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Internationaler Dialogue in Den Haag

Am 9. Juni traf sich eine internationale Gruppe von Kunstliebhaber*innen in Den Haag. Ein reicher Kunsttag, organisiert und durchgefĂĽhrt von Yke Prins, KĂĽnstlerin und Mitglied im Vorstand von sculpture network.

Als ich die Anlage von Voorlinden betrat, war alles in frühsommerliches Grün getaucht und durch dieses Grün zog sich eine Linie von Skulpturen Antony Gormley. Die, hintereinander angeordneten, Abformungen seines Körpers wirkten, durch die verschiedenen Haltungen, wie ein Tanz. 

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Anthony Gormley auf Voorlinden Wiese

 

Im Salon des Restaurants versammelten sich alle Teilnehmer*innen des Events, legten ihre Kataloge auf den vorbereiteten Tischen aus und bald war der Raum von intensivem Gespräch erfüllt.

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Museum Voorlinden

Die Kuratorin  des Museums Voorlinden gab eine kurze Einführung in die aktuelle Ausstellung von Antony Gromley. Sie begann mit einem Zitat des Künstlers: „Den Körper zu bewegen, bedeutet, den Geist zu bewegen.“ Ich hatte mich zuvor im Garten in die Körperhaltung der Skulptur begeben, die sich über eine Mauer beugte und erfahren, dass es mich bewegt. Um die gesamte Ausstellung zu genießen, ist auch einiges an Bewegung gefragt, denn die Skulpturen sind auch im Garten, im Wald und in den angrenzenden Dünen verteilt. 

Das moderne Museumsgebäude ist lichtdurchflutet von allen Seiten, auch von oben. Abgeschrägte Röhren leiten das Tageslicht optimal durch das Glasdach in die Ausstellungsräume.

Die Führung startete in der beeindruckenden Bibliothek. Mehrere Meter hohe Wände waren bedeckt mit gefüllten Regalen. Bücher von allen Künstler*innen der Sammlung und Literatur über zeitgenössische Kunst wird hier für Studien zur Verfügung gestellt.

Voorlinden legt großen Wert darauf, den Kunstwerken genügend Raum zu geben. Umso bedrückender war der Raum „contract“, angefüllt mit Körpern, die aus Würfeln aufgebaut waren. In manchen war noch eine menschliche Form erkennbar, doch je weiter Antony Gormley die Würfel hochskaliert hatte, umso mehr verlor sich die Form.

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„Clearing“ von Antony Gormley

 

Manche Skulpturen luden zur Aktion ein, wie „Clearing“, ein 7km langes Stahlband, das mit, sich überkreuzenden Kreisen, den Raum einnahm. Schritt für Schritt mich vorwärtstastend, mich beugend, mich drehend, durchquerte ich die Skulptur, ohne sie zu berühren. Noch intensiver war die Erfahrung zweier Teilnehmer*innen mit dem Werk „Passage“. Ein abstrahierter Umriss eines Menschen war zu einem zwölf Meter langen, am Ende geschlossenen, Tunnel geformt. Das Vorwärtsgehen in die Dunkelheit, das Verblassen der Welt von außen, das Wahrnehmen der eigenen Geräusche als Orientierung, berührte und bewegte beide. Die Kommentare zeigen, wie tiefgehend dieses Erlebnis war: „Wenn du in der Dunkelheit bist, fühlst du dich, als wärst du Dunkelheit.“ „Als ich mich dem Ende näherte, erwartete ich totale Dunkelheit, doch vor dem Wendepunkt war Licht.“. Die Wand, auf welche die Teilnehmer zuliefen, war in einer anderen Farbe gestrichen, so dass das wenige Licht reflektiert wurde, eine fein komponierte Erfahrung.

Als Kontrapunkt erlebte ich den „Skyspace“ von James Turell, ein quadratischer, holzgetäfelter Raum mit Sitzbänken entlang der Wände. Wenn man nach oben schaute, sah man einen quadratischen Ausschnitt des Himmels, strahlend blau an diesem Tag. Der Himmel gerahmt als Bild. Das Dach war allerdings auch offen für Regen, Schnee, Kälte. Wechselnde Raumerfahrung…

 

Beim Gang durch „Open Ended“ von Richard Serra stiegen Erinnerungen an die sculpture network Kunstreise nach Bilbao auf. Erfüllt von Eindrücken traten wir wieder in den Garten, nahmen das wohltuende Grün auf, wie ein Sorbet für die Augen, als Zwischengang des reichhaltigen Kunstmenüs. 

Sandwiches warteten im Salon und wieder schwoll das Stimmorchester an, die Kreativitätszellen waren in Schwingung.

Einige hundert Meter weiter traten wir um drei Uhr in den Skulpturengarten Clingenbosch. Im herrschaftlichen Haus wohnt die Familie Kaldenberg, deren Skulpturengarten donnerstags besichtigt werden kann. Nach einer Tasse Tee starteten wir zu einer zweieinhalb Kilometer langen Führung in den Wald. Zwischen Moospolstern, Rhododendronbüschen und alten Bäumen begegneten wir den Skulpturen.

