Fall der Idole

Als Kind war Enrique Marty (1969, Salamanca, ES) umgeben von der religiösen Bildsprache der katholischen Kirche. Der Realismus seiner gestikulierenden, bemalten Plastiken ist beeinflusst vom spanischen Barock. Doch Marty ist kein Gläubiger, ganz im Gegenteil. "Fall der Idole", welches derzeit im MUSAC in León (Spanien) zu sehen ist, hinterfragt menschliche Verhaltensweisen wie Fanatismus und Abgötterei.

Im 16. Jahrhundert entwickelte der Philosoph Giulio Camillo das Gedächtnistheater, eine Struktur ähnlich dem römischen Amphitheater. Die sieben Ränge des Bauwerks sollten mit Bildern aus der Mythologie behangen und dazu mit hunderten Reihen von Schubladen ausgestattet werden. Diese wiederum würden gefüllt mit einer Kartei allen vorhandenen Wissens. Der/die Zuschauer*in würde in diesem Theater auf der Mitte der Bühne stehen und durch Betrachtung der einzelnen Sinnbilder das Vermögen erlangen „jedwedes Thema in einer Weise zu erörtern, die Cicero in nichts nachstünde“.1

Enrique Marty, Fall der Idole (2011-2019), Sammlung MUSAC, Mit freundlicher Genehmingung des MUSAC – Museum für zeitgenössische Kunst in Kastilien und León, Foto: Pablo Bernabe
 
Zorn und Humor

In der kürzlich eröffneten Sammelausstellung Der Schlaf der Vernunft im MUSAC in León erinnert der spanische Künstler Enrique Marty mit seinem Werk Fall der Idole an Camillos Gedächtnistheater. Die Installation aus der Sammlung des MUSAC besteht aus über dreihundert Skulpturen, die der Künstler in Zusammenarbeit mit anderen zwischen 2011 und 2015 schuf. Alle Skulpturen basieren auf sakralen Abbildungen aus der ganzen Welt, die der Künstler in Kirchen, Tempeln, Museen und öffentlichen Monumenten abfotografierte.

Mit „Resten“ aus seinem Atelier erschufen Marty und seine Mitwirkenden – die meisten von ihnen von außerhalb des künstlerischen Metiers – mit absoluter Gestaltungsfreiheit neue Idole, denen man die geringe Qualität des Materials und die ungeschickte Verarbeitung deutlich ansieht. Das Ergebnis ist eine Gruppe ikonischer Idole mit neuer Bedeutung, ausgestattet sowohl mit Zorn als auch mit Humor.

Enrique Marty, Fall der Idole (2011-2019),
Ausgestellt im Museo Patio Herreriano,Valldadolid,
2016, Mit freundlicher Genehmigung der vormaligen
Direktorin Cristina Fontaneda

In jeder Ausstellung nimmt das Werk eine neue Form an. Die Installation im MUSAC ist eine moderne Version des Gedächtnistheaters. Ein organisiertes Chaos von Möbeln, Ausstellungs- und Stützelementen formen die Ränge an den gegenüberliegenden Wänden des Raumes. Auf diesen Rängen versammeln sich die Skulpturen, auf Sockel gesetzt, um so hoch möglich zu reichen. In der Mitte des Raumes windet sich bis unter die Decke eine Treppe, von der diverse Skulpturen in stiller Prozession hinuntersteigen. Die Besuchenden durchschreiten die Installation wie das Mittelschiff einer Kirche. Die Heiligenbilder beobachten aus der Höhe ihre Untergebenen – die Betrachtenden selbst werden betrachtet:

Die ältesten und weisesten Autoren hatten die Gewohnheit ihren Schriften die Geheimnisse Gottes unter dem Schleier des Obskuren anzuvertrauen, nicht offensichtlich, außer für jene, deren Ohren zu hören vermögen…

Enrique Marty, Fall der Idole (2011-2019), Gips, Epoxyharz, Acryl- und Ölfarbe,
Polyurethanschaum, Polyesterharz, Holz, Metall, Leuchten, Kleidung und Stoffe,
Stein, Plastik, Foto: Quique Acosta

 

Als Kind kreierte Marty im Wohnzimmer seines Elternhauses eine Art Altar mit einem Idol. Er verschloss den Raum mit einem Vorhängeschloss und versteckte den Schlüssel:

"Ich war fasziniert von der Idee dieses Gottes da drinnen, im verschlossenen Zimmer, den   niemand sehen konnte. Ich fragte mich, wenn niemand ihn zu sehen bekommt, ist er dann immer noch da? Die einzigen Zuschauer dieses Ganzen waren meine Eltern, das Projekt war für sie, um zu sehen wie sie reagieren würden. Heute mache ich eigentlich noch immer das Gleiche, nur mit einem weiteren Spektrum."2

Die dunkle Seite menschlichen Gebarens

Fall der Idole repräsentiert Martys persönliches Universum. Es zeigt eine deutliche Faszination für das Hässliche, Düstere und Absurde. Es ist ein Universum, das Traditionen von Kunstgeschichte und Philosophie aufgreift und einsetzt, um die bösartige Seite westlicher Zivilisation und die dunkle Seite menschlichen Verhaltens zu untersuchen. Beeinflusst von klassischer Kunst, barocken Skulpturen, anthropologischen Sammelstücken, Horrorfilmen, zeitgenössischer Fantasy-Literatur und eigentlich fast jedweder Form nicht-kanonischer Repräsentation schuf Marty eine riesige Bühne, auf der die Skulpturen selbst zu den Schaustellenden des Stückes werden und die Besuchenden ihre unfreiwilligen Komplizen.

