The Writing is on the Wall © Olga
Magazin

Fossil Free Culture: Reinigung der Museen von fossilen Brennstoffen

Wenn sich das K√ľnstlerkollektiv Fossil Free Culture Netherlands (FFC NL) an einer Kunstinstitution pr√§sentiert, tut es das mit einer starken Botschaft. Bei seiner ersten Intervention im Concertgebouw in Amsterdam mit dem Titel Writing on the Wall (im Januar 2019) dr√ľckten drei Akteur*innen ihre in schwarzer Fl√ľssigkeit getr√§nkten K√∂rper unmittelbar vor einem Konzert gegen die Fenster der Eingangshalle. Der FFC NL hat sich dem Publikum und den Mitarbeiter*innen des Concertgebouw deutlich zu erkennen gegeben und dabei auf das √Ėl angespielt, das durch das Sponsoring des Mineral√∂lkonzerns Shell bereits an den Mauern des Geb√§udes klebt.

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The Writing is on the Wall © Olga
Das Kollektiv FFC NL, das sich aus K√ľnstler*innen, Aktivist*innen, Wissenschaftler*innen und Kritiker*innen zusammensetzt, die an der Schnittstelle zwischen Kunst und Klimabewegung agieren, hat sich in den letzten Jahren zum Ziel gemacht, die Verbindungen, die zwischen dem Sponsoring durch die fossile Brennstoffindustrie und den Kunstinstitutionen bestehen, zu zerschlagen. Durch ihre k√ľnstlerischen Interventionen ist es der Gruppe gelungen, das Van Gogh Museum, das Concertgebouw und das NEMO Science Museum in Amsterdam dazu zu bewegen, ihre Zusammenarbeit mit dem Mineral√∂lkonzern Shell zu beenden. Im Moment wird an der Aufhebung des Sponsorenvertrags des Groninger Museums mit den niederl√§ndischen Gasunternehmen Gasunie und GasTerra gearbeitet. Diese Ergebnisse sind als gro√üer Erfolg innerhalb der Klimaschutzbewegung zu bewerten, mit der der FFC NL eng verbunden ist. Der Ausstieg dieser namhaften und einflussreichen Kunstinstitutionen aus den Sponsorenvertr√§gen mit Shell hat die fossile Brennstoffindustrie um eine der M√∂glichkeiten gebracht, ihr Ansehen durch Kunst und Kultur aufzupolieren.

Eine neue Institutionskritik

Diese gesellschafts- und museumskritischen Aktionen sind keineswegs neu und haben in der Kunstwelt eine lange Tradition. FFC NL lehnt sich in seiner k√ľnstlerischen Vorgehensweise dabei stark an die als Institutionskritik bekannte Kunstrichtung an. Allerdings ist eine Abkehr von der ersten Bewegung der Institutionskritik der 60er und 70er Jahre festzustellen, als die K√ľnstler noch versuchten, ihre Kunst innerhalb der Institution zu verorten. Die Kunstkollektive der aktuellen Bewegung beziehen sich immer noch auf den institutionellen Kontext, sind jedoch nicht mehr der Meinung, dass der institutionelle Raum eine Zuflucht bieten kann.¬†

Die Kunstsoziologen Joanna Figiel und Stevphen Shukaitis formulieren es so:

‚ÄěDie Institution ist zu einem Raum geworden, in dem man sich zeitweise aufhalten kann, aber zu keinem Ort, zu dem man geh√∂rt; sie kann ein Ruheort sein, aber kein Heimatort.‚ÄĚ1

Nachdem der FFC NL also sein Vorhaben erreicht hat und die betroffene Kunstinstitution den Sponsorenvertrag mit dem Mineral√∂lunternehmen gek√ľndigt hat, veranstaltet die Gruppe eine Feier vor der Institution mit Reden, Konfetti und Drinks. Dann wird die Institution wieder ihren eigenen Angelegenheiten √ľberlassen.

