Erinnern statt vergessen – Sonsbeek 26
Biennale oder Documenta – Venedig oder Kassel? Sonsbeek 26! Bei der dreizehnten Ausgabe dieser Ausstellung für Kunst im öffentlichen Raum im niederländischen Arnhem setzen sich unter dem Titel „Ik hoef geen tuin, ik deel een park“ (Ich brauche keinen Garten, ich teile einen Park) 17 Künstler:innen mit den Themen Erinnern und Vergessen auseinander. Wie die Documenta in Kassel dauert diese Open-Air-Show 100 Tage; in diesem Jahr noch bis zum 11. Oktober.
In einer im Zweiten Weltkrieg durch monatelangen Artilleriebeschuss und Häuserkämpfe in weiten Teilen fast vollständig zerstörten und aus Ruinen wieder aufgebauten Stadt sind in diesem Jahr Abschied und Vergessen sowie Erinnern und Erneuern die zentralen Themen.
1971 dehnte sich die Ausstellung aus dem namensgebenden Sonsbeek-Park unter dem Titel „Sonsbeek buiten de perken“ (Sprung aus dem Park) erstmals über den Park hinaus auf die ganze Stadt aus; so auch in diesem Jahr.
„Erinnern ist nicht das Gegenteil von Vergessen.“ Mit diesem Zitat aus Chris Markers Film „Sans Soleil“ („Unsichtbare Sonne“) beschreiben die beiden Kuratorinnen Amira Gad und Christina Li ihr Konzept. Abschiednehmen ist für sie das stetige, untrennbar mit Erneuerungen verbundene Überschreiben älterer Erinnerungen. Für Gad und Li gibt es Abschiede immer und überall. Geschichte wird stets neu geschrieben und einem endgültigen Abschied kann ohnehin keiner entrinnen.
Der Sonsbeek-Park ist ein besonderer Park. Der fast 70 Hektar große Stadtpark in Arnhem entstand bereits im 19. Jahrhundert; eine beeindruckende, für niederländische Verhältnisse hügelige Grünfläche aus Wäldern, Wiesen, Teichen und Bächen. Am Eingang der 13. Ausgabe dieser 1949 ursprünglich als Biennale gegründeten und seit den 1980er Jahren unregelmäßig stattfindenden Ausstellung steht eine von weitem sichtbare, überlebensgroße Ton-Figur einer Frau, die sich auf einer Muschel aus einem Teich erhebt. And Europa fled (Und Europa floh) heißt die Arbeit der libanesischen Künstlerin Mounira Al Solh. Sie ist einerseits eine postkolonial-bittere Darstellung eines sich von seinen eigenen Idealen immer weiter abwendenden Kontinents, steht andererseits für den Kampf ums Überleben vieler Menschen aus Afrika und formuliert schlussendlich fragend die Rolle, die Kunst dabei spielen kann.
In dieser Ausstellung steht kein Werk – ein Großteil sind Neuproduktionen – per Zufall an seinem Ort. Der Dialog mit der Umgebung ist intendiert. Das Spektrum ist vielfältig. Die Sichtweisen verweben historische Ebenen und persönliche Erfahrungen. Zentral ist in dieser Ausstellung die Beschäftigung mit Geschichte – der der Stadt, des Zweiten Weltkriegs und der heutigen Flüchtlingsströme.
Es sind Multimediakünstler:innen wie Femke Herregraven, die für neue Impulse sorgen. Herregraven untersucht die Auswirkungen abstrakter menschlicher Eingriffe auf Landschaften, Ökosysteme, Sprache, Geschichtsschreibung und den Alltag. Die in Amsterdam lebende Künstlerin zeigt auf einem riesigen Bildschirm eine Echtzeit-Simulation des sich ständig verändernden Ökosystems, die von Sensoren gespeist wird, die über den gesamten Park verteilt sind. Schon aus der Ferne sichtbar, präsentiert der auf einer schwimmenden, betretbaren Insel (Christo und Jean-Claude lassen grüßen!) positionierte LED-Bildschirm die Simulationen in Live-Datenströmen.
Die in Antwerpen lebende Anne-Mie Van Kerckhoven macht mit einem spiralförmigen Blumenteppich den Rathausplatz zu einem bunten Treffpunkt mitten in der von vielen sichtbaren Narben geprägten Stadt. Am Ende der 100 Tage werden die Pflanzen verteilt. Die Skulptur lebt weiter; in einer anderen Form.
Bei Ipeh Nur, einer auf der indonesischen Insel Java lebenden Künstlerin, können die Besucher:innen in eine mit gefärbten Leinwänden ausgekleidete Höhle eintauchen und sich ihren eigenen Raum ohne Verbote schaffen. Bei dem Brasilianer Jota Mombaça tritt die reale Welt in den Hintergrund. Die fiktive (digitale?) Welt wird hier als echt und greifbar erlebt. Eine felsförmige Sängerin steht mitten in einer Klanglandschaft, die die Besucher:innen dazu einlädt, ihre Erinnerung als etwas zu betrachten, das mit anderen geteilt werden kann. You’ll Never Walk Alone! Das ist das beherrschende Thema dieser Ausstellung. Die Projekte und Installationen stellen sich den gegenwärtig stetig wandelnden politischen und kulturellen Bedingungen. Sie stellen Fragen und definieren, was Kunst im öffentlichen Raum bedeuten kann bzw. könnte.
Erinnerungen sind in Arnhem keine Frage des Bewahrens, sondern der Weiterentwicklung und Transformation. Es werden Perspektiven formuliert, die sich dem Vergessen widersetzen. Die in Sonsbeek gezeigten Großplastiken sind politisch, aber auch zerbrechlich, instabil und poetisch.
Wenn die Welt immer unvertrauter wird, ist das Teilen von Kunst nötig. Diese Ausstellung ist traditionell eintrittsfrei zu besuchen. Niederschwelliger geht es nicht; ein (sozialer) Aspekt, der gerade in einer Zeit wichtig ist, in der gesellschaftlich verantwortungsvolles und gemeinschaftsorientiertes Leben nicht mehr selbstverständlich sind.
Dass zeitgenössische Kunst nicht nur eine ästhetische Mission zu erfüllen hat, sondern das Potenzial birgt, die Wunden der Zeit aufzudecken, wird hier deutlich. Kunst kann von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart gleichzeitig erzählen. In Arnhem tut sie das so anschaulich, dass Erinnerungsarbeit bei aller Ernsthaftigkeit sogar Spaß machen kann.
Dieser Artikel wurde von Willy Hafner auf Deutsch verfasst.