Delcy Morelos, origo, 2026. Installation View Barbican, 15 May – 31 July 2026. © Thomas Adank/Barbican Art Gallery.
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Ich bin ein Körper, ich bin Erde.

Im Herzen Londons, im Innenhof des Barbican, findet sich die bislang ambitionierteste Erdarbeit von Delcy Morelos: origo. Aus Lehm, Erde, Heu, Pflanzensamen und duftenden Gewürzen geschaffen, ist die monumentale Skulptur sowohl stofflich als auch konzeptionell mit der Erde selbst verwurzelt. In ihrem langjährigen künstlerischen Schaffen hat Delcy Morelos immer wieder die Beziehung zwischen Mensch und Erde hinterfragt. Vor dem Hintergrund der ikonischen Architektur des Barbican geht origo über die Grenzen der Ausstellungsräume hinaus und lädt uns dazu ein, nachzudenken, zu fühlen und eine Verbindung zur Erde herzustellen.

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Delcy Morelos, origo, 2026. Ausstellungsansicht Barbican, 15. Mai – 31. Juli 2026. © Thomas Adank/Barbican Art Gallery

Delcy Morelos’ künstlerisches Schaffen ist tief in den traditionellen Weltanschauungen der Anden sowie in der Ästhetik des Minimalismus und der Abstraktion verwurzelt. Morelos wurde 1967 in Tierralta, Kolumbien, in der Region Córdoba geboren – einem Gebiet, das in den 1990er-Jahren und Anfang der 2000er-Jahre stark von bewaffneten Konflikten betroffen war, ausgelöst durch illegale Landaneignung und groß angelegte Bergbauprojekte. Sie fing an, Gemälde aus roten Tonpigmenten zu schaffen, mit denen sie die Verflechtungen zwischen Körper, Territorium und Gewalt thematisierte. Die Erde wurde von ihr stets als eine symbiotische Partnerin dargestellt, die über eine eigene Handlungsfähigkeit verfügt, und nicht als eine Ressource, die man besitzen und kontrollieren kann. Ihre Werke regen zum Nachdenken über das Wechselspiel zwischen Mensch und Materialität der Erde an.

Der Titel des Kunstwerks, origo, lateinisch für „Ursprung“, ist vom überlieferten Wissen der Anden und des Amazonasgebiets inspiriert. Für Morelos ist Erde die Mutter aller Materialien und somit der Ursprung aller Lebensformen. Sie erklärt: „In den überlieferten Traditionen der Anden ist der Mensch lebende Erde; ich bin ein Körper, ich bin Erde. Im Raum der Ausstellung kommt die Erde selbst zum Ausdruck; sie ist das Zentrum und der Spiegel dessen, was wir sind.“ origo erinnert uns dabei immer wieder an die Kraft und das Potenzial dieses Materials und auch an den Einfluss, den es auf das menschliche und nicht-menschliche Leben hat.

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Delcy Morelos, origo, 2026. Barbican, 15. Mai – 31. Juli 2026. © Thomas Adank/Barbican Art Gallery

Im Laufe ihres künstlerischen Schaffens hat Morelos monumentale minimalistische Installationen entwickelt, die darauf ausgelegt sind, immersiv erlebt zu werden. Als ihr bislang ehrgeizigstes Projekt zwingen der Umfang und die Form von origo die Betrachter:innen dazu, bei der Begegnung mit der Skulptur die Kontrolle abzugeben. Die Struktur, die einer Arena ähnelt, ist 24 Meter breit und hat einen Durchmesser von 18 Metern. Ihre scharfkantigen Wände ragen mit einer Höhe von mehr als drei Metern über die Besucher:innen empor. Die Betrachter:innen können das Äußere des Kunstwerks umrunden und werden durch kleine dreieckige Öffnungen ins Innere eingeladen. Die überdimensionale Größe der Skulptur unterstreicht die Kraft und die Bedeutsamkeit des Materials. Damit ermutigt uns Morelos, eine ethischere Haltung der Erde gegenüber einzunehmen, und stellt gleichzeitig das westliche Verständnis von Boden als etwas, das kontrolliert, ausgebeutet oder in Besitz genommen werden kann, in Frage.

