Der David der Alpen
„David“ ist ein Bild von einem Mann aus Stein. Klug, elegant, mit lässiger Körperhaltung und einem Sixpack als Bauchpartie. Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni hat den idealen Mann aus Carrara-Marmor gemeißelt. 522 Jahre später steht der gleiche (nicht derselbe) Mann in der Gemeinde Klosters im schweizerischen Kanton Graubünden.
Klosters
Die Geschichte des Ortes geht auf das Jahr 1222 zurück. Mönche aus Churwalden errichteten dort eine Propstei. In den 1950er Jahren wurde der Ort zum Treffpunkt für Berühmtheiten; Hollywood on the Rocks! Seit über 40 Jahren verbringt König Charles III. seine winterliche Auszeit hier. Warum? Same procedure as every year. Auch! Andererseits liegt das Bündner Bergdorf heute abseits des üblichen Prominentenrummels. Egal! In Klosters steht zurzeit der „Sexiest Man“ der europäischen Kunstgeschichte. „David“ ist sexy, schön und klug, ebenso wachsam im Augenblick wie zukunftstauglich. Jede Muskelfaser ist durchtrainiert und selbstverständlich ist er von einer unübertrefflichen geistigen Eleganz; ein Mann, der nicht unbedingt aussieht wie jemand, der seinen Lebensunterhalt je mit geregelter Arbeit verdienen müsste. Gerade in Zeiten von Selbstoptimierung und Selfie-Manie gibt er in seiner klassischen Kontrapost-Pose seit Jahrhunderten das perfekte Model. Der David in Klosters ist nicht „der David“. Er ist eine Kopie. Das ist zunächst nicht ungewöhnlich. „David“ hat viele Zwillinge. Die Skulptur ist die meistkopierte Figur der Welt. In Florenz steht ein Doppelgänger auf der Piazza della Signoria und eine Bronzekopie auf dem Piazzale Michelangelo. Daneben gibt es Millionen von Souvenir-Kopien in Form von Kleinskulpturen aus Gips, bedruckten Küchenschürzen, T-Shirts oder Unterhosen. Dem Original tut das keinen Abbruch.
Marmor aus Michelangelos Steinbruch
Diese Kopie will jedoch nicht nur eine weitere Kopie sein. Die über fünf Meter hohe und mit Sockel über 17 Tonnen schwere Skulptur wurde aus reinweißem Marmor, dem sogenannten „Marmo Bianco Michelangelo“, aus den oberhalb von Carrara gelegenen Polvaccio-Steinbrüchen gefertigt. Der verwendete Marmor stammt, so der Initiator des Projekts, der Schweizer Maler und Bildhauer Christian Bolt, aus demselben Steinbruch, aus dem auch der Block stammte, aus dem Michelangelo seinen „David“ meißelte. Bolt ist seit 2014 Professor für Bildhauerei an der „Accademia Delle Arti Del Disegno“ in Florenz und hat die David-Kopie vor einiger Zeit im Bildhaueratelier „Cave Michelangelo“ in Carrara entdeckt. Entstanden war diese Kopie nicht als Auftragsarbeit, sondern aus Leidenschaft von Franco Barattini, dem Besitzer des Unternehmens. Spezialisten erfassten dort digital die Daten des Originals. CAD-gesteuerte Mehrachsroboter frästen anschließend einen Rohling aus dem Block. Die Hände, die Augenhöhlen, Nasen- und Ohrmuscheln sowie andere Stellen wurden händisch ausgearbeitet, die gesamte Oberfläche überarbeitet. Michelangelo selbst standen im 16. Jahrhundert höchstens ein paar Gehilfen zur Verfügung, als er die erste Kolossalstatue seit der Antike schuf.