Our Favourite Kind of Party © Laura Ponchel
Our Favourite Kind of Party © Laura Ponchel

Somit wird der FFC NL f√ľr diese Kunstinstitutionen zu einer un√ľbersehbaren Gr√∂√üe, und es wird erwartet, dass die betroffene Institution sich mit den Aktionen der Gruppe auseinandersetzt. Hinter den k√ľnstlerischen Ausdrucksformen des FFC NL stehen jedoch weitaus gr√∂√üere Fragen. Yates McKee, Autor des Buches Strike Art: Contemporary Art and the Post-Occupy Condition beschreibt, dass es neben den urspr√ľnglichen Anliegen der Aktivisten auch darum geht, die allgemeinen Missst√§nde und Verstrickungen innerhalb der globalen Luxusindustrie aufzudecken. Dazu geh√∂ren die Rolle, die die Kunstinstitutionen im Prozess der Gentrifizierung einnehmen, die Zusammenarbeit von Museen mit Banken und Konzernen f√ľr fossile Brennstoffe, die massenhafte Ausbeutung von Arbeitskr√§ften in prek√§ren und schlecht bezahlten Arbeitsverh√§ltnissen, die das Kunstsystem am Laufen halten, ebenso wie der st√§ndige Existenzkampf von K√ľnstlern und Institutionen.2

Es wird deutlich, dass der FFC NL mit einem weitaus komplexeren neoliberalen kapitalistischen System konfrontiert ist, als nur mit einigen wenigen Kunstinstitutionen. Um ihre Stellung zu festigen, muss sich die Gruppe deshalb mit anderen Kollektiven und Initiativen, die sich dem politischen Kampf innerhalb und außerhalb der Kunstwelt verschrieben haben, solidarisieren.

Weltumspannende Kollaborationen

FFC NL arbeitet mit verschiedenen anderen Kunstkollektiven zusammen, die an der Grenze zwischen Kunst und Umweltaktivismus operieren, wie z.B. BP or not BP? (UK), Culture Unstained (UK), Lib√©rons le Louvre (Frankreich), Stopp oljesponsing av Norsk Kulturiv (Norwegen), Occupy Museums (USA) und The Natural History Museum (USA).3 Diese Kunstkollektive haben viel gemeinsam. Sie kritisieren in der Regel dieselbe Art von prestigetr√§chtigen √∂ffentlichen Kunstinstitutionen, die von einem nationalen Unternehmen f√ľr fossile Brennstoffe finanziert werden, und verwenden dieselben Methoden der Intervention und der unvorhersehbaren Aktionen, um in die Kunstinstitutionen einzudringen und ihren Standpunkt zu verdeutlichen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie in verschiedenen L√§ndern agieren.

Die Zusammenarbeit mit einigen Kollektiven macht dar√ľber hinaus deutlich, dass die politischen Ziele dieser Organisationen weit √ľber die Umweltpolitik hinausgehen. Occupy Museums ist beispielsweise aus der Occupy-Bewegung entstanden und befasst sich auch mit den wirtschaftlichen Ungleichheiten, den immer h√∂heren Preisen auf dem Kunstmarkt und mit den gewaltigen Schulden, mit denen K√ľnstler*innen zu k√§mpfen haben.4 The Natural History befasst sich mit Umweltfragen ebenso wie mit Problemen indigener V√∂lker, die f√ľr den Schutz und den Fortbestand ihres Lebensraumes zu k√§mpfen haben.5 Diese Zusammenh√§nge sind nicht ungew√∂hnlich, wenn man bedenkt, wie eng Umweltbewegung, Kolonialismus und Arbeitsmarktpolitik miteinander verwoben sind.

