Time, Space, Existence – wenn der Mensch Grenzen überschreitet

Noch bis zum 25.11.2018 findet die 4. Ausgabe der Architekturausstellung TIME – SPACE - EXISTENCE in Venedig statt. Initiiert durch das Europäische Kulturzentrum, kann an 3 verschiedenen Standorten das breite Spektrum an Arbeiten von ArchitektInnen, FotografInnen, BildhauerInnen und Universitäten aus der ganzen Welt bestaunt werden. Darunter auch Werke von 4 sculpture network-Mitgliedern!

Zeit, Raum und Existenz sind die Schlagworte einer Ausstellung, die besonders das Bewusstsein für philosophische Themen der zeitgenössischen Kunst, Architektur und Kultur schärfen will. Präsentiert werden neben Modellen, Konzepten und Forschungsergebnissen daher auch  Gedanken, Träume und Ideen internationaler Universitäten, Architekturbüros, der Architekturfotografie und der Skulptur. Die AusstellerInnen könnten dabei kaum unterschiedlicher sein:  neben ihrer vielfältigen kulturellen Herkunft, kontrastieren auch die verschiedenen Karrierestufen die TeilnehmerInnen untereinander. Lediglich ihr Engagement für die Architektur – und das im weitesten Sinne ihres Berufs – ist ihnen gemein. „Unser Ziel ist es, über unsere geografischen Grenzen hinauszugehen. Grenzen […] müssen überschritten werden, um uns als Menschen weiter zu entwickeln, um zu verstehen wer wir sind“, so beschreibt es der   ECC-Italy. Die Ausstellung soll „eine bewusste Beziehung des Betrachters zu seiner täglichen Umgebung anregen, in der Absicht das Bewusstsein dafür zu erhöhen, dass man in seiner eigenen persönlichen Existenz als Mensch jeher von einer spezifischen Kultur in Raum und Zeit beeinflusst wird.“ 

Ziele der Ausstellung

Ziel der TIME–SPACE-EXISTENCE ist es, einen Dialog zwischen den aktuellen Entwicklungen herzustellen. Klassische Architekturkonzepte werden dabei vor Ort künstlerischen Elementen entgegen gesetzt. Internationale Universitäten präsentieren ihre Forschungsprojekte. Zudem bereichern Vorträge und Konferenzen von  Professoren, Studenten und Forschern, in Kooperation mit der Europäischen Kulturakademie, den Gedankenaustausch zu zukünftigen Entwicklungen in der Architektur. Ein absolutes Highlight der diesjährigen Architekturausstellung ist die Darbietung der Verleihung des Young Talent Architecture Award (YTAA) durch die Mies van der Rohe Stiftung. „Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) war ein ikonischer Architekt, dessen Vermächtnis die Welt noch heute prägt. Geboren in Europa, wanderte er aus und verbrachte sein Berufsleben in den Vereinigten Staaten, wo sich seine Arbeit über den Dialog zwischen Freiraum, Einfachheit und Klarheit hinaus entwickelte, weswegen er bis heute als Pionier moderner Architektur angesehen wird. […] Der YTAA zielt darauf ab, das Talent von kürzlich graduierten Architekten zu ehren, die dafür verantwortlich sein werden, unsere Umwelt in der Zukunft zu verändern. Aus dem Interesse an den Karriereanfängen solcher Absolventen heraus, erwuchs der Wunsch ihr Talent zu unterstützen und so entschied das Europäische Kulturzentrum Gastgeber ihrer Arbeiten zu werden und die Ideale zu fördern.“

