Gegossen in Berlin und Brandenburg – 300 Jahre Kunstguss zwischen Lauchhammer und Spreebord
Von der brandenburgischen Gründungssensation über Berlins bedeutende Gießereien bis zu einem digitalen Archiv, das Skulptur neu sichtbar macht: eine Spurensuche
Der Bronzeguss ist ein Verfahren, das sich seit dreitausend Jahren kaum verändert hat. Ton, Wachs, flüssiges Metall, fertige Form. Die Schritte sind dieselben geblieben, auch wenn die Werkzeuge moderner geworden sind. In Berlin und Brandenburg ist diese alte Technik ungewöhnlich tief verwurzelt.
1784: Das Wunder von Lauchhammer
Im Süden Brandenburgs, in einer moorigen Niederung zwischen Spreewald und Lausitz, ereignete sich 1784 etwas, das Zeitgenossen als kunsttechnische Sensation feierten. In der Eisengießerei Lauchhammer gelang zum ersten Mal in der Weltgeschichte der Figurenguss einer lebensgroßen Hohlfigur aus Gusseisen, in einem einzigen Stück! Die Zeitgenoss:innen nannten das abgelegene Lauchhammer fortan einen „kunsttechnischen Wallfahrtsort“.
Den Grundstein hatte sechzig Jahre zuvor eine Frau gelegt. 1725 ließ die Unternehmerin Benedicta Margaretha Freifrau von Löwendal einen Holzkohle-Hochofen errichten, den „Lauch-Hammer“. Den entscheidenden Impuls zur Kunst setzte ab 1776 ihr Nachfolger Detlev Carl Graf von Einsiedel, der die Bildhauer Thaddäus Ignatius Wiskotschil aus Böhmen und Joseph Mattersberger aus Osttirol holte, um das völlig neue Verfahren des Hohlgusses zu entwickeln.
In Lauchhammer verdichtete sich die Verbindung von Handwerk und Kunstgeschichte. Schinkel entwarf gusseiserne Möbel und Gebrauchsgegenstände, die dort gefertigt wurden. Christian Daniel Rauch lieferte Modelle für Bronzestatuen im Posener Dom; ein Auftrag, der der Gießerei eine Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung 1855 eintrug. Das Luther-Denkmal in Worms, der gusseiserne Nil-Pavillon von Gezira zur Eröffnung des Suezkanals: Die Erzeugnisse der brandenburgischen Gießerei standen bald auf allen Kontinenten.
Das Kunstgussmuseum Lauchhammer bewahrt diesen Schatz: einen historischen Modellfundus von über 2.800 Objekten; einmalig in der Welt. 2025 wurde das 300-jährige Jubiläum mit der Enthüllung einer Statue der Gründerin Freifrau von Löwendal, geschaffen von der Berliner Künstlerin Anna Franziska Schwarzbach, gegossen vom Traditionsunternehmen der Gießerei Lauchhammer, gefeiert (ein Eisenguss der Büste wurde bereits 2022 auch in der Galerie der Gießerei Altglienicke, einem Sculpture-Network-Mitglied, ausgestellt). Die Gießerei Lauchhammer musste 2024 Insolvenz anmelden; ein Zeichen dafür, dass das kulturelle Erbe allein keine Gießerei am Leben hält! Dennoch als älteste Kunstgießerei Deutschlands arbeitet sie weiter.
Die Linie von Lauchhammer nach Berlin: Das Haus Noack
Es ist kein Zufall, dass der Gründer der bedeutendsten Berliner Kunstgießerei aus der Lausitz stammte und sein Handwerk in Lauchhammer erlernte. Hermann Noack I., 1867 in der Oberlausitz geboren, eröffnete 1897 – unterstützt durch die Berliner Bildhauer August Gaul und Fritz Klimsch – in einem Kellergeschoss in Berlin-Wilmersdorf seine eigene Gießerei. Zuvor hatte er an der Montage des Nationaldenkmals Kaiser Wilhelms I. von Reinhold Begas mitgewirkt. Die Mitarbeiter fielen während des Gusses gelegentlich in Ohnmacht. Es war ein ungemütlicher Beginn für ein Unternehmen, das ein Jahrhundert später zu den fünf führenden Kunstgießereien der Welt zählen würde.
