Beyond the Visual: Skulptur, Taktilität und Kunst-Zugang neu denken
Beim Sculpture Network Online Club am 23. Februar kamen Künstler:innen, Kurator:innen, Forschende und Befürworter:innen von Barrierefreiheit in der Kunstvermittlung zusammen, um über Beyond the Visual – eines der ambitioniertesten kuratorischen Experimente auf dem Gebiet der multisensorischen Skulptur der letzten Jahrzehnten - zu diskutieren.
Die Veranstaltung wurde von der niederländischen Kunstkritikerin Anne Berk moderiert. Als Sprecher fungierten zwei der Hauptverantwortlichen für dieses Forschungsprojekt: der blinde Bildhauer Dr. Aaron McPeake (IE), der an den Chelsea and Camberwell Colleges of Art unterrichtet, sowie der sehende Künstler und Schriftsteller Dr. Ken Wilder (UK), der als Professor für Ästhetik an der University of the Arts London lehrt und den Rootstein-Hopkins-Lehrstuhl für Design innehat.
Eine radikale Prämisse: Skulptur jenseits des Sichtbaren
Die Ausstellung Beyond the Visual, die noch bis zum 19. April im Henry Moore Institute in Leeds zu sehen ist und bei freiem Eintritt besucht werden kann, stellt eine der tief verankerten Konventionen der Museumskultur infrage: das Berührungsverbot. Während Galerien die Betrachtenden in der Regel in sicherer Entfernung positionieren und sie durch Barrieren, Vitrinen, Alarmanlagen oder einfach durch die Anweisung „Nicht berühren“ von den Kunstwerken trennen, verkehrt die Ausstellung diese Logik ins Gegenteil. Die Besucher:innen sind dazu eingeladen – ja, sogar aufgefordert, – sich mit den Werken durch Tasten, Klang, räumliches Bewusstsein, Temperatur und Bewegung auseinanderzusetzen.
Dies ist keine symbolische, sondern eine infrastrukturelle Veränderung. Teppichbereiche signalisieren den Besucher:innen, dass sie die Kunstwerke in diesen Ausstellungsabschnitten haptisch erkunden können. Audiobeschreibungen verwenden verschiedene Tonspuren und Stile und beinhalten kreative und subjektive Interpretationen. Viele der ausgestellten Kunstwerke verfügen über kinetische Elemente, die durch physische Interaktion aktiviert werden können.
Ebenso wichtig ist die kuratorische Struktur der Ausstellung: Die Mehrheit der ausstellenden Künstler:innen ist blind oder sehbehindert. Durch die Zusammenarbeit mit Dr. Claire O‘Dowd, Forschungskuratorin am Henry Moore Institute, und ihrem Team konnten sie die konzeptionelle Entwicklung der Ausstellung von Anfang an mitgestalten. Leider war es Dr. O‘Dowd nicht möglich, persönlich an diesem Sculpture Network Online Club teilzunehmen.
Mit anderen Worten: Es handelt sich hierbei nicht um eine Ausstellung, die ursprünglich für sehende Besucher:innen konzipiert und nun auch für blinde Menschen zugänglich gemacht wurde. Es ist eine multisensorische Ausstellung, die die Frage aufwirft, ob das Sehvermögen von Anfang an als primäre Art der Begegnung mit Skulpturen hätte eingestuft werden sollen. Dabei geht es um mehr, als nur das Publikum mit Sehbeeinträchtigungen zu berücksichtigen. Die Ausstellung stellt die seit Jahrhunderten die westliche Museumskultur prägende Hierarchie der Sinne infrage.
Sprache versteckt unter dem Tisch
Eines der subtilsten und zugleich subversivsten Werke der Ausstellung stammt von dem blinden Bildhauer David Johnson. Auf den ersten Blick sieht das, was die Besucher:innen vorfinden, wie ein einfacher Tisch aus. Das Kunstwerk offenbart sich jedoch erst, wenn man unter die Tischplatte greift. Auf der Unterseite kleben Formstücke, die sich anfühlen wie auf öffentlichen Plätzen entsorgte Kaugummis. In Wahrheit sind die Formstücke aus Silikon gefertigt und ergeben in übergroßer Brailleschrift das Wort inhibition (dt. Hemmung).
