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Das Universum von Johan Tahon

Johan Tahon (*1965, Menen, lebt in Oudenaarden, Belgien) ist einer der bekanntesten K√ľnstler Belgiens und Mitglied von sculpture network. Derzeit kann man seine retrospektive Ausstellung UNIVERSUS, sculpturen 1999-2021, im Museum von Oudenaarde (BE) (MOU), seiner Heimatstadt, und im Kunstforum, Solothurn, (CH) bewundern.

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Johan Tahon, Airspike II, 2000, plaster, iron, 178 √ó 120 √ó 120 cm, Collection Menen, BE, Photo: Gert Jan van Rooij

Im Alter von 30 Jahren wurde Johan Tahon von dem belgischen Kunstm√§zen Jan Hoet, dem damaligen Direktor des Stedelijk Museum voor Actuele Kunst ‚Äď Stadtmuseum f√ľr zeitgen√∂ssische Kunst (S.M.A.K.) in Gent und Kurator der Documenta IX, entdeckt. Nach Jahren der Einsamkeit, in denen der K√ľnstler ein Universum von Skulpturen und Plastiken als Schutzraum f√ľr sich schuf, holte Hoet ihn aus seiner Isolation heraus und brachte ihn aus der Dunkelheit ans Licht.¬†

Skulpturen sprechen zu ihm

Seit seiner Jugend war Tahon von der Bildhauerei fasziniert. Das Schaffen von Skulpturen und Plastiken gab ihm Halt und Trost in einem Leben, das er als √ľberw√§ltigend empfand. Bis heute gibt diese kreative T√§tigkeit seinem Leben einen greifbaren spirituellen Sinn. Mit Blut, Schwei√ü und Tr√§nen arbeitet er an seinen Figuren, bis sie zu ihm sprechen, bis sie zum Leben erwachen.

Johan Tahon, The Platinum Sculptor,
2020, Stoneware and platina lusterglaze,
138 √ó 47 √ó 36 cm, Photo: Gert Jan van Rooij
 
 
 
 

 

Johan Tahon, Waterfall, 2019,
Stoneware, 126 √ó 56 √ó 60 cm,
Photo: Gert Jan van Rooij

Vieles √ľberl√§sst der K√ľnstler dem Zufall. Die Skulpturen entstehen aus dem Unterbewusstsein heraus. Beim Spielen. Sie sind eigentlich Traumbilder. Sein Atelier, so Tahon, sei das am meisten gelebte Kunstwerk, weil dort alles flie√üe. Panta rhei. Laut Tahon hat man als K√ľnstler*in die Aufgabe, das Geheimnis des Lebens in eine angemessene Form zu gie√üen. Das sch√§tzte auch Papst Franziskus, der ihn einlud, seine Skulptur M√©tanoia (griechisch f√ľr Reue) in Rom pers√∂nlich zu √ľbergeben.

Das urspr√ľngliche Wesen des Menschen

Was sind die typischen Merkmale seiner Werke? Warum ber√ľhren sie uns?

Seine Plastiken aus Gips, Bronze und Keramik ‚ÄĒ oft mit einer Glasurschicht versehen ‚ÄĒ verk√∂rpern den Menschen in seinem urspr√ľnglichen Wesen. K√∂rperlich k√∂nnen sie jede Form annehmen, wobei die gesenkten K√∂pfe f√ľr die Betrachtenden wie ein Schl√ľssel wirken, der ihnen das Tor zu ihrer Welt √∂ffnet. Meist fehlen die Arme, was die Figuren hilflos und handlungsunf√§hig erscheinen l√§sst. Es macht sie verletzlich.

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Johan Tahon, Cold Stone, 1997, plaster, 93 × 29 × 28 cm, collection artist, Photo: Gert Jan van Rooij

 

Diese faszinierenden Figuren, ob winzig oder monumental, erleichtern die Betrachtenden auf den ersten Blick, um dann selbst in Schwere zu versinken. Oder andersherum. Die Einfachheit flirtet mit der Poesie, die Realität wird zum Mysterium. Amorphe Formen erscheinen erotisch. Tahon ahnt, dass seine Bilder in eine Richtung weisen. Soll heißen: eine Sehnsucht nach dem Unaussprechlichen. Zu den äußeren Merkmalen gehören der umgekehrte Blick, die Haut, die auch das Subkutane offenbart, und die nicht wegpolierten Spuren der Gussform.