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„Argon“ von Bill Culbert

Eine fragile, blaue Lichtsäule, „Argon“ von Bill Culbert, steckte sich zwischen fest verwurzelten Baumstämmen nach oben. Oder ist es ein Lichtstrahl von oben nach unten? Etwas weiter die „Vrowenfiguur“ von Jos Oehlen, auch aufgerichtet, ausgerichtet zwischen Himmel und Erde.

Ein kleiner Dünenweg führte uns an „27 kubussen“ von Erik van Spronsen vorbei. Auf den weißen Würfeln tanzten die Schatten der Bäume.

John McCracken führte uns mit „Teton“ so lange durch Spiegelwelten, bis ich mich fragte: „Wo ist die wirkliche Welt?“

Auf der großen Wiese vor dem Wohnhaus ruhte „Lage Four Piece Reclining Figure“ von Henry Moore. Sie wirkte unnahbar auf mich, eine Landschaft, nur mit den Augen zu betasten. Es war einfacher, die Skulptur „Slow“ vom Künstlerduo Fortuyn/O’Brien zu berühren. Natürlich ist dies eine sehr kleine subjektive Auswahl der Kunstwerke, die dieser Garten beherbergt. Bei Wein und Häppchen ruhten wir Füße und Augen aus, bevor sich das eiserne Tor wieder hinter uns schloss.

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Yke mit  „Oerschreeuw“

Unsere letzte Station lag im Zentrum Den Haags, Pulchri Studio, eine Künstlervereinigung. Im Weisenbruchzaal bewunderten wir die Werke von Yke Prins. Die Ausstellung „Oer, Reflecties“ kuratiert von Ien van Wriest, feiert das 40-jährige Jubiläum des Künstlerlebens von Yke Prins. Das Wort „Oer“ (UR) löste in mir eine starke Resonanz aus, Ur im Sinne von Ursprung, aus dem die Kunst, vielleicht alles, entsteht, repräsentiert durch das Werk „Oer“. Auf zwei weitere zentrale Skulpturen, „Oerschreeuw“ (Urschrei), fiel sofort mein Blick. Einmal in Holz, mit lebendiger, bewegter Oberfläche und daneben die Bronze, transformiert in klare Linien. Transformation auch an anderer Stelle, wo aus meditativer Kalligrafie federleichte Stahlskulpturen wurden. Einige schwebten als Mobiles über uns. Diese Leichtigkeit, in der ich die tiefe Verwurzelung spürte, beeindruckte mich.

In der Natur zu sein, aus ihr zu schöpfen und mit ihr zu gestalten, bedeutet Yke Prins viel. Sie sagte: „Das Zentrum wird von der Natur geformt, das Außen von Yke.“ Ein gelungenes Buch, in dem Yke Prins ihre Kunst im Gespräch mit anderen reflektiert, entstand in der Coronazeit und rundet die Ausstellung ab. 

Beim gemeinsamen Abendessen dachte ich: Was für ein reicher Tag! Über die intensive Begegnung mit den Skulpturen ließen sich die Teilnehmer*innen berühren und öffneten sich für einen sehr persönlichen Austausch.

 

Veröffentlicht im Juni 2022

 

Ăśber den Autor/ die Autorin

Gabriele Maria Friederichs

Gabriele Maria Friederichs ist Lyrikerin und leitet Schreibwerkstätten für Kinder und Erwachsene.

Galerie

2*7*7 von Sol LeWitt
2*7*7 von Sol LeWitt
27 kubussen von Erik van Spronsen
27 kubussen von Erik van Spronsen
Antony Gormley und reale Gabriele
Antony Gormley und reale Gabriele
Antony Gormley
Antony Gormley
Argon von Bill Cullbert mit Boky Blake Helmut Daniella
Argon von Bill Cullbert mit Boky Blake Helmut Daniella
Breathing Room III von Antony Gormley
Breathing Room III von Antony Gormley
Clearing von Antony Gormley mit Blake
Clearing von Antony Gormley mit Blake
Die menschliche Gesellschaft (erfunden) mit Antony Gormley
Die menschliche Gesellschaft (erfunden) mit Antony Gormley
Large Four Pierce Reclining Figure Henry Moory
Large Four Pierce Reclining Figure Henry Moory
Membrane von Antony Gormley
Membrane von Antony Gormley
Mobile Yke Prins
Mobile Yke Prins
Mother's Pride von Antony Gormley
Mother's Pride von Antony Gormley
Pile von Antony Gormley
Pile von Antony Gormley
Poort von Carl Visser
Poort von Carl Visser
Scherzando von Yke Prins
Scherzando von Yke Prins
Skyspace von James Turrel
Skyspace von James Turrel
Slow vom Duo Fortuyn-O Brien Christians Hände
Slow vom Duo Fortuyn-O Brien Christians Hände
SN Gruppe vor Tingeley
SN Gruppe vor Tingeley
Teepause Clingenbos
Teepause Clingenbos
Vrowenfiguur von Jos Oehlen mit Boky Blake und Christian
Vrowenfiguur von Jos Oehlen mit Boky Blake und Christian
Yke mit Urschrei Transformationen
Yke mit Urschrei Transformationen
Yke Prins Oer reflected
Yke Prins Oer reflected

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