Schwärzer als schwarz: Die dunkle Seite der Skulptur

Schwärze, Dunkelheit, Finsternis. Bei diesen Begriffen denken die meisten sicher erst einmal mit Halloween im Rücken an Spukschlösser und Melancholie. Warum aber so einseitig? Auch die Skulptur hat eine dunkle Seite, die Künstler wie Anish Kapoor seit Jahren ausschöpfen. Warum die Arbeit mit den Schattenseiten es ganz besonders in sich hat, haben wir mit drei sculpture network Mitgliedern diskutiert. Stürzen Sie sich ins Dunkel und erleben Sie es einmal ganz neu!
Natasja van der Meer, "Spark in the Dark", 2014, wood, brass, nylon, perspex, 30 x 30 x 50 cm, Foto: Xander Remkes
Natasja van der Meer, "Spark in the Dark", 2014,
wood, brass, nylon, perspex, 30 x 30 x 50 cm,
Foto: Xander Remkes

Mit dem November halten in vielen Ländern die dunkleren Tage Einzug: Es geht auf den Winter zu, es stürmt, es regnet, Grau- und Schwarztöne legen sich über die Welt. Für manch einen ein Grund, seufzend aus dem Fenster zu schauen und die hellere Jahreszeit herbeizusehnen. Für manch einen aber auch Inspiration. Das Dunkel regt uns zur Reflexion an, zum Blick in die Tiefe. Es ist kein Zufall, dass Dunkelheit in der Kunst schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat – wenn auch häufig nur im Kontrast zur Helligkeit. Licht und Schatten oder Licht und Dunkelheit sind vor allem in der Architektur beliebte Themen. Auch uns hat es schon mit genau diesem Anliegen in Bauwerke wie die Sagrada Familia in Barcelona verschlagen. Aber was passiert, wenn wir die Dunkelheit aus diesem Kontrast herausreißen und sie für sich stehen lassen?

Mit dieser Idee beschäftigt sich Anish Kapoor schon viele Jahre. Die Karriere des britischen Künstlers hat viele Experimente gesehen, von leuchtenden Farben bis zu spiegelnden Oberflächen –oft monumental gedacht. Aber der Reiz des Dunklen, die Suche nach dem reinen Schwarz schienen ihn nicht loszulassen. Also sicherte er sich 2016 die exklusiven Rechte an der Farbe Vantablack, das im Jahr 2014 eigentlich als Material für praktische Zwecke wie die Raumfahrt vorgestellt worden war. Als „schwärzestes Schwarz“ ging es durch die Medien; ebenso wie Kapoor, der in der Kunstszene mit seiner Monopolisierung der Farbe Empörung hervorrief. Aber lassen wir diese Kritik einmal beiseite. Denn faszinierend ist es schon, dieses reine Schwarz, das kaum Licht reflektiert und dem Betrachter das Gefühl gibt, ins Nichts zu fallen (so bereits wortwörtlich geschehen, wie ein beklagenswerter Tourist in Portugal erleben musste).

Thomas Lucker, "Körper 2", 2016, Thüster Kalkstein, 46 x 75 x 4 cm, Schwarzweiß-Belichtung, Foto: Thomas Lucker
Thomas Lucker, "Körper 2", 2016, Thüster Kalkstein, 46 x 75 x 4 cm,
Schwarzweiß-Belichtung, Foto: Thomas Lucker

 

Von Kapoors Lizenzstreit kann man halten, was man will, aber seine tiefschwarzen Werke sind zweifelsohne beeindruckend. Vantablack selbst ist in seinen veröffentlichten Arbeiten noch gar nicht zum Zuge gekommen, aber eine ganze Reihe an Vorgängerexperimenten, die an das schwärzeste Schwarz ganz schön nah herankommen. Das Spiel mit der Perspektive und die Täuschung des menschlichen Auges steht bei vielen von ihnen im Vordergrund. Die Dunkelheit in Kapoors Werk hat vor allem eines zum Ergebnis: Sie desorientiert. Steht man vor einer seiner Skulpturen, weiß man nicht, ob man den eigenen Augen trauen kann. Dann wird es notwendig, den Blick nach innen zu wenden. Anish Kapoors Spiel mit der Dunkelheit bringt uns unserem Selbst vielleicht ein Stückchen näher.

Stephanie Hermes, "Schwarze Madonna II", 2016, Bronze, 75 x 25 x 25 cm, Foto: Achim Bartel
Stephanie Hermes, "Schwarze Madonna II", 2016,
Bronze, 75 x 25 x 25 cm, Foto: Achim Bartel

Dass Dunkelheit Inspiration bringen und Emotionen schüren kann, ist auch unserem Mitglied Stephanie Hermes nicht fremd. Dabei war Dunkelheit eigentlich nie als zentrales Thema ihrer Arbeiten beabsichtigt. Warum es sich trotzdem wie ein roter (oder vielmehr: schwarzer) Faden durch ihr Schaffen zieht, erklärt sie sich damit, dass sie „als Künstlerin nicht an den inneren Bildern vorbeikommen bzw. arbeiten kann.“ Dunkelheit bedeutet für sie vor allem: „einen Zustand ohne Ablenkung – der den Blick auf das Wesentliche ermöglicht. Dunkelheit ist verbunden mit einem angstvollen Teil, aber auch mit dem mystischen, geheimnisvollen Teil, der aus der Angst eine Kraft entstehen lassen kann.“ Das Wesentliche ist also, das Dunkel zu umarmen, sich darauf einzulassen und die Schönheit und Inspiration zu sehen, nicht die Tristesse eines regnerischen Novembertags.

