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Kunst aus Essen und essbare Kunst

Seien wir ehrlich, den Tag der Schokolade feiern wir doch eigentlich tĂ€glich
 Je nach Vorliebe lĂ€sst sich auch immer ein Anlass finden. Sei es der Tag der Minzschokolade am 19. Februar, der Tag des Schokoladenpuddings am 26. Juni, der World Chocolate Day am 7. Juli oder eben der International Chocolate Day am 13. September, dem wir diesen Text widmen. Unser ehemaliger Praktikant Max GĂŒntert hat sich zu diesem Anlass mit Kunst rund um das Essen und vor allem die Schokolade beschĂ€ftigt.

1550 sollen die ersten Kakaobohnen (angeblich) nach Europa gekommen sein. Seither verzeichnet ihre Verarbeitung zu Schokolade und verschiedensten Schokoladenprodukten eine stete Erfolgsgeschichte. UnzĂ€hlige Geschmacksrichtungen wurden seitdem kreiert und vor allem Farbe, Form und kĂŒnstlerische Ausgestaltung wurden immer extravaganter – das Auge isst ja schließlich mit.

Bereits in KochbĂŒchern der Renaissance lassen sich Hinweise zur Ă€sthetischen Modellierung von Gerichten finden. Beim sogenannten „Void“ – dem VorlĂ€ufer unseres heutigen Dessert-Gangs – an den FestmĂ€hlern europĂ€ischer KönigshĂ€usern kamen aufgrund ihrer Formbarkeit besonders Marzipan, SpritzgebĂ€ck und Baiser zum Einsatz. Das „Void“ bot, mit seinem Zweck den Prunk und die hierarchische Stellung des Monarchen darzustellen, die perfekte BĂŒhne fĂŒr kreative BĂ€ckermeister zu experimentieren und das Essen mit mehr als bloßem Gaumengeschmack figurativ aufzuladen.

Sei es das Heranziehen von Zutaten als Ă€sthetische Materialien oder die Nachstellung normaler Speisen mit ungenießbaren Stoffen - seit den 60er Jahren wird die Grenze zwischen gehobenem Kunstwerk und konventioneller Mahlzeit auf vielfĂ€ltigste Weise aufgebrochen und neu interpretiert. Als Geburtsstunde der „Eat Art“ (Ess-Kunst) gelten Daniel Spoerris Fallenbilder (https://artmap.com/krinzinger/exhibition/daniel-spoerri-2012) fĂŒr die er beliebige Überreste einer Mahlzeit mittels Leim und Konservierungsstoffen auf der Tischplatte fixierte, um eine dreidimensionale Momentaufnahme zu erschaffen. 1970 eröffnet er mit der „Eat Art Galerie“ in DĂŒsseldorf den ersten Ausstellungsraum, in dem alle KunstgegenstĂ€nde entweder selbst essbar sein, oder sich mit entsprechenden Themen auseinandersetzen mussten.
Ab 1961 arbeitete der Schweizer Grafiker Dieter Roth an einer anderen, nicht minder spannenden Form der Eat Art im weitesten Sinne. FĂŒr seine – bis heute umstrittenen –„LiteraturwĂŒrste“, zerkleinerte der KĂŒnstler Buchseiten fĂŒllte diese (vermengt mit GewĂŒrzen und Fett) in SchweinedĂ€rme. „Verwurstet“ wurden unter anderem GrassÂŽ „Blechtrommel“ und eine Hegel-Gesamtausgabe.

Weitaus weniger kontrovers gestalten sich die Kunstwerke zweier sculpture network KĂŒnstler:
Der Inszenierung gewöhnlicher Dinge in ungewohntem Kontext hat sich auch Heinz Bert Dreckmann verschrieben. Üblicherweise bedient er sich AlltagsgegenstĂ€nden, wie zum Beispiel Schlössern, Holzklammern, Regenschirmen oder Kunststoffkannen, und setzt diese zueinander in Verbindung.

Heinz Bert Dreckmann, links: GemĂŒselöffel verschraubt, 2015, 54 x 54 x 54 cm; rechts: 12 Schöpfkellen verflochten, 2017, Durchmesser 74 cm x 17 cm;

Heinz Bert Dreckmann, links: GemĂŒselöffel verschraubt, 2015, 54 x 54 x 54 cm;
rechts: 12 Schöpfkellen verflochten, 2017, Durchmesser 74 cm x 17 cm; 


Seine GemĂŒselöffel, verschraubt, könnte man fast als reduzierende Weiterentwicklung eines der Fallenbilder Spoerris interpretieren – die Skulptur prĂ€sentiert sich als futuristisch-reflektierender Tischschmuck, der bald wie ein Ensemble bald wie eine lĂŒckenloser BehĂ€lter wirkt.

