Spot #3 Es wächst am besten zwischen zwei Zuständen.

In der Reihe Spot veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Artikel, die etwas aus der Reihe fallen und trotzdem dazu gehören. Diesmal: eine kleine Sammlung von unspektakulären Alltagszitaten rund um die Themen Chaos, Ungewissheit, Innehalten und die Zeiten dazwischen.

„Abends Zähneputzen, vor dem ersten Tag im neuen Job.“

„Wenn du auf der Bühne stehst, der letzte Ton des Konzerts ist verklungen, im ganzen Saal ist es mucksmäuschenstill. Dieser Moment, bevor die erste Person anfängt zu klatschen. Vielleicht nicht das klassische Innehalten, aber einfach eins der großartigsten Gefühle – in diesem Moment der Stille.“ 

„Aktuell finde ich es krass, dass ich zwar Pläne machen kann, aber die dann nur umgesetzt werden können, wenn jemand einen negativen Test hat oder man jemanden nicht getroffen hat. Nichts anderes als im Frühjahr, aber dieses Mal empfinde ich es irgendwie anders. Ich sitze manchmal nur da und lasse das Chaos und die Ungewissheit auf mich wirken.“ 

„Am Bahnsteig warten. Wissen, man kann nichts tun, dass der Zug schneller ankommt. Diese Zeit einfach kurz für sich genießen. Nichts tun. Einfach gucken.“ 

„Was sagte Trump im letzten Duell? – Wie sind die aktuellen Corona Zahlen? – Kann mein Bruder nach Deutschland? – Die ethische Vertretbarkeit der Oatly-Hafermilch? – Brauch ich ein neues Yoga-Shirt? – News der Münchner Bussi-Bussi-Gesellschaft? – Legst du dein Geld auch in ETFs an? – ... Innehalten und kurz mal durchatmen ist wie ein innerlicher ‚Pause-Knopf‘, den ich regelmäßig drücke, um in dem täglichen Chaos und dem einprasselnden Input meinen Kompass neu zu justieren.“

„Schwanger mit dem ersten Kind. Der Bauch wächst und wächst und wächst. Irgendwie weißt du, dass alles anders sein wird, aber so richtig realisieren kannst du es nicht. Bis der Zwerg dann da ist und dein ganzes Leben auf den Kopf stellt.“

„Schlafen. Einfach nur schlafen. Für mich der Inbegriff von Ungewissheit – niemand weiß so richtig, was in der Zeit passiert, und keiner kann mir wirklich sagen, ob ich wieder aufwache. Geschweige denn, wie der nächste Tag wird.“

„Am Flughafen in Bangkok, die Schiebetüren öffnen sich, du stößt gegen diese Wand an feuchter, heißer Luft – ohne Plan, was die nächsten Wochen mit sich bringen.“

„Der Sprung vom 5-Meter-Turm im Freibad. Dieser Augenblick zwischen Absprung und Eintauchen.“

„Innehalten fällt mir schwer. Ich habe ein ruheloses Naturell. Leerlauf scheint mein Über-Ich nicht zu ertragen. Also muss der Tag, der Abend und manchmal auch die Nacht angefüllt sein mit Plänen, Tätigkeiten, Aufgaben, Terminen.“

„An der Uni: Um mich herum die Werke, die in den letzten sechs Monaten meines Kunststudiums entstanden waren. Der Platz picobello aufgeräumt, die Arbeiten in Szene gesetzt, alles war bereit für die Präsentation meiner Kunst vor den Professor*innen und Kommiliton*innen, bereit für meine Abschlussprüfung. Die vor drei Tagen hätte stattfinden sollen. Dann aber verschoben wurde. Wie sollte ich in dieser komischen Zwischenzeit, in der eigentlich schon alles bereit war, ich aber dann drei Wochen bis zur tatsächlichen Prüfung überbrücken musste, künstlerisch weiterarbeiten? ... am Ende entstand genau in der Phase eines meiner besten Werke.“

„Als mein Vater beerdigt wurde, begann für mich so eine große Zeit der Ungewissheit. Am Grab stehen, sich verabschieden, für die Familie da sein, und gleichzeitig selber total den Boden unter den Füßen verlieren. Meine Trauer war bisher meine heftigste Zeit der Ungewissheit, des Chaos.“

„Vor ein paar Wochen im Café: Tinder-Date. Am Tisch sitzen und nicht wissen, ob ich den Typen, der sich gleich zu mir setzen wird, überhaupt riechen kann.“

„Als DJ ist meine Arbeitszeit qua Definition diese Zwischenzeit. Wenn die meisten Menschen nachts schlafen gehen, packe ich meine Platten und fahre durch die Nacht zum Club. Wenn ich nach der Arbeit auf die Straße komme, ist es hell und für alle anderen beginnt der Tag.“

„In einem Buch, das ich zu meinem 30. Geburtstag von Freundinnen bekommen habe, gibt es für jedes Lebensjahr von 1 bis 100 eine Illustration und einen kurzen Satz. Auch wenn ich schon seit langem keine 30 mehr bin, fand ich den Satz damals sehr passend: ‚Es wächst am besten zwischen zwei Zuständen.‘“ 


 

 

Autorin: Elisabeth Pilhofer
Elisabeth ging die letzten Wochen mit gespitzten Ohren durch die Stadt, um schöne, inspirierende, aber auch genervte Zitate für uns zu sammeln.
Wenn sie gerade nicht nach Zitaten sucht, arbeitet sie als freischaffende Redakteurin und Kulturmanagerin in München

 

 

Veröffentlicht: 30. Oktober 2020


 
 
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