Magazin

Zum Wesen des √Ėsterreichischen Skulpturenparks

Wenn Skulptur und Natur in Verbindung treten, reagieren sie aufeinander. Es entwickelt sich eine Wechselbeziehung, die im Laufe der Zeit eine sich permanent √§ndernde Geschichte erz√§hlt. Im Garten als vom Menschen gestaltete Natur sind wir im √Ėsterreichischen Skulpturenpark speziell dazu eingeladen, mit in die Landschaft eingef√ľgten Skulpturen in Dialog zu treten. Wir treffen auf zeitgen√∂ssische Skulptur, von abstrakter Bildhauerei bis zu gefundenen oder verdichteten Objekten. Manche Arbeiten integrieren Licht, Schatten, Wasser oder Luft, entwickeln sich im Wachsen oder interagieren mit uns.

Zwei ineinander √ľbergehende Teile des Parks

Im Berggarten befinden wir uns in einem Schotterabbaugebiet, aus dem Badeteiche entstanden sind und eine gro√ü angelegte Freizeitanlage realisiert wurde. Der Landschaftsarchitekt Dieter Kienast umrahmte den Park mit einem vier Meter hohen Rasenwall, der diesen schutzgebend einfasst. Wir betreten au√üergew√∂hnliches und einmaliges Terrain, in dem wir Graspyramiden, die die Landschaft konturieren, einen geometrisch angelegten Seerosenteich mit Lilienbewuchs und ein punktuell bespielbares Caf√©, Kirschb√§ume, Lavendelbeete oder durch Bambus strukturierte Rasenst√ľcke finden. Neue Blickachsen werden ebenso er√∂ffnet wie das Spiel zwischen Erweiterung und Zur√ľckgezogenheit. Besondere Pflanzen wie Frauenmantel, Hyazinthen, Narzissen, Tulpen oder eine Linde erweitern duftend und in st√§ndigem Farbwechsel unsere Umgebungswahrnehmung.

oesp_wurm-fat-car.JPG
Erwin Wurm, Fat Car, 2000/2001, Foto: Michael Schuster, 2003

 

Im Fasangarten zitiert Kienast die Geschichte der Gartenbaukunst seit der Antike und inszeniert bei gleichzeitiger Reflexion auf den Minimalismus der 1960er-Jahre spezielle Gartenr√§ume. So √∂ffnet sich, umgeben von hohen Buchenhecken, ein in sich ruhender, einzigartiger Lotosbl√ľtenteich mit kontemplativem Inselmittelpunkt als Referenz auf die alt√§gyptische Gartenanlagenkunst. In deren Zentrum k√∂nnen wir auf der einen Baum umschlie√üenden M√∂belskulptur von Peter Kogler verweilen und in Kontakt mit Kunst und Natur treten.

oesp_rubins-airplane-parts&hills_1.jpg
Nancy Rubins, Airplane Parts & Hills, 2003, Foto: Michael Schuster, 2008

Diesem Teil folgt eine sich verj√ľngend ansteigende Treppenkonstruktion, die Himmelstreppe, als Verweis auf unsere Verbindung zu Zonen au√üerhalb der Erde und die Wirkkraft der Erfindung der Zentralperspektive in der Renaissance. Hier finden wir Skulpturen, die in der Auseinandersetzung mit dem K√∂rper, k√∂rperlichen Ver√§nderlichkeiten, Verschiebungen und Perspektivenwechseln entstanden. Anschlie√üend sehen wir eine geheimnisvoll verborgene Rasenneigung, in der antike Waldgottheiten vorstellbar wohnen. Hier reflektiert ein Spiegel das uns umgebende Himmelsbild und weist uns als Wesen im Pluriversum aus. In den beschnittenen Eiben-Figuren, die den Barock zitieren, sind Wolkenformationen zu lesen. In deren Mitte pr√§sentiert sich die √§lteste im Park befindliche Skulptur, Atlantis von Herbert Boeckl aus den Jahren 1940/44.

Im auf den franz√∂sischen Garten referierenden Rosen- und Stauden-Garten versetzt uns ein bronzener Wasserfall von Brian Hunt gleicherma√üen in Stillstand und Dynamik, w√§hrend eine √ľberdimensionale Metallrosenbl√ľte von Rudi Molacek Transformation in und zwischen Natur und Technologie thematisiert. Einer gro√ü angelegten Rasenlandschaft mit au√üergew√∂hnlichen Magnolien folgt abschlie√üend ein Irrgarten als eines der √§ltesten kulturgeschichtlichen Motive.

Die Vielfalt der Formen

Punktuell wird im Park mit mehr als 75 permanenten und j√§hrlich tempor√§ren Arbeiten die Geschichte der Skulptur seit der klassischen Moderne gezeigt, verhandelt und weiterentwickelt. Klassische Materialien wie Stein, Bronze oder Marmor finden hier ebenso Verwendung wie Beton, Glas, Kunststoff, Styropor, Spiegel, Stahl, Schrottteile oder Watte. Von der anthropomorphen Plastik √ľber die Erweiterung zur M√∂belskulptur und damit Eingliederung in die Arbeitswelt bis zu konzeptuellen und computergenerierten oder sprachlichen Arbeiten reicht die Palette.

Gleich an der ersten Rasenpyramide im Park positioniert Heimo Zobernig eine weithin sichtbare Skulptur. Industriell gefertigte, turmartig √ľbereinander gereihte Betonbauringe befragen als klare Setzung das Verh√§ltnis von Kunst, Mensch und Umgebung.

oesp_zobernig_ot.jpg
Heimo Zobernig, o.T., 2003, Foto: Michael Schuster, 2005

 

√Ėffnet und erweitert Fritz Wotruba die menschliche Figur in r√§umlich-abstrakte Dimensionen, bildet Thomas Stimms Terranian Platform einen Sammelpunkt der Erde. Franz Wests und Otto Zitkos Who is Who zeigt eine imagin√§re und offene Dialogebene. Dass auch Sprache und Schrift Skulptur sein k√∂nnen, belegen Arbeiten von Heinz Gappmayr, Ingeborg Strobl oder Plamen Dejanoff.