Der Veranstalter - das Europäische Kulturzentrum

Bis heute benötigt Kultur innerhalb des Paradigmas des Wohlstandes noch immer Zuspruch und aktive Stimulation gegenüber dem wirtschaftlichen Wachstum. Um das zu erreichen, müssen ökologische, soziale und kulturelle Ziele gegenüber den finanziellen und wirtschaftlichen Zielen neu ausgerichtet werden. Dieser verantwortungsvollen Aufgabe widmet sich das Europäische Kulturzentrum (ECC). An 6 Standorten wendet es sich der Forschungsunterstützung, sowie der Organisation von Kunstereignissen, Ausstellungen, Publikationen, Schulungen, Vorträgen, öffentlichen Debatten und Symposien für verschiedene Denkbereiche zu. Das European Cultural Centre Italien (ECC-Italy), mit Sitz in Venedig, organisiert hauptsächlich Kunst-, Architektur- und Designausstellungen. Die wichtigsten Veranstaltungsorte sind dabei der Palazzo Bembo, der Palazzo Mora, der Palazzo Michiel und 2 öffentliche Gärten im historischen Zentrum Venedigs. Finanzielle Unterstützung erhält das ECC von der GAA Foundation. Als niederländische Non-Profit-Organisation macht sie dabei ihre ganz eigene Präambel deutlich: die Ausstellungen sollen in jedem Fall einem breiten internationalen Publikum zugänglich gemacht werden und das immer kostenlos! Und den Worten folgen Taten: denn sämtliche Ausstellungen können sowohl kostenlos in der realen, sowie von jedermann auch in der virtuellen Welt besucht werden.

Zeitportale als Übergangsriten, die wir im Laufe unseres Lebens durchlaufen
Marie Muskens
Marie Muskens, Time Portals, Carrara marble, 
33x33x3cm, 2018, Venedig

Mit ihrem Werk Time Portals, präsentiert im Palazzo Bembo, macht sculpture network-Mitglied Marie Muskens auf die Vergänglichkeit menschlichen Lebens auf der Erde und im Universum aufmerksam. „Mein gewähltes Medium Marmor […] braucht 50 Millionen Jahre um sich zu bilden! Während ich diese Portale schuf, wurde Marmorstaub, der seit Jahrhunderten in Gefangenschaft war, endlich in die Atmosphäre entlassen. […] Ein Moment, verankert in der Gegenwart, aber gleichermaßen berührt von der Ewigkeit.“ Ihre 7 Portale, von denen 1 in schwarz, 2 in grau und alle anderen in weiß gehalten sind, weisen unterschiedliche Höhen, Breiten und Tiefen auf. Sie folgen keiner bestimmten Ordnung, wirken willkürlich positioniert, doch ihre Schatten bilden in der Mitte ein Zentrum, dessen Knotenpunkte an ein Schachbrettmuster erinnern. Eine kleine (Menschen)Welt zwischen schwarz und weiß, links und rechts, hier und da, inmitten einer unendlichen Galaxie.

Marie Muskens
Marie Muskens, Mysterious, black belgian marble an onyx, 30.5x35x15.25 cm, 2018, Venedig
Die Säulen der Menschheit
Linda Maria Schwarz
Linda Maria Schwarz, pillars of humanity, 30x30x250 cm, Bronze, Venedig

A pillar of humanity, präsentiert im Palazzo Mora, ist eine Skulptur der Künstlerin und sculpture network-Mitglied Linda Maria Schwarz. Die 4 Streben, welche mit jeweils 10 Spiralkegeln durchsetzt sind, sind zwischen zwei Holzklötzen positioniert. Die unebene, gar organisch wirkende Oberfläche in grün-gelblicher Farbe lässt die Skulptur gar natürlich gewachsen erscheinen. Das Werk widmet sich der Ästhetik der Säule als architektonisches Element über sämtliche Epochen hinweg und dem damit verbundenen Gefühl von Stabilität. Darüber hinaus verkörpert es aber auch BefürworterInnen von Frieden und Freiheit. „Vor allem ist es wichtig, dass jeder Mensch als Individuum wahrgenommen wird, ohne Klassifizierung und Kategorisierung. Überall dort, wo Menschen die Chance haben, sich zu erkennen und ihr volles Potenzial zu entwickeln, dort können sie Gewicht tragen und unterstützen, mit Stolz in den Himmel aufragen, wie [eine][…] Säule […]. Es ist nie zu spät, zusammenzuarbeiten anstatt gegeneinander.“

