Bodytalk: Wie Künstler:innen die Fragilität des Körpers zurückerobern
Bericht vom Sculpture Network Online Club „Bodytalk: Our Fragile Body”, 30. März 2026
Der Körper ist niemals neutral. Er trägt Erinnerungen, Kultur und Erwartungen in sich und steht häufig im Zentrum künstlerischer Fragestellungen. Beim jüngsten Online Club von Sculpture Network kamen drei Stimmen zusammen, die den Körper jeweils als etwas sowohl Verletzliches als auch Widerstandsfähiges betrachten. Mit ihren Beiträgen eröffneten die Kuratorin Emily Sargent von der Wellcome Collection in London sowie die Künstlerinnen Katharine Dowson und Sofie Muller einen unvoreingenommenen Blick darauf, wie zeitgenössische Skulptur den Themen Krankheit, Trauma, Identität und Älterwerden nachspürt. Die Veranstaltung war Teil einer Reihe im Vorfeld des Internationalen Forums von Sculpture Network mit dem Titel Bodytalk – The Return of the Human Figure in Contemporary Sculpture, das vom 29. bis 31. Oktober 2026 in Berlin stattfindet.
Die Wellcome Collection und das “Widerständige Körperbild“
Emily Sargent eröffnete den Abend, indem sie den menschlichen Körper in den weiten historischen Kontext der Wellcome Collection einordnete. Alles begann mit Henry Wellcome (1853-1936), einem Pharmazieunternehmer, der von „der Kunst und der Wissenschaft des Heilens“ fasziniert war. Seine Sammlung entwickelte sich zu einem umfangreichen Archiv, das Exponate von medizinischen Instrumenten bis hin zu Devotionalien umfasste. Während der Schwerpunkt heute auf Büchern, Archiven und digitalem Material liegt, widmet sich die Sammlung weiterhin dem Thema, wie wir Gesundheit durch Kultur und Kunst verstehen.
Sargent richtete das Thema des Abends neu aus, indem sie vorschlug, statt von „zerbrechlichen“ von „widerständigen“ Körpern zu sprechen. Die drei vorgestellten Künstler:innen – Jason Wilsher-Mills, Sene Awa Camara und Serena Korda – hinterfragen auf ihre Weise traditionellen Vorstellungen vom idealisierten Körper. In ihren Arbeiten setzen sie sich mit Invalidität, Verlust, Unfruchtbarkeit und Menopause auseinander und verweigern sich den stillen Stereotypen, die diese Erfahrungen häufig begleiten.
Jason Wilsher-Mills: Kindheit, Humor und das soziale Modell von Invalidität
Das umfangreichste Projekt, das Sargent vorstellte, war Jason and the Adventure of the 254, eine fantasievolle skulpturale Auftragsarbeit, die von 2024 bis 2025 im Obergeschoss der Wellcome Collection ausgestellt wurde. Der Künstler Wilsher-Mills aus Wakefield, der selbst eine Behinderung hat, erschafft Welten, in denen er Humor, autobiografische Erinnerungen und politische Eindeutigkeit miteinander mischt. Seine zentrale Frage ist einfach: Was macht uns inaktiv – unsere Körper oder die Strukturen um uns herum?
Die riesige Figur im Zentrum der Installation liegt in einem Krankenhausbett. Sie ist aus Glasfaser gegossen und mit medizinischen Bandagen, Schienen und einer bunten Superheldenmaske bekleidet. Das ist Jason im Alter von zwölf Jahren. Eine Windpockeninfektion löste damals eine Autoimmunreaktion aus, die ihn für Jahre gelähmt zurückließ. Die Besucher:innen waren eingeladen, die Installation zu berühren. Durch schmale Fenster im Körper der Figur konnten sie hineingreifen und Rippen, Gelenke und Organe ertasten – eine Reminiszenz an die anatomischen Unterrichtsblätter aus dem 16. Jahrhundert, die Wilsher-Mills in den Wellcome-Archiven studiert hatte.
