Vom Leben und der Kunst in unsicheren Zeiten

… und was wir daraus machen können. Unsicherheit ist eine menschliche Grundkonstante, ein Gefühl, das uns stetig begleitet. Sie birgt Chancen und Risiken und ist gerade deswegen immer wieder Thema in der Kunst. Ein Plädoyer, wie Kunst uns bei der Bewältigung dieser unvermeidlichen Ungewissheit unterstützen kann.

Wir leben in unsicheren Zeiten. Ein Satz, der so konkret scheint – aber eigentlich universell ist. Sind nicht alle Zeiten unsichere Zeiten? In unserer subjektiven Wahrnehmung als Menschen, mit unserem Bedürfnis nach Sicherheit, fühlen wir uns nicht immer irgendwie unsicher, schwimmend, nicht wissend, was die Zukunft bringt? Gerade in diesen Tagen mag das Gefühl vielen nahezu übermächtig vorkommen. Und doch können wir vielleicht Trost finden darin, dass alle Zeiten unsichere Zeiten sind. 

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass dieses Thema über die Jahrhunderte, ja gar Jahrtausende hinweg alle Lebensbereiche berührt hat. Mit der Erhebung der Skepsis zur Denkschule im 3. Jhd. vor Christus wurde die Unsicherheit zum System, nicht mehr wegzudenken aus dem menschlichen Lebensraum. Und wie das Meiste im menschlichen Lebensraum spielt sie auch in der Kunst eine Rolle, sowohl als Sujet als auch als Arbeitsprinzip. Nun könnte man laut protestieren und nach künstlerischem Selbstbewusstsein schreien: Ein Künstler muss sich seiner Kunst sicher sein, eine Künstlerin muss zu ihrem Werk stehen, wenn es einmal entstanden ist. Das Zaudern, das Zweifeln, der Moment des Innehaltens gehört aber unvermeidlich zum Schaffensprozess. Und bisweilen (oder vielleicht sogar häufiger, als man glaubt?) bahnt sich das auch seinen Weg ins Kunstwerk. Dreidimensionale Werke scheinen geradezu prädestiniert dazu, dieses Erleben zur Schau zu stellen.

Ernst Barlach: Der Zweifler (1937). Holz.
Fotograf: Andreas Weiss
©Ernst Barlach Stiftung Güstrow

Begeben wir uns 90 Jahre in der Zeit zurück. Eine wahrhaft unsichere Epoche, nahezu überall auf der Welt, aber ganz besonders in Europa und in Deutschland. Düstere Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Politische Unsicherheit lastet wie ein schwerer Teppich auf Europa. Ernst Barlachs (1870–1938) Zweifler, seine großartige Holzskulptur von 1937, verkörpert das Gefühl einer Gemeinschaft; da lauert Angst unter der Unsicherheit, Bedrohung – Bedrohtsein. Händeringend kniet der Zweifler am Boden, niedergedrückt von diesem Gefühl, gegen das er sich nicht zu wehren vermag. Vielleicht ahnt er das drohende Unheil. Das, was noch im Verborgenen liegt, was noch ungewiss ist, ist gewiss nichts Positives. Die Unsicherheit, sie birgt keine Chancen, kaum Hoffnung – und der Zweifel schlägt allmählich in Verzweiflung um.

Ernst Barlach musste zum Glück nicht mehr vollständig miterleben, in welche Schrecken sich die von ihm erkannte und dargestellte Unsicherheit auflöste. Die letzten Jahre seines Lebens – nach der Erschaffung seines Zweiflers blieben ihm nur noch ein Jahr Lebenszeit – war Barlach den Rufmordkampagnen der Nationalsozialisten ausgesetzt, die sein expressionistisches Lebenswerk zu „entarteter“ Kunst erklärten. Die düstere Ahnung des Kommenden, die der Zweifler mit seinem schwer deutbaren Blick verkörpert, ist festgehalten in einer Skulptur, der Nachwelt überliefert als ein Moment der Unsicherheit, den wir immer noch nachspüren können, auch wenn wir in ganz anderen unsicheren Zeiten leben.

