Kuratieren und Skulpturen im Freien: Bericht vom Online Club mit SMACH. und ARTZUID

Natur ist ein dynamischer Schauplatz für Kunst. Ausstellungen unter freiem Himmel eröffnen unvergleichliche Möglichkeiten und bringen gleichzeitig eine ganze Reihe von Herausforderungen mit sich. In der Januarausgabe des Online Club präsentierten Cinthia van Heeswijck von ARTZUID (NL) und Michael Moling zusammen mit Katy Moling von SMACH. (I) ihre großangelegten kuratorischen Projekte und teilten faszinierende Einsichten in die Ausstellung von Skulpturen im städtischen und natürlichen Umfeld.
Sjoerd Buisman 'Untitled (Sphere)', Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2017
Sjoerd Buisman 'Untitled (Sphere)', Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2017
 
Kunst in der majestätischen Wildnis

Das außergewöhnliche Land-art-Projekt SMACH. wurde 2012 von Michael Moling und Iaco Rigo initiiert. Es verbindet eine Freiluftbiennale in den Südtiroler Dolomiten mit dem Künstlertal Val dl‘Ert, einem dauerhaften Skulpturenpark in San Martino, Badia. 2018 wurde der gemeinnützige Verein SMACH. als Gewährleistung für die Ziele beider Projekte gegründet: der künstlerische Wettbewerb, das Kunsttal und dazugehörende Veranstaltungen. Das Team von SMACH. fokussiert sein Streben auf die Verbindung von Kunst und Natur. Der Erhalt eines harmonischen Zusammenspiels beider Elemente soll gewährleistet werden, während monumentale Skulpturen in die majestätische alpine Landschaft eingefügt werden.

Skulptur und Natur vereinen
Conor McNally 'Ciasa' Bray Ireland Location Pra de Pütia, Antermëia (2019), Foto Courtesy SMACH.
Conor McNally 'Ciasa' Bray Ireland
Location Pra de Pütia, Antermëia (2019),
Foto Courtesy SMACH.

Kunstschaffende aus der ganzen Welt sind eingeladen, sich für die Biennale zu bewerben. Eine Jury bestehend aus prominenten Künstler:innen und Kurator:innen wählt zehn Kunstschaffende aus für eine mehrwöchige Residenz im Kunsttal. Bei der Auswahl der Projektvorschläge achtet die Jury darauf, wie die Skulpturen das tiefe und ständige Bewusstsein für die historischen, kulturellen und traditionellen Aspekte der Region fördern. Die Kunstschaffenden werden aufgerufen natürliche Materialien aus der Region zu verarbeiten und die Langlebigkeit und Widerstandsfähigkeit ihrer Skulpturen gegenüber den schroffen und häufig extremen Wetterbedingen der Dolomiten im Auge zu behalten.

Die Kräfte der Natur sollten in der Tat nicht unterschätzt werden: viele Kunstwerke sind schon starken Winden und schwerem Schneefall zum Opfer gefallen. 2019 reparierte ein Team von SMACH.-Freiwilligen das Werk ‚Ciasa‘ von Conor McNally. Die simplifizierte hausförmige Struktur mit einer Bank im Zentrum regte für gewöhnlich Gedanken und Ideen zu Sicherheit und Verletzlichkeit an. Durch starke alpine Windböen war die Stahlkonstruktion in Mitleidenschaft geraten. Während so manche undankbarere Besuchende Schäden an den Kunstwerken hinterlassen, sind gerade auch positive, öffentliche Eingriffe nicht selten. 2017 wurde das Werk ‚Space Days‘ – eine hölzerne Skulptur eines Astronauten vom italienischen Künstler Fabiano De Martin Topranin – um eine Flagge einer lokalen Minderheit erweitert. Wandernde hatten die Fahne neben das Kunstwerk gesetzt. 
SMACH. ist zudem an der Zugänglichkeit von Kunst gelegen. Die litauische Künstlerin Patricija Gilyte, die derzeit in Deutschland arbeitet, schuf 2013 das Werk ‚Braille Panorama‘, ein bemerkenswertes Relief des Berges Sass de Pütia in Brailleschrift.

Fabiano De Martin Topranin 'Space Days' (2017), Foto Courtesy SMACH.
Fabiano De Martin Topranin 'Space Days' (2017), Foto Courtesy SMACH.
 
Im Kunsttal

Es ist wichtig zu betonen, dass SMACH. die natürliche Umgebung mit äußerstem Respekt behandelt um das empfindliche Gleichgewicht von Leben, Umwelt und Landwirtschaft zu bewahren. Gleichzeitig ist es dem Verein ein Anliegen, die Idee von Raum neu zu definieren und den Glauben an die unumstrittene Dominanz der Natur herauszufordern. Die Ausstellung präsentiert Arbeiten, die sich mit der Natur auseinandersetzen um zu einer neuen, transformativen Sprache zu finden.

Ein Kunstwerk jedweder Biennale, zusammen mit weiteren entweder erworbenen oder geschenkten Skulpturen, wird an das Val dl‘Ert hinzugefügt, ein Park, der zum jetzigen Zeitpunkt 24 Skulpturen zählt. Neben dem Schaffen von Kunst als konzeptuellen Pfeiler des Parks bilden Kunstvermittlung (Schulexkursionen) und begleitende Events integrale Bestandteile des Kunsttals.