Die Installation entfaltet sich teils als Bekenntnis, teils als Karneval. Gegenüber vom Bett steht eine Figur des olympischen Läufers Sebastian Coe mit einem Fernsehapparat als Kopf, die auf Jason zeigt. Der Titel 254 ist ein Hinweis auf die Uhrzeit, zu der der Künstler seine Diagnose erhielt (14.54 Uhr oder 2:54 p.m.), was mit Coes Sieg bei den Olympischen Spielen von 1980 und seiner Startnummer zusammenfiel. Reihen von kleinen „Virussoldaten“ erwecken das Schlachtfeld zwischen Krankheit und Widerstandsfähigkeit zum Leben.
Die Arbeit schafft eine in der Bildhauerei seltene Balance: Sie ist zugleich verspielt und kraftvoll. Wilsher-Mills beschäftigt sich mit Popkultur, Behindertenpolitik und persönlichen Erinnerungen, ohne dabei die Freude zu verlieren. Wie Sargent bemerkt, beschreibt Jason die Zeit seiner Hospitalisierung oft nicht nur als Trauma, sondern auch als den Moment, in dem er zum Künstler wurde. Da er seine Hände nicht benutzen konnte, lernte er, mit dem Pinsel im Mund zu malen. So eröffnete die Kunst dem Kind, aus dem eigentlich ein halbprofessioneller Rugbyspieler werden sollte, eine andere Welt und schließlich auch eine andere Zukunft.
Senyi Awa Camara: Mutterschaft als Trauer, Ritual und Skulptur
Awa Camara wuchs in einer Familie von Keramiker:innen auf und konnte ihrer Mutter bei der Herstellung von Gefäßen für den täglichen Gebrauch zusehen. Ihre eigenen Skulpturen gehen jedoch weit über die reine Funktion hinaus. Sie tragen persönliche Trauer, Resilienz und das Gewicht gelebter Erfahrung in sich. Ihre Arbeiten sind Teil der Wellcome-Ausstellung Expecting: Birth, Belief, and Protection, die noch bis zum 19. April 2026 zu sehen ist. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht eine seltene englische Schriftenrolle aus dem 15. Jahrhundert. Sie wurde einst zum Schutz während der Geburtswehen um den Körper gewickelt. Wissenschaftliche Analysen der Verfärbungen auf dem Pergament bestätigen, dass die Rolle tatsächlich während der Geburt verwendet wurde.
Awa Camaras Arbeit tritt in einen Dialog mit diesem geschichtlichen Hintergrund, obwohl ihr Werk im heutigen Senegal und in ihrem Wolof-Erbe verwurzelt ist. Nach mehreren Fehlgeburten und medizinischen Komplikationen begann die Künstlerin, Figuren zu gestalten, die die Themen Mutterschaft, Schutz und die spirituelle Welt miteinander verbinden. Ihre Wächter aus unglasiertem Ton erheben sich mit stiller Kraft; ihre Oberflächen sind bevölkert von Säuglingen, Händen und Tierformen. Viele der abgebildeten Kinder wurden mithilfe ihrer späteren Adoptivsöhne gestaltet.
Serena Korda: Die Zurückeroberung des alten Weibs
Als letztes Beispiel stellte Sargent Serena Kordas Installation Wild Apples vor. Die Installation ist Teil der Wellcome-Ausstellung The Coming of Age, die vom 26. März bis zum 29. November 2026 läuft. Korda widmet sich einem in der Bildhauerei noch weitgehend unbehandeltem Thema: Körper in und nach der Menopause.
Auf grob geschnitzten Baumstämmen stehen drei unterlebensgroße weibliche Figuren, die an tatsächlich existierende Frauen – Jill, Babs und Korda selbst – angelehnt sind. Jede Figur ist sorgfältig modelliert, vom weichen Bauch bis zur gekrümmten Wirbelsäule. Sie sind alle teilweise seziert. Ihre Gesichter spalten sich auf und geben den Blick auf Schädel und Muskeln frei. Die Oberkörper öffnen sich wie die Seiten eines Anatomiebuches, und die freigelegten Organe ruhen auf Holzregalen.
Korda lässt sich direkt von historischen Anatomiemodellen und insbesondere von den fetischisierten Venusfiguren aus Wachs inspirieren, wie sie im 17. und 18. Jahrhundert in Europa hergestellt wurden. Sie stellt die lange Tradition infrage, den weiblichen Körper entweder als erotisches Objekt oder als medizinisches Präparat darzustellen. Hier blicken die Frauen zurück. Ihre weitgeöffneten Augen begegnen dem Blick der Betrachtenden mit einer Mischung aus Direktheit und Humor.
