Die Ketzerei von Kristof (Teil 1)

Über Denkmäler, den schlechten Geschmack der derzeitigen Regierungspartei in Polen und meinen wenig ausgeprägten Sinn für Humor.

Was tun mit den Denkmälern der Sowjet-Vergangenheit? Krzysztof Krzysztof (geb. 1980, lebt in Krakau, Polen) wuchs in Polen nach dem Mauerfall auf. Als Bildhauer und Forscher in den Bereichen Kunst und Sozialpsychologie beschäftigt er sich mit der Reaktion auf Denkmäler im öffentlichen Raum vor dem Hintergrund eines sich verändernden politischen Klimas. Er wendet sich gegen die Entfernung der Denkmäler, da sie ein Versuch seien, die Geschichte auszulöschen und sie unabhängig von ihrer Botschaft einen eigenen Wert als Kunstwerk darstellten.

Seit zehn Jahren steht meine Skulptur Zarathustra (2011) im Zentrum der Altstadt von Krakau, die ich mitten in der Nacht mithilfe von Freunden auf dem Maria-Magdalenen-Platz aufgestellt hatte. Die Idee dahinter war, der dortigen Bevölkerung das zu geben, was sie wollte: eine quasi postfuturistisch verklärte Form. Was mir damals nach persönlicher Beobachtung und nur mit eingeschränkten Mitteln versehen vorschwebte, war eine visuelle Attraktion in Form eines „Golden Boy“. Wahrscheinlich würde der französische Philosoph Jacques Rancière dies als ästhetischen Schrecken bezeichnen. Jedenfalls war es das, was ich beabsichtigte: den Leuten das zu geben, was sie wollen, um dann zu sehen, was sie daraus machen.

Als junger Bildhauer, der gerade erst aus den USA nach Polen zurückgekehrt war, ging es mir darum, einen Platz für mich selbst zu finden. Ich wusste nicht, was für Reaktionen es geben würde. Zarathustra war umfassend und heftig auf den Leserbriefseiten verschiedener Medien diskutiert worden. Dennoch war vonseiten des Kulturbetriebs nichts zu hören. Natürlich existierte ein kritischer Diskurs. Aber sobald ein Werk nicht in das allgemeine Schema von „Fortschritt in Richtung globaler Westen gegen Nach-Wende-Kleinstadtmentalität“ passte, wurde es in der öffentlichen Debatte einfach nicht wahrgenommen. Sicher gab es in den Medien immer mehr Menschen, die eine höherwertige Ästhetik bei öffentlich zugänglichen Orten verlangten, aber was genau meinen sie mit „höherwertig“?


Wie reagieren die Leute auf öffentliche Kunst?
Die Rezeption von Zarathustra führte mich zu der Schlussfolgerung, dass die meisten Akademiker*innen in Polen einschließlich des Kulturbereichs eine passive Haltung gegenüber der Skulptur im öffentlichen Raum einnehmen. Genau das forderte mich heraus, die psychologische Antwort auf öffentliche Kunst und Denkmäler zu erforschen, sowohl in meinem eigenen Werk wie auch in einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit an der Universität von Ulster, Nordirland: Monuments as an act of auto plagiarism. A case study of six examples from Lesser Poland (2017-2018) toward further strategies for public space. (1) Für diejenigen, die keine Zeit haben, meine Publikation zu lesen, gebe ich meine Forschungsergebnisse in diesem Artikel verkürzt wieder.

Memorial Monument von Kalwaria Zebrzydowska.
Photo: Kalwariarz (2019), Towarzystwo Przyjaciół Kalwarii Zebrzydowskiej

 

Die Zerstörung von „Sowjet“-Denkmälern
Einige von Ihnen haben vielleicht von Tumulten in Polen in den letzten Jahren gehört: LGBT-Rechte, unabhängige Justiz und Redefreiheit stehen unter Druck, und das Bekanntwerden von Pädophilie in der polnischen Kirche, ein Skandal, der immer weitere Kreise zieht. Dabei ist möglicherweise unserer Aufmerksamkeit entgangen, dass die sogenannten „Sowjet“-Denkmäler in den Jahren 2017-2018 durch die Regierungspartei und deren Anhänger entfernt wurden, beispielsweise das Memorial Monument von Kalwaria Zebrzydowska. 1962-1985 lautete der Originaltext auf dem Denkmal: „Zu Ehren der Kämpfer, die im Kampf für das polnische Volk gestorben sind“. Nachdem Kalwaria Zebrzydowska 1985 das Partisanenkreuz erhalten hatte, wurde der Text in „Für die Teilnahme am Guerillakrieg gegen die deutschen Besatzer“ geändert. 2017 wurde das Denkmal entfernt.
Zurzeit erkennt der polnische Staat keine sowjetischen oder sich auf die Sowjets beziehenden Denkmäler als Kunstobjekte an, als Geschichte der Kunst oder allgemeiner als Kulturgeschehen. Nach polnisch-russischen Vereinbarungen seit den 90ern werden sie als Erinnerungsorte anerkannt, aber nur, wenn die Offiziellen das so beschließen. In Polen spielt das Institut der nationalen Erinnerung (Institute of National Remembrance, kurz INR) eine Schlüsselrolle bei der Entscheidung über Entfernung oder Erhalt eines Denkmals. Offiziell ist das INR für die Datensammlung über die Sowjetpräsenz auf polnischem Gebiet verantwortlich. Es führt einige Archive der Geheimdienste in der Sowjetära. Meiner Meinung nach kommt es schon mal vor, dass das INR bezüglich des öffentlichen Raumes die Wünsche der Regierungspartei erfüllt. Die Entscheidungen über das Entfernen fallen stromlinienförmig in Kooperation der Lokalpolitiker mit dem richtigen Parteibuch und der dogmatischen Meinung des INR. Andere Meinungen, auch solche von Fachleuten, werden nicht in Betracht gezogen.
Interessanterweise ist es nicht so sehr der politische Inhalt des Kunstwerks, der zählt. Entscheidend für das Überleben eines Denkmals ist, wem der Grund und Boden gehört, auf dem es steht. Gehört das Land Leuten vor Ort, die ideologisch nicht mit dem INR oder der Regierungspartei verbunden sind, dann schaffen sie es, ihr Eigentum zu verteidigen, so dass es diese Denkmäler an besagten Orten noch gibt. In anderen Fällen wurden sie zerstört, um den Ort ökonomisch zu verwerten und ihn in Souvenirläden oder Parkplätze zu verwandeln.

