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Luo Xu - Aboriginal Nest

Die Veranstaltung 2019 Creative MILE, ein internationaler Designworkshop mit Sitz in Dongfengyun in Mile, Yunnan, wurde von der Mile-Regierung der Provinz Yunnan und der Yunnan Arts University, China, unterst√ľtzt. Sie entstand als Zusammenarbeit zwischen dem Art and Design College der Yunnan Arts University, Yunnan Urban and Rural Construction Investment Co. Ltd und Honghe Xingwang Agricultural Development Co. Ltd. Olga Young nahm am Workshop teil.

Im Austausch mit bekannten K√ľnstlern aus dem In- und Ausland, f√ľhrten Lehrer und Sch√ľler der Yunnan Arts University alle Teilnehmer durch eine kulturhistorische Studie √ľber Mile und die umliegenden Gebiete. In diesem Artikel m√∂chte ich meine Erfahrungen aus der Teilnahme an dem Workshop berichten und ganz konkret meine Gedanken zu den Werken des K√ľnstlers Luo Xu (ÁĹóśó≠) √§u√üern, der f√ľr die Entstehung des Aboriginal Nest¬†verantwortlich ist ‚Äď einem Raum f√ľr Kunst und Denken, der auf mehr als zweitausend Quadratmetern die Auseinandersetzung mit Skulpturen unterschiedlicher Stile f√∂rdert. Der K√ľnstler ist seitdem zu einer Inspiration f√ľr mein Denken und meine Kunst geworden, und das m√∂chte ich gerne teilen.¬†

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 Luo Xu: Legs and Labia, photo: Olga Young

 

Luo Xu wurde in einem Dorf in der Provinz Yunnan geboren. Einer Provinz, in der eine Vielzahl unterschiedlicher ethnischer Gruppen (√ľber vierzig) beheimatet ist. Da er, wie viele Menschen, die in d√∂rflichen Regionen geboren wurden, archivalisch nicht erfasst wurde, kann das Jahr seiner Geburt nicht eindeutig bestimmt werden. Der Traum, K√ľnstler zu werden war immer da, aber Luo Xu konnte ihm aufgrund des kulturellen und politischen Drucks nicht folgen. So arbeite er in einer Porzellanfabrik, auf dem Land, im Bauwesen und sogar in der Kaninchenzucht. Schlie√ülich erregte er die Aufmerksamkeit des Bildhauers Qian Shaowu, der ihn an die Central Academy of Art in Peking einlud, um die menschliche Gestalt zu studieren. Seine erste Ausstellung, die f√ľr ihn den Durchbruch bedeutete, fand 1990 statt und seitdem veranstaltet er j√§hrlich weltweit Ausstellungen. Er kehrte nach Yunnan zur√ľck, wo er an ein St√ľck Land kam, mit dem seine gro√üe Arbeit begann: Das Aboriginal Nest.

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Luo Xu: Running Legs, photo: Olga Young

Umgeben von den gro√üen Werken im Einklang mit ihrer Umgebung, konzentrierte ich als K√ľnstlerin mich in der Auseinandersetzung auf das "Wie": Wie wurden die Werke geschaffen, wie wurden sie hergestellt, wie Farben und Materialien gew√§hlt usw. Durch meine Asiatische Herkunft bin ich mit Daoismus, Buddhismus und Konfuzianismus vertraut und sehe asiatische Kunst nicht aus der allgemein im Westen und vor allem in der angloamerikanischen Tradition vorherrschenden Perspektive. Auch wenn meine Gedanken vielleicht als naiv oder ignorant empfunden werden k√∂nnen, m√∂chte ich meine Sicht der Kunst von Luo Xu teilen, nicht als etwas Definitives, sondern als einen m√∂glichen Ausgangspunkt f√ľr zuk√ľnftiges Denken und Forschen. ¬†

Eine abendl√§ndische Annahme ist, dass es in der Kunst Luo Xos um die Vagina, die Geb√§rmutter und die Brust geht ¬†‚Äď die Versachlichung weiblicher K√∂rperteile. Dies wiederum f√ľhrt zu der Vorstellung, sein Werk basiere entweder auf einer feministischen oder einer paternalistischen, gar patriarchalischen Sichtweise. Diese Annahme aber zeigt eine Art Kulturimperialismus, der davon ausgeht, dass alles Denken von einem gemeinsamen konzeptuellen Modell ausgeht, anstatt eine unendliche M√∂glichkeit an Deutungen zuzulassen.