Die Bildgießerei wurde zur ersten Adresse des deutschen Bronzegusses und ist bis heute ein Familienunternehmen in vierter Generation: Hermann Noack I. (1867 - 1941), II. (1895 - 1958), III. (1931 - 2026) und IV. (geb. 1966). Besondere Bedeutung kommt Hermann Noack III. zu, der das Unternehmen bereits mit 27 Jahren von seinem Vater übernahm und ab 1958 eine enge, jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Henry Moore begann; eine der fruchtbarsten Künstler-Gießerei-Beziehungen des 20. Jahrhunderts. Den Auftakt bildete der Guss der Draped Reclining Woman; es folgten zahlreiche Großwerke, darunter die monumentale Reclining Figure für das Lincoln Center in New York (1965), wie auf einem Gruppenbild im Henry-Moore-Archiv festgehalten ist.
Zum 70-jährigen Jubiläum der Gießerei 1967 schrieb Moore persönlich das Vorwort der Festschrift; ein ungewöhnlicher Ausdruck gegenseitiger Wertschätzung. Und Kunstkritiker Heinz Ohff kommentierte darin treffend: „Zwischen dem Entwurf des Künstlers in Wachs oder Gips und der endgültigen Ausführung liegt ein handwerklicher Prozess, der seine eigene Fertigkeit verlangt und seine eigene Tradition hat, die bis ins zweite Jahrtausend v. Chr. zurückreicht.“
Noack prägte die Bronze im Berliner Stadtbild in besonderer Weise: die Neuherstellung der Quadriga von Schadow, der Guss der Berliner Bären nach Renée Sintenis – deren Werke die Gießerei bereits ab 1913 ausführte –, die Restaurierung der Viktoria auf der Siegessäule. Auch während der Teilung Berlins blieb die Gießerei in West-Berlin für internationale Künstler aktiv und hielt die Verbindung zur globalen Kunstwelt. 2009 zog sie dann in einen modernen Neubau am Spreebord in Charlottenburg.
Ernst Barlach und die Bildgießerei Noack: Wenn Bronze überlebt, was eingeschmolzen wurde
Zwischen der Berliner Bildhauertradition und der Bildgießerei Noack gibt es eine Beziehung, die zugleich die schönste und die erschütterndste Geschichte des deutschen Kunstgusses im 20. Jahrhundert erzählt, in deren Mittelpunkt der Bildhauer Ernst Barlach steht.
Barlach lebte ab 1910 überwiegend zurückgezogen, fern vom Berliner Kunstbetrieb. Er war vor allem Holzbildhauer, aber für das Bleibende verlangte er nach Bronze. Genau dafür fand er in der Bildgießerei Noack den idealen Partner. 1927 schuf er den Schwebenden: eine schwebende Bronzegestalt als Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Die Gesichtszüge tragen unverkennbar die Züge seiner Freundin Käthe Kollwitz, die ihrerseits eng mit Noack verbunden war.
1937 entfernten die Nationalsozialisten den Schwebenden als „entartete Kunst". 1941 wurde er eingeschmolzen, als Material für Munition. Nur weil Freunde das Werkmodell gerettet und einen Zweitguss hatten herstellen lassen, existiert das Werk überhaupt noch; es war wiederum Noack, der nach dem Krieg die Teile restaurierte. Dass das Werk überlebte, verdankt es allein der Existenz eines zweiten Gusses. Kein anderes Kapitel der Gussgeschichte macht den politischen Charakter des Materials so eindringlich sichtbar: Bronze ist dauerhaft, aber sie ist nicht unzerstörbar. Es ist ihre Duplizierbarkeit, die zur Technik des kulturellen Widerstands wurde.
