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FRAUEN / DONNE in Südtirol: 20 Jahre Skulpturengarten im Kränzelhof

Seit zwei Jahrzehnten verbindet der Skulpturengarten im Kränzelhof in Südtirol Kunst, Landschaft und Architektur. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Gärten präsentiert die von Nicole Abler kuratierte aktuelle Ausstellung FRAUEN / DONNE achtzehn künstlerische Positionen, die die vielfältigen Aspekte von Weiblichkeit ergründen.

Als Mitglied von Sculpture Network pflegt der Kränzelhof seit Langem die Begegnung zwischen Skulptur und Umwelt und schafft somit einen Raum, in dem sich zeitgenössische künstlerische Positionen im direkten Dialog mit der Natur und den Besucher:innen entfalten können.

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Gärten präsentiert die von Nicole Abler kuratierte aktuelle Ausstellung FRAUEN / DONNE achtzehn künstlerische Positionen, die die vielfältigen Aspekte von Weiblichkeit ergründen. Anstatt eine einheitliche Definition von „Frau“ zu bieten, eröffnet die Ausstellung ein fließendes und facettenreiches Spektrum verschiedener Perspektiven, die Körper und Identität, Erinnerung und Projektion sowie Intimität und soziale Realität miteinander verbindet.

Kränzelhof 2026: Turra Simone, “Marco” and “Rispetto”. Photo: Robert Bernardi.
Turra Simone, Marco and Rispetto. Foto: Robert Bernardi.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein grundlegender Perspektivenwechsel. Historisch spiegelte die Bildhauerei oft vorherrschende kulturelle Narrative wider, in denen Frauen als Objekte von Betrachtung, Idealisierung oder symbolischer Darstellung auftraten. Die Ausstellung FRAUEN / DONNE bricht mit dieser Tradition und erweitert das Potential des Begriffs „Frau“ in der modernen Bildhauerei. Die Künstler:innen, deren Arbeiten zu sehen sind, hinterfragen festgefahrene Vorstellungen und öffnen sich der Komplexität sowie der Selbstbestimmung. Die Frau tritt dann nicht als Objekt, sondern als Subjekt in Erscheinung; nicht als statische Form, sondern als Prozess.

Nicole Abler, die Kuratorin der Ausstellung, beobachtet diese Entwicklung mit Neugier. In ihrem Begleittext zitiert sie Anaïs Nin: „Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind. Wir sehen sie so, wie wir sind.“ Dieses Zitat zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung und erinnert die Besucher:innen daran, dass jede Begegnung mit einer Skulptur zugleich eine Begegnung mit den eigenen Vorstellungen, Erwartungen und Wahrnehmungen ist.

In der Ausstellung sind auch zwei Mitglieder von Sculpture Network vertreten: Otto Beer und Felicitas von Lensing-Hebben

Kränzelhof 2026: Felicitas von Lensing-Hebben“Maron”, 2010.
Felicitas von Lensing-Hebben, Maron, 2010.

Vier Werke der Künstlerin Felicitas von Lensing-Hebben sind Teil der Ausstellung: Maron, Rüstung, Silhouette und Torso. Auf den ersten Blick scheinen die stoischen Formen in starkem Kontrast zu ihrer natürlichen Umgebung zu stehen. Bei genauerer Betrachtung lassen sich jedoch körperliche Merkmale in den skulpturalen Formen erkennen, die eine Sanftheit und Zerbrechlichkeit offenbaren. Dies ist ein prägendes Element in von Lensing-Hebbens künstlerischer Praxis. Die monolithischen Formen wirken zunächst kühl und stoisch. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich jedoch die feinen Details, die sanfte, aber kraftvolle Körper zeigen, die stolz aufragen.  

Kränzelhof 2026: Otto Beers, “Erschöpft”. Photo: Robert Bernardi.
Otto Beers, Erschöpft. Foto: Robert Bernardi.

Im Gegensatz dazu nähert sich Otto Beer in seinen Holzskulpturen der weiblichen Gestalt auf ausgesprochen kontemplative Weise. Die Ausstellung umfasst fünf Werke, die die weibliche Figur in einem Moment der Bewegung oder der Kontemplation zeigen. Der Künstler nutzt die Beschaffenheit des Holzes, um den Formen Charakter und Detailreichtum zu verleihen. All das vor dem Hintergrund der spektakulären Schönheit Südtirols.

Ein weiteres unverwechselbares Merkmal der Ausstellung ist die Atmosphäre auf dem Kränzelhof. Im Skulpturengarten sind die Kunstwerke nicht in einer neutralen Ausstellungsarchitektur isoliert, sondern in Weinberge, Gärten, Wege und historische Bauwerke eingebettet. So wird die Natur zu einem aktiven Teil der Ausstellung. Im Laufe des Tages verändert sich das Licht und beeinflusst so die Wahrnehmung der Oberflächen der Kunstwerke. Die Vegetation umrahmt oder verdeckt ihre Silhouetten, und die Besucher:innen können die Skulpturen durch Bewegung und Entdeckung nach und nach wahrnehmen.

Dieser Dialog zwischen Skulptur und Landschaft prägt den Kränzelhof bereits seit zwanzig Jahren. Inmitten der kulturell vielfältigen Landschaft Südtirols hat er sich als Ort etabliert, an dem zeitgenössische Kunst in einen ständigen Dialog mit Ort, Geschichte und sinnlicher Erfahrung treten kann.

Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Kränzelhofs ist die Ausstellung eine Würdigung dieses Jubiläums und zugleich ein Blick nach vorn. Sie erinnert daran, dass die Bildhauerei ein lebendiges und sich weiterentwickelndes Medium ist, das überlieferte Vorstellungen hinterfragen und gleichzeitig neue Räume für den Dialog eröffnen kann.

 

Myfanwy Halton hat diesen Artikel auf Englisch vefasst.

Über den Autor/ die Autorin

Myfanwy Halton

Myfanwy Halton ist Autorin und Produzentin aus Australien und lebt in München.

Übersetzung

Elka Parveva-Kern

Elka Parveva-Kern unterstützt Sculpture Network seit 2024 als Übersetzerin - eine wunderbare Gelegenheit, ihr langjähriges Interesse an Sprachen und Kunst zu verbinden.

Galerie

Felicitas Lensing-Hebben, Rüstung
Felicitas Lensing-Hebben, Rüstung
Felicitas Lensing-Hebben, Torso
Felicitas Lensing-Hebben, Torso
Otto Beers, Grazie. Photo: Robert Bernardi
Otto Beers, Grazie. Photo: Robert Bernardi
Otto Beers, Tänzerin
Otto Beers, Tänzerin
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