Einfach mal vom Raum aus Denken

Das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) begleitet die Entwicklung der Kunst hin zur digitalen Kultur. Mit der aktuellen Ausstellung „Negativer Raum“ will es nun den Blickwinkel der BetrachterIn umwandeln – weg von der traditionellen Wahrnehmung als Masse, Volumen und Gravitation – hin dazu vom Raum aus zu denken. Ein Interview verrät noch mehr…
 

Das ZKM wurde 1989 mit der Mission gegründet, die klassischen Künste ins digitale Zeitalter fortzuschreiben. Deshalb wird es gelegentlich auch das „elektronische“ bzw. „digitale Bauhaus“ genannt – ein Ausdruck, der auf den Gründungsdirektor Heinrich Klotz zurückgeführt wird. Kein Wunder also, dass es derzeit die weltweit größte Sammlung computerbasierter Kunst beherbergt. Eine der grundlegenden Aufgaben des ZKM ist es, aktuelle Entwicklungen in Kunst und Gesellschaft zu erkennen und zu verfolgen und die Auswirkungen von Medialisierung, Digitalisierung und Globalisierung auf die Gesellschaft zu untersuchen. Seit Anbeginn verschrieb sich das Zentrum dabei nicht nur der Erforschung und dem Teilen von Wissen, sondern auch der Schaffung von Kunstwerken. Aus diesem Grund wird es als Zentrum und nicht (nur) als Museum bezeichnet. So liest man im Mission Statement des Zentrums: „Wir machen nicht nur Ausstellungen, wir entwickeln und produzieren auch – wir hinterfragen Etabliertes und entwickeln Neues. Wenn uns Vergangenes interessiert, dann sind es Persönlichkeiten, Entdeckungen und Entwicklungen die einst übersehen oder übergangen wurden und die wir an die Oberfläche holen wollen.“ Im aktuellen Ranking der weltweit größten Kunstdatenbank ArtFacts.net erreicht das ZKM den vierten Platz der besten Ausstellungshäuser. 

Refik Anadol, Infinity Room (2015), 4-Kanal Video- und Soundinstallation, 12’’, Ausstellungsansicht © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe. Foto: Michelle Mantel
Refik Anadol, Infinity Room (2015),
4-Kanal Video- und Soundinstallation, 12’’,
Ausstellungsansicht
© ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe.
Foto: Michelle Mantel

Die Ausstellung Negativer Raum - Skulptur und Installation im 20./21. Jahrhundert knüpft an die letzte Ausstellung moderner Skulptur des Centre Georges Pompidou im Jahre 1986 an. Sie nimmt den Faden dort auf, wo ihn das Pompidou zurückließ: Die Geschichte der westlichen Skulptur war jeher auf das Engste mit der Idee des Körpers verbunden. Bis heute ist Skulptur noch immer in erster Linie Masse, Volumen und Gravitation. Die Ausstellung will den Blickwinkel auf die moderne, zeitgenössische Skulptur nun aber ändern. Dabei stellt sie die Beziehungen von Skulptur und Raum in den Mittelpunkt und hält BesucherInnen dazu an, dezidiert vom Raum aus zu denken. Sämtliche Exponate thematisieren daher das skulpturale Phänomen in Relation zu vielfältigen Raumvorstellungen – seien es Freiräume, Um-, Hohl-, Zwischenräume, Licht- und Schattenräume oder gar virtuelle Datenräume. Wir wollen Genaueres wissen und suchen das Gespräch mit dem Kurator Peter Weibel.

Herr Weibel, ihre aktuelle Ausstellung zur Skulptur und Installation des 20. Und 21. Jahrhunderts soll die BesucherInnen dazu bewegen dezidiert vom Raum aus zu denken. Dabei wird der umgebende und involvierte Raum in den Mittelpunkt gerückt. Warum haben Sie sich aber ganz im Gegensatz dazu für den Ausstellungstitel Negativer Raum entschieden?

Nicht die BesucherInnen, sondern die KünstlerInnen des 20. Jahrhunderts begannen damit, Skulptur nicht mehr vom Körper aus zu denken – wie Jahrtausende lang zuvor –, sondern dezidiert vom Raum aus. Zum Begriff Negativer Raum gelangte ich, weil er von KünstlerInnen selbst eingeführt wurde. Die moderne Skulptur unterscheidet sich von der klassischen Skulptur in der Negation der drei elementaren Kategorien, auf denen die klassische Skulptur aufgebaut ist, das sind Masse, Volumen und Schwerkraft.

Die klassische Skulptur als Kombination von Masse, Volumen, Gravitation. Können Sie uns im Hinblick auf ihre Ausstellung einige Worte dazu ergänzen?

