Experience Bilbao und La Rioja 7. - 10.Oktober 2021

Mit allen Sinnen der Kunst und der Welt begegnen. Die Geschichte einer Reise.

Bilbao. Am ersten Abend setzt sich die Gruppe langsam in Bewegung zum Gang in die Stadt. Auf der Zubizuri Brücke von Santiago Calatrava werfe ich einen Blick Richtung Guggenheim mit der Puente da la Salve und den Raum, den die Brücken unter und über sich aufspannen.

Kodobika Jauregi, Zaldi

 „Zaldi“ das tanzende Pferd des Künstlers Koldobika Jauregi und Juan Manuel Lumbreras empfangen uns am Eingang der Galerie Lumbreras. Wir durchstreifen die Räume, entdecken den langgezogenen Kopf aus Schichtholz der Brüder Fernando und Vicente Roscubas. Im Büro sind die Modelle für Großplastiken von Mikel Letxundi aufgereiht, Popart von Victor Arrizabalaga auf dem Schreibtisch. Herr Lumbreras öffnet weitere Räume, in denen er uns seine Schätze zeigt. Erramen Mendibelanda, der Künstler der aktuellen Ausstellung ist anwesend und präsentiert mit ansteckender Begeisterung seine vielschichtigen Bilder sowie einige dreidimensionale Collagen. Der Abschied ist sehr herzlich.

Der Fluss Nervión war die Lebensader der Stadt und gesäumt von Fabriken. Jetzt flanieren hier die Menschen. Geschüttelt von sechs Bürgerkriegen und industrieller Veränderung wurde Bilbao immer wieder zerstört und neu aufgebaut. Ausgeschmückt mit vielen Geschichten, schildert das am nächsten Tag unser spanischer Führer Miguel in seinem charmanten Englisch.

Kunst begegnet uns an jeder Ecke. Die Großskulptur „Variante Ovoide“ des baskischen Künstlers Jorge Oteiza, spannt einen beeindruckenden Raum neben dem Rathaus. Am Fluss entlang gehen wir vorbei an dem hyperrealistischen, überlebensgroßen Frauenkopf von Rubén Orozco Loza, der stoisch mit den Gezeiten auftaucht und untergeht. Als wir unter der gigantischen Spinne „Maman“ von Louise Bourgeois stehen, ist der glänzende Mantel des Guggenheim von Frank Gehry schon ganz nah. Ebenso Anish Kapours „Tall Tree &The Eye“. Die Liste der großen Namen ließe sich fortführen.

Jenny Holzer
Jenny Holzer

Innen zieht diese Riesenskulptur von Gebäude unsere Aufmerksamkeit nach oben. Die enorme Glasfront auf einer Seite öffnet den Blick nach außen. Die professionellen Guides des Museums bringen uns das Gebäude näher und die beiden Künstler, die dauerhaft ausgestellt sind: Jenny Holzer mit ihrer Installation für Bilbao und Richard Serra, der den größten Ausstellungsraum füllt. Richard Serras Skulpturen spielen mit uns, machen uns eng und weit, zentrieren und machen uns unsicher. In der Begegnung mit der Kunst begegnen wir uns selbst. Dann gehe ich zwischen den LED Bändern von Jenny Holzer hindurch, auf denen Worte von unten nach oben laufen. Sie scheinen mich emporzuziehen. Ich tauche ein in das Blau, schaue vom Raum dahinter hinaus auf die amorphe Struktur des Raums. Ein einmaliges Erlebnis.  

