Kunst im öffentlichen Raum

Das sculpture network Jahresthema für 2017 lautete “Kunst im öffentlichen Raum” und zog sich durch das komplette Programm in ganz Europa durch.

Kunst und öffentlicher Raum – ein Forderungskatalog

Lucy & Jorge Orta, „Observer“,
Teil der „Spirits of the Emscher Valley“
© Roman Mensing, Emscherkunst

„Das Kunstwerk wird nicht an einem Ort aufgestellt, der Ort selbst ist das Kunstwerk“ hat Robert Smithson bereits in den 60er Jahren proklamiert und damit einen ebenso einfachen wie konkreten Hinweis auf das Verhältnis von Kunst und öffentlichem Raum gegeben. Allerdings hat sich seitdem viel verändert: Nach der Hochkonjunktur der Ortsspezifik in den 80er und frühen 90er Jahren folgten Cross Over, Publikumsspezifik und Dienstleistungskunst. Heute – zu Beginn des 21. Jahrhunderts – ist nicht nur die aktuelle Kunst in einem Dilemma, sondern die gesamte westliche Welt scheint aus den Fugen geraten: Globalisierte Medienmacht, zunehmende Flüchtlingsströme, weltweite ökonomische Krise, internationaler Terrorismus. Und die Kunst? Der Rückzug der Künstler und Kuratoren in die Theoriediskussion in zahlreichen Kongressen und Worksshops ist vorläufig sinnvoll, trotzdem müssen schleunigst Perspektiven für die Zukunft der Public Art entwickelt und realisiert werden.

Kunst und Architektur
Mit dem Plädoyer für den Cross Over in den bildenden Künsten seit Mitte der 90er Jahre hat sich gerade eine junge Künstlergeneration auch dem Verhältnis von Architektur und Stadtplanung gewidmet. Die Zeiten, dass gute Kunst des öfteren zur Repräsentation und Dekoration mittelmäßiger Architektur missbraucht wurde, sind lange vorbei, denn es geht um mehr: Der Rückzug in die eigenen vier Wände, vor allem verursacht durch die sogenannten neuen Medien mit Home Shopping und Internet, Live Chats und Emails, stellt an den öffentlichen Raum als Benutzeroberfläche menschlicher Kommunikation eine erhebliche Aufgabe – die Rückgewinnung der Stadt durch ihre Bevölkerung, die Bestätigung der Stadt als Austragungsort gesellschaftlicher und ökonomischer, sozialer und menschlicher Aktivitäten.

Kunst und Stadt

Warten den Fluss von Observatorium
© Roman Mensing, Emscherkunst

Nach neuesten Untersuchungen werden westeuropäische Großstädte in den kommenden Jahrzehnten explodieren, dagegen stehen kleinere und mittlere Städte, die erheblich „schrumpfen“ werden. Dazu kommt modernes Nomadentum, Emigration und Immigration, die Trennung von Arbeits- und Lebensbereichen: Der ‚klassische’ Gastarbeiter der 60er und 70er Jahre  wird in Zukunft durch den in Container hausenden Fremdarbeiter ersetzt, der ebenso wie seine Familie nicht einmal genau weiß, in welcher Metropole er sich gerade befindet. Dazu kommen die sogenannten Televillages, Siedlungen also, in denen die Menschen nicht nur wohnen, sondern unter drohendem Verlust jeden Realitätsbezugs am heimischen PC-Arbeitsplätzen sitzen und ihre Wohnung nicht einmal mehr zum Einkaufen verlassen müssen, denn der per Email oder SMS georderte Supermarkteinkauf wird selbstverständlich frei Haus geliefert. Also: In Städten werden konkret Leerräume, Restflächen und Unorte entstehen, die als Chance oder als Risiko verstanden werden können und der Public Art wichtige neue Aktionsfelder ermöglichen.

Kunst und Öffentlichkeit

Nevin Aladag, Wellenbrecher
@ Roman Mensing, Emscherkunst

Mit der fortschreitenden Anonymisierung und Beschleunigung alltäglicher Lebensabläufe hat auch der öffentliche Raum und das Verhalten der Menschen in und mit ihm eine andere Qualität bekommen: Schloss man ‚früher’ zum ungestörten Telefonieren die Zimmertür, so werden heute unaufschiebbare Beziehungsprobleme unter zahlreichen Zeugen in der Straßenbahn erledigt: Aus der langsamen Industriegesellschaft des späten 20. Jahrhunderts ist unversehens die schnelle Informationsgesellschaft des frühen 21. Jahrhunderts geworden, oder – um noch einmal Bert Theis zu zitieren – eine „neoliberale Stressgesellschaft“, die sich der Lebenslüge hingibt, effizienter und sparsamer mit dem ‚Faktor Zeit’ umzugehen, als dies ihre Vorgängergeneration getan hat. Gerade hier hat die aktuelle Kunst die Aufgabe, die sich zu verwischen beginnende Grenze zwischen Beschleunigung und Entschleunigung zu thematisieren, wie dies bereits Vito Acconci beschrieben hat. „Die Zeit vergeht schnell und der Raum ist langsam. Der Raum ist ein Versuch, die Zeit zu orten und zu verstehen. Raum ist ein Bedürfnis, etwas zu sehen. Raum ist ein Verlangen, dem Lauf der Dinge zu folgen und an das Prinzip von Ursache und Wirkung zu glauben.“

EUROPEAN DIALOGUE SERIES 2017

European Dialogue series 2017 “Kunst im öffentlichen Raum” war eine Veranstaltungsreihe von regionalen Events im Jahr 2017, die Kunstgespräche, Diskussionen und individuell konzipierte Führungen bei zahlreichen europaweiten Veranstaltungen enthielt.

Autor: Florian Matzner

 


Florian Matzner, Professor der Münchner Kunstakademie,
war Kurator dieser Veranstaltungsreihe. Seiner Meinung
nach braucht Kunst im öffentlichen Raum dringend mehr
Beachtung der Allgemeinheit.



 
 
Menu
...loading...
...upload...
Bitte Pflichtfelder ausfüllen
?>