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Spot #1: Schade, dass es die Weihnachtsgurke nicht gab.

Saure Gurken am Weihnachtsbaum. Das ist eine alte Tradition in den Vereinigten Staaten. Eine kleine eingelegte Gurke wird, meist in einer Christbaumschmuck-Version aus Glas, an den bereits dekorierten Baum zwischen die Zweige gehängt.

Die Person, die sie als erstes findet, erh√§lt ein zus√§tzliches Geschenk, oder darf zumindest als erste ein Geschenk auspacken. Aufgrund des dunkelgr√ľnen Farbtons des Gem√ľses, der dem des Baumes doch sehr √§hnelt, ist die Gurke oft nicht so leicht zu entdecken. Was vielleicht auch den Reiz dieser Tradition ausmacht und den inneren Sherlock in uns zu erwecken vermag. Der Ursprung dieses Brauchs ist nicht ganz eindeutig, viele US-Amerikaner denken, sie k√§me aus Deutschland. In den meisten deutschen Regionen ist dieser Brauch aber v√∂llig unbekannt.¬†

In Kunstkreisen deutlich bekannter als diese ulkige Weihnachtstradition sind hingegen die Arbeiten des √∂sterreichischen K√ľnstlers Erwin Wurm. Neben seinen grundlegenden Gedanken zur skulpturalen Arbeit als Arbeit am Volumen, der These, dass Zu- und Abnehmen Bildhauerei ist und der daraus resultierenden Werke wie Fat Cars und Fat Houses erlang er vor allem durch die Erfindung der One Minute Sculptures gewisse Ber√ľhmtheit. Im Rahmen dieser Werkreihe werden die MuseumsbesucherInnen dazu aufgefordert, selbst zu handeln, selbst f√ľr eine Minute zur Skulptur zu werden. Kleine Zeichnungen, manchmal auch eine kurze Beschreibung auf oder neben vermeintlichen Alltagsgegenst√§nden, erkl√§ren die Handlung, welche die BesucherInnen ausf√ľhren k√∂nnen.

Der K√ľnstler selbst portraitierte sich hingegen nicht als solch eine One Minute Sculpture sondern als eine Reihe von, Sie ahnen es vielleicht, Gurken. In seiner 2008 entstandenen Arbeit Selbstportrait als Gurken pr√§sentiert er mehr als ein Dutzend verschiedener Essiggurken jeweils einzelnstehend auf wei√üen Sockeln.¬†2011 schafften es f√ľnf √ľberlebensgro√üe Exemplare des Gem√ľses sogar nach Salzburg auf den Walk of Modern Art.

Zugegeben, g√§be es einen Walk of Fame f√ľr die inhaltsreichsten theoretischen Beitr√§ge zur zeitgen√∂ssischen Skulptur bek√§me dieser Artikel vermutlich keinen (dreidimensionalen) Stern auf dem Boulevard. Bei der Redaktionssitzung f√ľr den Dezembernewsletter haben wir uns deshalb auch gegen die Gurke entschieden. Und auch gegen glitzernde, blinkende Weihnachtssterne. Und gegen griesgr√§mige Rentiere mit Burnout. Und gegen all die anderen unfertigen Ideen, Skizzen und Notizen auf einem gro√üen Blatt Papier mit Kaffeeflecken.

"Gurken" - Erwin Wurm - Furtwänglerpark in Salzburg, © Tourismus Salzburg
"Gurken" - Erwin Wurm - Furtwänglerpark in Salzburg, © Tourismus Salzburg


Aber das war letztes Jahr. Ach was! Das war im letzten Jahrzehnt! 2020 wollen wir mutiger sein. Auch Unfertiges pr√§sentieren, Sinnfreiheit feiern, Schabernack und auch weniger ernst gemeintes zulassen. Und gemeinsam stolpern. Offen sein f√ľr konstruktive Streitgespr√§che.

Genau hierf√ľr gibt es ab sofort neue Kategorie im sculpture network Magazin: Spot. Wir freuen uns drauf!

Fun Fact zum Schluss: Erwin Wurm wollte eigentlich Maler werden. Er wurde aber an der Akademie nur in der Bildhauerklasse angenommen. Ohne diese vermeintliche Sackgasse gäbe es heute keine Selbstportraits als Essiggurke. 
Ein Hoch auf die Schönheit und Anmut des Scheiterns.

 

Autorin: Elisabeth Pilhofer

Elisabeth Pilhofer ist freischaffendenRedakteurin und Kulturmanagerin in¬†M√ľnchen.¬†2020 wird sie mit Sicherheit eine Gurke¬†an ihren Weihnachtsbaum h√§ngen.

Titelbild: Essiggurke am Weihnachtsbaum. Foto: Franzi Bährle

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Elisabeth Pilhofer

Elisabeth Pilhofer ist freischaffende Redakteurin und Kulturmanagerin in M√ľnchen.

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