Thomas Lucker, "Körper 1", 2016, Thüster Kalkstein, 44 x 80 x 4 cm, Schwarzweiß-Belichtung, Foto: Thomas Lucker
Thomas Lucker, "Körper 1", 2016, Thüster Kalkstein, 44 x 80 x 4 cm,
Schwarzweiß-Belichtung, Foto: Thomas Lucker

 

Ähnlich geht es auch unserem Mitglied Thomas Lucker. Sein Werk thematisiert vor allem das Zusammenspiel von Licht und Schatten in einer Kombination aus Steinskulptur und Fotografie. Die besonderen Eindrücke seiner Fotografien ergeben sich dadurch, dass er den zuvor behauenen Stein in der Dunkelkammer nass-chemisch belichtet. Das Endergebnis ist eine Fotografie, die Skulptur und Bild, Licht und Schatten vereint. Für ihn geht von Dunkelheit etwas Beruhigendes und Beständiges aus. „Dunkelheit ist die Abwesenheit von Licht, aber in ihr ist alles enthalten“, erzählt er uns auf die Frage hin, was Dunkelheit für ihn persönlich als Künstler und für sein Werk bedeutet. „Sie steht für Geborgenheit, für Erotik und Verführung, für das Verruchte und das Unbekannte, das Geheimnisvolle und das Bedrohliche und am Ende auch für den Tod. Die Bandbreite dieser Assoziationen spiegelt sich in meinem Werk wider.“ Vielleicht eine überraschende Antwort. Während ein Material wie Vantablack Leere suggeriert, die Abwesenheit von Inhalt, kann das Dunkel auch ganz gegenteilig Fülle bedeuten, ein breites Spektrum an Inhalten und Assoziationen. Für einen Künstler wie Thomas Lucker repräsentiert sie Vielfalt und Kontrast. Und auch daraus erwachsen Inspiration und Schönheit.

Natasja van der Meer, "Lost in Paradise", 2013, wood, ceramic, nylon, perspex, 30 x 40 x 60 cm, Foto: Xander Remkes
Natasja van der Meer, "Lost in Paradise", 2013,
wood, ceramic, nylon, perspex, 30 x 40 x 60 cm,
Foto: Xander Remkes

Für unser niederländisches Mitglied Natasja van der Meer hat Dunkelheit eine ganz besondere, emotionale Bedeutung, die sie immer wieder künstlerisch in ihren Werken verarbeitet. Sie berichtet uns von einem Schlüsselerlebnis aus ihrer Jugend: „Als ich in der Pubertät einige düstere Momente hatte, gab mir mein Vater symbolisch ein Buch mit dem Titel Ein Funke in der Dunkelheit. Er hatte die Seiten herausgeschnitten und stattdessen eine kleine Kerze in das Buch gestellt. Ich fand das brillant und es hat meine ganzen Pubertätsprobleme viel leichter erscheinen lassen; ich habe realisiert, dass ich das alles nicht zu ernst nehmen sollte. Mein heutiges Werk hat auch oft einen Twist dieser Art.“ Dunkelheit transportiert also nicht nur Emotionen, sondern auch Witz! Und das gilt nicht nur für den buchstäblich schwarzen Humor. Natasja hat jedenfalls für sich einen Weg gefunden, mit dem eigenen Dunkel umzugehen und es ins Positive, ins Schöpferische zu wenden.

Vielleicht liegt es daran, dass uns Kunstwerke, die Dunkelheit thematisieren, so besonders faszinieren; sie zwingen uns, mit dem Dunkel umzugehen: mit dem, was man vor sich hat, aber auch mit dem eigenen. Und in dieser Auseinandersetzung finden wir oft unerwartet Ästhetik und Bedeutung und eine Vielzahl von Assoziationen. Dunkelheit und Schwärze lassen sowohl den Künstlern und Künstlerinnen als auch den Betrachtenden ein hohes Maß an Freiheit: die Freiheit, Dinge zu sehen oder eben nicht zu sehen. Darum lasst uns die Dunkelheit feiern! Sie ist voller Sinn – es liegt nur jedes Mal aufs Neue an uns, ihn zu entschlüsseln.

Autorin: Sophie Fendel

Sophie hat ihre Leidenschaft für Dreidimensionale Kunst im sculpture network Büro in München neu entdeckt. Seit einigen Monaten arbeitet sie an ihrer Promotion - kleine gedankliche Ausflüge in From von Essays über die Skulptur sind da eine willkommene Abwechslung.

 

 

 

 

Titelbild: Stephanie Hermes, "Olivia", 2013, Holz, 400 x 200 x 60 cm, Foto: Achim Bartel 

 



 
 
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