Bärbel Dieckmann, Bathing Figure, large, bronze. Exhibition view at Plaster Cast Collection of Ancient Sculpture Berlin, 2002. Photo Coffaro
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Lifelike: Die menschliche Figur in der zeitgenössischen Skulptur neu denken

In einer Zeit, in der digitale Medien unser Verständnis des Körpers zunehmend prägen, widmete sich der Online Club von Sculpture Network „Lifelike. From a Living Body to a Human Figure“ erneut einer der ältesten und zugleich beständigsten Fragen der Bildhauerei: Wie wird leblose Materie lebendig? Wie wird bildhauerisches Material zum Abbild eines lebendigen Körpers?

Am 18. Mai brachte die Online-Veranstaltung zwei Künstler:innen mit grundverschiedenen Ansätzen zur figurativen Skulptur zusammen – die deutsche Bildhauerin Bärbel Dieckmann und den kanadischen Bildhauer Blake Ward – moderiert von Anne Berk. Neben spannenden und tiefgreifenden Einblicken in technische Ansätze und künstlerische Praktiken entwickelte sich der Abend zu einer Reflexion über Empathie, Bewegung, Materialien und die sich wandelnde Sprache der zeitgenössischen figurativen Kunst.

Zugleich diente die Veranstaltung als konzeptioneller Auftakt für das kommende Internationale Forum „Bodytalk – The Return of the Human Figure in Contemporary Sculpture“, das vom 29. bis 31. Oktober in Berlin stattfinden wird. Im Verlauf der Diskussion wurde eines besonders deutlich: Die menschliche Figur bleibt eines der anspruchsvollsten und emotional aufgeladensten Themen der Bildhauerei, weil sie niemals nur Anatomie ist. Sie ist Erinnerung, Spannung, Verletzlichkeit, Mythos und Projektion zugleich.

Bärbel Dieckmann eröffnete den Abend mit einem sehr persönlichen Bericht darüber, wie sie über ihre frühe Faszination für die antike griechische Kultur zur figurativen Skulptur fand. Ihre Präsentation bewegte sich fließend zwischen autobiografischen Erzählungen und künstlerischer Philosophie. Ausgehend von einer Tradition, die von der Antike bis in die Gegenwart reicht, schilderte sie, wie die Begegnung mit griechischer Skulptur in ihr den Wunsch weckte, „etwas mit dem Körper zu machen“. Ihre Arbeiten sind jedoch weit entfernt von bloßen archäologischen Zitaten. Vielmehr verwandelt sie klassische Bezüge in psychologisch aufgeladene, haptische Formen.

Bärbel Dieckmann, Making of
Bärbel Dieckmann, Making of

Dieckmanns Skulpturen entstehen aus einer intensiven körperlichen Empathie. Immer wieder betonte sie die Vorstellung, dass Bildhauer:innen Bewegung physisch verstehen müssen, um sie überzeugend darstellen zu können. Ihre eigene Erfahrung mit Tanz wurde dabei zu einem zentralen Bestandteil ihres künstlerischen Prozesses. Der Körper erscheint in ihren Arbeiten niemals statisch; selbst in Momenten der Ruhe wirkt er wie in potenzieller Bewegung eingefroren. Kontrapost, diagonale Spannungen, gefaltete Gesten und asymmetrische Gewichtsverlagerungen erzeugen das Gefühl, die Figuren könnten jeden Augenblick atmen oder sich fortbewegen.

Bärbel Dieckmann  Sitting Figure, bronze. Photo Caffaro
Bärbel Dieckmann Sitting Figure, bronze. Photo Caffaro

Charakteristisch sind auch die Oberflächen ihrer Werke. Direkt von Hand modelliert – in Gips, Ton, Terrakotta oder Bronze – bewahren die Skulpturen die Spuren körperlicher Berührung. Diese texturierten Oberflächen verweigern sich einer glatten Perfektion zugunsten von Unmittelbarkeit und Präsenz. Man spürt nicht nur den dargestellten Körper, sondern auch die Gesten der Künstlerin selbst, die sich im Material eingeschrieben haben. Wie Moderatorin Anne Berk während der Diskussion bemerkte, gelingt es Dieckmann, ihren Skulpturen eine bemerkenswerte „Körpersprache“ zu verleihen, die Betrachter:innen intuitiv über ihre eigene körperliche Erfahrung nachvollziehen können.

Während Dieckmann sich der menschlichen Figur auf intuitive und emotionale Weise nähert, stellte Blake Ward einen beinahe architektonischen Gegenpol dar. Sein Vortrag gewährt Einblick in eine außerordentlich analytische Arbeitsweise, die auf Proportionen, Armaturen, Messungen und strukturellen Systemen basiert. Trotz aller technischen Präzision verfolgt aber auch Ward letztlich dasselbe Ziel: Figuren zu erschaffen, die lebendig wirken.