Czesław Dźwigaj, Papst Johannes Paul II, 2007 

 

Neue Denkmäler schreiben die Geschichte um
Was verbindet die Geschichte von Zarathustra mit meiner Forschung über die demontierten Objekte? In den letzten Jahren wurde ich mehrere Male eingeladen, mich an der „neuen Geschichte“ zu beteiligen und neue Versionen der Denkmäler, die zur jüngst umgeschriebenen Vergangenheit passen sollten, abzuliefern.

Krzysztof Krzysztof, Zarathustra, 2010 being removed from Mary Magdalene Square after two weeks
Krzysztof Krzysztof, Zarathustra, 2010
being removed from Mary Magdalene Square
after two weeks

Die Statuen von in Misskredit geratenen Politikern sollten durch neue Helden ersetzt werden, die meist aus der Heerschar der Priester ausgewählt wurden. Natürlich war und bleibt der Papst aus Polen der bevorzugteste Kandidat. Andere Optionen wären große Heerführer oder Soldaten, die im oder nach dem Krieg gestorben sind. Alle diese Statuen der neuen Helden wurden von Privatleuten in Auftrag gegeben. Heute wird kaum noch eine zeitgenössische öffentliche Kunst durch den Staat gesponsert. Und von einer nicht monumentalen, abstrakten Kunst sieht und hört man nichts.

Irgendwie nimmt das Zarathustra-Projekt das gegenwärtige politische Klima vorweg. Meiner Meinung nach stellt es die Furcht der kleinen polnischen Mittelklasse dar, ihren illusionären Status quo zu verlieren. Aber der Narzisst ist weder an der Vergangenheit noch an der Zukunft interessiert, wie Christopher Lasch in seinem Buch über kulturellen Narzissmus nach Kernberg schreibt. (2) Man möge bedenken, dass die polnische Bevölkerung laut einer Studie nach Hofstede und Minkov (2010) eine dramatisch kurze historische Erinnerung hat. (3) Diese Koinzidenz wäre es wert, erforscht zu werden.

Krzysztof Krzysztof, Zarathustra, 2010 being removed from Mary Magdalene Square after two weeks
Krzysztof Krzysztof, Zarathustra, 2010
being removed from Mary Magdalene Square
after two weeks

Wie war meine Reaktion? 2016 wurde ich erneut gebeten, ein Denkmal für den ehemaligen Soldaten Richard Kuklinski, der in den 70ern für den Militärgeheimdienst gearbeitet hat, zu gestalten. Vermutlich gab er der CIA wichtige Dokumente weiter. Laut Norman Davies wäre ohne seine Kooperation der sowjetische Block weit schwerer zu stoppen gewesen.
Die Auftraggeber waren am Denkmal eines Mannes interessiert, der die Uniform des Militärgeheimdienstes trägt und dessen Denkmal in der Nähe einer barocken Kirche mit einem Friedhof als Hintergrund stehen sollte. Passend zur Tatsache, dass es bereits zwei Denkmäler von Kuklinski in Krakau gab, war es offensichtlich, dass dieser Auftrag ein weiterer Versuch sein sollte, Zusammenhänge zu vernebeln und Erinnerungsprozesse zu verfälschen. Deshalb sagte ich zu und – ließ ihn aussehen wie David Bowie im Video Absolute Beginners. Nun, ich wurde nicht bezahlt, aber ich hatte wenigstens was zu Lachen.

 

 

Autor
Dr. Krzysztof Krzysztof (Künstlername Kristof) arbeitete als Wissenschaftler und Dozent an der University of Ulster, Ireland, sowie an der THE Ignatianum Academy, Institute of Psychology in Krakau, Polen. Im Moment arbeitet er als freier bildender Künstler.  @KrzysztofStudio Krzysztof.mozello.com

 

 

Literatur: 

(1) Krzysztof Krzysztof, Monuments as an act of auto plagiarism. A case study of six examples from Lesser Poland (2017–2018) toward further strategies for public space, 2020.  (www.researchgate.net/publication/343921768)

(2) Lasch C. (1991), The Culture of Narcissism, American Life in Age of Diminishing Expectations, New York, London, W.W Norton & Company, p.21

(3) Hofstede G.J., Hofstede G, & Minkov M. (2010) [website] https://www.hofstedeinsights. com/country-comparison/poland,the-uk,the-usa/] (accessed: 2019-01-10)

 

Dieser Artikel wurde im Januar 2021 veröffentlicht.



 
 
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