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Wir gedenken! Kollektive Rituale und Erinnerungsskulptur im Online Club

Wenn wir gedenken, dann halten wir f√ľr gew√∂hnlich inne und erinnern uns. Die Fragen, woran wir uns erinnern, was uns pr√§gt und begleitet, spielten in diesem Online Club am 2. Mai 2022 eine ebenso wichtige Rolle, wie der Prozess des sich Erinnerns als ein uns alle verbindendes Element.

Zwei besonders eindrucksvolle Positionen zeigten unseren 45 interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern anhand ihrer Werke, welche vielfältigen Arten von Gedenken es geben kann, wie wichtig unsere Erinnerungen sind und wie sehr diese uns beeinflussen.

Gedenken als gemeinschaftliches Erlebnis: Die Rituale von Ida van der Lee

Das Ritual als kulturelle gemeinschaftliche Form des Gedenkens scheint in unserer heutigen virtuellen und zukunftsorientierten Welt ein verlorener Begriff zu sein. Traditionelle Rituale, die vormals eine M√∂glichkeit boten, zusammenzufinden und Dankbarkeit oder Bedauern der allgemeinen und individuellen Vergangenheit gegen√ľber auszudr√ľcken, werden oftmals assoziiert mit einem starren Prozedere, das gerne als nicht als zeitgem√§√ü empfunden wird.

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Time Office- resetting moment, conscious stepping into a ritual, Ida van der Lee, Names and Numbers, Amsterdam, NL, 2012-2021

Die in Amsterdam lebende niederl√§ndische K√ľnstlerin Ida van der Lee hat sich in ihrem Werk dem Erschaffen neuer moderner Rituale verschrieben. Mit ihrem Studio Ritual Art, einem Netzwerk aus Kunstschaffenden und Freiwilligen, kreiert sie sorgf√§ltig inszenierte Events zu Themen, die meist in unserer heutigen Gesellschaft tabuisiert werden, die als schwierig oder zu schmerzhaft empfunden werden, wie beispielsweise Tod oder Krieg.

 

Ida van der Lee hat sich zum Ziel gemacht, diese ans Licht zu bringen und das Gedenken in teils groß angelegten Ritualen im öffentlichem Raum zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung zu machen, die als schön und besonders empfunden wird.

Der k√ľnstlerische Aspekt, die detaillierte, √§sthetische Gestaltung und die sorgsam ausgew√§hlten Elemente, ebenso wie die erz√§hlerischen Strukturen spielen dabei eine wichtige Rolle. Ihre Rituale binden interdisziplin√§r alle Kunstformen ein, von Schauspiel √ľber Tanz zu bildender Kunst, eigene Arbeiten und die anderer K√ľnstlerinnen und K√ľnstler. Sie k√∂nnen sich weiter entwickeln, sie k√∂nnen wachsen und zu neuen Orten reisen.

In diesem Online Club f√ľhrte Ida van der Lee die Teilnehmenden durch zwei exemplarische Rituale.

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Dining with the dead, Concept: Eline Pullen, Design: Ida van der Lee, All souls day everywhere, 2005-2022

 

Das Projekt All Souls‚Äô Day Everywhere (2005-2022), das auf dem Feiertag All Souls' day (Allerseelen) fu√üt, widmet sich der Begegnung und der Auseinandersetzung mit dem Tod, dem schmerzlichen Thema, das fr√ľher oder sp√§ter Teil eines jeden Lebens ist. Das Ritual fordert die Teilnehmenden zum Erinnern an einen geliebten Menschen auf und bieten im Austausch mit anderen gleichzeitig eine Chance das Leben zu feiern.

Erstmals fand dieses Ritual 2005 auf dem Nieuwe Ooster Friedhof in Amsterdam, einem der größten Friedhöfe der Niederlande statt.

Bei Nacht werden die Besucherinnen und Besucher eingeladen auf dem Friedhof verschiedene Stationen bei Kerzenschein zu durchwandern und interaktiv zu erleben. Eindrucksvoll ist neben vielen anderen Stationen beispielsweise das Ritual Dining with the Dead.

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Dining with the dead, Concept: Eline Pullen, Design: Ida van der Lee, All souls day everywhere, 2005-2022

An einer opulenten Tafel, eingedeckt mit edlen Tischdecken, Kristallgl√§sern und Silberbesteck, k√∂nnen Angeh√∂rige f√ľr ihre lieben Verstorbenen einen Platz reservieren indem sie ein, f√ľr diese charakteristisches, Zitat auf einen Teller schreiben. Die geliebten Menschen werden so pr√§sent, nicht nur f√ľr den Einzelnen, sondern als Teil eines gemeinschaftlichen Geschehens.

 

Ein weiteres Ritual, die White Laundry, verdeutlicht beispielhaft, mit wieviel individueller Emotionalität der Prozess des Sich-Erinnerns aufgeladen sein kann.