Richard Serra
Richard Serra

Mit dem Bus überqueren wir die Sierra Cantabrica. Als sich der Blick weitet sehen wir sie: La Bodega Ysios. Der Architekt Santiago Calatrava beharrte darauf, diese Gebäudeskulptur vor die Kulisse der Sierra zu setzen. Hier spielen zwei kraftvolle Formen miteinander. Im roten Licht der Abendsonne nähern wir uns.
Silvia Del Campo von Ysios erzählt uns von den verschiedenen Erden, von visionären Projekten in felsigen Weinbergen. Nach der Führung steigen wir hinauf zur Weinprobe mit Schokolade. Das Gebäude ragt hier wie ein Schiffsbug in die Landschaft. Silvia serviert uns zwei Tempranillo Rotweine. Mein Favorit ist „Los Prados“, dessen Reben im felsigen Weinberg wachsen. Er ist rubinrot und kraftvoll. Die Sonne, die Luft, die Erde, all das entfaltet sich auf der Zunge.

Bodega Ysios
La Bodega Ysios

In Logroño herrscht das lebendige abendliche Treiben einer spanischen Stadt. In der alten Markthalle, dem Zuhause der Skulpturenmesse SCULTO, treffen wir den Künstler Odnoder – Pablo Redondo . Er wurde von sculpture network aus den Teilnehmern an SCULTO_2021 für einen Preis ausgewählt. Am Samstag wird er leider nicht da sein. Staunend sehen wir seine Freude über den Preis, sowie uns zu begegnen und bewundern die Klarheit seiner filigranen Holzskulpturen. Beatrice Carbonell Ferrer, Mitorganisatorin von SCULTO und Länderkoordinatorin von sculpture network, hat diese Begegnung für uns organisiert.

 

Das riesige Foyer ist hell erleuchtet, als wir bei der Bodega FyA in Navarrete ankommen. Zusammen mit den Künstlern, Galeristen und dem Team von SCULTO werden wir von mehreren Rednern begrüßt. Auf zwei Ebenen entdecke ich Keramikgefäße von Toño Naharro, der mir am nächsten Tag auf sculto wiederbegegnet.
Später beim Wein und den immer neuen Platten mit leckeren Pinchos kreisen meine Gespräche um Skulpturen, Tanz, Poesie.
Mit einer großen Sammlung von alten Weingefäßen ehrt die Bodega die Tradition und überträgt das alte Wissen, in Form der „Tinaja“, in den modernen Weinausbau. Maria Sáez von FYA erklärt uns die verschiedenen Stufen, die der Wein durchläuft.

Beim Aufbruch tritt der Künstler Odnoder – Pablo Redondo auf Christian Friederichs (Mitglied des Vorstands von sculpture network) zu und bedankt sich, mehr mit Gesten als mit viel Worten, für die Auszeichnung durch Sculpture network. Die Berührung ist greifbar.
Auf der Fahrt mit dem Bus zurück zum Hotel ist es still. Verständlich, es ist fast Mitternacht.

Mit Miguel und einer kleinen Gruppe der Mitreisenden, mache ich mich, am nächsten Tag, auf in die Vergangenheit von Logroño, die bis zu ihrem keltischen Ursprung im 1.Jahrhundert zurückreicht. Teile wurden immer wieder zerstört und aufgebaut, ähnlich wie in Bilbao.
Auf einem großen Platz schaut der General und Politiker Baldomero Esperto, hoch zu Ross, von seinem Podest auf uns herab. Anders präsentiert sich einige Meter weiter die moderne Skulptur „EN MEMORIA Y RECUERDA DE LAS VICTIMAS DE TERRORISMO“ von Augustín Ibarrola aus dem Jahr 2008. Ohne Podest, auf Augenhöhe, konfrontiert sie uns, mitten auf dem Marktplatz. Es erstaunt mich, dass die Rückseite von Containern verdeckt wird.

Augustín Ibarrola, „EN MEMORIA Y RECUERDA DE LAS VICTIMAS DE TERRORISMO“

Logroño ist eine wichtige Station am Jakobsweg und Santiago ist in vielen Kirchen präsent. Miguel könnte uns noch viel mehr zeigen, doch SCULTO wartet.