Bewerbungen für die sechste Edition von SMACH. können ab dem 1. Dezember 2022 eingesandt werden. Die herannahende Biennale klingt bereits vielversprechend: geplant sind Skulpturen entlang eines 72 Kilometer langen Wanderweges und ein erhebliches Bildungsprogramm, in dessen Rahmen 120 Schüler:innen dazu eingeladen sind, mit natürlichen Materialien Kunst zu schaffen.

Kei Nakamura 'The reflection of the sky' (2013), Foto Courtesy SMACH.
Kei Nakamura 'The reflection of the sky' (2013), Foto Courtesy SMACH.
 
ARTZUID – Kunst für alle

ARTZUID ist das geistige Produkt von Cinthia van Heeswijck (NL). Nach einer Karriere als Anwältin beschloss sie ihren Beruf aufzugeben und sich ihrer lebenslangen Liebe zu widmen, der Kunst. Nachdem sie bemerkt hatte, wie unpersönlich die Beziehungen zwischen Menschen geworden waren, unter anderem dank einer stetig wachsenden Anzahl an Aktivitäten, die aufs Drinnenbleiben und Fernsehschauen abzielen, stellte sich Cinthia die Aufgabe die lokalen Gemeinschaften aufleben zu lassen. Sie initiierte ein Projekt, das nicht nur Anwohnende an zeitgenössischen Kunst heranführt und diese besser zugänglich macht, nein, es verwandelt selbigen Kiez auch in einen integrativen Raum, der sozialen Dialog anregt und zum Gespräch einlädt. 2008 entstand somit ARTZUID, eine Skulpturenbiennale, die den südlichen Amsterdammer Stadtteil Plan Zuid im Art déco-Stil zum Ausflugsziel für Kunstliebende macht. 375.000 Besuchende zählt das Event jährlich.

John Chamberlain 'Mermaidsmisschief' (2009), Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2015
John Chamberlain 'Mermaidsmisschief' (2009), Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2015
Barry Flanagan 'Large Nijinski on Anvil Point' (2001), Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2019
Barry Flanagan 'Large Nijinski on Anvil Point' (2001),
Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2019

 

Die Ausstellung findet in jedem ungeraden Jahr von Mai bis September statt. Die Biennale präsentiert siebzig außergewöhnliche Skulpturen, von denen jeweils zehn ausdrücklich für das Event in Auftrag gegeben werden. Neben Werken von berühmten, internationalen Kunstschaffenden wie Marina Abramović, Jan Fabre, Antony Gormley, Allan Kaprow, Yayoi Kusama, Joan Miró, Sarah Lucas, Jean Tinguely, or Erwin Wurm, stellt ARTZUID auch jedes Mal aufkommende, niederländische Talente vor.

 

 

Hinter den Kulissen: Ringen und Ränge

Cinthia ermöglichte einen einmaligen Blick hinter die Kulissen von Errichtung und Management eines Events dieser Größenordnung. Der faszinierenden Ausstellung, die das Publikum antrifft, gehen ein ganzes Jahr für Fundraising, acht Monate logistischen Managements und drei intensive Wochen, in denen die Ausstellung aufgebaut wird, voraus. Trotz eingeschränkter finanzieller Mittel um das Projekt zu bewerben, erzielt ARTZUID beachtenswerte Aufmerksamkeit in den Medien und zieht Personen des öffentlichen Lebens und berühmte Persönlichkeiten an: 2015 wurde ARTZUID von I.K.H. Prinzessin Beatrix persönlich eröffnet.

Frank Stella 'Inflated Star and Wooden Star' (2014), Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2015
Frank Stella 'Inflated Star and Wooden Star' (2014), Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2015

 

ARTZUID ist eine eindrucksvolle Unternehmung, die seit 2009 insgesamt 350 Kunstwerke von 250 Kunstschaffenden präsentiert hat. 45.000 Schüler:innen haben am ARTZUID Lernprogramm teilgenommen, einem wesentlichen Bestandteil der Biennale mit zahlreichen Führungen und Kunst Camps. In Anerkennung des gewaltigen organisatorischen Aufwands und dem positiven Einfluss wurde die Biennale von den Amsterdamern zur besten Nachbarschaftsinitiative gewählt. 2013 erhielt das Event den Oranje Fonds Kroonappels-Preis.

Erwin Wurm 'Big Pumpkin', Foto JWKaldenbach, Courtesy ARTZUID 2013
Erwin Wurm 'Big Pumpkin', Foto JWKaldenbach,
Courtesy ARTZUID 2013

Die Natur ist seit jeher Inspirationsquelle für Kunstschaffende gewesen. Die Organisator:innen van ARTZUID und SMACH. widmen besondere Aufmerksamkeit und entsprechende Zeit an jede/n Kunstschaffende/n und stellen sicher, dass die Skulpturen einen anregenden Dialog mit ihrer Umgebung eingehen. Die fesselnde Gegenüberstellung von Kunstwerken und natürlicher Umgebung verwandelt Außenbereiche in einzigartige Galerien, die beeindruckende Skulpturen mit der Öffentlichkeit teilen, Respekt schaffen und, allem voran, Liebe für Kunst.




 
 

Autor: Marek WolynskiMarek Wolynski ist Kurator, Creative Producer, Kunstschriftsteller und Mitwirkender an mehreren internationalen Kunstmagazinen. Er arbeitet derzeit in London. Sein Schwerpunkt liegt auf innovativem öffentlichen Engagement und intuitiver, multi-sensorischer Erfahrung. Marek interessiert sich allem voran für das Zusammenspiel von Kunst, Natur und Technologie.

 

Februar 2022

Titelbild: Patricija Gilyte 'Braille Panorama' (2013), Foto Courtesy SMACH.

 

 

 

 



 
 
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