Das Kreuz des Südens
Eugen Schütz
Eugen Schütz, Kreuz des Südens, Venedig

Fernab Europas führt uns der Bildhauer und sculpture network-Mitglied KWAKU Eugen Schütz. Seine Nomad-art ist das Ergebnis einer langen Reise durch Afrika: „Tuaregs sind Nomaden der Wüste und Künstler werden als Nomaden der Gesellschaft bezeichnet. […] Für die Tuareg ist die Architektur der Wüsten wie ein Buch, das ihnen das kommende Wetter zeigt, sie lesen in den Formen der Dünen. Während ihrer Reise durch die Wüste schauen sie zu den Sternen, aber auch zu alten Felsformationen, Dünenrändern und Sandbildern, um die Richtung des Windes zu finden, um den kommenden Sturm rechtzeitig zu erkennen. Die Tuareg werden Söhne des Windes genannt.“ Seine Stahlkonstruktion Kreuz des Südens wird innerhalb eines ganzen Ensembles in einem Nischenraum des Palazzo Mora gezeigt. Begrüßt von der Tracht eines Tuaregs, finden sich überall spezifische Accessoires des Nomadenvolkes. Selbst der Boden ist mit Sand bedeckt und die Decke mit Tüchern verhangen. Die spitz zum Boden verlaufende Dreiecksform des Kreuz des Südens erinnert an die eingangs vernommene Tracht, als würde der „Tuareg aus Stahl“ seine Arme senkrecht erheben. Die aufgesetzte runde Form erinnert an einen Kompass, was durch das mittig angebrachte „Amulett“ mit scheinbarer Kompassnadel noch einmal verstärkt wird. Eine Verbildlichung eines Sohnes der Wüste, der den BesucherInnen „die sichere Richtung“ zu weisen scheint.

Eugen Schütz
 
Der Aufstieg des Weiblichen
Helaine
Helaine Blumenfeld, Ascent, 2007, patinierte Bronze, 315x166x155 cm, Venedig

Als eine gar autobiographische Arbeit beschreibt die Künstlerin und sculpture network-Mitglied Helaine Blumenfeld ihre Skulptur Ascent. „Meine Skulpturen sind niemals narrativ oder beschreibend für unsere physische Welt. Sie sind Einblicke in Gefühle, in Besessenheit, in Vergnügen, in Angst, in die Risiken, die ich bereit bin auf mich zu nehmen. Ohne Risiko gibt es kein Wachstum. […] Nur wenn der Betrachter seine Vorurteile ablegen kann, kann er die Arbeit richtig erleben.“ Ascent stellt die Vereinigung zweier Figuren dar: „Die weibliche Figur steigt auf, aber ihr Aufstieg wäre ohne die Kraft nicht möglich, der muskulösen Figur, die sie auf dem Boden verankert.“ Für Helaine war die Fertigung der Skulptur die eigentliche Reise über physische, emotionale und kulturelle Grenzen hinaus. Zu sehen ist ihre Skulptur im Giardini Marinaressa.

TIME – SPACE - EXISTENCE
26. Mai bis 25. November 2018
Palazzo Mora, Palazzo Bembo, Giardini Marinaressa
Venedig
Teilnehmende Univesitäten:

North Carolina State University, ETH Zürich- Singapore University of Technology and Design (SUTD), Cincinnati, Buffalo, ENSA Strasbourg, Oklahoma, TU Delft, Syracuse, Victoria University New Zealand und die Monash University Australia
Etablierte, teilnehmende Architekten:  Curtis Fentress, Fumihiko Maki, Odile Decq, Ideal Spaces, Richard Meier, Mark Harris, Jean-Paul Viguier, Nikken Sekkei, SOM and Kengo Kuma, monumentales Projekt von Daniel Libeskind
 

 

Autorin: Claudia Thiel

Claudia Thiel ist Kunsthistorikerin und stellt ihre Fragen an das Fachgebiet gerne im journalistischen Stil.



 
 
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