Blake Ward, Making of
Blake Ward, Making of

Ward arbeitet hauptsächlich mit wasserbasiertem Ton und demonstrierte, wie Bildhauer:innen die Tonfigur fortlaufend mithilfe von Silhouetten, Messungen und geometrischer Triangulation mit dem lebenden Modell abgleichen. Sein über mehr als ein Jahrzehnt entwickelter Prozess verbindet klassische Disziplin mit ingenieurhafter Präzision. Knochen, Gelenke, Proportionen und strukturelle Achsen bilden dabei die verborgene Grammatik, durch die die Skulptur ihre innere Kohärenz erhält.

Blake Ward, Butterfly PFM 1, Fragments Collection, 2005 Bronze, 46 x 35 x 38 cm Ed 8 Photo Phill Hill
Blake Ward, Butterfly PFM 1, Fragments Collection, 2005 Bronze, 46 x 35 x 38 cm Ed 8 Photo Phill Hill

Besonders deutlich wurde in Wards Präsentation das paradoxe Verhältnis zwischen Genauigkeit und künstlerischer Interpretation. Obwohl seine Methode auf sorgfältiger anatomischer Beobachtung beruht, betonte er immer wieder die Bedeutung bewusster Abweichungen. Ein:e Bildhauer:in kann die Krümmung einer Wirbelsäule übertreiben, die Beine einer Tänzerin verlängern, Hände vergrößern, um Stärke anzudeuten, oder die Sinnlichkeit einer Form intensivieren. Lebendigkeit entsteht in diesem Sinne nicht durch bloßes Kopieren, sondern durch gezielte Transformation.

Ward sprach zudem über die Zukunft der figurativen Skulptur. In den vergangenen Jahren hat seine Praxis zunehmend digitale Scans, 3D-Modellierung und hochkomplexe Bronzedruckverfahren integriert. Dennoch bleiben auch diese technologisch avancierten Arbeiten tief mit dem Körper verbunden. Filigrane, gitterartige Oberflächen legen innere Strukturen offen und zeigen das „Innere“ der Figur zugleich als physische Stütze und metaphorische Innenlandschaft. Das Digitale löscht die menschliche Präsenz nicht aus; vielmehr eröffnet es neue Möglichkeiten, Fragilität, Offenheit und räumliche Komplexität sichtbar zu machen.

Blake Ward, This is Not, ReThink Coll. 2008, painted bronze, 96 x 90 x 36 cm. Photo Jack Clark
Blake Ward, This is Not, ReThink Coll. 2008, painted bronze, 96 x 90 x 36 cm. Photo Jack Clark

Einer der spannendsten Aspekte des Abends war gerade dieser Dialog zwischen zwei unterschiedlichen bildhauerischen Temperamenten. Die haptische Unmittelbarkeit Dieckmanns und Wards analytische Konstruktion wirkten zunächst beinahe gegensätzlich. Doch im Gespräch zeigte sich ihre gemeinsame Überzeugung: der lebende Körper bleibt die wesentliche Quelle der Skulptur. Beide Künstler:innen arbeiten mit lebenden Modellen. Beide betonen die Bedeutung physischer Präsenz gegenüber fotografischen Vorlagen. Und beide verstehen Skulptur nicht als Nachahmung, sondern als Übersetzung – als Transformation gelebter körperlicher Erfahrung in materielle Form.

Besonders überzeugend an „Lifelike. From a Living Body to a Human Figure“ war die Weigerung, figurative Skulptur allein auf Technik zu reduzieren. Die Veranstaltung machte deutlich, dass der geformte Körper weiterhin ein Ort ist, an dem Material, Erinnerung, Emotion und Kulturgeschichte aufeinandertreffen. Ob in Dieckmanns mythologischen Spannungen oder in Wards digital erweiterten Anatomien – die menschliche Figur bietet Künstler:innen nach wie vor ein tiefgreifendes Mittel, um zu erforschen, was es bedeutet, in der heutigen Welt einen Körper zu bewohnen.

In einer Epoche, die zunehmend von virtuellen Bildern und künstlichen Simulationen geprägt ist, erinnerte dieser Online Club sein Publikum an etwas grundlegend Bildhauerisches: dass Wissen auch in der Hand gehalten, durch Körperhaltung vermittelt, in Gesten eingebettet und durch Berührung geformt werden kann.

Der Text wurde mit Hilfe von KI verfasst und von unserem Redaktionsteam überarbeitet.

Übersetzung

Julia Weiß

testtextchen

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