Begleiter von „Momenten ohne feste Form“: Kunstwerke in Treppenhäusern öffentlicher Gebäude
Treppenhäuser gelten als reine Durchgangszonen. Gerade hier erhalten Kunstwerke, insbesondere dreidimensionale, eine besondere Bedeutung: Sie begleiten uns im Vorübergehen, im Aufstieg, im Übergang und verändern, wie wir den Raum wahrnehmen.
Kunstwerke in Treppenhäusern? Dies scheint zunächst eine marginalisierte Angelegenheit zu sein: Werden die Werke überhaupt als solche wahrgenommen? In Gebäuden spielen Treppenhäuser als räumliche Scharnierstellen zwischen den Ebenen eine besondere Rolle. Christian Schittich beschreibt die Funktion der Treppe als „gebaute Bewegung im Raum“, deren Aufgabe zwar die Verbindung verschiedener Etagen sei, die jedoch zugleich „auf metaphorischer Ebene zu einem Aufstieg, sogar Übergang in eine andere Welt werden“ könne (Die Erschließung als Konzept, 2013, imDETAIL, S. 9). Unweigerlich denke ich an Marcel Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2 (1912) Treppen sind der einzige Ort in einem Gebäude, an dem sich Körper zugleich vertikal, horizontal und zeitlich bewegen.
Ein Treppenhaus ist ein Raum, in dem sich Wahrnehmung, Bewegung und Gemeinschaft verschränken. Wenn wir ein Gebäude diagonal durchlaufen, nehmen wir durchaus wahr, was sich in dieser Passage befindet. Perspektivisch handelt es sich jedoch um herausfordernde Situationen für Werk und Betrachter:in: Das Treppenhaus ist im Grunde kein Zielort (es sei denn, es wird dazu gemacht, siehe unten), sondern ein Transitraum. Wir halten uns dort eigentlich nicht auf, sondern bewegen uns zwischen unten/oben, Ankommen/Weggehen.
Beim Treppensteigen ist der Körper nicht stabil positioniert. Der Blick ist in Bewegung, der Atem verändert sich, der Horizont kippt leicht. Kunst wird hier nicht frontal und souverän betrachtet, sondern im Modus des Übergangs. Unsere Wahrnehmung ist weder ganz bei der Kunst noch ganz bei unserem Ziel. Genau in dieser Situation der geteilten Aufmerksamkeit liegt ein liminaler Zustand: Wahrnehmung ohne endgültige Fixierung. Das macht wohl die besondere Präsenz von Kunstwerken in Treppenhäusern aus: Kunstwerke eben nicht als Gegenüber, sondern als Begleitung eines Moments, der selbst keine feste Form hat.
Solche Arbeiten begegnen uns in Universitäten, Schulen, Verwaltungsgebäuden, Hotels oder Museen. Grundlegend ist dabei die Unterscheidung zwischen Werken, die eigens für einen Bau entwickelt wurden, und solchen, die nachträglich in ein Gebäude eingebracht werden. Kunst am Bau ist ein integraler Bestandteil der Architektur und entsteht meist ortsspezifisch – abgestimmt auf Raum und Nutzung. Ein Beispiel ist die Aubette in Straßburg, wo Theo van Doesburg gemeinsam mit Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp 1928 einen Treppenraum gestaltete, in dem Dekor und Glasfenster als Teil der räumlichen Bewegungskomposition gedacht sind. Auch Ursula Sax’ Sitztreppenanlage und korrespondierende Deckenskulptur (1971) an der Deutschen Schule Brüssel zeigt diese enge Verbindung von Architektur und Kunst. Die Skulptur tritt hier in einen Dialog mit einer Treppenanlage, die zugleich Aufenthaltsraum und Erschließungszone ist.
Ansonsten sind Treppenhäuser jedoch häufig schmal und funktional – und die Kunst kommt erst später hinzu. Platzierte Kunst bringt ein bereits bestehendes Werk in einen architektonischen Zusammenhang ein. Gerade öffentliche Einrichtungen sind wichtige Orte dieser Praxis, oft ausgelobt über Wettbewerbe oder Ausschreibungen (u. a. BBK Bundesverband, Competitionline, Wettbewerbe-aktuell.de, Kunstbüro Baden-Württemberg, IGBK – Internationale Gesellschaft der Bildenden Künste, Kunstverein Hannover, jährliche Ausschreibung: www.stufenzurkunst.de).