Der Markt im unteren Stockwerk ist voll im Gange, als uns Beatriz mit Ihren Kolleginnen bei SCULTO begrüßt. Erste Station ist die Installation, die Isidro  López – Aparicio speziell für diese Messe geschaffen hat. Mit alltäglichen Gegenständen wie Koffer, Seil, Leiter, Bleistifte lotet er das Thema Migration aus, bezieht es nicht nur auf aktuelle Flüchtlingswellen, sondern sieht es auch als Teil unseres Menschseins.
Fast in jedem Raum ergibt sich ein Kontakt. Ich lasse mich von Skulptur zu Skulptur treiben und genieße diese Bühne der Kunst. Es freut mich, als ich erfahre, dass einige Kunstwerke an Mitglieder unserer Reisegruppe verkauft wurden.

Ilaria Specos, unsere Reiseleitung, lotst uns gekonnt von Ereignis zu Ereignis. Nach dem intensiven Kunstgenuss zum Mittagessen in Logroño. Da wird bodenständige spanische Küche aufgetragen, etwa: Patatas Riojana, leckere weiße Bohnen und wie immer viel Fleisch.

Carl André

Nach dem ausgiebigen Mahl sitze ich etwas ermattet im Bus. Wir fahren westlich, etwa eine dreiviertel Stunde. Ein paar Schritte zu Fuß, dann öffnet sich das Tor zum Weingut „Castillo de Cuzcurrita“. Marcos Chacon Madrazo empfängt uns und führt uns in einer ruhigen, herzlichen Art durch das Anwesen. Wir schlendern über die Wiese mit den alten Bäumen. Lange Schatten strecken sich schon über das Gras. Im Hintergrund wölben sich die riesigen Schirmpinien vor dem Castillo. Nebenan zeigen die Weinreben schon herbstliche Färbung. Nicht nur ich bin still geworden. Wir tauchen in diesen Ort ein.
Immer wieder überrascht uns eine moderne Skulptur aus der Bergé Sammlung. Sie liegen in der Wiese, lehnen an den alten Mauern, warten in den Ecken von Räumen und fügen sich so selbstverständlich ein, als wären sie für diesen Ort gemacht.

Später steigen wir hinab in den Weinkeller. Er wurde buchstäblich in den Felsen gehauen. Der Sandstein sorgt für eine gleichmäßige Temperatur und Feuchtigkeit.
Und natürlich probieren wir den Wein: Cerrado de Castillo und Senorio de Cazcurrita. Dazu sind auf langen Holzbrettern Scheiben von Chorizo und Dreiecke von Käse schlicht und doch kunstvoll angerichtet. Jedes Detail wird hier beachtet und gleichzeitig wirkt es völlig unangestrengt. Mal in kleinen Gruppen, mal allein, genießen wir den Wein, die Luft, die Abendsonne, die sich langsam senkt. Erst als die Sonne untergegangen ist, verabschieden wir uns.

Castillo de Cuzcurrita

Noch ein Kunstgenuss im Scheinwerferlicht: das große Portal des Monasterio de nuestra Señora de la Piedad in Casalareina. Danach geht es zu unserem Abschlussessen in „La Vieja Bodega“. Genießen, sprechen, noch die Kontaktdaten austauschen; alles bekommt eine große Dichte. Morgen ist es vorbei.

Was bleibt? Das intensive Erleben von Kunst der Gegenwart, das Eintauchen in die Vergangenheit von Bilbao und Logroño, die Begegnungen mit unterschiedlichsten Menschen, die Begleitung durch Ilaria und Miguel, der Geschmack von La Rioja auf meiner Zunge, all das bleibt als Nachklang in meiner Erinnerung. Und die Kontaktdaten in meiner Tasche? Ich bin gespannt, wohin sie führen.

 

Autorin:

Gabriele Maria Friederichs ist Lyrikerin und leitet Schreibwerkstätten für Kinder und Erwachsene.
www.gabrielemariafriederichs.de

 



 
 
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