Der Kunst den Freiraum geben, den die Kunst braucht

Wir sprachen mit Hartmut Stielow, Bildhauer, Mitgründer und Vorstandsmitglied von sculpture network, über das 15-jährige Jubiläum, den Wert von Netzwerken und seine damalige und heutige Vision für den Verein. Fragen zur Gegenwart, zur Vergangenheit und zur Zukunft.

Ein Blick ins Hier und Jetzt – Hartmut, woran arbeitest du gerade? 
Ein internationaler Baumaschinenhersteller errichtet hier in Hannover ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum. Die Geschäftsführung hat bei mir eine Skulptur bestellt, die davor errichtet werden soll. Gerade gestern habe ich vor Ort ein Holzmodell in Originalgröße aufgestellt, es ist gut 5 x 5 Meter groß. Die Fundamente mussten am Standort eingemessen werden – das alles auf einer Großbaustelle, ganz schön viel Krach und Gewusel!

Ein paar Blicke in die Vergangenheit – wenn du zurück denkst an die Jahre der Gründung von sculpture network: Was waren damals deine Erwartungen und was ist für dich daraus geworden?
Um diese Frage zu beantworten muss ich kurz die Vorgeschichte der Gründung erläutern. In den Jahren 2000 bis 2005 war ich für das International Sculpture Center (ISC) in den USA in deren Vorstand tätig. Bei einer der internationalen Konferenzen des ISC, ich glaube es war im Jahr 2002 in Pittsburgh, hatte die sehr bekannte Künstlerin Magdalena Abakanovicz aus Warschau einen Vortrag gehalten, der in mir die Idee weckte, die US-amerikanische Organisation in Europa zu vertreten und hier weiter auszubauen. 
Im Folgejahr habe ich dann einige der Mitglieder des ICS Vorstandes zur Documenta nach Deutschland eingeladen und bei dem darauffolgenden Boardmeeting in San Francisco vorgeschlagen, im Prinzip einen europäischen Ableger des ISC zu gründen. Dies fand im Board große Zustimmung.
Durch einen glücklichen Zufall tauchte einige Wochen danach Ralf Kirberg in meinem Atelier auf. Er hatte bei gemeinsamen Freunden in deren Garten eine Skulptur von mir gesehen und selbst Interesse, eine meiner Arbeiten zu kaufen. Wenige Tage später stand er also vor mir und erzählte beiläufig, dass er bald in den Ruhestand gehen würde und sich in der Kultur engagieren wolle – am liebsten in einem Rahmen, in dem er selbst viel gestalten könne.
Die Idee, eine Organisation aufzubauen, die sich um die Belange der Skulptur kümmert, nahm Ralf, damals Herr Kirberg, mit Begeisterung auf. 
Aber zurück zur Frage: Die Erwartungen entstanden somit ursprünglich nicht aus mir selbst, sondern waren geprägt durch meine Erfahrungen und Erlebnisse mit dem ISC. 
Ziel war es nun ein Netzwerk in Europa aufzubauen. Die Intention war es Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen, sowohl theoretisch als auch praktisch, in Form von Wettbewerben, internationalen Foren und durch andere Formate. Es ging also viel um Wissensvermittlung, inhaltliche Hilfe zur Selbsthilfe, die Perspektive bietet. 
Kurzum: in 2004 gründeten wir den europäischen Ableger des ISC in Berlin.
Auch nach der bald darauffolgenden Unabhängigkeit vom ISC und der damit verbundenen Umbenennung in sculpture network leisten wir diese Qualität bis heute – einen Reichtum an Perspektiven und viele Gelegenheiten Menschen zusammenzubringen, die unsere Begeisterung für die Skulptur teilen.

