Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten. Ausstellungsansicht. Haus der Kunst München, 2026. Foto: Agostino Osio. © Haus der Kunst München, 2026
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Tomás Saraceno: Verwobene Welten

Wasser verbindet Landschaften, die sonst unvorstellbar weit voneinander entfernt zu sein scheinen. In der Ausstellung Verwobene Welten im Haus der Kunst in München zeichnet Tomás Saraceno die Verbindung zwischen dem Wasser der nahegelegenen Isar in München und den Salinas Grandes, den Salzebenen im Norden Argentiniens, nach.

Die Salinas Grandes rücken im Namen der „grünen Energiewende“ zunehmend in den Fokus als Standort für den Lithiumabbau. Dieses indigene Siedlungsgebiet wurde durch das Versprechen einer technologisierten Zukunft von seiner ursprünglichen Bestimmung entfremdet. Dadurch verliert die indigene Bevölkerung die Verbindung zu jenem Wissen und jener Verantwortung für das Land, die das Leben hier seit Generationen bewahrt haben. Mit monumentalen skulpturalen Installationen und einem neuen Auftragswerk im Bereich Land Art, das in Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinschaften von Red Atacama entstanden ist, wirft Saraceno kritische Fragen zu den Auswirkungen des sogenannten grünen Wandels auf. Gemeinsam vermitteln diese Werke mögliche alternative Formen des Lebens auf der Erde. Eine Lebensweise, die sich nicht auf das Versprechen technologischen Fortschritts stützt, sondern stattdessen auf das Wissen der Vorfahren als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft baut.

Die Ausstellung beginnt mit Weaving with Red Atacama (Weben mit Red Atacama, 2026), einem gemeinsam genutzten Tagesbett, das einen Großteil der Ausstellungsfläche einnimmt. Bezogen mit farbenfrohen, gewebten Decken aus Schafs- und Llamawolle, die mit Pigmenten aus der umliegenden Region gefärbt wurden. Die Stoffe zeigen Muster und erzählen Geschichten, die tief im Alltagsleben der Salinas Grandes verwurzelt sind. Die Besucher:innen sind eingeladen, Platz zu nehmen, durchzuatmen, zu lesen oder im Ausstellungskatalog zu blättern.

Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten. Ausstellungsansicht. Haus der Kunst München, 2026. Foto: Agostino Osio. © Haus der Kunst München, 2026
Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten. Ausstellungsansicht. Haus der Kunst München, 2026. Foto: Agostino Osio. © Haus der Kunst München, 2026

Das Tagesbett macht den Raum zu einem Ort der Begegnung, der Erholung und des Austauschs. Dies ist ein entscheidender Ausgangspunkt für die Ausstellung, da dadurch unterstrichen wird, dass die beteiligten indigenen Gemeinschaften nicht nur Gegenstand von Saracenos ökologischen Anliegen sind. Vielmehr sind sie Partner, deren Wissen, Bräuche und politischen Kämpfe viele der nachfolgenden Kunstwerke maßgeblich beeinflussen.

In der Ostgalerie tauchen die Besucher:innen in eine weitläufige, dunkle Landschaft mit dem Titel Towards the Sanctuary of Water (2026) ein. Saracenos charakteristische, planetenähnliche Skulpturen schweben über einer flachen Wasserebene, die den größten Teil des Bodens einnimmt. Ihre Spiegelbilder vervielfachen sich auf der Wasseroberfläche und erzeugen die Illusion von Himmelskörpern, die im Weltraum schweben. Geometrische Projektionen wandern über die Wände und erinnern an eine Sonnenfinsternis, während überdimensionale Abbildungen von Spinnennetzen sich aus der umgebenden Dunkelheit abheben. Geräusche, die an knackendes Holz und fallende Tropfen erinnern, untermalen die Atmosphäre mit Klang. Vertraut erscheinende Elemente der Natur wirken durch Übersteigerung und überdimensionale Darstellung fremdartig. So fühlt man sich als Besucher:in für den Moment in einer Landschaft verloren, die einem zugleich vertraut und doch wie aus einer anderen Welt erscheint. Diese diasporischen ästhetischen Elemente bilden ein komplexes, in sich verflochtenes Umfeld, das ein Spiegelbild des Planetens ist, den wir bewohnen.

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Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten. Ausstellungsansicht. Haus der Kunst München, 2026. Foto: Agostino Osio. © Haus der Kunst München, 2026.

Die Aussagekraft der Installation geht weit über das bloße sinnliche Spektakel hinaus. Ihr Titel verweist auf das bedeutendste Kunstwerk der Ausstellung: The Sanctuary of Water. Dieses neue, auf Dauer angelegte Land-Art-Projekt, das derzeit in den Salinas Grandes entsteht, wurde in enger Zusammenarbeit mit Red Atacama entwickelt. The Sanctuary of Water ist Denkmal für das Wasser, Schutzzone und zugleich ein Ort, der auf eine Zukunft ausgerichtet ist, die den Gemeinschaften, die ihn verteidigen, dauerhaften Bestand sichert.