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Luo Xu: no title, photo: Olga Young

Der Daoismus ist ein transzendentales Verst√§ndnis der Welt. Betrachtet man nat√ľrliche Formen und Ereignisse aus einer daoistischen Perspektive, erlaubt man das Verst√§ndnis einer geistigen oder inneren Welt, aus der das Universum hervorgeht. Sch√∂nheit und H√§sslichkeit verlieren ihren Gegensatz; sie verlieren ihre Bedeutung als Extreme eines Urteils und werden Ausdruck des Werdens; das eine ist ein Aspekt des Werdens des anderen. K√ľnstlerische Best√§tigung wird zu einem Prozess des Strebens nach dem Verst√§ndnis der inneren bzw. wesentlichen Welt der Natur. Die Freiheit des K√ľnstlers ist das Recht auf individuelle Themenwahl in seiner Kunst, eine Freiheit, die nur im Ausdruck besteht. Es geht nicht darum, etwas Unterschiedliches zu sagen, sondern eine individuelle Sprache oder einen eigenen Dialekt zu finden, um das Innere ‚Äď eine universelle Gleichheit ¬†‚Äď auszudr√ľcken.¬†

 

Kunst unterscheidet sich vom Handwerk durch ihren Naturalismus, ihre Simplizit√§t, ihre Spiritualit√§t und ihre Unergr√ľndbarkeit; Kunst versucht zu sagen, was nicht gesagt werden kann, weil jede Form des Ausdr√ľckens das zu Sagende mit der Konzeptualit√§t der verwendeten Begriffe √ľberdecken w√ľrde. Kunst versucht das Unsagbare zu sagen, w√§hrend Handwerk das bereits Gesagte ausdr√ľckt. ¬†Spirituelle Bedeutung zeigt sich in einem symbolischen Kontext, durch ein System von assoziativen und semantischen Bildern. Um Kunst vom Handwerk zu unterscheiden, wird sie zu einer Metapher ohne Bezug; sie ruft das Gef√ľhl des Ungesagten hervor; sie ist der unvollendete Gedanke, der dem Betrachter die Freiheit gibt, √ľber das Werk hinaus zu lesen und tiefe Bedeutungen zu verstehen. Das Ziel der Kunst wird nichtig, indem sie auf Nichts verweist.¬†

Naturismus und Simplizit√§t sind die Hauptprinzipien des Dao, deswegen lehnt er die traditionelle akademische Ausbildung ab: Was der K√ľnstler schafft, soll aus der Meditation kommen, Ausdruck einer ekstatischen Offenbarung sein, die nicht sie Sprache, sondern den Sprachverlust verspricht.

Verborgene Bedeutung liegt in der Leere, dem leeren Raum, der Stille, in der Musik. Was gesagt wird, spricht in der Stille; was gezeigt wird, zeigt sich in der Leere.  Aus diesem System entsteht die besondere Identität der chinesischen Kunst im Gegensatz zum Symbolismus der abendländischen Kunst.

Betrachtet man die ber√ľhmte Skulptur Running Legs, f√§llt zuerst die Vielzahl der Beine ins Auge und dann die √Ąhnlichkeit mit dem Stern von Vergina, dem Symbol von Apollo auf Griechisch.¬†

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Lou Xu: Galleries, photo: Olga Young

Die Skulptur wird so zu mehr als der blo√üen Darstellung von Beinen und Vagina, sie wird zum Sinnbild der vier Elemente des Lebens: die starken geistigen und religi√∂sen Verbindungen f√ľhren zu einem Verst√§ndnis der inneren Welt des Seins; f√ľhren zum Eins werden mit dem Sein. Man h√∂rt auf, zu sein, indem man sich im Sein verliert.

In der chinesischen Sprache gibt es keinen Ausdruck, der sich mit "Ich bin" gleichsetzen l√§sst, es gibt nur Sein oder Nichtsein. Der Individualismus ist nicht wichtig, weil es keinen Namen daf√ľr gibt; das, was das Wort nicht sagen kann, kann der Verstand nicht denken; das, was nicht zu einem G√∂tzenbild geformt werden kann, kann nicht f√ľr eine Verdinglichung des G√∂ttlichen missverstanden werden. Unter diesem Gesichtspunkt gibt die Vagina Sein ab; sie ist das Tor von einer Welt zur anderen, sie ist m√§chtig uns Sirituell. ¬†Wie Luo Xu sagte: "Sogar Buddha wurde aus der Vagina geboren‚Äú. ¬†

