100 JAHRE BAUHAUS

Ein bedeutungsvolles Jahr neigt sich dem Ende zu. Die einflussreichste Kunsthochschule der Moderne, das Bauhaus, feierte seinen 100sten Geburtstag. Zahlreiche Ausstellungen, Veranstaltungen, Vorträge, Performances, Theaterstücke, Führungen und Workshops rund um die Bauhaus Zeit belebten zum 100. Jubiläumsjahr vor allem die drei Bauhausstätten Weimar, Dessau und Berlin.

Nachdem Weimar im April sein neues Bauhaus Museum eröffnet hat, wurden auch in Dessau im September die Tore zum neuen Museum geöffnet. Unsere Gastautorin Ursula Karpowitsch hat Dessau besucht und erzählt im folgenden Artikel, was die dort hautnah erlebte.

Es ist schon erstaunlich, wenn man sich klarmacht, dass das BAUHAUS ganze 14 Jahre existierte, mit finanziellen Problemen und Problemen mit der Politik zu kämpfen hatte, zweimal umziehen musste, und doch eine globale Wirkungsgeschichte entfaltete, als „global“ noch nicht in aller Munde war. Dazu trugen auch die mehr als 1.250 Studierenden aus 29 Ländern bei, wie auch das erzwungene Exil von Walter Gropius, seinem Gründer von 1919, und von Mies van der Rohe. Es war „Staatliches Bauhaus“ in Weimar, „Hochschule für Gestaltung“ in Dessau und private Lehranstalt in Berlin. Aber unabhängig von Benennung und Ort: das BAUHAUS war eine neue Kunstschule, die versuchte, Leben und Werk unter einem Dach zu vereinen und Gropius‘ Motto zu befolgen „Kunst und Technik – eine neue Einheit!“

Vernissage, Passagen Bauhaus 100, 04.05.2019, Foto: Sven Hertel, Quelle: Stadt Dessau-Roßlau
Vernissage, Passagen Bauhaus 100, 04.05.2019, Foto: Sven Hertel, Quelle: Stadt Dessau-Roßlau

 

Dessau war eine aufstrebende Industriestadt, als das BAUHAUS 1925 dorthin zog. Viele Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft setzten sich für die Schule ein, so auch Hugo Junkers, einer der bedeutendsten Ingenieure und Unternehmer des 20. Jahrhunderts. Aber auch in der Bevölkerung war die Akzeptanz von Lehrenden und Studierenden groß. Man mochte diese „schrägen Vögel“ und ihre Feste waren legendär. Sie arbeiteten mit rund 100 Dessauer Firmen zusammen, waren überall im Stadtbild vertreten mit ihren Fassaden und Pavillons für Parks, Werbebroschüren und Schaufenstern und drangen mit ihren Möbeln und Textilien bis in die Privaträume der Stadtbewohner vor. Aufgrund eines Beschlusses des nationalsozialistischen Stadtrates wurde diese so erfolgreiche und beliebte Schule 1932 geschlossen.

Die Freiraum-Ausstellung Unsichtbare Orte führt zu Gebäuden und Plätzen ihrer Lebens- und Wirkungsstätten und versucht, den Besuchern etwas vom Aufbruchsgeist dieser Zeit zu vermitteln.

Eine weitere Freiraum-Ausstellung beruft sich auf Kandinskys Leitmotiv „Punkt und Linie zu Fläche“ und verwandelt es in „Punkt wird zur Linie wird Raum“. Lara Bechauf, Miriam Hausner, Lilli Lake, Marie Longjaloux, Rosa Morgenstern, Marie-Christin Schlang und Ruven Wiegert, allesamt Studierende bei Gabi Schillig, bis 2018 Professorin an der Hochschule Düsseldorf, Peter Behrens School of Arts, gestalteten die Passagen Bauhaus 100. Der Weg führt vom historischen BAUHAUS Gebäude bis zum BAUHAUS Museum in der City.