Um ihre Füße herum sind handbemalte Äpfel aus Keramik verstreut: beschädigte, glänzende, zerfallende oder verfaulte. Im Ausstellungsraum hallen traditionelle Lieder aus dem Südwesten Englands wider, mit denen einst Apfelbäume gesegnet wurden. Sie fügen eine eigentümliche Mischung aus Folklore und Fruchtbarkeitsritualen hinzu. Korda beschreibt ihre Arbeit als eine Weigerung, älter werdende Frauen verschwinden zu lassen. „Ich habe meiner Wut über den Gender Health Gap – die Ungleichheit im Bereich der geschlechtsspezifischen Gesundheit – Ausdruck verliehen“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich wollte das Wort „altes Weib“ zurückerobern.“
Katharine Dowson: Gedanken, Erinnerungen und den unsichtbaren Körper formen
Als Nächstes berichtete die britische Künstlerin Katharine Dowson. In ihrer langen Karriere hat sie sich den verborgenen Mechanismen des Körpers gewidmet: Organe, Gedanken, Nervensystem. Dowson ist seit ihrer Kindheit Legasthenikerin und lässt das Gefühl, „aus dem Takt“ zu sein, oft in ihre Werke einfließen. Den Anfang machte Myriad, ein Vorhang aus hunderten von ausgemusterten Brillengläsern. Jede Linse trägt einen Optiker-Code – eine Sprache, die Dowson nicht lesen kann. Somit wird die Arbeit für Dowson zu einer Metapher dafür, wie Legasthenie die Wahrnehmung prägt und dabei die Welt fragmentiert und bricht.
Dowsons frühe Faszination für die Anatomie führte sie zunächst zum Hunterian Museum und später zu den berühmten Sammlungen anatomischer Wachsmodelle im Museum La Specola in Florenz. Für die Ausstellung Spectacular Bodies in der Hayward Gallery schuf sie eine Wirbelsäule aus Glas, die im Treppenhaus der Galerie aufgehängt und mit Glasfaserlichtern beleuchtet wurde. Sobald sich die Wirbel sanft wiegen, werfen sie Schatten an die Wand und verwandeln die Treppe in ein sich in Zeitlupe bewegendes Röntgenbild. Ein darüber schwebendes Gehirn aus Glas markiert den Übergang von der Anatomie zu der Frage, die so oft Dowsons künstlerische Praxis leitet: Wie formt man Gedanken?
Die Scantechnologien entwickelten sich weiter – und Dowson hielt damit Schritt. Im Jahr 2013 beschaffte sie sich einen neuen Satz von 3D-Bildgebungsdaten und gehörte zu den ersten Künstler:innen, die ihr eigenes Gehirn im 3D-Druckverfahren herstellten. Später goss sie es in Glas. Für Dowson sind diese wissenschaftlichen Bilder kein Selbstzweck, sondern eine Erweiterung ihres Skizzenbuchs – eine Möglichkeit, Fragilität, Struktur und die unsichtbaren Phänomene, die unser Leben prägen, zu verstehen.
Die Künstlerin stellte auch eine ihrer emotionalsten Serien vor: Silent Stories (2010). Sie begann dieses Projekt, als ihr Vater sich wegen einer Krebswucherung an der Nase einer Strahlentherapie unterziehen musste. Sie war dabei, als die starren Kopfverbände aus Gips angefertigt wurden, mit denen die Patienten während der Behandlung fixiert wurden – Verbände, die später entsorgt wurden. Dowson bat einige Patienten um Erlaubnis und erhielt ihre Gipsverbände, die sie in Glas goss. So wurde jeder Kopf sowohl zur Maske als auch zum Porträt, das die Person in einem Augenblick extremer Verwundbarkeit zeigt. Die Arbeit erhielt eine neue Dimension, als das Science Museum Dowson beauftragte, eine Klanglandschaft aus Zeugnissen und Aussagen der Patienten zu entwickeln. Ihre Stimmen, die Jahre später aufgezeichnet wurden, erzählen von Angst, Beklemmung, Humor, Genesung und Widerstandsfähigkeit. Zusammen bilden die Glasköpfe und die Tonaufnahmen ein stilles, aber eindringliches Denkmal für das Überleben und sind ein seltenes skulpturales Zeugnis des Innenlebens einer medizinischen Behandlung.