Die Idee wirkt auf mehreren Ebenen. Sie lädt die Besucher:innen ein, ein soziales Tabu zu brechen, indem sie etwas berühren, das an weggeworfenes Kaugummi erinnert. Sie zeigt Braille, ein Schriftsystem, das für sehende Menschen oft verborgen bleibt. Zudem schafft sie eine Umgebung für sozialen Austausch: Der Tisch wird zu einem Ort des Gesprächs, der Entdeckung und der gemeinsamen Entschlüsselung.
Ein Feuerwerk, das man nicht sieht
Ein weiterer Ausstellungsbeitrag stammt vom Künstler und Pyrotechniker Collin van Uchelen. Seine Arbeiten bestehen aus Acrylplatten, in die Muster eingeritzt sind, die jeweils verschiedenen Arten von Feuerwerksexplosionen entsprechen.
Van Uchelen, der ursprünglich sehen konnte, später jedoch seine komplette Sehkraft verlor, verwandelt die vergängliche visuelle Feuerwerksshow in taktile Strukturen. Er gestaltete die Platten auf der Grundlage seiner Seherinnerungen, nutzte aber auch alternative sensorische Möglichkeiten. So zeichnete beispielsweise ein Freund des Künstlers während einer Live-Vorführung die Formen der Feuerwerksexplosionen mit den Fingerspitzen auf dessen Rücken nach oder beschrieb sie auf bewegende Weise: “It’s burning tears” (dt. „Es sind brennende Tränen”).
Klang, Bewegung und das erweiterte Feld der Skulptur
Die Ausstellung geht über taktile Oberflächen hinaus und umfasst auch Klang- und kinetische Umgebungen. So präsentiert der Bildhauer und Ko-Kurator Aaron McPeake eine Installation aus hängenden Bronzeringen, die gleichzeitig als skulpturale Objekte und als Resonanzinstrumente fungieren. Werden die Ringe angeschlagen, erzeugen sie vielschichtige Klangfelder, die durch Vibrationen die räumliche Präsenz definieren.
Ko-Kurator Ken Wilder steuert eine spiralförmige Pendelkonstruktion bei, die man physisch in Bewegung setzen kann. Während sie sich dreht, verwandelt sich die taktile Form in ein visuelles Phänomen: Die farbigen Segmente verschmelzen bei hoher Drehgeschwindigkeit zu einem neutralen Grau und demonstrieren so die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung.
Diese Werke betonen, dass eine Skulptur kein Objekt ist, sondern etwas, das durch zeitliche, körperliche und multisensorische Prozesse erlebt wird.
Historische Vorbilder und aktuelle Museumspraxis – und ihre Grenzen
Ein wesentlicher Teil der Online-Diskussion widmete sich der Einordnung der Ausstellung in den Kontext früherer Initiativen für eine taktile Ausrichtung bzw. „Skulptur für Blinde“.
Die beiden bekanntesten Beispiele waren die Ausstellungseditionen von Sculpture for the Blind in Tate Modern in den Jahren 1976 und 1981. Obwohl diese Projekte in ihrer Intention bahnbrechend waren, wurden sie im Wesentlichen von sehenden Expert:innen kuratiert und zeigten überwiegend Werke sehender Künstler:innen.
Solche Ausstellungen funktionierten darüber hinaus oft durch Abgrenzung: In manchen Fällen durften die Räume nur von blinden Besucher:innen betreten werden. Beim taktilen Erleben wurden sehende Besucher:innen so zu Außenstehenden.
