Die Kunst, eine Katastrophe zu verarbeiten

Teile des Bergdorfs Bondo im schweizerischen Bergell wurden vor einem Jahr von Schlamm und Felsbrocken verschüttet. Erst kurz vor der Werkstatt des Bildhauers Ernesto Picenoni machte die Lawine Halt. Seither holt der 79-Jährige Steine aus dem Geröllfeld und formt daraus seine Figuren.

Immer wenn Ernesto Picenoni die Steine ausgehen, kehrt er an den Ort der Katastrophe zurück. Ausgerechnet dort, wo die anderen Dorfbewohner nie hingehen würden, weil dann die schmerzenden Bilder wiederkämen, findet Ernesto Picenoni den Rohstoff seiner Kunst.

Auch an diesem regnerischen Mittwoch im November tritt er aus seiner Werkstatt, vorbei an den Sandsäcken, die noch immer an der Werkstattwand lehnen. Wie ein Bollwerk hielten sie an jenem 23. August 2017 den Schlamm und das Geröll auf, das vom Piz Cengalo zu Tal schoss. Die Säcke verhinderten, dass Picenonis Werkstatt zerstört wurde. Und doch riss die Lawine zwei nahe gelegene Häuser am Flussbett mit sich. Sie überschwemmte die Straße ins Dorf, die Bewohner wurden mit dem Helikopter ausgeflogen und durften sieben Wochen lang nicht nach Hause. Auch Picenoni durfte in dieser Zeit nicht in seine Werkstatt.

Foto: Anne Neul

Ernesto Picenoni geht an der Schreinerei vorbei, sie liegt schräg gegenüber seiner Werkstatt ein paar Meter tiefer. Eine zweite Lawine zwei Tage nach dem Felssturz hatte deren Lagerhallen und Holzvorräte mitgerissen, der Schlamm drang auch in die Werkstatt ein und zerstörte die Maschinen. Heute, gut ein Jahr danach, läuft der Betrieb wieder. Picenoni schaut kurz durchs Fenster und geht über den Mitarbeiterparkplatz auf einen gewaltigen Wall aus Geröll zu. Diesen Wall haben die Bagger nach der dritten Lawine im September 2017 aufgeworfen, um das Dorf vor einer neuen Katastrophe zu schützen. Der Piz Cengalo ist noch lange nicht zur Ruhe gekommen.

Von weitem erkennt Picenoni ihn wieder: Seinen Stein. Dunkelgrau, sticht er heraus aus all den hellgrauen Steinen, dem hellgrauen Wall. Die Brocken stammen allesamt von der Bergspitze, sechs Kilometer weit haben Wasser und Schlamm sie hierher gespült, vier Millionen Kubikmeter binnen eines Monats. Der dunkle Stein stammt von unterhalb des Gipfels, auch ihn hat die Schlammlawine mitgerissen und hier abgelegt. Ernesto Picenoni streicht mit der flachen Hand über das Fundstück, wie über einen Schatz. Die Oberfläche fühlt sich glatt an, kalt und nass vom Regen.

Unter Picenonis Fingernägel ist der Staub der Werkstatt gekrochen, das untere Gelenk des Mittelfingers ist rheumatisch geschwollen, der Finger schief. Es sind alte Hände, die viel gearbeitet haben und viele Steine geschleppt. Picenoni war Maurer, seine ersten Figuren fertigte er vor einem halben Jahrhundert aus Zement: ein Adler, ein Fuchs, ein Lamm. Sie stehen noch heute in seiner Werkstatt, der Fuchs trägt eine verstaubte Sonnenbrille auf der Schnauze. Das Bildhauen brachte sich Picenoni selbst bei. Anfangs war seine linke Hand blau, weil er mit dem Hammer oft daneben schlug.
Picenoni hatte den dunklen Brocken schon vor ein paar Tagen entdeckt, als er durchs Dorf spazierte. Er sah ihn und dachte: „Das ist mein Stein.“ Um Picenonis Stein zu werden, muss einer weich sein, weicher als Granit. Und braun, grau oder grün gefärbt. Picenoni streicht noch immer mit der Hand über den dunklen Speckstein. Bei nächster Gelegenheit wird er einen Mitarbeiter der Schreinerei bitten, ihm den Stein mit dem Hubwagen in seine Werkstatt zu bringen. Mit seiner Karre und bloßen Händen kann er nur bei kleineren Steinen etwas ausrichten – ein Kubikmeter wiegt drei Tonnen.