Im 21. Jahrhundert können wir uns glücklich schätzen, der Epoche von Barlachs Zweifler entronnen zu sein. Das Gefühl der Unsicherheit ist jedoch nicht verschwunden und begleitet uns stetig als gesellschaftliche Konstante. Da ist es nicht verwunderlich, dass es eine Emotion ist, die nach wie vor immer und immer wieder künstlerischen Ausdruck erfährt. Und vielleicht hilft das bei ihrer Bewältigung? Auch 90 Jahre nach Barlachs Zweifler setzen sich aktuell tätige Kunstschaffende intensiv mit dem Erleben von Unsicherheit, dem Zweifeln und Innehalten auseinander. Die in Seoul und Berlin arbeitende Künstlerin Haegue Yang (*1971) widmete eine aktuelle Ausstellung im The Bass Museum of Art  ganz dem Thema „In the Cone of Uncertainty“. Ihr Werk spielt häufig mit Unsicherheit als sozialer Tatsache: Dabei setzt sie sich mit aktuellen wie historischen Momenten der Unsicherheit auseinander. Yearning Melancholy Red (2008) vermittelt die Idee des Zwischen-den-Stühlen-Sitzens, von fehlender Zugehörigkeit.

Haegue Yang: Yearning Melancholy Red (2008). In the Cone of Uncertainty, installation view at The Bass Museum of Art, Miami Beach, November 2, 2019 - April 5, 2020.
Image courtesy The Bass, photography by Zachary Balber.


Konkret bezieht sich das Werk auf die Kindheit der französischen Autorin und Regisseurin Marguerite Duras in Französisch-Indochina (heute Vietnam) in den 1920er Jahren, deren Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe im französisch besetzten Land stets infrage stand, immer wieder neu ausgehandelt werden musste. Die Installation aus Jalousien, Kabeln und weiteren industriell anmutenden Materialien fällt durch ihre Variabilität auf: Sie stellt immer nur eine Momentaufnahme da, die verkörperte Unsicherheit ist sozusagen intrinsischer Bestandteil des Werkskonzepts. 

Räumlich festgelegt ist hingegen Yangs Coordinates of Speculative Solidarity (2019), das sie speziell für das Museum The Bass im Treppenhaus des Gebäudes schuf. Mahnend verarbeitet sie collagenartig meteorologische Daten, die den drohenden Klimawandel verdeutlichen. Ein Stück weit Spekulation, Ungewissheit … aber es bahnt sich etwas an, so viel ist sicher. 

Haegue Yang: Coordinates of Speculative Solidarity (2019). In the Cone of Uncertainty, installation view at The Bass Museum of Art, Miami Beach, November 2, 2019 - April 5, 2020. Image courtesy The Bass, photography by Zachary Balber.


Wie oft scheint der Moment der Unsicherheit sich als Unheilsbote in der Kunst Bahn zu brechen. Mal Ausdruck von Pessimismus, mal von leidvoller Erfahrungen früherer Generationen. Dabei sind Unsicherheit, sogar Zweifel nicht in sich etwas Schlechtes. Denn die Schönheit des Ungewissen liegt ja gerade darin begründet, dass nicht gewiss ist, was die Zukunft birgt, welche Entwicklungen zum Guten noch auf uns zukommen. Dann steckt Hoffnung in der Unsicherheit, die als Triebkraft nicht unterschätzt werden will. Die eigene Unsicherheit oder die einer ganzen Gesellschaft darzustellen, ist das eine. Sie zu überwinden, das andere.

Arantxa Rodriguez:
Open to Uncertainty (2017).

2015 fertigte die mexikanische Künstlerin Arantxa Rodriguez eine Zeichnung mit dem Titel Uncertainty an, eine zweidimensionale Arbeit, die in geometrischen Formen ein Gefühlsbild sichtbar machte. Zwei Jahre später durchbrach sie ihre eigene Unsicherheit und die Zweidimensionalität: Mit Open to Uncertainty (2017) wagte sie den mutigen Vorstoß in die dritte Dimension – die auf Acrylglas gedruckte Zeichnung wird nun durchbrochen von Lichtschläuchen, die aus der zweiten Dimension herausragen und die Umgebung erhellen. Das Werk kommuniziert die Hoffnung, mit dem Durchbrechen der eigenen Zweifel eine neue, lichterfüllte Zukunft zu eröffnen. Unsicherheit wird zur Chance: Denn wer sagt uns, dass die Zukunft nicht Großes, Schönes für uns bereithält?

Oder, in den Worten von Arantxa Rodriguez: If we do not open ourselves to the unknown, we will be losing a lot of light.

   

 

Autorin: Sophie Fendel

Sophie hat ihre Leidenschaft für Dreidimensionale Kunst im sculpture network Büro in München neu entdeckt. Nun arbeitet sie an ihrer Promotion – kleine gedankliche Ausflüge in Form von Essays über die Skulptur sind da eine willkommene Abwechslung.

 

 

 

 

 

Titelbild: Closeup von Arantxa Rodriguez: Open to Uncertainty (2017).

Artikel veröffentlicht: 30. Oktober 2020



 
 
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