Enrique Marty, Fall der Idole (2011-2019), Gips, Epoxyharz, Lack, Acryl- und Ölfarbe, Polyurethanschaum, Polyesterharz, Holz, Metall, Leuchten, Kleidung und Stoffe,
Stein, Plastik, Foto: Quique Acosta

 

Es ist unmöglich, die Augen von den Idolen der MUSAC-Installation abzuwenden. Tatsächlich ist es schwer, sich auf nur eine der Skulpturen zu konzentrieren; zu viele „Schubladen“ wollen in diesem Theater geöffnet werden, Laden, die Fragen erschließen statt Antworten und zu immer weiteren Fragen führen.

Enrique Marty, Fall der Idole (2011-2019), Sammlung MUSAC, Mit freundlicher Genhemigung von Kristine Guzmán ODER, Mit freundllicher Unterstützung des MUSAC – Museum für zeitgenössische Kunst in Katilien und León. Foto: Pablo Bernabe

 

Wie ein großes Kuriositätenkabinett sind die „Exemplare“ des Künstlers aus dem Kontext gerissene Idole; Objekte, die auf die eine oder andere Art und Weise verehrt wurden, nicht zwanghaft aus religiösen Gründen, sondern in spirituellen, politischen oder ideologischen Kontexten. Jedem der Idole wurde von ihren Schöpfenden Bedeutung eingehaucht – durch persönliche Amulette oder Totems – zusammen ergeben sie eine spirituelle Kraft, die einer theokratischen verwandt ist. Diese wird noch verstärkt durch die wütenden Schatten, die die Skulpturen werfen und damit ihren theatralischen Effekt steigern. Doch die Schatten sind mehr als Effekt, sie verweisen auf das Unbewusste, in der Jungschen Terminologie die unbekannte, dunkle Seite, die abgelehnt und unterdrückt wird.

Ideologien werden Idole

Ideologien sind die heutigen Götzenbilder. Wie Nietzsches Götzendämmerung betrachtet auch Martys Werk was wir verehren und warum – Idole, die dem deutschen Philosophen zufolge „mit dem Hammer wie mit der Stimmgabel“ angerührt werden müssen3  – von offensichtlichen religiösen Bildern, über die Kargo-Kulte, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Insel Vanuatu ergriffen, bis hin zu modernen Kulten, deren Anhänger gefangen sind in der Mentalität primitiver Glaubenssysteme, unfähig, die höhere Wahrheit zu hinterfragen, und wie die frühe Kirche die „spirituell Schwachen“ den „Intelligenten“ vorziehen. Doch wenn aus Ideologien Idole werden, bleibt der dahinterliegende höhere Sinn auf der Strecke.

Enrique Marty, Fall der Idole (2011-2019),
Gips, Epoxyharz, Lack, Acryl- und Ölfarben,
Polyurethanschaum, Polyesterharz, Holz, Metall, Leuchten,
Kleidung und Stoffe, Stein, Plastik, Foto: Quique Acosta

Das ist genau, was Marty versucht, mit seiner Installation abzubilden. Die bloße Anwesenheit dieser Idole in einem kulturellen Tempel beschreit ihren Niedergang. Es entleert sie jedweder ideologischer Bedeutung. Und obwohl sie hoch oben auf ihren Sockeln stehen wie in ihren eigenen Kapellen, sind sie der Lächerlichkeit preisgegeben, konvertiert zu tragikomischen Objekten, die den Zusammenbruch und die Flüchtigkeit der Philosophie und großen Ideale andeuten.

Selbst die Materialien, aus denen sie geschaffen sind, fern von den exquisiten Stoffen, die im Laufe der Kunstgeschichte verwendet wurden, zeigen schon den kritischen und formalen Widerstand gegenüber den dominanten sozialen und kulturellen Ideologien unserer Zeit. „Letzten Endes ist die Welt eine Tragikomödie“4, und das Theater „eine Vision der Welt und des Wesens der Dinge von oben herab gesehen, von den Sternen und den überhimmlischen Quellen der Weisheit dahinter.“5

 

MUSAC, Museum für zeitgenössische Kunst in Kastilien und León, gelegen im Norden Spaniens. Musac.es

Enrique Marty enriquemarty.com
www.enriquemarty.com/WORKS._Fall_of_the_Idols_%282015_2011%29.html
Interview (auf Spanisch) https://youtu.be/PagyWXROFtA

 

Autorin: Kristine Guzmán ist Kuratorin und Hauptkoordinatorin am MUSAC, León (ES). Als geschulte Architektin liegt ihr Interesse vor allem bei zeitgenössischen Kunstwerken, die sich mit Räumen und Praktiken an der Grenze zwischen Kunst und Architektur befassen.

 

Titelbild: Enrique Marty, Fall der Idole, Foto: G. Villamil. El Norte de Castilla

 

1. Originalzitat in Yates, F.A. (1966) The Art of Memory, The University of Chicago Press, S. 130. Originaler Wortlaut: „be able to discourse on any subject no less fluently than Cicero“. Übersetzung sculpture network.

2. Originalzitat in Marty, E. (2017) Alberto Martin I Enrique Marty Una conversación. Observer, observed. Nocapaper Books & More/ La Gran, S. 61. Übersetzung sculpture network.

3. Originalzitat in Nietzsche, F. (1911) The Twilight of the Idols. T.N. Foulis. (S. XVIII). Originaler Wortlaut: „struck with a hammer as with a tuning fork“. Übersetzung sculpture network.

4. (Marty, 2017)

5. (Yates, 1966)

 

Dieser Artikel wurde am 30. April 2021 veröffentlicht.



 
 
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