Eve Koha – Leben mit Glas

Estland ist ein kleines Land mit nur wenigen Kunstschulen und mit der Estnischen Akademie der Künste (EKA) in Tallin, die seit 1936 eine höhere Glasbildung anbietet. Diese umfasst die theoretische und praktische Ausbildung im Bereich Glas, sowie die Erhaltung und Wiederherstellung des kulturellen Erbes in Glas, einschließlich der Bewahrung traditioneller Techniken.

So wurden im Laufe der Zeit etwa die Buntglasfenster in vielen estnischen Kirchen von den Mitarbeitern und Studenten der Glasabteilung rekonstruiert. Auch die Entwicklung der zeitgenössischen Glaskunst ist eng mit dieser Akademie verbunden. Ihre Professoren und Dozenten sind lokal und international anerkannte Glaskünstler, die der jungen Künstlergeneration neue Horizonte öffneten.

Zu Eve Kohas Studienzeit entwickelte sich die estnische Glaskunst vielfach eigenständig. Hinzu kamen bisweilen Einflüsse von skandinavischen und tschechischen Arbeiten. Doch waren während der Sowjetzeit die Mittel der Glasindustrie und -kunst begrenzt, bei der Gestaltung dominierten die sogenannten „kalten Techniken“ Gravur und Schliff. Oft wurde Glas importiert und in estnischen Glasfabriken lediglich bearbeitet. Die letzten Jahrzehnte der Unabhängigkeit von der Sowjetunion und des EU-Beitritts haben der Glaskunst neue Möglichkeiten eröffnet. Einen wichtigen Wendepunkt bildete die Studioglasbewegung, die das Land Anfang der 90er Jahre erreichte. In Folge entstanden kleine Ateliers mit individueller Glaserzeugung. Die Künstler beschreiten seither neue Wege der Glasherstellung und experimentieren sowohl mit dem Material als auch mit den eigenen Fähigkeiten.

Eve Koha, „Monstera“, 2006, 27 x 11 cm Glasguss, geschliffen
Eve Koha, „Monstera“, 2006, 27 x 11 cm
Glasguss, geschliffen

Diese Entwicklung spiegelt sich auch im vielschichtigen Oeuvre von Eve Koha. Die Künstlerin nutzt eine Reihe von Techniken der modernen Glaskunst, um ein vielseitiges Spektrum an Möglichkeiten für dieses Material einzuführen. Sie schöpft die Wandelbarkeit des Glases in ihren Arbeiten aus: klar oder opak, meist bescheiden monochrom, Naturformen stilisierend (Monstera 2006) bis hin zu minimalistisch abstrakt (Vergessen 2002). Immer jedoch sind ihre Werke äußerst präzise in der Form und ausgewogen in den Proportionen. Ihre Kunst ist von großer Klarheit und zeugt von einem intensiven Gespür für die Materialqualitäten des Werkstoffes, gepaart mit hohem technischem Know-how und langjähriger Erfahrung in der Verarbeitung.

 

Eve Koha, „Vergänglichkeit“, 2002, 30 x 9 cm. Optisches Glas, geschliffen, poliert  (Estonian Museum of Applied Art and Design)

Eve Koha, „Vergänglichkeit“, 2002, 30 x 9 cm. Optisches Glas, geschliffen, poliert
(Estonian Museum of Applied Art and Design)

In den letzten Jahren beschäftigte sie sich als erste Glaskünstlerin in Estland mit Lasergravuren. Technisch gesehen werden zweidimensionale Ansichten in ein Computerprogramm zur Raumgestaltung eingegeben und mittels eines Laserstrahls dreidimensional in transparente Glaswürfel graviert. Glas ist dafür ein fantastisches künstlerisches Medium, weil es alles auf und unter der Oberfläche reflektiert. Mit Wiederholung und Spiegelung der Bilder in diesen Würfeln wird gespielt, so dass der Blick in das Glas jedes Mal eine andere Ansicht zeigt. Es ist faszinierend, wie sich im Inneren ihrer Arbeiten geometrische Formen darstellen, facettenreich und makellos hell. Die kubischen, klar geformten und polierten Glasblöcke erhalten durch diese Innenformen Gestalt. Zugleich scheinen ihre Werken geradezu eine zusätzliche Dimension zu besitzen. Die Objekte bestechen durch Präzision und die Definition geometrischer Formen und Volumen im Inneren der Würfel, aber auch durch die Klarheit und die Bezüge zu den kristallinen Ursprüngen und zur mystischen Unendlichkeit des Materials.

Die Dozentin versteht es, die unendliche Ausdruckskraft des beeindruckenden Werkstoffes Glas ganzen Schülergenerationen zu vermitteln. Für ihre eigenen Arbeiten ist Glas das Material der grenzenlosen Möglichkeiten.

 

Autorin: Eva-Maria Günther

Fotos: Eve Koha

Der Artikel wurde im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit GLASHAUS – Internationales Magazin für Studioglas 3/2019 veröffentlicht.

Titelbild: Eve Koha, „Kristallraum“, 2015, 20 x 20 x 20 cm, Kristallglas, poliert, graviert und Laser graviert.

 



 
 
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