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Der weibliche Blick: Voyeurismus neu definiert

Einige gemeinsame Aspekte weiblicher Erfahrung werden ‚Äď wenn auch nicht immer ausgesprochen ‚Äď doch kollektiv verstanden. Voyeurismus, oder vielmehr der m√§nnliche Blick (male gaze), der wahrscheinlich seit Beginn der k√ľnstlerischen Entwicklung des Menschen existiert, ist ein solches Ph√§nomen.

1975 erhielt es auch einen Namen: Als Laura Mulvey ihren Aufsatz "Visual Pleasure and Narrative Cinema" ver√∂ffentlichte, schuf sie einen Spitznamen f√ľr eine ererbte soziale Konditionierung der Generationen von Frauen vor ihr, die im traditionellen Kunstkanon dominierend pr√§sent sind:

‚ÄěIn einer Welt, die von sexueller Ungleichheit bestimmt ist, wird die Lust am Schauen in aktiv/m√§nnlich und passiv/weiblich geteilt. Der bestimmende m√§nnliche Blick (male gaze) projiziert seine Phantasie auf die weibliche Figur, die dementsprechend geformt wird. In ihrer traditionell exhibitionierenden Rolle werden Frauen gleichzeitig angesehen und zur Schau gestellt, ihre Erscheinung ist auf starke visuelle und erotische Wirkung zugeschnitten. Man k√∂nnte sagen, sie konnotieren `Angesehen-werden-Wollen‚Äė.‚Äú

Im Anschluss an die Ver√∂ffentlichung dieses Textes fand in der zeitgen√∂ssischen Kultur eine zunehmende kritische Besch√§ftigung mit dem Voyeurismus statt, die verschiedenartigste Formen der Reaktion bei K√ľnstler*innen hervorrief. Eine der Auspr√§gungen ist die k√ľnstlerische Entwicklung des weiblichen Blicks.

Der weibliche Blick oder weibliche Voyeurismus stellt allerdings keine dem m√§nnlichen Blick generell entgegengesetzte Sicht dar. Vielmehr handelt es sich um einen Wandel in der Art und Weise, wie Frauen in traditionellen k√ľnstlerischen Werken wie Skulptur, Portr√§t oder darstellender Kunst gezeigt werden, der einzig und allein von der K√ľnstlerin bestimmt wird.

Der weibliche Blick will lenken, in welcher Art die weibliche Form oder das weibliche Subjekt zur Freude des Betrachters sexualisiert oder verwundbar gemacht wird.

Das Werk der in Italien geborenen amerikanischen K√ľnstlerin Vanessa Beecroft ist eines der fr√ľhesten Beispiele f√ľr weiblichen Voyeurismus. Der Fotograf Phillip Schorr beschreibt ihre Arbeit folgenderma√üen: "Beecroft interessiert sich f√ľr die weibliche √Ąsthetik des Angesehen-werdens. Die K√∂rperlichkeit ihrer Projekte erzeugt bewusst eine Entfremdung zwischen Modell, K√ľnstlerin und Publikum. Ihre Performances, Gem√§lde und Skulpturen sind schonungslos konfrontierend und fordern die Zuschauer*innen auf, ihre aktive, voyeuristische Rolle zu reflektieren.‚Äú

Beecrofts prominenteste Werke zeigen nackte oder fast nackte Frauenfiguren, deren Inszenierung ¬†meist in Stil und Pose die √Ąsthetik des Milit√§rs oder der Modeindustrie √ľbernimmt, w√§hrend sie stetig und direkt den Blickkontakt mit den Betrachter*innen halten.

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Vanessa Beecroft, VB35, Performance, 1998.


Mit Ihrer Art der Ann√§herung an das Voyeuristische √§u√üerte die K√ľnstlerin Kritik am globalen Krieg, an der Mode- und Unterhaltungsindustrie und ihren Anforderungen an den weiblichen K√∂rper sowie an der Annahme des m√§nnlichen Blickes als Norm, wie er in der westlichen Kultur von den 1990er Jahren bis heute akzeptiert wird.

Die zeitgen√∂ssische Fotografin Nona Faustine arbeitet √§hnlich konfrontativ, wobei sie sich auf die Komplexit√§t ihrer Erfahrung als afroamerikanische Frau st√ľtzt. In ihrer Serie WHITE SHOES fotografiert Faustine sich selbst nackt an verschiedenen Orten in Brooklyn, NY.