Fat House und Fat Car von Erwin Wurm befragen nicht nur unsere Gesellschaft, sie deuten ihre Umgebung auch um. So wird die Wiese zum privaten Garten oder zur Straße. Nancy Rubins schafft durch ihre Skulptur aus Flugzeugteilen die Assoziation zu einem Flugfeld, Michael Schusters Betonboot wandelt den Boden in Wasserwellen und Hans Holleins Goldenes Kalb widmet Sockelblöcke zu Gleisen um. Yoko Onos Kreuze erinnern an Golgotha und Tobias Rehbergers Asoziale Tochter befragt ihre Umgebung als ein soziales Netzwerk. Peter Weibel wiederum relativiert und verdeutlicht mit der Erdkugel als Koffer unser Verhältnis zur Welt als globales sowie analog-digitales Problem.

oesp_weibel-erdkugel-als-koffer.jpg
Peter Weibel, Die Erdkugel als Koffer, 2004, Foto: Johanna Lamprecht, 2021

 

Unsere Erfahrung und die Skulptur in ihrem Selbstverst√§ndnis der Transformation von Zeit und Raum wird in unterschiedlichen Materialien, Strategien und sich selbst ver√§ndernden oder interagierenden Exponaten ebenso ausgelotet und thematisiert wie soziale, wissenschaftliche oder wirtschaftliche Fragen. So heben die Tanzenden B√§ume von Timm Ulrichs unsere Vorstellung von der Unverr√ľckbarkeit bestehender Natur aus den Angeln, l√§sst Mario Terzic eine Arche aus lebenden B√§umen wachsen oder √∂ffnen kreisf√∂rmig gesetzte Espen von Bernhard Leitner die starre Struktur des Konzertsaales. Werner Reiterer destabilisiert das Prinzip angenommener Unver√§nderlichkeit der Skulptur in der spielerischen und hintergr√ľndigen Form eines riesigen magentafarbenen Ballons, der sich wie eine Sisyphosarbeit verrichtend immer wieder aufbl√§st, um stets unter lautem Pfeifen in sich selbst zusammenzufallen.

Dass Wasser, Wind, Schatten oder Licht ebenso skulpturale Elemente darstellen, zeigen eine interaktive Fontäne von Jeppe Hein mit dem selbstironischen Titel Did I miss something?, Oswald Oberhubers Korb oder Giuseppe Uncinis Unità Cellulare.

oesp_rehberger-asoziale-tochter.jpg
Tobias Rehberger, Asoziale Tochter, 2004, Foto: Tobias Rehberger, 2009

Mit Zellen, deren Strukturen und Wachstum setzt sich Fritz Hartlauer, mit der Entdeckung des Genoms Jörg Schlick, mit der Struktur unserer Welt Hartmut Skerbisch und mit Bedingungen des Zufalls Hans Kupelwieser auseinander. Wolfgang Becksteiner reflektiert wirtschaftliche Mechanismen, Matt Mullican architektonisch-logistische und symbolische.

 

Ein dynamischer Dialog zwischen Kunst und Natur

Jährlich werden in Projekten von Artists in Residence auch performative, sich selbst auflösende, in die Natur einschreibende oder vernetzende Strategien und Erweiterungen des Skulpturenbegriffs temporär sicht- und erlebbar.

Inhaltliche √úberlegungen gelten dem Interesse an der Entwicklung von Kunst als Skulptur, √∂kologischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen, demokratiepolitischen √úberlegungen und deren Bedeutung. Der Dialog zwischen Standort, Betrachter*in und Skulptur soll all diese √úberlegungen auf vielf√§ltige Weise sichtbar machen sowie Aussagen √ľber Kunst, aber auch √ľber uns selbst und die Gesellschaft, ihre Konflikte und Tr√§ume treffen und Begegnungsr√§ume schaffen.

So wird der √Ėsterreichische Skulpturenpark als Plattform genutzt, um den Dialogprozess zwischen Kunst, Mensch und Natur sowie den Kommunikationshorizont zeitgen√∂ssischer Skulptur zu erweitern, um deren Sprache besser verstehen zu k√∂nnen.

Autorin: Dr. Elisabeth Fiedler

Spring Open Skulpturenpark_072 korr_2021.jpg

Die Kunsthistorikerin Elisabeth Fiedler ist Leiterin und Chefkuratorin des √Ėsterreichischen Skulpturenparks und des Instituts f√ľr Kunst im √∂ffentlichen Raum Steiermark am Universalmuseum Joanneum. Neben ihrer Kuratorent√§tigkeit bilden Projektentwicklung und ‚Äďumsetzung sowie Forschung, Vortr√§ge und Publikationst√§tigkeit im Bereich der zeitgen√∂ssischen Kunst Schwerpunkte ihrer Arbeit.

 

Veröffentlicht im November 2021
 

 

Galerie

Mehr lesen

Redaktionsteam

Der Hannah-Peschar-Skulpturengarten

Zu Der Hannah-Peschar-Skulpturengarten

Redaktionsteam

Creative Night ‚Äď Die Artmap ist entstanden

Zu Creative Night ‚Äď Die Artmap ist entstanden

Redaktionsteam

Schwärzer als schwarz: Die dunkle Seite der Skulptur

Zu Schwärzer als schwarz: Die dunkle Seite der Skulptur