Kann Kunst Haltung verkörpern?

sculpture network startet erfolgreich eine neue Veranstaltungsreihe. sculpture network Lab – the space for new ideas beleuchtet die gesellschaftspolitische Relevanz von Architektur, Kunst und Design; lebendig, mutig, innovativ.

Die Plattform für künstlerische Utopien und gestalterische Visionen stellt 2018 unter dem Titel Form Follows Attitude soziale Zusammenhänge von Architektur und Kunst im täglichen Leben in den Mittelpunkt. Im Rahmen der Auftaktveranstaltung Technology Matters diskutieren Mitte Juni in Amsterdam Anne Berk, Lonneke Gordjin, Eva Wolf und Robert Henderson gemeinsam mit rund 30 Architekten, Designern, Künstlern und Kunsthistorikern die Einflussmöglichkeiten zeitgemäßer Technologien auf Entwurfs- und Gestaltungsprozesse, Kreativität und Intuition. 

19. Juni 2018, Ferrotopia
Atelier Van Lieshout NDSM-werf
in Amsterdam: sculpture network Lab

Das komplizierte Beziehungsgeflecht von Mensch, Natur und Technologie steht im Mittelpunkt der futuristisch anmutenden Skulpturen und Installationen der Amsterdamer Designer Lonneke Gordijn und Ralph Nauta. Studio Drift will Natur und Technik in Einklang bringen, so beschreibt Lonneke Gordijn die Arbeit des von ihr 2007 gemeinsam mit Ralph Nauta gegründeten Design-Studios. Oft beginnen ihre Projekte mit der Frage: „Was wäre, wenn ich könnten?“ Ähnliche Überlegungen thematisiert auch die Kuratorin der Veranstaltung, die Architektin Eva Wolf. In einem einführenden Vortrag geht sie der Frage nach, wie neue Technologie den kreativen Gestaltungsprozess von Architekten und Künstlern beeinflussen.  Gestalter – Menschen überhaupt – sollten, so Wolf, der unaufhaltsamen Digitalisierung ohne Verweigerungshaltung gegenübertreten, und die Möglichkeiten, die diese Entwicklungen bieten, mit Kompetenz und kritisch hinterfragend in ihre gestaltende Arbeit und ihr Leben integrieren. 

Für Eva Wolf und Lonneke Gordijn sind Technologien hilfreiche Werkzeuge. Mit ihrer Unterstützung könnten visionäre Ideen visualisieren werden, die im Augenblick noch unmöglich erschienen. „Manchmal“, so Lonneke Gordijn, „sind Ideen nur auf den ersten Blick utopisch“. Gordijn will, ähnlich wie Robert Henderson, Entwicklungsdirektor des Architektur- und Designbüros Etcetera Design & Innovation, an technischen Lösungen arbeiten, die das Unwahrscheinliche möglich, realisierbar und sichtbar machen.

 

 

Lonneke Gordjin führt seit 2007
gemeinsam mit Ralph Nauta
das Design- und Kunstatelier
Studio Drift in Amsterdam.

Als Designerin will Lonneke Gordijn, dass Menschen Träume verwirklichen. Sie und ihr Partner möchten scheinbare Gegensätze zusammenfassen: Technik und Natur, Wissenschaft und Fiktion, Gesetzmäßigkeit und Intuition. Für Lonneke Gordijn können gerade künstlerische Interventionen Menschen zu einem positiven Bild ihrer eigenen Zukunft inspirieren. Neue Technologien helfen ihr und ihrem Partner dabei, kreative Ideen zum Leben zu erwecken und Gestaltungsprozesse anzustoßen. Allerdings, räumt Lonneke Gordijn ein, sind die Menschen zu oft und zu sehr mit der vordergründig sichtbaren Technik beschäftigt. Sie laufen Gefahr, die wirkliche Welt hinter der digitalen zu vergessen. Noch kritischer sieht die Kuratorin und Kunstkritikerin Anne Berk die Akkumulation von Daten im Kontext der Digitalisierung. Berk beschreibt eindringlich eine „smarte Diktatur“ des Digitalimperialismus. Die fortschreitende Digitalisierung, das unregulierte Sammeln von Daten manipuliere das Verhalten von Menschen. An Beispielen der Projekte des Atelier van Lieshout, einem interdisziplinär arbeitenden, niederländischem Künstlerkollektiv, will Berk aufzeigen, dass der unkontrollierte Einsatz von Technologien Menschen verletzlich mache. Schlussendlich fehle heute vielen Personen, so Berk, die Fähigkeit die Dinge selbst zu regeln, zu realisieren oder anzustoßen. Vielen Menschen mangele es in einer digitalisierten Welt an der Nähe zur Natur. Eine Nähe, die gerade Kunst, so Lonneke Gordijn, wiederherstellen könne: „Wir wollen Menschen das Bewusstsein für die Gegenwart schärfen, die Augen für das Mögliche öffnen, und die Angst vor dem technischen Fortschritt nehmen“. Studio Drift möchte Menschen dazu bringen, innezuhalten, Ruhe zu finden und an ihre Freiheit zu denken – und sei es nur für ein paar Minuten. 

 

Lonneke Gordjin, Robert Henderson und
Teilnehmer des sculpture network Labs

Mit dieser Freiheit ist das allerdings so eine Sache. Mit Franchise Freedom, so der Titel einer während der Art Basel Miami Beach 2017 präsentierten Installation, reflektiert Studio Drift diese Sehnsucht. 300 Drohnen in der Luft, tanzend, taumelnd, mit LEDs, Sensoren und rechnergesteuerter Schwarm-Intelligenz versehen – bringen Natur und Technik scheinbar in Einklang. „Sich von der Schwerkraft und allen Konventionen zu lösen, in den Himmel aufzusteigen und entschwinden zu dürfen, das bedeutet für viele Menschen eine totale Unabhängigkeit“, schwärmt Lonneke Gordijn. Schaue man jedoch genauer hin, erkenne man, dass sich der einzelne „Drohnen-Vogel“ im Schwarm nicht wirklich frei bewege. Er stehe in ständigem Kontakt mit seinen Nachbarn und müsse gewissen Regeln folgen, um Zusammenstöße oder gar Chaos zu vermeiden. Für Lonneke Gordijn ist dies bei Menschen ähnlich. Wer nach absoluter Freiheit strebt, kann diese nicht wirklich ausleben, weil Menschen Teil einer Gemeinschaft sind. 

"Franchise Freedom" Studio Drift , 2017
300 Drohnen-Vögel wollen Natur und Technik in Einklang bringen. 


Absolute Freiheit ist eine Illusion. Dies veranschaulichte die Veranstaltung sculpture network Lab in Amsterdam auf eindringliche Weise. Es gibt keine selbstverständliche Freiheit, Menschen müssen immer und überall dafür kämpfen – in der Kunst wie im richtigen Leben. Kunst- oder Bauwerke, die eine Haltung verkörpern, können sie darin bestärken. 

Autor: Willy Hafner


Willy Hafner ist
Münchner Kunsthistoriker und 
organisierte zusammen mit
Eva Wolf und Angelika Hein
das erste sculpture network Lab

 



 

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