Metal-Rock

Johan Tahon, Kykhill, 2020,
plaster, 176 √ó 58 √ó 51 cm,
Photo: Gert Jan van Rooij

Ich habe gelesen, dass man sein Werk kunsthistorisch dem Neo-Expressionismus zuordnen könnte. Nach dem Minimalismus der 1970er Jahre begann die Gegenbewegung, die das Expressive und Subjektive betonte, und genau diese persönliche Handschrift und individuelle Sicht auf die Welt war und ist Tahons Stärke.

Neben seiner klassischen Herangehensweise an die Bildhauerei lässt sich Tahon aber auch auf Kollaborationen aller Art ein. Aus Liebe zum Metal-Rock interagierten seine selbst geschaffenen Figuren bereits in Performances mit Lee Ranaldo von Sonic Youth, mit Till Lindermann, dem Sänger von Rammstein, und mit der belgischen Gruppe Amenra.

 

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Johan Tahon, Dieu Fleuve III, 2010, plaster, leather belt, 290 √ó 110 √ó 95 cm, Photo: Gert Jan van Rooij

 

Tahons Werk

UNIVERSUS, sculpturen 1999-2021 blickt auf zwei Jahrzehnte von Tahons bl√ľhender Karriere zur√ľck. Und vergessen Sie mal gelinde den White Cube. Das Museum MOU befindet sich in einer Tuchhalle aus dem 16. Jahrhundert in Oudenaarde (BE), in der eine alte Museumssammlung von Wandteppichen und Silber untergebracht ist. Tahon schafft dort eine herausfordernde Begegnung zwischen den jahrhundertealten Objekten der Museumssammlung und seinen pers√∂nlichen und spirituell aufgeladenen Figuren.

Die Ausstellung wird von einer Monografie begleitet. UNIVERSUS, sculpturen 1999-2021 f√§ngt Tahons Liebe zur Kunstgeschichte und zur Bildhauerei ein. Sie k√∂nnen seine Entwicklung und Inspiration anhand von ausf√ľhrlichen Texten und Bildern verfolgen. Fotos seiner Skulpturen und seines Ateliers geben Einblick in das Geheimnis seiner Figuren. Das Cover ziert ein Detail seiner Skulptur Metanoia.

UNIVERSUS, sculpturen 1999-2021, Lannoo 2021 EAN: 978-9401477079

UNIVERSUS, sculpturen 1999-2021, Museum MOU, Oudenaarde, BE 
bis 30. September 2021
http://www.mou-oudenaarde.be/universus.html

Johan Tahon - The Sculptor, Kunstforum, Solothurn (CH) 
bis 30. September 2021
www.kunstforum.cc

Autorin: Hilde van Canneyt

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Die belgische Kunstjournalistin Hilde Van Canneyt (Gent, BE) ist vor allem f√ľr ihre mehr als 250 Interviews mit belgischen und niederl√§ndischen K√ľnstlern bekannt, die auf ihrer Webseite und in verschiedenen Medien ver√∂ffentlicht werden. Was ist Kunst? Wer ist ein*e K√ľnstler*in? Warum sperrt sich jemand ein, um durch ein Kunstobjekt zu kommunizieren?

Im Jahr 2013 wurden die ersten 85 Interviews unter dem Titel Hilde Vraagt veröffentlicht. Im Jahr 2021 folgte ein zweites Buch, 4321 vragen aan 123 kunstenaars, veröffentlicht von Borgerhoff & Lamberigts. 

Als Freiberuflerin schreibt Van Canneyt Rezensionen, Texte f√ľr K√ľnstler*innen und Kataloge. Sie ist eine gefragte Kuratorin sowie Mitglied von Jurys und Kunstkommissionen. Sie ist auch als Kunst-Coach t√§tig.

Titelbild: Johan Tahon in seinem Atelier in Oudenaarde (BE), Foto: Marte Minnaert

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