Bildhauerei in Berlin: Das digitale Gedächtnis der Stadt
Wer wissen will, welche Skulptur wann wo in Berlin stand oder steht, stößt früher oder später auf bildhauerei-in-berlin.de: eine Datenbank, die Denkmäler und Kunstwerke im öffentlichen Raum der ehemals geteilten Stadt systematisch erfasst. Hinter dem Projekt steht Prof. Dr. Susanne Kähler, Professorin für Museologie an der HTW Berlin. Von 2007 bis 2014 leitete sie das Kunstgussmuseum Lauchhammer, ehe sie Professorin an der HTW Berlin wurde. 2018 übernahm sie das Projekt Bildhauerei in Berlin an der Hochschule. Die Plattform steht für ein differenzierteres Bild der DDR-Plastik: Bildhauer:innen wie Sabina Grzimek, Wieland Förster oder Wilfried Fitzenreiter haben Werke von hoher Qualität geschaffen, die eine sorgfältige Betrachtung verdienen. Bildhauerei-in-berlin.de ist mehr als ein Archiv; es zeigt auf, dass Skulptur im öffentlichen Raum kollektives Gedächtnis ist.
Bodytalk 2026: Berlin als Ort der Figur
Im Oktober 2026 bringt das Internationale Forum Bodytalk – Die Rückkehr der menschlichen Figur in der zeitgenössischen Skulptur die internationale Skulpturszene nach Berlin. Das von Sculpture Network ausgerichtete Forum ist ein fester Termin im Kalender der europäischen Kunstwelt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die menschliche Figur in der westlichen Kunst weitgehend aufgehört zu existieren. Von den totalitären Regimes für Propaganda instrumentalisiert, war sie zum Tabu geworden. Seit den 1980er Jahren kehrt die Figur zurück, aber in neuer Form: nicht als Idealkörper oder heroisches Denkmal, sondern als Trägerin existenzieller Fragen. Prof. Dr. Susanne Kähler spricht auf dem Forum über Body language in public sculpture of (the two) Berlin(s) and their development from the 1980s on. Damit schließt sie den Bogen, der die Bildhauerei der geteilten Stadt in ihren Gegensätzen und Parallelen begreifbar macht und unmittelbar an ihre Arbeit für bildhauerei-in-berlin.de anknüpft.
Zum Abschluss der dreitägigen Konferenz lädt die Bildgießerei Noack die internationalen Gäste des Forums zu einer Führung durch das traditionsreiche Haus am Spreebord ein: durch Gießraum, Ziselierwerkstatt und die zeitgenössische Galerie. Besonders reizvoll ist der Einblick in das im Gebäudekomplex der Gießerei befindliche Atelier der russischen Bildhauerin Anna Bogouchevskaia, einer international ausgewiesenen Künstlerin an der Schnittstelle von Figuration und Abstraktion. Ein lebendiges Zeugnis dafür, dass hier Handwerk und freies Schaffen seit jeher miteinander existieren. Den Abend beschließt ein festliches Dinner in der der Gießerei angeschlossenen Bar Brasse, einem französischen Restaurant mit offenem Kamin, das den idealen Rahmen für Gespräche bietet, die über die Konferenz hinausgehen.
Nachlese: Was die Bronze (ver)spricht
Die Geschichte des Kunstgusses in Berlin und Brandenburg ist keine Geschichte des Bewahrens um des Bewahrens willen. Sie ist eine Geschichte der Verwandlung. Das Eisen der Niederlausitz wurde zur Sensation von Lauchhammer; das Handwerk der Lausitz wanderte mit Hermann Noack nach Berlin; die Bronze bewahrte Barlachs Werk vor der Vernichtung; das digitale Archiv macht sichtbar, was im Stadtraum längst unsichtbar geworden war.
Und vom 29. bis 31. Oktober 2026 werden Menschen aus ganz Europa nach Berlin kommen, um über die menschliche Figur zu sprechen. Über das, was stille Gesten ausdrücken können. Über das, was Bronze hält, wenn alles andere zerbricht.
Der Artikel wurde von Anemone Vostell auf Deutsch verfasst.