Spot #1: Schade, dass es die Weihnachtsgurke nicht gab.

Saure Gurken am Weihnachtsbaum. Das ist eine alte Tradition in den Vereinigten Staaten. Eine kleine eingelegte Gurke wird, meist in einer Christbaumschmuck-Version aus Glas, an den bereits dekorierten Baum zwischen die Zweige gehängt.

Die Person, die sie als erstes findet, erhält ein zusätzliches Geschenk, oder darf zumindest als erste ein Geschenk auspacken. Aufgrund des dunkelgrünen Farbtons des Gemüses, der dem des Baumes doch sehr ähnelt, ist die Gurke oft nicht so leicht zu entdecken. Was vielleicht auch den Reiz dieser Tradition ausmacht und den inneren Sherlock in uns zu erwecken vermag. Der Ursprung dieses Brauchs ist nicht ganz eindeutig, viele US-Amerikaner denken, sie käme aus Deutschland. In den meisten deutschen Regionen ist dieser Brauch aber völlig unbekannt. 

In Kunstkreisen deutlich bekannter als diese ulkige Weihnachtstradition sind hingegen die Arbeiten des österreichischen Künstlers Erwin Wurm. Neben seinen grundlegenden Gedanken zur skulpturalen Arbeit als Arbeit am Volumen, der These, dass Zu- und Abnehmen Bildhauerei ist und der daraus resultierenden Werke wie Fat Cars und Fat Houses erlang er vor allem durch die Erfindung der One Minute Sculptures gewisse Berühmtheit. Im Rahmen dieser Werkreihe werden die MuseumsbesucherInnen dazu aufgefordert, selbst zu handeln, selbst für eine Minute zur Skulptur zu werden. Kleine Zeichnungen, manchmal auch eine kurze Beschreibung auf oder neben vermeintlichen Alltagsgegenständen, erklären die Handlung, welche die BesucherInnen ausführen können.

Erwin Wurm, Selbstportrait als Gurken (2008), Installationansicht. Courtesy Koenig Galerie,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2020


Der Künstler selbst portraitierte sich hingegen nicht als solch eine One Minute Sculpture sondern als eine Reihe von, Sie ahnen es vielleicht, Gurken. In seiner 2008 entstandenen Arbeit Selbstportrait als Gurken präsentiert er mehr als ein Dutzend verschiedener Essiggurken jeweils einzelnstehend auf weißen Sockeln. 2011 schafften es fünf überlebensgroße Exemplare des Gemüses sogar nach Salzburg auf den Walk of Modern Art.

Zugegeben, gäbe es einen Walk of Fame für die inhaltsreichsten theoretischen Beiträge zur zeitgenössischen Skulptur bekäme dieser Artikel vermutlich keinen (dreidimensionalen) Stern auf dem Boulevard. Bei der Redaktionssitzung für den Dezembernewsletter haben wir uns deshalb auch gegen die Gurke entschieden. Und auch gegen glitzernde, blinkende Weihnachtssterne. Und gegen griesgrämige Rentiere mit Burnout. Und gegen all die anderen unfertigen Ideen, Skizzen und Notizen auf einem großen Blatt Papier mit Kaffeeflecken.

"Gurken" - Erwin Wurm - Furtwänglerpark in Salzburg, © Tourismus Salzburg
"Gurken" - Erwin Wurm - Furtwänglerpark in Salzburg, © Tourismus Salzburg


Aber das war letztes Jahr. Ach was! Das war im letzten Jahrzehnt! 2020 wollen wir mutiger sein. Auch Unfertiges präsentieren, Sinnfreiheit feiern, Schabernack und auch weniger ernst gemeintes zulassen. Und gemeinsam stolpern. Offen sein für konstruktive Streitgespräche.

Genau hierfür gibt es ab sofort neue Kategorie im sculpture network Magazin: Spot. Wir freuen uns drauf!

Fun Fact zum Schluss: Erwin Wurm wollte eigentlich Maler werden. Er wurde aber an der Akademie nur in der Bildhauerklasse angenommen. Ohne diese vermeintliche Sackgasse gäbe es heute keine Selbstportraits als Essiggurke. 
Ein Hoch auf die Schönheit und Anmut des Scheiterns.

 

Autorin: Elisabeth Pilhofer


 Elisabeth Pilhofer ist freischaffende
 Redakteurin und Kulturmanagerin in München.
 2020 wird sie mit Sicherheit eine Gurke
 an ihren Weihnachtsbaum hängen.

 

 

Titelbild: Essiggurke am Weihnachtsbaum. Foto: Franzi Bährle



 
 
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