Wandel der Landschaft materialisiert im niederländischen Land-Art-Werk von Bob Gramsma

Die Niederlande und der Kampf gegen das Wasser sind eins. In Flevoland wurde Meer zu Land. Diese Transformation begründete Land Art Flevoland, eine Serie von neun Land-Art-Werken. 2019 wurde das beeindruckende Riff, PD #18245 aus Beton von Bob Gramsma (1963 CH/NL) enthüllt, mit dem der Künstler die Spuren der Eindeichung zeigen will.
Land Art in Flevoland

Beim Bau des Flevopolders einigten sich die Ingenieure und Planer, Platz für eine Reihe von großformatigen Land-Art-Kunstwerken zu schaffen. Ab den siebziger Jahren wurden weltberühmte Künstler wie Robert Morris, Richard Serra und Daniel Libeskind eingeladen, hier Großprojekte zu realisieren. Der Niederländer Piet Slegers baute 1982 seine Aardzee (dt. Erdsee), Marinus Boezem folgte 1996 mit seiner Groene Kathedraal (dt. Grüne Katherdrale).

Die jüngsten Ankäufe sind Exposure (2010), ein riesiger sitzender Mann auf dem Deich bei Lelystad, vom Briten Antony Gormley und Pier + Horizon (2016) von Paul de Kort. Riff, PD #18245 von Bob Gramsma ist das achte Landschaftskunstwerk der Sammlung.

Bob Gramsma, Riff, PD #18245, 2019, Foto: Bob Gramsma

 

Von oben gesehen wirkt es wie ein wolkenförmiger Landeplatz für UFOs. Und auch die Vorderseite des Kunstwerks sieht ein wenig wie ein Raumschiff aus, mit einer Treppe, die vom Boden zu einer Aussichtsplattform führt. Von der Seite hingegen gibt sich Riff, PD #18245, das neue Landschaftswerk von Künstler Bob Gramsma, ganz organisch – mit erodierten Erdschichten ähnlich einer Bergwand in einem Canyon.

Riff, PD #18245, ein Betonkoloss von fast vierzig Metern Länge und sieben Metern Höhe, ist das achte Landschaftskunstwerk von Flevoland. Es wurde in den vergangenen Monaten auf einer Ackerfläche in der Nähe von Dronten errichtet, nur einen Katzensprung vom Freizeitpark Walibi entfernt. In Auftrag gegeben wurde das Werk von der Provinz Flevoland, um den hundertsten Jahrestag der Verabschiedung des Zuiderzee-Gesetzes zu feiern. Dieses gab damals den Startschuss zur Umsetzung der Einpolderungspläne von Ingenieur Cornelis Lely.

Bob Gramsma, Riff, PD #18245, 2019, the making of, Foto: Bob Gramsma

 

Mit meinem Kunstwerk möchte ich die Spuren dieser hundert Jahre zeigen, sagt Bob Gramsma (1963). Sein Riff ist buchstäblich aus dem Polderlehm gehoben. Für die Umsetzung seines Werkes wurden zunächst 15.000 Kubikmeter Boden bis zum Grundwasserspiegel ausgehoben. Mit dieser Mischung aus landwirtschaftlicher und Zuiderzee-Erde baute er einen Berg, in den er von oben herab hineinzugraben begann – mit Maschinen, aber auch von Hand. Dadurch entstand ein amorphes Loch – eine Form, für die es eigentlich kein Wort gibt. Der Hohlraum wurde anschließend mit einer dünnen, etwa fünfzehn Zentimeter dicken Haut aus Spritzbeton bedeckt. Danach wurde der Hügel abgetragen und eine Restform blieb übrig.  

Einige Wochen vor der Abnahme inspizierte der Künstler auf einer wackeligen Hebebühne stehend die Oberfläche des Riffs. Gramsma zeigt auf die Muscheln vom Grund der Zuiderzee, die wie Fossilien Abdrücke im Beton hinterlassen haben. Auch die Spuren des Baggers sind sichtbar, sowie der Handabdruck des Künstlers und Zigarettenschachteln und -papiere, die von den Bauarbeitern  im Beton zurückgelassen wurden. Dieses Kunstwerk ist ein Abbild des gesamten Arbeitsprozesses; man sieht sozusagen die geologischen Zeitlinien.