Weitere Beispiele, die zur Sprache kamen, bezogen sich auf zeitgenössische Praktiken wie das Ausstellen originalgetreuer Nachbildungen. Im Archäologischen Museum in Athen dürfen beispielsweise Besucher:innen die Repliken anfassen, allerdings nur, wenn sie blind sind. Solche Maßnahmen verstärken die kategorialen Trennungen, anstatt sie abzubauen.
Selbst Constantin Brancusis kanonisches Werk Sculpture for the Blind (1920), das gezielt für das taktile Erleben geschaffen wurde, befindet sich im Philadelphia Museum of Art hinter Glas.
Wilder wies auf die institutionelle Verpflichtung hin, Kunst- und Kulturgut zu erhalten. Zwar sind Museen bemüht, Kunstwerke für nachfolgende Generationen zu bewahren, damit schließen sie jedoch das gegenwärtige Publikum aus, insbesondere jene Besucher:innen, für die Berührung unverzichtbar ist.
McPeake fügte hinzu, dass selbst wenn ein taktiler Zugang möglich ist, dieser häufig mit umständlichen Prozeduren wie dem Tragen vorgeschriebener Handschuhe, restriktiv gestalteten Führungen oder standardisierten Audiobeschreibungen verbunden ist. Dadurch würden Kunstwerke zu neutralisierten visuellen Zusammenfassungen reduziert.
McPeake fügte hinzu, dass selbst wenn ein taktiler Zugang möglich ist, dieser häufig mit umständlichen Prozeduren wie dem Tragen vorgeschriebener Handschuhe, restriktiv gestalteten Führungen oder standardisierten Audiobeschreibungen verbunden ist. Dadurch würden Kunstwerke zu neutralisierten visuellen Zusammenfassungen reduziert.
Aaron McPeake: Material Intelligence and Lived Experience
Die Karriere des irischen Künstlers Aaron McPeake wurde vom Übergang von voller zu verminderter Sehkraft geprägt. Er ist seit vielen Jahren als blind registriert. Seine Ausbildung zum Lichtdesigner absolvierte er jedoch, als er noch voll sehfähig war. Mit der Zeit verlor er schrittweise seine Sehkraft, was sein Wahrnehmungssystem und seine bildhauerische Praxis grundlegend veränderte. Dies bewegte ihn dazu, mit Material, Raum und Klang als Erkenntnisformen jenseits des Visuellen zu experimentieren.
Längere Aufenthalte in Südostasien, insbesondere in Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha, prägten seine künstlerische Entwicklung. In dieser Zeit entstanden Projekte, die von Reisen, meditativen Praktiken und den Traditionen des Schattentheaters beeinflusst waren. Dazu zählen A Sense of the World: The Blind Traveller (dt. Ein Gefühl für die Welt: Der blinde Reisende) sowie später von Glocken und Gongs inspirierte Klangskulpturen.
Er unterrichtet an den Chelsea and Camberwell Colleges of Art, wobei taktile und prozessorientierte Konzepte zentrale Komponenten seines pädagogischen Ansatzes sind.
In seiner künstlerischen Arbeit experimentiert McPeake häufig mit Klang, Resonanz und physikalischer Vibration. Mit seinem kuratorischen Beitrag zu Beyond the Visual bekennt er sich zur Integration von Barrierefreiheit in alle Ebenen der Entscheidungsfindung – vom Aufbau der Ausstellung bis zu den internen Kommunikationsformaten.
Für McPeake ist Barrierefreiheit in der Kunstvermittlung keine Ausgleichsmaßnahme, sondern ein generatives Prinzip. Wenn Institutionen ihre Angebote an die unterschiedlichen sensorischen Bedürfnisse anpassen, schaffen sie vielschichtige künstlerische Umgebungen für alle.
Ken Wilder: Raumtheorie und multisensorische Architektur
Ken Wilder nähert sich der Bildhauerei über Architektur und Philosophie. Als Professor für Ästhetik erforscht er bereits seit Längerem, wie Körper Räume einnehmen und wie die Wahrnehmung die Grenzen des Visuellen überschreiten kann.