Wenn sich Luo Xu auf in diesem Sinne heilige Teile des menschlichen K√∂rpers konzentriert, zeigt er durch seine k√ľnstlerischen Mittel die Sch√∂nheit des Verborgenen und Unausgesprochenen. Er w√§hlt Silberfarben in seinen Skulpturen, um auf den Mond als Symbol der Weiblichkeit zu verweisen. Er verwendet Ton und Ziegelsteine, um durch ein architektonischen Rahmen zu zeigen, dass wir aus Ton T√∂pfen formen k√∂nnen, es aber die Leere im Inneren ist, die alles h√§lt, was wir wollen. (Daodejing,110).¬†

Die augenscheinliche Objektivierung von Teilen des menschlichen Körpers wird bedeutungslos. In einem Wertesystem, in dem das Ich nicht existiert, weil es mit dem Sein gleichzusetzen ist, wird auch die Beschränkung des Weiblichen auf physische Ausprägungen verweigert. Mann und Frau können keine Gegensätze sein, wenn sie im Kern dasselbe sind. 

Das Aboriginal-Nest wird durch die Verbindung von Landschaft und Kunst, der inneren Welt des Unausgesprochenen, erlebt. Die vom K√ľnstler geschaffenen architektonischen Formen rufen ein Gef√ľhl von Transzendenzhervor, wecken den Wunsch zur Meditation. Die Kunstwerke erschaffen sich kontinuierlich wieder, w√§hrend man sich unten ihnen aufh√§lt.¬†

Einige Leute assoziieren die Geb√§ude mit der Geb√§rmutter ‚Äď in meiner Wahrnehmung ist ihre Anziehungskraft tiefer ist als dieses Symbol. Es existiert eine Verwandtschaft zu den religi√∂sen Tempeln des Daoismus oder Stupa des Buddhismus. Die scheinbar simple Metapher wird genutzt, um an Naivem oder Religi√∂sem vorbeizuziehen und einem Mantra gleich einen Sog in die Transzendenz zu schaffen.

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Luo Xu: Purple Field, photo: Olga Young

 

Auf dem Lavendelfeld schlie√ülich findet man sich an einer Eisenbahnlinie. ¬†Auf jeder Schwelle steht "I love you" in verschiedenen Sprachen. ¬†Das riesige violette Feld assoziiert das Gef√ľhl von Liebe, dem Fallenlassen in Reinheit und Unausgesprochenes; Liebe nicht als Wunsch, etwas zu besitzen, sondern als Wunsch nach Freiheit f√ľr den anderen als essentielles Wesen.¬†

Einige Hektar Landschaft schaffen eine vollständige Verbindung zwischen Kunst und Natur. Sie beziehen den Menschen und seine Weltschöpfung ein, um Teil davon zu werden. So verliert sich der Mensch sich als Mensch. Das Sein umschließt das Ich und so verliert sich das Ich im Nichtsein und das Sein wird alles.

Diese k√ľnstlerische Landschaft von Luo Xu begeistert mich, allein wegen der Menge an Arbeit, die hineingeflossen ist. Die Gedanken des K√ľnstlers und seine F√§higkeit, eine so komplexe, tiefe und spirituelle Welt der Liebe, solche Reinheit und Spiritualit√§t zu erschaffen, beeindrucken jeden, der sich weg vom Allt√§glichen auf die Kunst einl√§sst. Man reist, sanft gef√ľhrt, √ľber das eigene Selbst hinaus, um zu sich selbst zur√ľckzukehren.

 

Autorin: Olga Young

Die Autorin, K√ľnstlerin Olga Young, ist schon seit zwanzig Jahren vor allem in Gro√übritannien und Frankreich t√§tig. Den gr√∂√üten Teil dieser Zeit konzentrierte sie sich auf die Malerei und hatte Ausstellungen auf der ganzen Welt. Derzeit studiert sie Bildende Kunst an der Sheffield Hallam University, wo sie sich zunehmend f√ľr Skulptur interessiert. Ihre St√ľcke fertigt sie aus den unterschiedlichsten Materialien. Der Kernaspekt ihrer Arbeit ist das Tun, der Akt der Sch√∂pfung, an dessen Ende das Werk steht. Im Artikel teilt sie ihre Erfahrungen der Arbeit des Chinesischen K√ľnstlers Luo Xu.

Titelbild: View of Aboriginal Nest, photo: Olga Young

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