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White Laundry: warm memories or cold memories, Concept and design: Ida van der Lee, All souls day everywhere, 2005 ‚Äď 2022

 

Kleidungsst√ľcke h√§ngen hier auf einer W√§scheleine und sind beschriftet mit verschiedenen Beziehungsbegriffen, wie Mutter, Bruder, Held:in oder Arbeitskolleg:in. Die Teilnehmenden w√§hlen daraus eine Beziehung bzw. ein Kleidungsst√ľck aus. √úber die anschlie√üende Entscheidung, ob sie die St√ľcke in kaltem oder warmem Wasser waschen und mit welcher Intensit√§t sie diese bearbeiten, geben sie ihren Erinnerungen und Emotionen physisch Ausdruck. Waren es warme angenehme Erinnerungen, oder war die Beziehung eher schwierig und kalt?

Viele dieser Rituale nutzen Symbole, um den Menschen Erinnerungen zu entlocken, zum Erz√§hlen anzuregen und √ľber eben dieses Teilen der Erinnerung den Tod aus einer neuen Perspektive wahrzunehmen. Und dieser Perspektivwechsel ist es, der im Sinne der K√ľnstlerin ein gutes Ritual ausmacht.

Als j√§hrlich wiederkehrendes Event hat sich All Souls‚Äô Day Everywhere √ľber die Jahre weiterentwickelt und st√∂√üt auf unglaublich positive Resonanz. Zwischen 2007 und 2015 wurden rund 100 Feiern mit mehr als 100.000 Besucher:innen durchgef√ľhrt. 2008 erhielt das Projekt den Yarden-Preis, sowie 2012 den Kulturpreis von Haarlemmermeer. 2018 wurde es nach D√§nemark eingeladen und wird dieses Jahr auf dem gr√∂√üten Friedhof Kopenhagens stattfinden.

Obwohl anfänglich mit Ablehnung und Skepsis von Behörden und Betreibenden bedacht, zeigt diese Resonanz beispielhaft, wie Kunst eine Veränderung in der Gesellschaft und ihrer Perspektive bewirken kann.

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The street monument is growing - 2800 nameplates are made, Ida van der Lee, Names and Numbers, Amsterdam, NL, 2012-2021

 

Ein weiteres eindrucksvolles Projekt, das 2012 entstand und inzwischen virtuell weiter existiert, ist Names and Numbers (2012-2021). Es findet am 4. Mai, dem Gedenktag der Opfer des zweiten Weltkrieges in den Niederlanden statt. Das Projekt erinnert an die 2800 deportierten J√ľdinnen und Juden des Amsterdamer Stadtteils Oosterparkbuurt, dem Viertel, in dem Ida van der Lee selbst aufgewachsen ist. √úber verschiedene Stationen bekommen die Teilnehmenden Gelegenheit, eines der vielen Opfer dieser Nachbarschaft symbolisch nach Hause zu begleiten und dabei die Geschichte als Teil von uns allen zu begreifen.

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Making a personal nameplate - color symbolics, Ida van der Lee, Names and Numbers, Amsterdam, NL, 2012-2021

Der Pfad des Rituals f√ľhrt mit dem Eintritt in die rituelle Zeit zu einem Archiv, bei dem die Teilnehmenden den Namen eines Opfers ausw√§hlen und f√ľr diesen ein pers√∂nliches Namensschild gestalten. Modellhafte Schienen aus Kreide zeichnen die Strecken der Deportationen nach, entlang derer die Menschen pilgern und verschiedene Informationen und Zeitzeugnisse entdecken. Entsprechend dem Ziel des Perspektivwechsels f√ľhren die Wege jedoch nicht zu den Konzentrationslagern und dem grausamen Ende der J√ľdinnen und Juden hin. Stattdessen gelangen die Teilnehmenden am Ende zum ‚ÄěStreet Monument‚Äú, einer gro√üen Stra√üenkarte von Oosterparkbuurt, auf der sie das Namensschild an der jeweiligen Heimatadresse des Opfers niedergelegen.

Mit jedem Jahr wächst diese Karte mit dem Ziel, irgendwann alle Opfer von Oosterparkbuurter nach Hause bringen zu können.

Beide vorgestellten Rituale zeigen eindrucksvoll wie wichtig das gemeinsame aktive Gedenken auch in unserer heutigen Gesellschaft ist und wie Rituale nachhaltig genutzt werden k√∂nnen, um ein soziales Bewusstsein f√ľr den Stellenwert unserer Vergangenheit zu generieren.

Das Ringen mit dem Leben ‚Äď Im Dialog mit den Skulpturen von Marvin Liberman

Im zweiten Vortrag in dieses Online Clubs stellte der in Spanien lebende amerikanische K√ľnstler Marvin Liberman seine sensiblen Werke vor.