Apropos BehĂ€lter – schon seit dem 5. Jhd. werden in Japan Speisen in Form von Bento-Boxen dargereicht. Bento steht dabei ebenso fĂŒr die Gerichte selbst als auch fĂŒr das spezielle KĂ€stchen, in dem mehrere Speisen durch TrennwĂ€nde voneinander getrennt sind. Heutzutage kann man sich eine Box in einer Schnellimbissbude kaufen oder einer der zahlreichen DIY Anleitungen im Internet folgen – dort lassen sich besonders kreative Rezepte entdecken, denn die ansprechende Gestaltung von Bento ist eine beliebter Trick japanischer MĂŒtter, die ihre Kinder animieren wollen auch das „ungeliebte“ GemĂŒse zu essen.

Nicht nur die schöne Gestaltung sondern auch die prĂ€zise Anordnung und korrekte Belichtung spielen eine maßgebliche Rolle in der Ă€sthetischen Erfahrung dieser japanischen Mahlzeit. Das „Bento & Co“ in Kyoto hat sich diesen Aspekt zu Eigen gemacht und veranstaltet jedes Jahr einen internationalen Contest bei dem aus den fotografischen Einsendungen jeweils ein Gewinner ausgewĂ€hlt wird.

LĂ€ngst haben findige Marketer*innen den augenscheinlichen Effekt gut dargestellten Essens auf die wahrgenommene QualitĂ€t erkannt. In den letzten Jahren ist zu diesem Zweck ein neues, kreatives Berufsfelder entstanden: Food Styling. Als Food Styling bezeichnet man die Herstellung und PrĂ€parierung von Lebensmitteln bevor sie zur Verwendung in Printmedien, fĂŒr Package-Design und in audiovisuellen Medien fotografiert werden. Das kann sehr zeitintensiv sein – da die Produkte oft nicht ĂŒber einen lĂ€ngeren Zeitraum gleichbleibend frisch aussehen, werden sogenannte Dummys hergestellt. So lĂ€sst sich das Erscheinungsbild eines Produktes exakt gestalten und fixieren. Meist werden echte Lebensmittel als Ausgangsbasis verwendet, sehr oft werden die Produkte aber auch völlig neu kreiert. Dabei kommen die verschiedensten Materialien und Chemikalien, angefangen von Farben ĂŒber Glycerin, Holz und Gummi, bis hin zu Polystyrol und Wachs zum Einsatz. Auch die Gastronomie setzt Food Styling ein, zumeist unter Verwendung chemischer Hilfsmittel und Verfahren, z. B. in der MolekularkĂŒche und bei der Entwicklung von entsprechend modifizierten „Molekular-Cocktails“. In der Regel stehen dabei ungewohnte Geschmacksnoten und Texturen im Vordergrund.

Jemand, der ĂŒber seine gestalterischen FĂ€higkeiten auch die Konservierung sowie maßgeschneiderte Inszenierung seiner (nicht-) essbaren Kunstwerke beherrscht und bereits auf der ganzen Welt ausgestellt und an Wettbewerben teilgenommen hat, ist sculpture network Mitglied Gerhard Petzl. Wir wollten mehr ĂŒber seine spannenden Projekte erfahren und haben mit dem KĂŒnstler gesprochen.

Wie ist Ihre besondere Beziehung zur Schokolade entstanden?
Da ich als Pastry Chef weltweit gearbeitet habe, brauchte ich immer SchaustĂŒcke fĂŒr Buffets und Sonderbestellungen fĂŒr VIP-GĂ€ste. Nachdemdas Feedback immer außergewöhnlich gut war, entschloss ich mich dann 10 Jahre spĂ€ter, auch noch Kunst & Design (Bildhauerei) zu studieren, um ein besseres VerstĂ€ndnis von Materialkunde, Formenbau und Kunstgeschichte zu bekommen.

Gerhard Petzl  mit seinem Showpiece
fĂŒr die World Chololade Masters
Sydney 2012

Sie haben ihre Werke schon auf der ganzen Welt ausgestellt und auch an den World Chocolate Masters in Australien teilgenommen. Worin besteht Ihrer Erfahrung nach der Unterschied zwischen den verschiedenen „Schokoladen-Kulturen/-KĂŒnsten“ auf der Welt?
Das lĂ€sst sich pauschal so nicht beantworten, da die angesprochenen ‘World Chocolate Masters’ ein vorgegebenes Thema haben und auch die Meister Chocolatiers selbst (mich inkludiert) sind beruflich global unterwegs, da lĂ€sst sich eine Abgrenzung von Kulturen und KĂŒnstlern nur sehr schwer ausmachen. Allerdings fĂ€llt auf, dass optische Elemente des Herkunftslandes des Teilnehmers an den World Chocolate Masters oft visuell eingebaut werden. Das heißt, es gibt quasi eine „entgegengesetzte Globalisierung“, zurĂŒck zur lokalen SpezialitĂ€t, oder es kippt ins andere Extrem - die SchaustĂŒckelemente werden extraterrestrisch.