Hartmut Stielows aktuelle Arbeit in Hannover. Foto: Johannes Jahnke


Welche Personen haben denn in den letzten Jahren weitere prägende Beiträge zum Gelingen dieser Ziele geleistet, an wen musst du als erstes denken?
Es gibt sehr viele Menschen, die uns aus unterschiedlichen Richtungen unterstützt haben. Es ist gar nicht möglich, alle zu nennen. Rückblickend denke ich als erstes an Kunstfreunde wie Detlef Olufs, die uns intensiv bei der Gründung der Organisation unterstütz haben, an die Bildhauerin Susanne Specht, die uns in den ersten Jahren einen Raum für den Verein in Berlin zur Verfügung stellte. Bernd Stieghorst, damals der Leiter der Sammlung König in Zürich, lud zum ersten Treffen zur Skulptur in der Schweiz.
Pius Knüsel von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia eröffnete im Jahr 2005 unser erstes internationales Forum im Museum Beelden an See, in den Haag. 
Professor Robert Kudielka von der UDK in Berlin brachte neue Perspektiven in die inhaltlichen Diskussionen, wie auch Jan Maruhn, Leiter der Bildhauerwerkstatt des BBK, in Berlin. International bekamen wir im Vorstand wichtige Verstärkung von Rob Ward aus England, der für die Foren in Leeds und Turin wesentliche Beiträge lieferte. In Spanien setzten Beatrice Blanch und Amparo López Corral wichtige Akzente und organisierten dort impulsgebende Foren, ebenso Anne Berk in den Niederlanden. Sie schuf zudem viele weitere Anknüpfungspunkte. Gottfried Hattinger vernetzte uns auf großartige Weise im Rahmen des Forums in Linz. Soviel, um nur einige hervorzuheben.
Generell haben wir mit der Zeit ein wertvolles Netzwerk an Menschen aufgebaut, das es uns ermöglicht hat und weiterhin ermöglicht, wichtige Personen aus der Szene als Referenten und Referentinnen für Symposien zu gewinnen, die wir jeweils als Einzelpersonen nie hätten ansprechen können. Darin liegt auch eine Stärke von sculpture network.

Stell dir vor du hättest ein persönliches sculpture network Fotoalbum. Wenn du es aufschlägst, was kommen für Bilder darin vor?
Ein Bild, das ich immer vor Augen habe, ist, wie ich mit Ralf Kirberg in Cincinnati am Ohio River den amerikanischen Vorstand des ISC getroffen habe. Das nächste Bild, an das ich denken muss, ist unser erstes großes Forum in Deutschland, im Gropius Bau in Berlin – dann das Forum mit Magdalena Abakanowicz in Warschau, die ich zuvor in Pittsburgh kennengelernt hatte. Vor allem aus der Anfangszeit kommen da Unmengen an Bilder in meinen Kopf, da wir uns ja noch um alles selbst gekümmert haben. 
In den vergangenen Jahren konnte ich mich leider aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr im gewünschten Maß engagieren und muss zugeben, dass ich dadurch in manchen Dingen, was die Organisation betrifft, nicht mehr so zu Hause bin – aber Aufgaben wie die Website überlasse ich gern denjenigen, die sich damit besser auskennen, und mische mich nicht ein. Mein Leben ist ruhiger geworden, während die blinkende 15 auf der Website zeigt, wie lebendig und aufregend das Netzwerk weiterhin bleibt.

Ralf Kirberg (2. v. l.) und Hartmut Stielow (5. v. l.) 2003 mit dem Vorstand des ISC in Cinncinnati

 

Ein Blick in die Zukunft – wohin soll die Reise weitergehen, sowohl für dich persönlich als auch für sculpture network?
Mein persönlicher Wunsch ist in erster Linie gesund und munter zu bleiben, auch um weiterhin beratend im Vorstand tätig sein zu können. Ich finde die Arbeit für sculpture network einfach gut. Oder, um es mit Ralfs Worten zu sagen: „Das ist richtig und wichtig zugleich.“ Wenn die Reise für sculpture network dahin weitergeht, dass wir über interessante Themen und spannende Angebote wie das Forum unseren Mitgliedern neue Ideen aus verschiedenen Ländern bieten können, ist schon viel geschafft. Ich hoffe das wird uns auch nächstes Jahr beim geplanten Forum in Spanien gelingen. Die Erweiterung des Vorstands soll auch einen Teil hierzu beitragen. Insgesamt wünsche ich mir, dass wir mindestens so gut bleiben, wie wir jetzt sind, und im Idealfall noch etwas reichhaltiger werden, um unsere Mitglieder zu Unterstützen und einen Beitrag dazu leisten, dass die Kunst frei bleibt – und so der Kunst den Freiraum geben, den die Kunst braucht.
 

Danke, Hartmut für Deine Zeit und Dein großes Engagement!

Sie möchten mehr über die Geschichte und das 15-jährige Jubiläum von sculpture network erfahren? Der Artikel Fünfzehn Jahre sculpture network – von Einzelkämpfern, Liebeserklärungen und der Mathematik des Netzwerks gibt weitere, spannende Einblicke.

Titelbild: Hartmut Stielow beim sculpture network Dialogue in der Ausstellung Neue Kunst in alten Gärten

 

Autorin: Elisabeth Pilhofer
Elisabeth Pilhofer ist freischaffende Redakteurin und Kuratorin. Sie sprach für uns mit Hartmut Stielow über seine aktuelle Arbeit, die Gründung von sculpture network und seine Wünsche für die Zukunft.



 
 
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