Ein Beispiel ist Frank Riepes Textarbeit Das Erhabene in mir grüßt das Erhabene in Dir (1999), die im Treppenhaus des Bremer Polizeipräsidiums an Glastüren installiert wurde. Lesbar wird die Intervention, sein Eingriff in die bestehende Struktur, beim Hinauf- oder Hinabgehen – und löste unmittelbar erhebliche Widerstände seitens der Beamten aus. Auch dies zeigt die Wirkkraft von Kunst. Selbst in Treppenhäusern! (Danke für diesen Hinweis an Matthias Moseke, der das Programm damals für die Städtische Galerie betreute.)
Universitäten sind ebenfalls bedeutende Orte solcher Arbeiten. An der Bauhaus-Universität Weimar etwa verbinden Oskar Schlemmers Figurenreliefs und die schwebenden Figuren des Wandbildes an der Wendeltreppe seit 1923 die Bewegungsmuster des menschlichen Körpers mit der Architektur des Raums.
Treppenhäuser in Museen hingegen werden häufig bewusst als eigene Erfahrungsräume gestaltet. Ein Beispiel ist die Präsentation Art in the Stairwell im Stedelijk Museum Schiedam. Hier fungiert das Treppenhaus als Ausstellungsraum, in dem künstlerische Setzungen zum Innehalten einladen. Nach der Renovierung 2022 startete die Ausstellung Kunst im Treppenhaus mit fünf Werken: von Femmy Otten, Iriee Zamble, Joana Schneider, Jennifer Tee und Timo Demillon. Seitdem wurden weitere Werke erworben, um die Präsentation im Treppenhaus zu erweitern. Aus der aktuellen Hängung seien drei skulpturale Arbeiten beispielhaft vorgestellt, von Tomáš Libertíny, Zoro Feigl und Timo Demollin:
Tomáš Libertínys Arbeit Memento Vivere / Here You Are (2023) versteht Skulptur als Ko-Produktion zwischen Künstler und Naturprozess: Bienen formen das Wachs und erzeugen eine fragile Struktur, die auf Werden und Vergehen verweist. Im Kontext der Treppenbewegung wirkt das Werk wie ein kondensierter Moment innerhalb eines größeren zeitlichen Kontinuums. Näheres zu den mit Bienen gestalteten Plastiken ist im Interview von Etienne Boileau mit dem slowakischen Künstler zu erfahren.
Zoro Feigls kinetische Skulptur Phaethon (2024) thematisiert Bewegung physisch und metaphorisch. Ein Elektromagnet versetzt einen Papierkreis in Vibration, während hochfrequentes Licht über die Oberfläche flackert. Da beide Rhythmen asynchron sind, entsteht ein optischer Schwebezustand: Feigls Arbeit verschiebt damit die Skulptur von einem festen Werkbegriff zu einem instabilen Gegenüber im Raum, dessen scheinbare Eigenbewegung die Kontinuität und Selbstverständlichkeit der eigenen Fortbewegung subtil irritiert und auch eine Dynamik des Ortes bewirkt.
Timo Demollins Turns (2022) verändert die Wahrnehmung des Raums durch minimale Eingriffe. Ausgangspunkt sind historische Türknäufe des Gebäudes aus der Zeit um 1880 bis 1919, die in abstrakte Wandskulpturen übersetzt wurden. Das Werk verweist auf Drehung und Richtungswechsel – zentrale Aspekte der Bewegung im Treppenhaus. Die Skulptur wirkt wie ein räumlicher Marker, der die Besucher:innen dazu bringt, ihre eigene Bewegung bewusst wahrzunehmen.
Es zeigt sich: Kunstwerke in Treppenhäusern begleiten unsere Momente anders, als bei der üblichen Betrachtung von Kunst. Das ist für die Künstler:innen und Kurator:innen anspruchsvoll.
Insbesondere dreidimensionale Arbeiten im Treppenhaus sind mehr als ein Objekt am Ort, wenn sie unseren Weg bei diesem sonderbar diagonalen Übergang kreuzen. Und uns einladen, innezuhalten – um den meist kollektiv genutzten Raum nicht einfach nur zu durchqueren, sondern als einen Ort bewusster Begegnung wahrzunehmen. Gerne mehr davon!
Dieser Artikel wurde von Jana Noritsch auf Deutsch verfasst.