Er wollte einen Raum rein durch das Graben selbst schaffen, erklärt Gramsma. Ein Bildhauer arbeitet normalerweise von außen nach innen, indem er in Stein meißelt oder in Holz schnitzt. Ich arbeite von innen heraus und benutze die Landschaft als Schalung. Das Volumen und die Einbettung der Arbeit ist genau bestimmt und berechnet, aber die äußere Schicht, das Aussehen, ist immer eine Überraschung.

Bob Gramsma, Riff, PD #18245, 2019, the making of,
Foto: Bob Gramsma

Dass das Graben auch eine Form der Bildhauerei sein kann, entdeckte Gramsma während seines Studiums an der Kunstakademie in Zürich. Ich erinnere mich noch sehr gut, dass wir die Aufgabe bekamen, unsere eigenen Gesichter zu modellieren. Da kam ich auf die Idee, mein Gesicht aus dem Ton herauszugraben und die Form mit Gips zu füllen. Ich habe versucht zu verstehen, was Raum ist. Wie können wir den Raum um uns herum nicht als Form sehen? Ich wollte diesen Raum materialisieren.

 

Schon bald nach seinem Abschluss wurde Gramsma gebeten, eine Arbeit für die Skulpturenausstellung der Sonsbeek '93 (Anm. d. Red.: Quadriennale zu Arnheim, NL) einzureichen. Er fertigte einen Abguss des Treppenhauses in seinem Haus in Arnheim an. Dafür kleidete er den Raum komplett mit Latex aus. Es war ein hermetisch abgeschlossener Raum. Nur durch das Schlüsselloch in der Tür konnte ich Luft in die dünne Haut pressen. Etwa zu dieser Zeit entdeckte ich, dass auch die britische Künstlerin Rachel Whiteread mit umgekehrtem Volumen arbeitete. Anscheinend lag es in der Luft, Er lacht: Sie ist nur ein bisschen berühmter geworden als ich.

Löcher scheinen keine Form zu haben, sagt Gramsma. Aber wenn man einen Raum materialisiert, wird die Form sichtbar. Mit seiner spitzen Front ähnelt das Werk bei Dronten einem Hai oder einem Alligator. Vielleicht bekommt das Kunstwerk im Volksmund sogar einen Spitznamen, schmunzelt Gramsma, und dann wird es bald als das Krokodil des Flevopolders bekannt sein.

Bob Gramsma, Riff, PD #18245, 2019, the inside, Photo: Bob Gramsma

 

In den kommenden Jahren soll die Natur das Kunstwerk wieder in Besitz nehmen. Der Beton ist saubergewaschen, aber es gibt noch genug Tonreste, auf denen Moos und Unkraut wachsen können, versichert der Künstler. Er ließ absichtlich Löcher in den Wänden, damit Vögel und Fledermäuse in der Skulptur, die von innen so hohl und zerklüftet wie eine Höhle ist, nisten können. Jetzt gebe ich das Werk an die Landschaft zurück, sodass es langsam wachsen kann, ganz wie ein echtes Riff. In fünf Jahren wird es ganz anders aussehen.

Land Art Flevoland liegt mitten in den Niederlanden und ist täglich 24 Stunden lang geöffnet.

https://www.landartflevoland.nl/en/land-art/

Riff, PD #18245 befindet sich auf dem Grundstück zwischen Spijkweg und Bremerbergweg, Gemeinde Dronten (Besucheradresse: Bremerbergdijk 10, 8256 RD Biddinghuizen).

Autorin: Sandra Smallenburg

Sandra Smallenburg ist Kunsthistorikerin und Leiterin des Bereichs Kultur bei NRC Media. Im Jahr 2015 veröffentlichte sie das Buch Expeditie Land Art. Landschapskunst in Amerika, Groot-Brittannië en Nederland (Verlag De Bezige Bij) und kuratierte die gleichnamige Ausstellung in der Kunsthal Kade, Amersfoort, NL.

 

Dieser Artikel von Sandra Smallenburg erschien am 10. Oktober 2019 in NRC Media unter dem Titel Nieuwe land art: Bij Dronten is een betonnen ruimteschip geland. Die Eröffnung fand am 12. Oktober 2019 statt.

Titelbild: Bob Gramsma, "Riff, PD #18245", 2019. Foto: Andreas Galmarini

 

 

 

 



 
 
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