Vernissage, Passagen Bauhaus 100, 04.05.2019, Foto: Sven Hertel, Quelle: Stadt Dessau-Roßlau
Vernissage, Passagen Bauhaus 100, 04.05.2019, Foto: Sven Hertel, Quelle: Stadt Dessau-Roßlau

 

Die erste Station auf der Bauhausstraße unterbricht das Schlendern, vorbei an wenigen alten und vielen neuen Gebäuden der Hochschule Anhalt (FH) – Hochschule für angewandte Wissenschaften, so die korrekte Bezeichnung. Doch die heutigen Studenten sagen, dass sie „am BAUHAUS studieren“. Hier können drei große schwarze Gummibälle angefasst und an andere Orte gerollt werden, um so die Perspektive zu verändern. Auf dem Seminarplatz greift eine Linie aus geformtem Stahl den Straßenverlauf auf. Kinder benutzen sie als Klettergerüst und haben sichtlich Spaß. Die zögerlicheren Erwachsenen fassen sie an und nehmen unterschiedliche Oberflächen wahr. Manche Stellen sind mit Band umwickelt, mit Metall umwunden, sind kantig oder rund oder eingekerbt. Die audiovisuelle Installation in der Unterführung des Hauptbahnhofs bestand bei meinem Besuch leider nur noch aus dem visuellen Bereich der Schriftzüge in schwarz-weiß an den Wänden. Die Lautsprecher waren noch vorhanden, aber es war kein „pssst“, „pschhhhht“ und „pst!“ mehr zu hören.

Auf der Wiese vor dem Hauptbahnhof stehen zwei parallel verlaufende Stege, über deren konkave und konvexe Höhen und Tiefen man gehen kann. Diese Station kann man auch als traditionelle Skulptur mit hohem ästhetischen Wert wahrnehmen. Um das Gefühl der Beklemmung geht es inmitten der engen Bebauung des Fürst-Leopold-Carrés. Man läuft   zwischen schwarzen Wänden hindurch, die aus elastischem Stoff bestehen und, indem man den beiseite drückt, es einem ermöglichen, sich ein wenig mehr Freiraum zu verschaffen.

Vor der klassizistischen Fassade des Anhaltinischen Theaters und einer Karl-Marx-Büste erheben sich 12 Fahnenstangen, deren graue Bespannung aus Kreis, Quadrat und Dreieck besteht. Die im Wind flatternden Fahnen verwandeln die strengen geometrischen Formen in etwas Wilderes und Ungebändigteres. Ein letztes Mal wird der Spaziergang unterbrochen, diesmal durch ein rechteckiges Trampolin, das parallel zum Häuserriegel  auf dem Rasen der Antoinettenstraße steht. Hüpfend und hopsend entspannt man sich, anstatt vorbeizuhasten.

Vernissage, Passagen Bauhaus 100, 04.05.2019, Foto: Sven Hertel, Quelle: Stadt Dessau-Roßlau
Vernissage, Passagen Bauhaus 100, 04.05.2019, Foto: Sven Hertel, Quelle: Stadt Dessau-Roßlau

 

Wie vermittelt man den Besucherinnen und Besuchern 100 Jahre BAUHAUS? Am 7. März 1945 wurde mit Dessau ein größeres Rüstungs- und Verwaltungszentrum Deutschlands fast völlig zerstört. Wie soll man sich das historische Dessau vorstellen, das sein Gesicht nach dem Wiederaufbau in der DDR völlig verändert hat? Und auf der anderen Seite: Keine Anwaltskanzlei, keine Arztpraxis, die auf sich hält, ohne Freischwinger und kein Privathaushalt ohne Corbusier-Liege. Ehemals eine alternative Schule für Gestaltung mit viel Freude am Experimentellen, deren Werke heute unter dem Etikett „Klassik“ laufen. Die museale Präsentation des BAUHAUS Museums ist eine Möglichkeit. Die Einbeziehung des heutigen Ortes mit Hilfe von neu kreierten Räumen, inspiriert von den Konzepten der BAUHAUS Schaffenden, ist eine andere. Beides kann nur eine Annäherung sein. Was die Designer aus Düsseldorf hier konzipiert haben, macht Spaß. Und wenn man an die oben erwähnten Feste denkt, dann war Spaß am Feiern und am Kreativsein eben auch ein wichtiger Teil des BAUHAUS Lebens, Lehrens und Lernens.

Autorin: Ursula Karpowitsch 

 



 
 
Menu
...loading...
...upload...
Bitte Pflichtfelder ausfüllen