Foto: Anne Neul

Picenoni geht zurück zur Straße, geht an seiner Werkstatt vorbei den Berg hinauf. Vorbei auch an dem Haus, unter dessen Dachrinne jetzt eine rote Alarmsirene wacht, sie soll die Dorfbewohner vor der nächsten Lawine warnen. Links liegt das Haus seines älteren Bruders Cornelio. Der kam immer nur in den Ferien, 2015 ist er gestorben. Die junge Familie, die die obere Wohnung gemietet hatte, ist nach dem Felssturz ausgezogen. Das Haus ist verwaist, leere Fenster starren auf den Wall aus Geröll. Er reicht bis an die Eingangstreppe heran. Picenoni klettert wie ein Junge über den zusammengenagelten Lattenzaun, der den Wall umgibt, „Sperrzone“ steht darauf. Im Wall klemmt ein Felsbrocken, der aussieht wie ein ovaler Kiesel, an einem Ende flach, als hätte jemand mit einem Messer eine Scheibe abgeschnitten. Ein weiterer Schatz. Picenoni wird ihn vorerst hier lassen müssen, auch er ist zu schwer zu bergen.

Drei kleinere Steine hat Picenoni aus dem Flussbett in seine Werkstatt schleppen können. Einen vierten schwemmte der Schlamm fast bis vor die Tür: Ihn hat der Künstler in ein Gesicht verwandelt, es steht vor dem Arbeitstisch und blickt zur Tür. Auf dem Tisch steht ein Känguru mit einem Jungen im Beutel, Picenonis jüngstes Werk. Picenoni hat Flugangst. Indem er Kängurus fertigt, erspare er sich den Flug nach Australien, sagt er und lacht. Die Proportionen des Kängurus hat er von einer Spielzeug-Figur abgeguckt. Oberhalb seiner Werkbank steht sie im Regal, neben verstaubten Puppen.

Gerade arbeitet er an einer Biene. Den Körper, die Flügel und die Fühler hat er bereits gemeißelt, die Beine fehlen noch. Auf der Werkbank hat er „Grzimeks Tierleben“ aufgeschlagen. Auf dem Foto sammelt eine Biene Nektar von einer Blüte. Die will Picenoni auch noch formen, damit es natürlicher wirkt.

Foto: Anne Neul

Weil in seiner Werkstatt kein Platz mehr ist, hat Picenoni mehr als Hundert Figuren in einen Keller ausgelagert, in einem Stall am anderen Ende des Dorfs hat er unter Planen weitere Figuren versteckt. Hinter jeder Schranktür, die er öffnet, in jeder Schublade verbergen sich seine Werke. Seit 1982 formt Picenoni Figuren aus Stein, nur gut zehn von ihnen hat er in den 36 Jahren verkauft. Ein Fremder wollte einmal einen Fisch aus Stein. Als er drei Tage später kam, um ihn abzuholen, bot er 200 Franken Honorar. 200 Franken für drei Tage Arbeit! Da entschied Ernesto, weder den Fisch noch irgendeine Figur zu verkaufen. „Verschenken oder behalten“, sagt Ernesto Picenoni seither. Dazwischen gibt es für ihn nichts.

Picenoni steigt den Wall hinter dem Haus seines Bruders hinauf und blickt auf das Flussbett, das Bagger nach einem früheren Felssturz zu einem Auffangbecken verbreitert hatten. Es hat im August 2017 eine noch größere Katastrophe verhindert. Hier oben hört Picenoni auf einmal die Bondasca rauschen. Deren Bett dort unten gleicht einer Mondlandschaft aus Felsen, Steinen, Geröll. Auf der gegenüber liegenden Seite liegt der Ortsteil Promontogno, dort ist Picenoni geboren und zur Schule gegangen. Die Turnhalle ist immer noch gesperrt. Die ehemalige Dorfschule blieb verschont, sie beherbergt heute das Gemeindehaus.

Picenoni dreht sich um und stapft auf dem gewaltigen Wall bergan, ein gebeugter, alter Mann inmitten der Kulisse einer Katastrophe. Wenn er seine 100 Figuren im Keller besuchen möchte, muss er die neue Hängebrücke überqueren, seit April spannt sie sich 17 Meter hoch über die Bondasca und verbindet das alte Bondo mit Promontogno. Ein Stück unterhalb erinnern geborstene Balken an die alte Holzbrücke, die das Militär sprengen musste. Links und rechts standen die beiden Häuser, die die Schlammmassen mitgerissen haben. Wie die Titanic, die nur noch mit einem Ende rausguckt, dachte Picenoni, als er das Haus im Schlamm treiben sah. „Wie Schokolade sah der Schlamm aus“, findet er.

Mitten auf dem Wall erspäht Picenoni noch einen Stein. Grau, braun, grün gemasert, Speckstein – perfekt. Er versucht, ihn hinunter Richtung Werkstatt zu rollen, umfasst ihn mit beiden Händen, zerrt und zieht mit aller Kraft. Ein paar Umdrehungen schafft er, dann will der Stein nicht weiter. Picenoni wird wiederkommen. In ein paar Tagen wird er seine Karre aus dem Keller holen, sie hinauf zum Wall schieben und sich noch einmal an dem Stein zu schaffen machen. Er muss den Stein unbedingt haben. Denn Picenoni weiß schon, was er daraus formen wird: Eine Maus oder einen Pilz.

Foto: Anne Neul
 

Autorin:
Anne Neul ist Redakteurin, freie Autorin und contextueller Coach in Ausbildung und lebt bei Bielefeld.



 
 
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