Sofie Muller: Der Körper als Geschichte, Erinnerung und ethischer Spiegel
Den Abschluss des Abends bildete die facettenreiche Präsentation der belgischen Künstlerin Sofie Muller. In ihren Arbeiten schlägt sie eine Brücke zwischen Bildhauerei, Psychologie und der langen europäischen Geschichte religiöser Bildsprache. Muller wuchs in einer Familie von Kunsthändlern auf und war von klein auf von geschnitzten Heiligenfiguren, Devotionalien und beschädigten Fragmenten umgeben. Diese frühen Begegnungen prägten ihre Sensibilität für Materialien, Zeit und die menschliche Gestalt.
In ihrer Arbeit wechselt Miller zwischen den Materialien Alabaster, Bronze und Harz sowie zwischen Installation und Zeichnung. Dabei kehrt sie jedoch immer wieder zum Thema des Körpers als Ort innerer Konflikte zurück. Ihre Bronzeskulpturen von Kindern – zurückhaltend, in sich gekehrt und aufmerksam beobachtet – loten Gefühlszustände aus, die sich einer einfachen Deutung entziehen. Arbeiten wie Elza (2009), ein Porträt ihrer an Demenz erkrankten Großmutter, zeugen von Millers Interesse an Verwundbarkeit, das frei von Sentimentalität ist.
Ein großer Teil von Millers Präsentation war ihren Alabasterköpfen gewidmet. Die Künstlerin wählt bewusst Steine mit Fehlern, Maserungen oder Rissen aus, sodass das Material seine eigene Geschichte erzählen kann. Die hautähnliche Transparenz der Alabastersteine verleiht diesen Köpfen eine außergewöhnliche Präsenz. Viele der Köpfe wirken beschädigt oder restauriert, was sowohl an religiöse Bilderstürme als auch an das Überleben antiker Bildhauerkunst in Fragmenten erinnert. Im Jahr 2022 traten Millers Alabasterarbeiten im Museum M in Leuven mit mittelalterlichen Meisterwerken in einen Dialog. Zu sehen war unter anderem ihr dreiteiliges Werk Trinitas Terrestris, eine skulpturale Trinität aus Mutter, Tochter und Großmutter, die aus einem einzigen Stein gefertigt wurde.
Muller sprach auch über Clean Room, eine Installation aus Alabaster-Säuglingen, die zunächst auf der Malta-Biennale gezeigt wurde und nun im Guislain-Museum zu sehen ist. Die Arbeit wurde durch ein Kind mit Down-Syndrom inspiriert, berührt jedoch ein weiterreichendes Fragenfeld zu genetischen Ausleseschemata, dem Streben nach „perfekten“ Babys und der Rolle der Technologie bei der Lebensplanung und -gestaltung. Die Säuglinge liegen zusammen in einem neutralen, laborähnlichen Raum – zart, fragil und verstörend. Die Installation galt zunächst als zu kontrovers für Malta, wo Abtreibung nach wie vor illegal ist. Dennoch gewann die Arbeit später den Preis für den besten Pavillon auf dieser Biennale.
Körper, die sich weigern zu verschwinden
Insgesamt brachte der Abend eine bemerkenswerte Wahrheit ans Licht: Zerbrechlichkeit ist keine Schwäche. Die vorgestellten Künstler:innen nutzen die Bildhauerei, um mit Humor, Wut, Zärtlichkeit oder Stille Körper zurückzuerobern, die von Krankheit, Trauer, Alter oder Andersartigkeit gezeichnet sind. Ihre Arbeiten machen deutlich, dass diese Körper weder nebensächlich noch etwas sind, wofür man sich schämen müsste. Sie sind für unser Leben von zentraler Bedeutung und spiegeln wider, was es eigentlich bedeutet, Mensch zu sein.
Der Text wurde mit Hilfe von ChatGPT verfasst und von unserem Redaktionsteam überarbeitet.