Vessel 4, 2019, √Ąste, Stoff, Farbe, 73" x 70.5" x 24.5" (h¬∑w¬∑d)/ 185,4 x 179 x 62 cm
Vessel 4, 2019, √Ąste, Stoff, Farbe,
73" x 70.5" x 24.5" (h·w·d)/
185,4 x 179 x 62 cm

W√§hrend seine fr√ľhen Arbeiten zumeist figurative Selbstportr√§ts in Ton waren, entstehen nun abstrakte Skulpturen in ged√§mpften Farben aus einfachen Materialien, wie Gaze und √Ąsten. Oft sind es fragile Gebilde aus textilen Faltenw√ľrfen, unter denen sich geisterhaft¬†schwebende Figuren abzuzeichnen scheinen. Ein anderes Mal wirken die Materialen wie fest verschlungen, als w√§re etwas in ihnen gefangen, das sich zwischen den √Ąsten windet.

 

 

Das Material Gaze, als klassisches Verbandsmaterial, birgt Assoziationen von Verletzungen, die die Figuren mit sich tragen und die aus einer uns unbekannten Vergangenheit stammen.

Die Auseinandersetzung mit diesen fragilen Gestalten wirft Fragen auf, und genau das will der K√ľnstler.

The Online Club 2 May, Marvin Liberman Murmur no 4, 2012, Traces 5, 2021, and Discord no 9, 2017.jpg
The Online Club 2 May, Marvin Liberman Murmur no 4, 2012, Traces 5, 2021, and Discord no 9, 2017

 

Eindrucksvoll erz√§hlte uns Marvin Liberman im Online Club von seinem Leben und seinem Werdegang, seinen j√ľdischen Wurzeln, der Fluchtgeschichte seiner ukrainischen Gro√üeltern, von pers√∂nlichen dramatische Erfahrungen als junger Mann und seiner langj√§hrige T√§tigkeit im U.S. Holocaust Memorial Museum, Washington. Schlie√ülich kehrt Liberman zur Bildhauerei zur√ľck. Aber nicht, wie man meinen k√∂nnte, um das Thema der Opfer des Holocaust, das ihn so viele Jahre besch√§ftigt hat, aufzuarbeiten. Sondern um sich dem Drama und Trauma der √úberlebenden zu widmen.

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Discord 10 2017, Stoff, Farbe, 51.3" x 31.5" x 19" (h·w·d)/ 130 x 80 x 48 cm

Ausgehend von seiner eigenen Erfahrung mit Traumata legt er den Fokus seiner Arbeit auf das Geschehen der Gegenwart und zielt darauf, das Bewusstsein der Betrachtenden f√ľr die Zeit in der wir leben, zu sch√§rfen. Welche Traumata haben wir selbst durchlebt? Was haben diese Erfahrungen mit uns gemacht? Welche Spuren haben sie hinterlassen und wie haben sie uns ver√§ndert bzw. gepr√§gt?

Die Fragilit√§t seiner Materialien ist gezielt gew√§hlt und steht f√ľr unsere eigene Verwundbarkeit im Leben, sowohl physisch als auch emotional. Seine Skulpturen entwickeln sich aus dem Prozess heraus, ohne einen vorherigen Entwurf. Das ist sp√ľrbar, denn die Figuren scheinen sich unter dem Material erst zu entwickeln, zu bewegen und mit dem Leben zu ringen, wie Liberman es selbst ausdr√ľckt.

Bewusst schafft er seine Figuren in Lebensgr√∂√üe und pr√§sentiert sie im kontrastierenden Licht. Das Spiel von Licht und Schatten erweckt seine Figuren zum Leben. Die Begegnung mit den lebensgro√üen Figuren geschieht quasi von Angesicht zu Angesicht, als w√§re ein Gespr√§ch m√∂glich. Und eben dieser intime Austausch ist das Ziel, das der K√ľnstler mit seinen Arbeiten verfolgt. Seine Arbeiten sind K√∂rper, die ihre eigene verborgene Geschichte in sich tragen. Es ist eine Geschichte von traumatischen Erlebnissen, die diese K√∂rper ver√§ndert und gepr√§gt hat. Und erst im Dialog und der Auseinandersetzung, ist es m√∂glich das Verborgene zu begreifen, die menschliche Natur, ihre Verletzlichkeit, ihren √úberlebenswillen und die Wunden, die unter der Oberfl√§che verborgen liegen.

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Autorin: Julia Weiss

Julia ist Kunsthistorikerin aus M√ľnchen und arbeitet seit April 2022 f√ľr sculpture network.

 

Titelbild: The Online Club, 2 May, Ida van der Lee, Studio Ritual Art, Names and Numbers, Amsterdam, NL, 2012-2020

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