Dissonance Act1 Opening © Laura Ponchel
Dissonance Act1 Opening © Laura Ponchel

Wassermelonenpolitik, Zielausweitung

FFC NL ist sich der Kluft bewusst, die zwischen der eigenen Organisation, die fast vollst√§ndig auf Freiwillige angewiesen ist und denen besteht, mit denen sie sich anlegen, den reichen Mineral√∂lunternehmen und renommierten Kunstinstitutionen, die √ľber umfangreiche Ressourcen verf√ľgen. Darauf spielte das Kollektiv in der Performance Dissonance Act 1 Season Opening (September 2019) (Dissonanz Akt 1 Saisoner√∂ffnung) im Concertgebouw an, wo die Akteur*innen als Personal auftraten, das den VIP-G√§sten "√∂lige" alkoholfreie Getr√§nke in Champagnergl√§sern servierte. Kurioserweise schnappten sich viele der G√§ste die "schmutzigen" Getr√§nke von den Tabletts der Performer des FFC NL und tranken sie, ohne die Person vor ihnen wahrzunehmen oder darauf zu achten, was gerade angeboten wurde. Das zeigt die Selbstverst√§ndlichkeit, mit der die G√§ste den angebotenen Luxus voraussetzten. Der Blick √ľber den Tellerrand hinaus, ist ihnen nicht mehr m√∂glich.¬†

Dies bringt uns zur Wassermelonenpolitik, einem von Figiel und Shukaitis gepr√§gten Begriff. Sie konstatieren, dass viele dieser in der Umweltpolitik aktiven Kunstkollektive sich vordergr√ľndig mit Fragen der √Ėkologie und Nachhaltigkeit besch√§ftigen (die gr√ľne Schale der Wassermelone), sich aber auf einer tieferen Ebene auch mit sozialistischen Fragen zu Arbeit und Produktion befassen (das rote Fleisch im Inneren der Wassermelone). Neben dem Rot, so Figiel und Shukaitis weiter, kann die Farbe im Inneren der Wassermelone auch schwarz, lila, rosa sein, also ein breites Spektrum an verschiedenen Farben annehmen. Die einzige Kritik, die wir an der Melonenmetapher √ľben k√∂nnen, ist die Tatsache, dass man, um zu sehen, welche Politik darin steckt, die Wassermelone erst aufschneiden muss.

Keep Dancing © Anisa Xhomaqi
Keep Dancing © Anisa Xhomaqi
F√ľr FFC NL wie auch f√ľr andere Kunstkollektive besteht die Herausforderung darin, noch st√§rker zu verdeutlichen, wie diese unterschiedlichen politischen Positionen miteinander verkn√ľpft werden k√∂nnen. Am 10. November 2020, genau 25 Jahre nachdem neun Ogoni-Aktivisten in Nigeria wegen gewaltloser Verbrechen gegen Shell geh√§ngt wurden, fand im NEMO Science Museum die Performance Keep Dancing (Tanzt weiter) statt. Am Abend wurde Text an die Au√üenw√§nde des Museums projiziert: ‚ÄěTanzt Unterdr√ľckung und Ungerechtigkeit zu Tode‚Äú. Darunter waren schwarz gekleidete Personen zu sehen, die Fackeln trugen, um einerseits an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu erinnern, die durch die Mineral√∂lindustrie beg√ľnstigt werden, andererseits aber auch um den Weg in eine Zukunft ohne fossile Brennstoffe zu erhellen.

 

 

 

1 Figiel, Joanna, and Stevphen Shukaitis,‚ÄúWatermelon Politics and the Mutating Forms of Institutional Critique Today‚ÄĚ from Who Runs the Artworld: money, power and ethics (ed. Brad Buckley and John Conomos), Faringdon, Oxfordshire : Libri Publishing, 2017: p. 216

2 McKee, Yates, Strike Art: Contemporary Art and the Post-Occupy condition, London : Verso, 2016: p. 179

3 Fossil Free Culture, About us: https://www.fossilfreeculture.nl/about/

4 Occupy Museum, Debtfair New Mexico: http://www.occupymuseums.org

5 The Natural History Museum: http://thenaturalhistorymuseum.org

 

√úbersetzt aus dem Englischen von Sybille Hayek

√úber den Autor/ die Autorin

Sietske Roorda

Sietske Roorda (Amsterdam, NL) ist eine niederländische Kunstkritikerin, Autorin und Podcasterin, die sich auf zeitgenössische Kunst spezialisiert hat und ein besonderes Interesse an politisch engagierter und feministischer Kunst hat.

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The Writing is on the Wall © Olga
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