Diktator und die sozialen Auswirkungen seiner Politik, wirkt wie ein glasklarer Spiegel, der der spanischen Gesellschaft von 2021 vorgehalten wird. Sein Werk hinterfragt die Erinnerung des Diktaturtraumas, die in der Zeit stillsteht, ebenso wie die endlose Wiederholung einer Bildsprache, die fortbesteht zum Trotz aller folgenden Generationen.

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Jorge Garcia, Architektur der Abwehr I, II und III (2015), Eisen mit Farbe und polierter rostfreier Stahl

 

Skulptur und Schusswaffe

Ebenso wichtig ist es, das Werk von Jorge Garcia (1977, Toledo) hervorzuheben. Er greift den Gedanken der Erinnerung auf und wendet ihn auf das Pers├Ânliche an, mit einem gewissen politischen Touch. Seine Skulpturen verweisen direkt auf soziale Konstrukte wie Grenzen, Barrieren und Mauern. Diese Begrenzungen stehen immer in Bezug auf das Thema Isolation, und die damit verbundene kollektive Erinnerung eines Landes, das sich unter der Diktatur in einer Form von Abgrenzung befand. In seinem j├╝ngsten Projekt Vom Gro├čen Anderen zum Objekt von verwandelt Garcia die Gewalt durch Waffen in eine ├ťbung der Bildhauerei. Durch das Schie├čen auf eine Reihe ihm wichtiger B├╝cher, wie das spanische Grundgesetz, die Bibel oder MarxÔÇś Kapital, t├Âtet er seinen Vater und mystifiziert, was von ihm ├╝brigbleibt ÔÇô dadurch entstehen Reliquien, die wiederum zur Skulptur werden, aber: zur traumatisierten Skulptur.

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Fernando Sanchez Castillo, Guernica Syndrom (AZOR), 2012, Aluminium, verschiedene Abma├če, Ausstellungsansicht, Die Stofflichkeit des Unsichtbaren, Bureau Europa, Maastricht, NL, Mit freundlicher Genehmigung von tegenboschvanvreden, Amsterdam, NL

 

Weithin bekannt ist das Werk von Fernando Sanchez Castillo (1970, Madrid), ein K├╝nstler, der sich seit mehr als zwanzig Jahren mit dem Franquismus, seinen Widerspr├╝chen und Paradoxen befasst. Themen wie das Verh├Ąltnis zwischen spanischer Staatsb├╝rgerschaft verschiedener Generationen und der Diktatur oder das Monument als Fetisch, in welchem Heldenhaftigkeit zu einem gewissen Grad ins L├Ącherliche verzogen wird, ziehen sich durch sein Werk. Sanchez Castillo spricht ├╝ber Erinnerung als Darreichung einer Art Asche dunkler Zeiten f├╝r unser Volk und als kollektive Erinnerung mit Augenmerk f├╝r Trauma und Katastrophe. Zum Beispiel sein Werk Guernica-Syndrom, f├╝r welches der K├╝nstler die ├ťberbleibsel des Schiffs Azor kaufte, welches der Diktator in seiner Freizeit nutzte. Sanchez Castillo formte es um in ein minimalistisches Werk, Kuben, die Zeugen einer Zeit sind, die niemals wiederkehren wird.

Das Werk von Nuria Guell (1981, Videras) wird zumeist der sozialen Skulptur zugeordnet, steht aber auch f├╝r Kampf und Widerstand mithilfe von Kunst. Aus ihren vielen Werken sticht die Arbeit Wiederauferstehung heraus, ein Projekt, mit dem sie die Francisco Franco Stiftung sichtbar machte (die wiederum durch Merino ├╝berhaupt ans Licht gebracht wurde). Die K├╝nstlerin dr├╝ckt ÔÇ×poetische GerechtigkeitÔÇť aus, indem sie Memorabilien des Diktators aufkaufte, danach die Zahlungen ├╝ber Paypal r├╝ckg├Ąngig machte und, um der Sache in Ende zu setzen, die Statuen des Diktators in einem Graben vergrub. Damit referiert sie auf die Verscharrung der Verlierer des B├╝rgerkrieges in Massengr├Ąbern, deren Erinnerung niemals aufgearbeitet wurde.

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Paula Rubio Infante, Was nicht gesehen, gez├Ąhlt, geschrieben, existiert trotzdem, 2020, Eisen und Holz

 

Trauma durch Gefangenschaft und Strafe

Daneben gibt es weitere Kunstschaffende, die selbige Themen ansprechen und ins Verh├Ąltnis zu Vergangenheit und Demokratie setzen; aus anderen Blickwinkeln, vielleicht weniger offensichtlich, aber nicht weniger effektiv. Paula Rubio Infante (1977, Madrid) konzentriert sich auf Entzug von Freiheit als Referenzquelle f├╝r seine Arbeiten. Die Formalisierung von Trauma durch Gefangenschaft, ├ťberwachung und Strafe (typisch f├╝r Francos Diktatur) wird ausgedr├╝ckt mittels Objekten aus Gef├Ąngnissen, M├Âbelst├╝cken und gewaltsamer Gegenst├Ąnde, die als plastische Skulpturen ein stilles, aber m├Ąchtiges Werk erschaffen, reich an Bedeutung. Die Gewalt in den Gef├Ąngnissen der Vergangenheit, sowohl k├Ârperlich als auch psychologisch, tritt in diesen Werken hervor. Ein subtilerer Ansatz, der Skulpturen magischer Sch├Ânheit hervorbringt, aber auch Unbehagen hervorruft┬á ÔÇô widerspr├╝chliche Empfindungen eines ├╝berw├Ąltigenden Werkes.

Dieser Blick in unsere eigene Vergangenheit ist kennzeichnend f├╝r die gegenw├Ąrtige Skulptur in Spanien. Weit mehr als die oben genannten Kunstschaffenden arbeiten mit der Materie Erinnerung, doch k├Ânnen sie hier nicht allesamt vorgestellt werden.

Wenn es den obengenannten K├╝nstler*innen gelingt, Projekte zu entwickeln, die an das, was war, erinnern und Vorschl├Ąge unterbreiten, wie wir, als Gesellschaft, daf├╝r sorgen k├Ânnen, dass sich Geschichte nicht wiederholt, ist ihre Arbeit bereits ein riesiger Erfolg. Denn wir k├Ânnen und d├╝rfen nicht vergessen. Eine Kunst des Erinnerns.

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Autor: Avelino Sala, (Gij├│n-Espa├▒a, 1972) is K├╝nstler, Kurator und Herausgeber des Sublime Magazin.

 

 

Durch stetes Ergr├╝nden der sozialen Bildsprache versucht Sala den Finger auf deren Wunden zu legen. Dabei demonstriert er die Macht von Kunst als Raum f├╝r Experimente und die Gestaltung neuer Welten. Sala spricht sich aus f├╝r Kunst als Tr├Ąger politischen Widerstandes. Seine Arbeit ist gepr├Ągt von einer Poetik, die der Staatsmacht und der Kontrolle, die sie aus├╝bt, den Spiegel vorh├Ąlt. Seine markante ├ästhetik best├Ąrkt einen Diskurs, der sowohl n├Âtig wie auch m├Ąchtig ist, und relevante und heikle Themen wie Migration, aktuelle Entwurzelung, die Klimakrise und die Paradoxen des Kapitalismus einschlie├čt.

 

Dieser Artikel wurde am 30. April 2021 ver├Âffentlicht.

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