The Sanctuary of Water steht im Zeichen von vier raumgreifenden kegelförmigen Erhebungen, den sogenannten „Apachetas”. Apachetas sind traditionelle Hügel der Andenbewohner, die oft aus Stein errichtet werden und seit jeher dazu dienen, Bergpfade als Orte der Opfergabe, der Dankbarkeit und der sicheren Durchreise zu markieren. Apachetas entstehen im Laufe der Zeit und bilden ein kollektives Denkmal der Erinnerung, der Fürsorge und der gegenseitigen Verbundenheit. In The Sanctuary of Water werden diese Formen in monumentaler Größenordnung neu interpretiert und aus lokal gewonnenem Salz errichtet. Die Relevanz dieses Kunstwerks, das gemeinschaftlich und im Laufe der Zeit entstanden ist, liegt weniger in seiner endgültigen Form als vielmehr in seiner kollektiven Entstehung.

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Tomás Saraceno, The Sanctuary of Water, 2026. Entworfen vom Künstler Tomás Saraceno in Zusammenarbeit mit den 11 indigenen Gemeinschaften des Netzwerks „Red Atacama“ in Salinas Grandes, Nordargentinien. Mit großzügiger Unterstützung des Haus der Kunst München, der Aerocene Foundation, des Studio Tomás Saraceno und vieler anderer. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers, von Red Atacama und der Aerocene Foundation sowie der Kunstgalerien neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar, Los Angeles; Pinksummer, Genua; Andersen’s, Kopenhagen; und Ruth Benzacar, Buenos Aires. © Foto: Studio Tomás Saraceno

In diesem Kunstwerk verschmelzen Architektur, Skulptur und Denkmal, mit Aktivismus und Land Art. Genau darin liegt seine Stärke: Es lässt sich nicht eindeutig kategorisieren. The Sanctuary of Water ist ein lebendiges Gebilde, untrennbar mit der Umgebung verbunden, in der es sich befindet. Saraceno fungiert hier weniger als individueller Künstler, sondern vielmehr als Vermittler. Seine künstlerische Vorgehensweise schafft einen Handlungsrahmen, der es den indigenen Gemeinschaften von Red Atacama ermöglicht, sich gegen die Ausbeutung der Ressourcen in ihren angestammten Gebieten zur Wehr zu setzen und gleichzeitig jenes Land und Wasser zu würdigen, das ihnen seit Generationen als Lebensgrundlage dient.

Obwohl fernab vom Haus der Kunst, durchdringt die Wirkung dieses Projekts die gesamte Ausstellung. In weiteren Räumen werden die umfangreichen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, die hinter dem Werk stehen, präsentiert, während Videoinstallationen Saracenos laufende Zusammenarbeit mit Red Atacama dokumentieren. Im Laufe der Ausstellung fortwährend aktualisierte Bilder zeigen die Entstehung des Kunstwerks. Diese Einblicke machen die Anstrengungen, das Wissen und das kollektive Engagement sichtbar, die weit über das Schaffen eines einzelnen Künstlers hinausgehen. Damit stellt die Ausstellung die Annahme in Frage, dass die Zukunft allein durch technologische Innovationen gesichert werden müsse. Sie legt stattdessen nahe, dass andere Lebenswelten möglich sind, wenn sie gemeinsam erdacht und verwirklicht werden.

Saraceno beschäftigt sich seit langem mit den Beziehungen zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Leben. Dabei verbindet er Kunst, Architektur und Wissenschaft, um alternative Formen des Zusammenlebens zu entwerfen. Verwobene Welten erinnert uns daran, dass die ökologischen Krisen an einem Ort untrennbar mit den Zukunftsbedingungen an einem anderen Ort verbunden sind. The Sanctuary of Water erweitert diesen Ansatz über die Ausstellungsräume hinaus und verwandelt die Skulptur von einem Objekt der Kontemplation in einen kollektiven Akt der Fürsorge, des Widerstands und des Gedenkens. Damit stellen Saraceno und Red Atacama die Auffassung in Frage, dass eine nachhaltige Zukunft allein durch technologischen Fortschritt gesichert werden kann. Vielleicht muss die Zukunft gar nicht neu erfunden werden, sondern lässt sich im überlieferten Wissen, in den kollektiven Bräuchen und in unserer Beziehung zur Erde finden – all das, auf dem unser Leben seit Generationen beruht.

Haus der Kunst München
Tomás Saraceno in collaboration. Verwobene Welten
17. Juli 2026 - 7. Februar 2027

Myfanwy Halton hat diesen Artikel auf Englisch verfasst.

Über den Autor/ die Autorin

Myfanwy Halton

Myfanwy Halton ist Autorin und Produzentin aus Australien und lebt in München.

Übersetzung

Sybille Hayek

Sybille Hayek ist Lektorin und Übersetzerin. Seit 2022 unterstützt sie unser Team ehrenamtlich mit ihrem geschulten Blick fürs Detail und einer großen Liebe zur Sprache.

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