Das Gegenteil ist Thema der Ausstellung: Skulptur der Moderne ist eben nicht Masse, Volumen, Gravitation, sondern Anti-Gravitation und Levitation, Leere, Luft, Licht. Nicht so sehr das Stabile als vielmehr das Mobile. Zentrale sind hängende, schwebende Arbeiten. Werke, die mit Konturen ein virtuelles Volumen umgrenzen, Skulpturen aus Linien. Ebenso wie es bei den modernen Skulpturen auf die Qualitäten Loch, Perforation, Durchlässigkeiten, Zwischenräume, Zwischenraumsformen ankommt, kann der Begriff Negativer Raum in Bezug auf die Skulptur durch Schatten, Virtuelles Volumen, Spiegelungen, Raumillusionen und -konstruktionen spezifiziert und erweitert werden.

Welche Palette an künstlerischen Darstellungsmitteln und Materialien ist im Zuge ihrer Ausstellung zu sehen?

Die Ausstellung bietet einen Überblick über die gesamte Palette an historischen und zeitgenössischen skulpturalen und plastischen Werkstoffen wie Aluminium, Eisen, Holz, Glas, Plexiglas, PVC-Folien, Marmor, Stein, Wolle, Stoffe, Gips, Pappe, Spiegel, Seile, Carbonbänder, Magnetstäbe, Rauch, Nebel etc. Die zu sehenden Darstellungsmedien reichen von analog (Licht, Luft, Gestein, …) bis zu digital (Virtual-Reality- und Augmented-Reality-Anwendungen).

Gego (Gertrud Goldschmidt), Tronco No.2, Approx. 975, Stahl und Bronze, ca. 144 x 30 x 35 cm © Fondación Gego. Foto: Marcel Meuri, Zürich

Gego (Gertrud Goldschmidt), Tronco No.2, Approx. 975,
Stahl und Bronze, ca. 144 x 30 x 35 cm
© Fondación Gego. Foto: Marcel Meuri, Zürich 

Welche Sinne werden bei den BeusucherInnen angesprochen? Wird auch mit akustischen Mitteln oder gar Raumdüften gearbeitet?

Alle Sinne werden angesprochen, auch der Nahsinn (Tastsinn), da einige Skulpturen partizipativ sind. Gerade die Materialität gilt es zu spüren. Klangskulpturen bieten akustische Sensationen. Duft ist kein explizites Medium der Ausstellung.

Gibt es ein Exponat, das mit dem Element Wasser als Raum arbeitet?

Ja, liquide Skulpturen sind in der Ausstellung durch mehrere Vitrinen-Arbeiten vertreten.

Das ZKM beherbergt laut eigenen Angaben die weltweit größte Sammlung computerbasierter Kunst – was können Interessenten dieses Kunstgenres erwarten?

Computerbasierte Kunst ist vor allem durch eine neue Speicherform der Information geprägt. Die Information eines Ölgemäldes (Farbe auf Leinwand) kann nicht von der BetrachterIn verändert werden, sie kann höchstens gelöscht werden. Das Gleiche gilt für die Fotografie und die chemische Speicherung der Information. Die Information kann nur gelöscht werden. Beim Tonband und Videoband und deren magnetischer Speicherung kann die Information bereits verändert werden. Bei der elektrischen bzw. elektronischen Speicherung der Information computerbasierter Kunst ist jede Information nur eine Variable, die von der BetrachterIn/UserIn beeinflusst werden kann. Der Output eines computerbasierten Werkes ist abhängig vom Input des Nutzers. Deswegen haben computerbasierte Kunstwerke ein lebensähnliches Verhalten. So können wir sagen: Im 20. Jahrhundert erlebten wir die Entwicklung von den Bewegungsmedien (Dampfmaschine, Eisenbahn, Auto, Fahrrad…) zu den Bildmedien (Kinematograph). Im digitalen 21. Jahrhundert erleben wir die Ankunft der Bio-Medien (Bio-Art).

Welches Exponat der Ausstellung würden Sie persönlich als Highlight bezeichnen?

Die Beantwortung dieser Frage überlasse ich gerne den BesucherInnen.

Negativer Raum. Skulptur und Installation im 20. und 21. Jahrhundert

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Lorenzstraße 19
76135 Karlsruhe

6. April 2019 – 11. August 2019

www.zkm.de 

Autorin: Claudia Thiel

Claudia Thiel ist Kunsthistorikerin und tauchte für uns in das Thema negativer Raum ein um Peter Weibel die spannendsten Fragen zu stellen. 
 

 

Titelbild: Kimchi and Chips, Mimi Son, Elliot Woods, Jungnhoon Pi Line Segments Space, 2013 © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Foto: Felix Grünschloss



 
 
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