 

Was war Ihr bisher aufregendstes Projekt?
Das optisch anspruchsvollste Projekt war meines Erachtens der 5 Meter lange Barocktisch, den ich fĂŒr eine Galerie in der Luxus-Shopping Mall „Harbour City“ in Hongkong gemacht habe. 2.500 Einzelteile wurden in 6 Monaten Vorbereitungszeit in Australien (wo ich damals gelebt habe) innerhalb einer Woche in Hongkong dann zu einem Gesamtkunstwerk zusammengebaut. Wir waren zu dritt und jeder von uns hat in dieser Woche 120 Stunden gearbeitet. Ein unglaublicher körperlicher Aufwand bis zur psychischen Belastungsgrenze, der sich aber definitiv ausgezahlt hat. Am Ende konnten sich rund 25.000 Galeriebesucher optisch an diesem sĂŒĂŸen Festmahl erfreuen und Handwerkskunst auf höchstem Niveau erleben. Ein StĂŒck europĂ€ischer Tradition, ein kaiserlicher, barocker Banketttisch, voll eingedeckt fĂŒr 12 Personen, inklusive Torten, Flaschen, KerzenstĂ€ndern, Tellern, GlĂ€sern und Gabeln – alles zu 100% aus Schokolade.


 und Ihr kuriosester Zwischenfall bei einem Projekt?
Bei eben diesem Projekt hatte ich in meinem Haus rund 25 verpackte Kartons mit all den Schokoladenteilen, die per Flug-Expressfracht nach Hongkong gebracht werden mussten. Nur leider herrschte in diesem Jahr in Australien die Hitzewelle des Jahrhunderts, es liefen zwei Klimaanlagen Tag und Nacht und bei 40-45°C Außentemperatur war es unmöglich, die Teile heil und gekĂŒhlt zum Flughafen Sydney zu bringen, da die Temperatur auch nachts nie unter 30°C fiel. Nach dem zweimaligen Verschieben des Abholtermins, machte erst ein Regentag den Transport möglich. Tja, als SchokoladenkĂŒnstler wĂ€re es wohl besser, in arktischen Gefilden oder im hohen Norden zu wohnen.

1 Hong Kong Tisch, 20cm, 300dpi.jpg
Gerhard Petzl, Royal feast chocolate table Hong Kong, Installation

Wie widerstehen Sie dem Drang, Ihre Kunstwerke aufzuessen?
Wenn Sie 25 Jahre lang fast tĂ€glich beruflich mit Schokolade arbeiten, dann besitzen Sie auch eine gewisse ObjektivitĂ€t zum Medium, mit dem sie arbeiten. Soll heißen: Ich esse gerne hochwertige, dunkle Schokolade in kleinen Mengen. Wenn ich jedoch an einer Skulptur arbeite, dann bin ich so konzentriert, dass mir der Bezug zum Essen gar nicht in den Sinn kommt und es wĂŒrde sich irgendwie falsch anfĂŒhlen. Meine eigenen Skulpturen essen? Das wĂ€re so, als wĂŒrde ich mich selbst aufessen, denn die Skulpturen sind ja auch ein Teil von mir.

Mit welchen Methoden arbeiten Sie bei der Konservierung Ihrer Skulpturen?
Die fertigen Skulpturen werden mit Marzipanlack ĂŒberzogen, um auch 10 Jahre (und mehr) optisch fit zu bleiben. Eine klimatisierte Umgebung in den Museen ist ohnehin Standard und auch bei normaler Raumtemperatur (bis ca. 25°C) gibt es keine Probleme und die Skulpturen bleiben langlebig.

Gerhard Petzl hat vor kurzem sein drittes Buch Wissenschaft trifft Schokoladenkunst herausgebracht. Der KĂŒnstler konnte namhafte Wissenschaftler, Designer und Doktoren, wie z. B. von der Stanford University (USA), aus Kanada, der Schweiz, England und Deutschland fĂŒr diese weltweit einzigartige Zusammenarbeit begeistern. Das Buch ist eine skulpturale Entdeckungsreise in verschiedene wissenschaftliche Bereiche wie Chemie, Akustik, Geometrie, Biologie und Geologie. Schokoladenkunst und Schokoladenskulpturen werden diesen Bereichen gegenĂŒbergestellt. Ein Trilogie-Mix aus Lehrbuch, KaffeehauslektĂŒre und Fotoalbum. Eine BrĂŒcke zwischen Food-Art und Wissenschaft. Eine Inspirationsquelle, um Neues zu entdecken.

Mehr Infos zu Gerhard Petzl und seiner Kunst finden Sie auch auf der Website des KĂŒnstlers.

Autor: Max GĂŒntert
Max hat unser Team im Mai und Juni 2020 unterstĂŒtzt und hat in diesem Artikel seiner Leidenschaft fĂŒr Kunst und Essen Ausdruck verliehen.

 

 

Titelbild: Gerhard Petzl, Chocolate Fruit Stand

 

 

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