Entschlossenheit statt Triumph
Bereits 1463 hatte der Bildhauer Agostino di Duccio von der Florentiner Wollweberzunft den Auftrag erhalten, einen David aus Marmor zu meißeln. Duccio begann mit der Ausarbeitung der Beine, Füße und einiger Faltenwürfe, brach das Projekt jedoch bald nach dem Beginn ab. Er kam mit dem Natursteinblock, seinen natürlichen Lagern und einigen kleinen Rissen nicht zurecht. Antonio Rossellino übernahm den Auftrag. Auch er gab auf. 26 Jahre blieb der Block halbfertig in der Werkstatt der Kathedrale liegen. 1501 überredete Michelangelo die Verantwortlichen, ihm die Vollendung des Werks zu erlauben. Michelangelo entschied sich dafür, den David in einer ungewöhnlichen Pose darzustellen, und distanzierte sich damit von den Traditionen der Renaissance. Die Bildhauer dieser Zeit stellten den biblischen Helden in siegessicherer Pose dar.
Michelangelo schildert dagegen nicht Davids Triumph, sondern den Moment, in dem er beschließt, gegen Goliath zu kämpfen. Mit der erhobenen linken Hand legt er sich die Schlinge der Schleuder über die Schulter, in der rechten Hand hält er einen Stein. Fast drei Jahre lang arbeitete er hinter einem Bretterverschlag an seinem Werk, das während dieser Zeit kaum jemand zu Gesicht bekam. Die Rettung des bereits aufgegebenen Blocks inszenierte er geschickt als Geniestreich. Nach der Fertigstellung beriet ein Komitee aus 30 einflussreichen Florentiner Bürgern (darunter Leonardo da Vinci und Sandro Botticelli) über den geeigneten Standort für die Skulptur. Sie wählten den Platz vor dem Eingang zum Palazzo Vecchio. Michelangelos „David“ ersetzte dort Donatellos Bronzeskulptur „Judith und Holofernes“. Zum Glück war Donatello da schon fast 40 Jahre tot. Dort blieb „der David“, bis er 1873 in die „Galleria dell'Accademia di Firenze“ gebracht wurde.
David und die Künstliche Intelligenz
Christian Bolt will den alpinen David nicht als Reproduktion verstanden wissen. Die Qualität des Steins und die Dimension der Skulptur stellen für ihn eine Sensation dar; der Marmor reinweiß und hochwertig, die Kopie formal perfekt und präzise. Bolt will mit seiner Initiative die Renaissance-Ikone in einen neuen, alpinen Kontext stellen. Es interessiert ihn, was mit einer Ikone geschieht, wenn man sie aus ihrem vertrauten Zusammenhang reißt; einerseits. Andererseits ist der neue Doppelgänger Davids in den Schweizer Alpen nicht völlig abwegig. Immerhin ist David in der Bibel ein Hirtenjunge, also ein Kollege von „Heidis“ Geißenpeter; ein Aspekt. Ein anderer Aspekt ist, dass Michelangelos „David“ ein bis heute ideales Menschenbild verkörpert. Der Mensch lebt selbstbewusst und selbstbestimmt. In seinem perfekten Körper ruht (hoffentlich!) ein kluger Geist. Kein schlechter Gedanke, in einer Zeit, in der die künstliche Intelligenz (KI) zusehends eine Bedrohung für jene menschliche Kreativität und Autorschaft wird, die Michelangelo in genialer Weise verkörperte. Sie zu verteidigen, könnte eine Aufgabe sein, die vergleichbar ist mit dem Kampf Davids gegen Goliath. Zuletzt gibt es noch einen Aspekt. In Florenz war David Sinnbild für die Unabhängigkeit der Bürger. Er symbolisierte die selbstbewusste und wehrhafte Republik Florenz, die 1494 die Herrscherfamilie Medici aus der Stadt vertrieben hatte. Vielleicht passt Michelangelos „David“ deshalb auch in die Schweiz; ein Held wie Wilhelm Tell – nur in sexy.
Noch bis zum 31. Oktober 2026 ist der „David“ in Klosters zu sehen.
Dieser Artikel wurde von Willy Hafner auf Deutsch verfasst.