In seine künstlerische Praxis integriert er architektonische Eingriffe, Klanginstallationen und Umgebungen, die dazu konzipiert sind, das sensorische Bewusstsein zu schärfen. In der Ausstellung manifestiert sich das in Arbeiten, die Wahrnehmungsschwellen austesten und eine nachhaltige räumliche Aufmerksamkeit fördern.
McPeake und Wilder haben gemeinsam ein disziplinübergreifendes Forschungsnetzwerk ins Leben gerufen, das Künstler:innen, Expert:innen aus den Bereichen Psychologie und Philosophie, Behindertenrechtsaktivist:innen sowie Museumsfachkräfte zusammenbringt. Das Buch Beyond the Visual: Multisensory Modes of Beholding Art (dt. Jenseits des Sichtbaren: Multisensorische Formen der Kunstbetrachtung) präsentiert die Ergebnisse dieser Arbeit und vertieft die Diskussion über multisensorische Möglichkeiten bei der Wahrnehmung zeitgenössischer Kunst, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf Methoden liegt, die die Abhängigkeit von Sehkraft überwinden. Die Publikation steht auf der Webseite des Verlags UCL Press als kostenloser Download zur Verfügung.
Ein Fachpublikum, eine kollektive Anfrage
Der Gedanke, der sich vielleicht am konsequentesten durch die Diskussion zog, war, dass Barrierefreiheit in der Kunstvermittlung nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern allen Besucher:innen zugutekommt. Größere Schriftgrößen erleichtern beispielsweise allen die Lesbarkeit. Multisensorische Integration intensiviert das ästhetische Erlebnis. Übersichtliche Räume erleichtern die Orientierung für alle.
Wie McPeake anmerkte, kommt es häufig vor, dass Maßnahmen zur Zugangs- und Barrierefreiheit, die ursprünglich für eine bestimmte Gruppe gedacht waren, später von allen genutzt werden. Die Ausstellung ordnet Barrierefreiheit somit als Innovationstreiber und nicht als logistische Belastung ein.
Anne Berk stellte fest, dass das moderne Leben nach wie vor durchweg auf die Dominanz des Visuellen ausgerichtet ist. Dies prägt nicht nur die Art und Weise, wie wir mit Kunst in Berührung kommen, sondern auch, wie wir unsere alltäglichen räumlichen Erfahrungen organisieren. Sie merkte außerdem an, dass es ein Paradoxon ist, über multisensorische Wahrnehmung während eines Zoom-Meetings zu diskutieren, bei dem die Teilnehmenden durch die Limitierungen des Formats unvermeidlich auf ihre umrahmten Bilder reduziert werden. Eine Umgebung also, die die visuelle Hierarchie, die die Diskussion zu hinterfragen versucht, auf subtile Weise verstärkt.
Sowohl die Ausstellung als auch die Online-Diskussion zeigen eine grundlegende Neudefinition skulpturaler Erfahrungen. Berührung ist keine therapeutische Ergänzung. Klang ist keine atmosphärische Verstärkung. Räumliches Bewusstsein ist keine Nebensache. All dies sind primäre Erkenntnis- und Wahrnehmungsformen, die das Sehen nicht ersetzen, sondern erweitern.
Indem es Zugang und Barrierefreiheit in jede kuratorische Entscheidung integriert, blinde Künstler:innen in den Vordergrund stellt und die visuelle Dominanz bei der Präsentation der Kunstwerke abbaut, liefert Beyond the Visual ein radikal inklusives Modell für die Ausstellungspraxis.
Die Bedeutung dieser Ausstellung geht über den allgemeinen Diskurs zum Umgang mit Behinderung hinaus. Sie suggeriert, dass Museen ihr eigenes Medium möglicherweise missverstanden haben – indem sie Skulpturen lediglich als etwas betrachten, das man mit den Augen wahrnimmt, anstatt als etwas, das man mit dem ganzen Körper erlebt.