Trotz der harten Linienführung und seiner imposanten Struktur erinnert origo an die Form eines Ovals oder vielleicht sogar ein wenig an ein Ei. Dies dient als ein weiterer Hinweis auf die lebensspendende Kraft des Materials und seine Bedeutung als Mutterfigur innerhalb der Weltanschauung der Anden. Sobald man das Innere der Skulptur betritt, wird man vollständig vom lehmigen Duft der Erde umhüllt. Die olfaktorischen Eigenheiten des Werks lösen eine instinktive, körperliche Reaktion auf die immersive Umgebung aus. Im Inneren der Skulptur fühlt man sich zugleich behütet und wach, schließlich geborgen in der Obhut eines erdigen Mutterleibes.

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Delcy Morelos, origo, 2026. Ausstellungsansicht Barbican, 15. Mai – 31. Juli 2026. © Thomas Adank/Barbican Art Gallery

origo greift die Architektur des Barbican auf, durch seine minimalistische Geometrie ebenso wie durch seine organische Beschaffenheit. Die von Hand behauenen und stark haptischen Betonoberflächen des Barbican stehen für ein vielschichtiges sozio-architektonisches Narrativ, das aus den Verwüstungen des Blitzkriegs hervorgegangen ist und durch den sozialen Idealismus der Nachkriegszeit, modernistische Architekturprinzipien und humanistische Ansätze des urbanen Lebens weiterentwickelt wurde. Unter dem Einfluss von Le Corbusier wurde das Barbican 1959 von den Architekten Chamberlin, Powell und Bon als utopische „Stadt in der Stadt“ entworfen, die eine hohe Wohnverdichtung, erhöhte Fußgängerverbindungen, eine kulturelle Infrastruktur und integrierte Grünflächen vereint. Als zentraler öffentlicher Raum innerhalb dieses kommunalen Wohnprojekts wurde der „Sculpture Court“ konzipiert, um Kunst in das tägliche Leben zu integrieren.

In diesem Kontext entfaltet origo eine besondere Wirkung. Morelos’ Verwendung von Erde führt ein Material ein, das in modernistischen Architekturnarrativen meist nicht vorkommt, obwohl es doch das Fundament bildet, auf dem diese errichtet wurden. Die Arbeit stellt einen Dialog her zwischen Beton und Erde, Beständigkeit und Vergänglichkeit, menschlichen Bauwerken und den lebenden Systemen, welche diese erhalten. Während das Barbican an Nachkriegsvisionen von Fortschritt und kollektiver Zukunft anknüpft, lenkt origo unsere Aufmerksamkeit auf tiefer liegende zeitliche Dimensionen, die in der Erde selbst verwurzelt sind.

In einer Zeit, in der sich die ökologische Krise immer weiter verschärft, konfrontiert uns Morelos nicht mit belehrenden Lösungen. Stattdessen schafft sie Raum für Reflexion und lädt die Besucher:innen dazu ein, innezuhalten und ihre Beziehung zu dem Boden, auf dem sie stehen, zu überdenken. Inmitten der imposanten Landschaft des Barbican wird origo zu einem Ort der Begegnung und zugleich zu einem Ort des Gedenkens. Ein Ort, der uns daran erinnert, dass die Erde nicht bloß eine Kulisse für menschliches Handeln ist, sondern eine lebendige Präsenz, aus der wir hervorgegangen sind und von der alles Leben abhängt.

origo ist noch bis zum 31. Juli 2026 im Barbican Sculpture Court zu sehen.

Myfanwy Halton hat diesen Artikel auf Englisch verfasst.

Über den Autor/ die Autorin

Myfanwy Halton

Myfanwy Halton ist Autorin und Produzentin aus Australien und lebt in München.

Übersetzung

Sybille Hayek

Sybille Hayek ist Lektorin und Übersetzerin. Seit 2022 unterstützt sie unser Team ehrenamtlich mit ihrem geschulten Blick fürs Detail und einer großen Liebe zur Sprache.

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