Jedes Foto zeigt ein √úber-Bewusstsein ihrer Verletzlichkeit, die nicht zuletzt aus ihrer Erfahrung mit Misshandlung als schwarze Frau in Amerika resultiert. In "Like A Pregnant Corpse The Ship Expelled Her Into The Patriarchy" (Wie eine schwangere Leiche hat das Schiff sie in das Patriarchat vertrieben) liegt sie ausgestreckt auf einer Felsbank der Atlantikk√ľste. In "Of My Body I Will Make Monuments In Your Honor" (Aus meinem K√∂rper werde ich Denkm√§ler zu Euren Ehren errichten) steht sie auf einer Seifenkiste auf dem vorrevolution√§ren Friedhof in Brooklyn auf dem neben fr√ľhen Siedlern auch drei Sklaven begraben sind. Das erste und wohl dominanteste Bild der Serie "She Gave All She Could And Still They Ask For More" (Sie gab alles, was sie konnte, und trotzdem wollten sie mehr) verweist auf den st√§ndigen Druck auf Frauen, die (m√§nnlichen) Erwartungen an K√∂rper√§sthetik, Sexualit√§t, Verhalten und Kultur zu erf√ľllen.

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Nona Faustine, She Gave All She Could And Still They Ask For More, Serie WHITE SHOES, 2014.


In jedem dieser Bilder ist Faustines Gesicht entweder versteckt oder verzerrt. Ihr nackter K√∂rper wird so, ganz den traditionellen m√§nnlichen Blick spiegelnd, zum einzigen Bildsujet. W√§hrend die K√ľnstlerin mittels der gew√§hlten Titel und historisch aufgeladenen Orte, Kritik an Rassismus und Sexismus √ľbt, kontextualisiert sie ihr ihr Werk in der Art der Selbstdarstellung als weiblichen Voyeurismus. Mehr Werke der K√ľnstlerin finden Sie hier.

Eine weitere Ann√§herung an den weiblichen Voyeurismus liegt in der Verzerrung der traditionell kuratierten, westlichen √Ąsthetik der Pr√§sentation des Weiblichen als "begehrenswert‚Äú.
Die multidisziplin√§re K√ľnstlerin Trulee Hall versucht mit Tropen des Mulvey‚Äėschen ‚ÄěAngesehen-werden-Wollens‚Äú und einer konfrontativen Performance-Qualit√§t √† la Beecroft das Verst√§ndnis des Betrachters von weiblicher Sexualit√§t zu ver√§ndern.
Im Gespr√§ch mit Janelle Zara f√ľr das Art Basel Magazine, erkl√§rt Hall: "Wir [als Frauen] sind darauf konditioniert worden, sexy zu sein, aber nicht zu sexy". Die weiblichen Figuren in ihrem Werk sollen als "unangenehm, irgendwo zwischen peinlich, unbehaglich und sexy" wahrgenommen werden. Ziel ist die Verwandlung der Erfahrung des Betrachters vom schuldigen oder nachsichtigen Voyeur in einen kognitiven Beobachter und Verfechter der ehrlichen weiblichen Erfahrung von Sexualit√§t und Verletzlichkeit.
 

Trulee Hall, Gemälde (Titel unbekannt), aus
der Ausstellung Other and Otherwise,
Maccarone Gallery, 2019.

Gemeinsam in ihrer Herangehensweise an den weiblichen Voyeurismus ist Beecroft, Faustine und Hall neben zahlreichen anderen K√ľnstlerinnen: Ihre Arbeit hat das Potenzial, M√§nner zu erziehen und Frauen eine Befreiung von ihren traditionellen Rollen in der Kunst und im Leben zu erm√∂glichen.

Diese K√ľnstlerinnen f√ľhren den weiblichen Blick mit der Absicht, Frauen eine visuelle Darstellung zu bieten, mit der sie sich identifizieren k√∂nnen, und die gemeinsame Erfahrung von Frauen als Objekte des √§sthetischen Vergn√ľgens in traditionellen k√ľnstlerischen Praktiken anzuerkennen.



W√§hrend sich die akademische und kulturelle Interpretation des weiblichen Blicks weiter entwickelt, wird sich auch der gesellschaftliche Diskurs um die Darstellung des weiblichen Subjekts fortf√ľhren - zum Wohle von Betrachter*innen jeden Geschlechts.

 

Die Autorin

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Die in Los Angeles lebende K√ľnstlerin Chelsea McIntyre arbeitet in den Bereichen Skulptur, Text, Performance, Digital und Mixed Media. Ihre Arbeit wird durch Elemente der objektiven Psychoanalyse, der Institutionskritik, des russischen Konstruktivismus und des materiellen Fetischismus und Voyeurismus gepr√§gt. Ihr besonderes Interesse gilt der Erforschung der die menschlichen Psyche und der Beziehungen zwischen K√ľnstlerinnen und K√ľnstlern und ihrem Publikum. Mehr √ľber Chelsea und ihre Arbeit erfahren¬†Sie hier.

 

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